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Erzählen aus der Perspektive einer Fliege. Rückkehr zum Räumlichen in Georgi Gospodinovs „Naturroman“

30 Juni, 2009 von · Keine Kommentare

Maria Endreva

Estestven roman
Foto: Tony Blay

Das Debüt des jungen bulgarischen Schriftstellers Georgi Gospodinov ist ein Werk mit dem Titel „Naturroman“, das 1999 erschien. Die räumlichen Konstrukte in diesem Roman widersprechen der üblichen symbolischen Einteilung des Raumes, die in der bulgarischen Literatur seit der bulgarischen Wiedergeburt tiefe Wurzeln geschlagen hat.

Bei der traditionellen Erfassung des Raumes kann man meistens eine Entgegensetzung von sakralen und profanen Räumen beobachten, welche nur den Spielplatz für das sich in der Zeit entwickelnde Sujet darstellen.

Die Räume, in denen sich die großen Ereignisse der bulgarischen Geschichte abgespielt haben, tragen den sakralen Schein, der unantastbar bleiben soll (was sich sehr gut im Fall „Batak“ im Mai 2007 zeigte) und die alltäglichen Räume werden als bloße, notwendige Folie benutzt, damit etwas erzählt wird. Gospodinovs Roman versucht, einen anderen Blick auf den Raum als etwas Konstruierbares zu werfen.

Der Autor will in seinem Roman den Blick von der gängigen Geschichte und der althergebrachten Erzählweise abwenden. Am Anfang der Erzählung wird ein Zitat von einem namenlosen modernen Franzosen über die Naturgeschichte angeführt, das besagt, dass die Naturgeschichte nichts anders als Benennung des Sichtbaren sei, daher kommt ihre Einfachheit und ihr Verhalten, das auf dem ersten Blick naiv zu sein scheint, aber von der Offenkundigkeit bestimmt ist.

Diese bereits am Anfang angekündigte Intention des Autors einen Naturroman zu schreiben, verweist stark auf die Erschließung der räumlichen Dimension. Das Sichtbare wie ein Naturwissenschaftler zu beschreiben, eröffnet die räumliche Perspektive, konzentriert sich nicht auf die Zeit als führende Instanz, in der sich eine Fabel entwickelt, sondern auf den Raum, wo mehrere Anfänge von Geschichten gleichzeitig existieren und ineinander fließen.

Flaubert hatte den Traum, ein Buch vom Nichts zu schreiben, Proust hat dies gewissermaßen verwirklicht, hat sich aber nicht völlig vom Fabulieren befreit. So will der Erzähler einen Roman von Anfängen schreiben, Roman, der ununterbrochen anfängt, auf ein paar Seiten etwas verspricht und dann von neuem beginnt.

Die Anfänge der völlig verschiedenen Geschichten sind parallel im Roman positioniert und können sich frei miteinander verbinden, was natürlich keinen herkömmlichen Sinn ergibt. Trotz dieser Absicht, die Erzählung als Nebeneinander im Raum darzustellen und nicht als Nacheinander in der Zeit, kann der Erzähler das Fabulieren nicht völlig aufgeben.

Im 19. Kapitel werden 2 Geschichten erzählt, welche zwar aus der Wirklichkeit gegriffen erscheinen, aber vom Erzähler ausgedacht worden sind. Er stellt sich Fragen, warum er überhaupt Geschichten erfindet und einen natürlichen Roman schreiben will.

Das Beruhigende für ihn ist jedoch, dass es „in diesen Geschichten viel Geographie gibt“ Der Raum ist kein Container, der selbstverständlich ist und als gegeben existiert. Er wird gemacht, vom Menschen immer wieder neu organisiert und gestaltet.

Dieser Versuch, die Erzählung auf die Horizontale des Raumes zu verlegen, während die Vertikale des Zeitlichen vernachlässigt wird, spiegelt sich in der Erzählweise wieder. Der Erzähler findet den Ausweg aus den Fesseln des Erzählerischen in der Umkehrung der Perspektive und zwar aus der facettenreichen Sicht einer Fliege. Als erstes findet dieses Anliegen in der Spaltung der Autor- oder Erzählfigur einen Ausdruck.

Der Name Georgi Gospodinov erscheint in diesem Buch genau drei Mal, auf dem Titelblatt des Buches, wo der Name des Autors verzeichnet ist, und dann zweimal im Roman, wo zwei der Helden, die dem Leser einander verdächtig ähnlich erscheinen, diesen Namen führen.

Diese parallele Existenz der drei gleichnamigen Personagen, die sich die Autorschaft des Romans bestreiten, stellt die Wirklichkeit aus verschiedenen Perspektiven dar – die des Redakteurs Georgi Gospodinov, der den Roman beginnt, die des Obdachlosen Georgi Gospodinov, der einen Roman schon geschrieben hat, welcher vom Redakteur wiederum veröffentlicht wird und die eines Naturforschers, der eigentlich mit den beiden Gospodinovs viel Gemeinsames hat.

So entstehen im Roman verschiedene Räume, die miteinander nicht zu verbinden sind, aber mit dem zentralen Anliegen des Erzählers, eine Geschichte aus den Augen einer Fliege zu erzählen mit ihrem bruchstückhaften Blick auf die Welt, sehr gut korrespondiert.

Der Roman spielt Mitte der 90-er Jahre während der letzten großen Wirtschaftskrise in Bulgarien. Die Erinnerung an den Sozialismus und die von ihm geprägten Denkkonventionen sind in dieser Zeit immer noch lebendig. Der Erzähler macht eine Art Hit-Parade durch die Jahrzehnte, um das Bemerkenswerteste und Emblematischste in der sozialistischen Wirklichkeit zu zeigen.

Eine politische Linie ist aber in diesem Roman nicht zu finden, die Reste des alten sozialistischen Denkens und Lebens werden nur in der Beschreibung der alltäglich räumlichen Phänomene bloßgelegt – Zigaretten Slanze ohne Filter, Pralinen Snezhanka mit Erdnuss, Gundi, Apostol Karamitev, kurzer Lederrock, Indianerfilme aus der DDR usw.

Als ein Topos, wo sich alle Absichten und Ideen dieses Romans überschneiden, kann die Gestalt des Klosetts angesehen werden. Dieser profane Raum beinhaltet alle Merkmale des Antihistorischen, macht die Zeit unwichtig und wird deswegen als nebensächlich ignoriert. Die Wahl, möglichst natürlich zu schreiben sowie die Gestalt der Fliege und die verwirklichte Utopie der Freiheit von allen gesellschaftlichen Zwängen finden ihren Schnittpunkt im Topos Toilette.

Der Geschichte des Klosetts, die von dem Erzähler geschrieben wird, wird im Roman eine zentrale Stelle zugesprochen. Das Klosett kann als eine in Wirklichkeit umgesetzte Utopie betrachtet werden. In diesen Räumen nimmt man sich die Freiheit, alles zu sagen bzw. zu schreiben, was man im repressiven totalitären Regime nicht machen kann.

Nach den Textabschnitten, welche von der Notwendigkeit einer Geschichte des Klosetts berichten, kommt die eigentliche Geschichte erst im 9. Kapitel, die mit einer etymologischen Erklärung des Wortes Klosett beginnt.

Die Semantik läuft auf die Bedeutungen schließen, abschließen hinaus. Da werden auch die wichtigsten Eigenschaften dieses Raumes hervorgehoben und Analogien zu anderen Phänomenen hergestellt.

Fortsetzung folgt

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