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Etikette: OE*

14 Januar, 2008 von · 5 Kommentare

Ost Europa
Foto: g. mcq

Noch bevor sie das „O …“ ausgesprochen hatte, ahnte er bereits, dass sie aus irgendeiner Ecke Osteuropas kam. Das harte, slawische „R“ klang äußerst verräterisch.

Auch sie machte sich Gedanken, was so alles in seinem Kopf abging – natürlich ohne ganz sicher zu sein. Aber er dachte vielleicht schon an einen leicht umgänglichen Kontakt mit ihr ohne Engagement und Verpflichtung, ohne Versprechen und Theater von wegen wahren Gefühlen; Vielleicht an angenehmen Sex – es soll ja bekannt sein, wie „experimentierfreudig“ Osteuropäerinnen im Bett sind;

Hinzu kommt noch die Freude daran, die Beziehung mit einer ausgesprochenen Leichtigkeit zu beenden, denn Ansprüche ihrerseits sind fast ausgeschlossen. Erstens weiß sie vermutlich selber nicht, welche diese sein sollen und zweitens, klappt es mit der Sprache manchmal nicht gut genug, um die eigenen Wünsche klar zu stellen. Also, denkt er vielleicht, ist die neue Bekannte eine flüchtige Begegnung, mit der man einige Zeit angenehm vertreiben kann. Danach ist Schluss.

Aber zuvor möchte er noch wissen, woher sie genau kommt. Nicht dass dies etwas verändern würde. Oder? Nun schwimmt sie in eigenen Gewässern – sie kennt schon alle auf ihre Antwort folgenden Reaktionen und weiß sie zu deuten. Sie geben schließlich direkte Auskunft darüber, woher ihr interessierter Gesprächspartner selber kommt, sprich aus welchem Tel der Bundesrepublik.

Eigentlich ist es traurig, dass sie alle immer und dieselben Kommentare von sich aus geben, aber Vielfalt ist nicht gerade die Stärke der deutschen Männer. Und so sind Ossis meistens mit dem Land, ab und zu sogar mit der (russischen) Sprache etwas vertrauter oder haben, z. B. am Schwarzen Meer, irgendwann in den 70ern, als ihre Eltern es sich noch leisten konnten, Urlaub gemacht. Wessis hingegen, reagieren immer mit einem kurzen Satz im Sinne „ach, das ist ein sehr armes Land, nicht?“ und vermeiden es, weiter darüber zu sprechen, weil sie eigentlich nicht weiter wissen. Da mangelt es einem bei der allgemeinen Ausbildung, was?
Also, das Klischee.

Sie möchte natürlich hinzufügen: „Ich bin kein Klischee, ich bin Ich und habe meine eigene Geschichte!“ Aber es macht kein Sinn, denn Klischees sind dafür da, um die Mehrheit zu erfassen, nicht um Ausnahmen zu berücksichtigen. Und ehrlich zugegeben: es ist bequem in den Schubladen mit den Klischees einzugreifen, um den Menschen ihre Plätze zu zuweisen.

*OE – Osteuropa

Kategorien: Art Café · Frontpage · Graffiti

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5 Kommentare bis jetzt ↓

  • Susanna // 16 Jan, 2008 //

    Hallo, eine sehr gut gelungene Geschichte die gleich die nächste Geschichte, nämlich Etikette DE enthält. Der eine etikettiert die Osteuropäerinnen, die andere die fehlende Vielfalt an Kommentaren der deutschen Männer. Wer etikettiert eigentlich wen?

    Ja, man rutscht schnell in die “Klischeefalle” und es ist wahrlich bequem in die Schublade zu greifen. Dies beweisen beide Parteien der Geschichte.

    Sehr gute Geschichte!

  • Mario // 16 Jan, 2008 //

    Danke, Susanna, für den Aspekt — ich habe es nicht sofort so gesehen, aber es stimmt — in der Geschichte wird auf beiden Seiten “etikettiert” …

  • Susanna // 17 Jan, 2008 //

    Lieber Mario, ja, aber genau so lässt es sich hervorragend ausbauen. Mit einigen kleinen Griffen könntest Du aus dieser schon fertigen, in sich schlüssigen Geschichte, eine Erweiterte (oder gar neue) schreiben, die bewusst genau darauf hinweist, dass in den meisten Fällen beide Seiten in die Klischeefalle treten.
    Naja, ist nur eine Idee.
    Deine Geschichte ist sehr gut und sie zeigt auf eine wichtige Sache hin. Und das ist das Wichtigste.
    Susanna

  • Mario // 17 Jan, 2008 //

    Die Geschichte ist aber nicht von mir ;-)

  • Susanna // 17 Jan, 2008 //

    Schade. Doch der Aspekt des “wer etikettiert wen” schadet manchmal nicht im alltäglichen Leben.
    So schnell dachte ich auch, dass Du die Geschichte geschrieben hast.
    Muss wohl immer erst fragen, bevor ich voreilig Schlüsse ziehe.
    Danke.

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