Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Fast Food

2 Februar, 2009 von · Keine Kommentare

Autor: Raiko Baichev

Übersetzung: Rossitza Yotkovska

Myj
Foto: Freyja*

Es geht los, diesen Morgen, ich wache auf, stehe auf, der Spiegel im Badezimmer, die Haut unter den Augen ist dick und geschwollen, mit dunkelblau dort, auch ein bisschen Gelb, wie nach dem Schlag mit einer winzigen Faust, zum Beispiel mit einer Babyfaust, ich bin müde, egal, macht nichts, ich gehe raus, die Sonne stößt mich an, diesmal eine Sonnenfaust, in die Pupillen, in die Schläfen, in die Stirn, in das Gehirn, durchschneidet es wie eine Zuckermelone und ich muss zwinkern, zwinkern, zwinkern, damit ich mich an all dieses Licht, in meinen Kopf geschüttet, gewöhne, ich muss schnell zur Arbeit, darf mich nicht verspäten, ich muss meinen korporativen Arsch flink auf den weichen Sessel platzieren, rasch, rasch, rasch, aber ich habe Hunger, ich halte vor dem roten Fast-Food-Schild an,

Guten Morgen, einen Hamburger mit Hühnerfleisch, Pommes, Ketchup, Majo, noch ein bisschen bitte, Orangensaft, Kaffee, bitte großer, ohne Zucker, Ihr Restgeld bitte, vielen Dank, ich gehe, Sie haben den Kassenbon vergessen!, Scheiß drauf, ich hab’s eilig!, ich hab`s gelernt, in Bewegung zu essen, jongliere mit dem Orangensaft, mit dem Kaffee, mit dem Burger und gehe im Kopf die Arbeit für heute durch, ich sinke hinter den Schreibtisch und installiere mich, um Aufgaben zu erledigen, sie bringen mir Geld, mit dem Geld hole ich mir Glück, tagsüber tausche ich Leben fürs Geld und am Feierabend – Geld fürs Leben, so ist das Geschäft, aber jetzt hab ich keine Lust zu erklären, ich hab’s eilig, rasch, rasch, es ist schon Nachmittag, Kaffee im Büro, mit Schokolade, ich esse aus Nerven in letzter Zeit, aus Nerven!, ich verändere mich – ich esse nicht aus Hunger, ich esse aus Ärger, ich habe zwei Mägen, der zweite ist psychologisch, organlos, anstatt Innereien vibriert drin eine Mischung aus Spannung, Angst und Stress; deshalb werde ich dicker, wegen des zweiten Magens, und weil ich es eilig habe, rasch, rasch und ich bewege mich überhaupt nicht – Tatsache! – ich ermüde bis zur Haltestelle, bis zum Laden, bis zur Toilette, bis zum Dachboden, auf der Treppe, meine Lungen sind klein wie Blutdruckmesserpumpen, mein Herz würgt mich erst in der Kehle, pocht dort, schlägt meinen Speichel zu Schnee auf, oh, ich ermüde von allem, ich fahre nach der Arbeit nach Hause, alle haben es eilig, deshalb ist dieser Stau, im Kopf liste ich meine Pläne für den Abend auf, vielleicht mit der Frau, mit der ich zusammen bin und die ich nicht kenne, ich will sie nicht kennen, mir ist es lieber so, lieber ein Vibrator zu sein, ja, einer mit Augen und Lippen, Stimme, Geruch, Haaren, Atem, aber trotzdem ein Vibrator, betrieben mit Kalorien anstatt mit Akkus, kann hin und wieder Sachen wie “Ich liebe dich” und „Du wirst mir fehlen” sagen, so wie, ihr wisst schon, wie die Plüschtiere, die beim Drücken sprechen, und ich spreche beim Drücken des Vibrators, das bin ich, ich weiß, dass ihr neidisch auf mich seid oder ihr versteht mich gar nicht, egal, wen geht das an, jeder eilt, eilt, eilt, ich fahre an einem Billboard vorbei, groß, quadratisch, für mich persönlich geschaffen, um mir ins Gehirn zu stochern, damit er dort diese Frauenhaut unterbringt, da seht ihr deutlich, geschwollene Brüste, mit kaum erkenntlich winzigen blonde Härchen, fast durchsichtig, das Ziel ist, weiß ich, mich zu kitzeln, dort, ständig, im schwarzen Kasten des Unterbewusstseins, winzige Blonde Härchen, Wodka, winzige blonde Härchen, Wodka, fass mich an, Wodka, fass mich an, Wodka, na los, fick mich!, Wodka, winzige blonde Härchen, der Stau ist vorbei, schnell nach Hause, rasch, rasch, rasch, Gas, bin schon zuhause, müde, erstarrt, abgehetzt, abkonsumiert, mein Kopf in Federn geklemmt, Geräusche, im Schädel, drin, ein dröhnender Einbaufernseher, ich muss ihn ausschalten, sonst explodiert er, er wird mich hochjagen, mich hochjagen, ich schlucke hübsche Pillen, echte Pillen, ich befreie mich, gehe aus, gehe ein, in der Bar ist es dunkel, einen Wodka hätte ich gerne, (winzige blonde Härchen), ohne Eis, danke schön, prost, ich trinke, ich denke, ich stelle mir ein und dieselbe Frage, warum habe ich es immer so eilig, rasch, rasch, und habe nie Zeit für Antworten, und ihr wisst schon warum, da ich es immer eilig habe, rasch, rasch, und keine Zeit für Antworten finde, ich muss pissen, es ist geschlossen, man hört von innen ein Stöhnen, ich komme zurück, noch einen Wodka, die Toilette wird schon irgendwann frei, da gehen schon zwei raus, Männer, gerötet, oh, nein, es ekelt mich, dort zu pinkeln, ich gehe nach Hause, ich gehe zu ihr, zur der Frau, mit der ich zusammen bin, und die ich nicht kenne, wir gucken Fernsehen, essen Hühnersuppe und gekochte Kartoffeln, gelb und weich, sie erzählt mir was, ich erzähle ihr was, wir gehen schlafen, und während ich mich in ihren Körper installiere, ich beginne sie zu hassen, da ich von ihr einen Zauber erwarte, sie muss mich verzaubern, mich retten, egal wie, wie aber?, ich komme, ich vergesse sie, ich lösche sie vom Gedächtnis weg, morgen werde ich sie wieder eintragen, und so bis ins Unendliche, ich werde von meinem Fast Food essen, ich werde essen, ich werde kotzen, ich werde essen, ich werde kotzen, bis mein Blut zu Ketchup wird.

Dieser Text von Raiko Baichev wurde beim Literatur-Wettbewerb von Public Republic mit dem 3. Platz in der Kategorie “Prosa” ausgezeichnet.

Kategorien: Art Café · Frontpage

Tags: ,

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben