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Ganovenkloster

22 Juli, 2010 von · Keine Kommentare

Vladimir Zarev

Auszug aus dem Roman „Welten“ von 2005
Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm

erschienen in der Zeitschrift wespennest, Heft 147, Wien 2007

mountain_trees
Photo: Delano, Jack

Zwei Typen der Marke „Kleiderschrank“ drangen ins Hotelfoyer ein. Sie trugen schwarze T-Shirts, schwarze Anzüge und schwarze Ray Ban-Sonnenbrillen. Ihre Köpfe waren millimeterkurz geschoren, um ihre Stiernacken lagen goldene Kettchen. Sie wirkten gesichtslos und taten sich keinen Zwang an. Sie hatten das Selbstbewusstsein ihres Gebieters. Eine so unverfroren zur Schau gestellte Freiheit musste einfach einen Gebieter haben. Unter ihren Sakkos schaukelten Knarren. Sie geleiteten die beiden zu einem neuen Mercedes, der ebenfalls schwarz war und poliert wie der Stiefel eines Kavallerieobersten. Auf dem Beifahrersitz lag eine Kalaschnikov, deren Magazin frisch geölt glänzte. Sie brausten stadtauswärts auf einer verlassenen Überlandstraße, die schon bald ins Gebirge führte.
„Wohin fahren wir?“ fragte Samuel.
„Geheimnis“, antwortete der kleinere Bodyguard, strich sich die Haarstoppeln glatt und verfrachtete das Maschinengewehr auf seine andere Seite.
„Darf man hier drin rauchen?“
„Hier drin darf man alles“, grinste der Beifahrer schelmisch und entblößte dabei Zähne, die so groß und gelb waren wie die eines Pferdes.

Diana hatte sich in eine Ecke gekuschelt. Sie sah verlegen aus, irgendwie sogar eingeschüchtert. Sie versuchte, sich abzulenken, sagte ihm, dass sie ins Stara Planina, das „Alte Gebirge“, fuhren, wie der Balkan hier genannt wurde. Es sei die längste Gebirgskette Bulgariens und durchziehe das gesamte Land. Sie fuhren durch ein paar Tunnel, dann ging es langsam hangabwärts. Der Himmel lag da in blauem Erschauern. Die umliegenden Gipfel, die ineinander übergingen, schienen ihn zu stützen. Das sah einfach schön aus, und auf einprägsame Weise wild. Unerwartet endete die Überlandstraße, und es ging weiter auf einem schlammigen Weg. Sie bogen rechts ab und gelangten auf eine Chaussee mit stark lädierter Asphaltdecke.
„Aber… wohin fahren wir eigentlich?“ fragte Samuel bereits deutlich gereizt.
„Überraschung“, kratzte sich der Fahrer in wenig verbindlichem Ton im Nacken. „Echt, große Geheimsache. Wir haben Anweisung, die Klappe zu halten.“

Sie fuhren an gottverlassenen Dörfern vorbei. In einer Kurve überfuhren sie ein Huhn, aber sie hielten nicht an. Der Weg schlängelte sich stur nach oben und wurde immer enger. Über eine Holzbrücke querten sie einen Bach. Rechterhand hingen sie regelrecht über dem Abgrund. Die Räder des Wagens drehten gefährlich durch. Doch sie war abartig schön, diese Gegend.
„Ist er wirklich Geschäftsmann, Ihr Freund?“ konnte sich Samuel nicht zurückhalten zu fragen.
„Ja, aber ich habe Sie vorgewarnt“, entgegnete Diana, als spräche sie mit sich selbst.

Plötzlich endete der aufgeweichte Fuhrweg, und sie hielten vor einem alten, hingeduckten und verfallenen Gebäude, dessen Dachziegel von Schimmel befallen waren. Die Mauer, die es umgab, mündete in ein schmiedeeisernes Tor, über das ein Metallkreuz aufragte. Er kam sich entführt vor, und wie es aussah, war er das tatsächlich. Kilometerweit breitete sich eine unfreundliche Schneewüste aus, und ringsum kein lebender Mensch. Er empfand dabei nicht direkt Erschrecken; es war eher eine Angst von jener besonderen Art, wie er sie gestern im Bett bei der Lektüre von Dianas Doktorarbeit empfunden hatte: abstrakt, gleichzeitig aber erfüllt von Einzelheiten. „Die werden Lösegeld verlangen“, blitzte in seinem Kopf auf, und er spürte, wie es ihn schüttelte. „Ich trage einen Koffer bei mir mit einem Auftrag über 4 Milliarden Dollar. Und das wissen sie!“
In diesem Moment begann eine Glocke zu läuten, so tröstend, so wohlklingend – das konnte doch nicht sein?
„Ja hallo, sogar mit Empfangskomitee“, rief der Pferdezahn in gebrochenem Englisch aus.
„Gott sei Dank, ein Kloster…“, seufzte Diana. Er empfand ihre Erleichterung, verstand aber nicht, woher sie kam.

Und wenn sie gemeinsame Sache mit diesen Typen hier macht? Diese paradoxe Frage begann erneut, sich seines Bewusstseins derart zu bemächtigen, dass sie sogar seine Angst verdrängte. Er schaute sie drohend an. Sie lächelte ihm aufmunternd zu. Verlockend geradezu. Das schmiedeeiserne Tor vor ihnen öffnete sich, und der Wagen kroch vorwärts auf einen weiten Innenhof, der mit riesigen Natur-Pflastersteinen gedeckt war. Beinahe verschämt hatte sich im Hintergrund ein niedriges Kirchlein in die Ecke gekauert. Zur Rechten erblickten sie einen langgestreckten Vorbau, hinter dessen Fenstern Blumen hervorlugten.

Am Brunnen mit dem über der Öffnung baumelnden Eimer brannten Feuer, und ein paar Recken in denselben schwarzen Anzügen wie die beiden auf den vorderen Sitzen des Mercedes drehten ein Lamm am Spieß. Das Fleisch war bereits knusprig durchgebraten, aus der Kruste drang ein saftiges Zischen. Ringsumher stolzierten Hühner über den Hof, aus dem Stall linste eine Ziege und in ihrem Körbchen hatte es sich eine fleckige Katze bequem gemacht, die sich vor lauter Behagen über die Sonne die Pfoten leckte.

Während sie den Spieß drehten, tropfte das Fett in die Flammen. Ihren Flüssigkeitsverlust glichen die schwarzen Schwerathleten mit Schnaps aus, den sie gleich aus der Flasche tranken. Mit einem Schlachtermesser und der Geschicktheit von Chirurgen häuteten sie ein weiteres Lamm, zogen ihm das Fell ab, als ob sie einen Handschuh auf links stülpten. Das nackte Fleisch glänzte gespensterhaft bläulich. Auf den Gesichtern der Männer glühte das trunkene Draufgängertum von Barbaren.

Kurz nachdem Samuel und Diana sich in ihrem Zimmer entlang der Galerie im zweiten Stock eingerichtet und frisch gemacht hatten, wurden sie schon gerufen. Sie stiegen die Holztreppe hinab, durchquerten den gepflasterten Hof und betraten ein Kellergewölbe. Die Finsternis darinnen glich der Farbe nach jener in Kirchenräumen, und es war auch ebenso drückend. Ein offener Kamin brannte. Der Boden war gefliest mit unbehauenen Steinplatten. Ein langer, grob zusammengehauener Tisch für zwölf Personen teilte den Raum in zwei Hälften, dahinter hingen Viehglocken, die Diana „Tschan“ nannte. An der Natursteinmauer hingen ein echtes Bärenfell und das Geweih eines Hirsches. Wenigstens hier sah im Gegensatz zu den Wohnräumen alles so aus, als wäre der Originalzustand erhalten geblieben.

Im Hintergrund saßen bereits Ignat Evstatiev, der Gastgeber, und ein alter Herr mit silbernen Schläfen. Er strahlte Stärke und Macht aus. Man hätte sagen können, er sei ein schöner Mann, wenn nicht eine Hasenscharte sein Gesicht in zwei geteilt hätte. Die eine Hälfte vermittelte das Gefühl, dass der Mann permanent schadenfroh grinste. Über den Tisch verstreut lagen Tabletts mit allerlei Nüssen und anderen Kernen zum Knabbern zwischen Flaschen mit Sprudelwasser. Auch eine Flasche „Ardbeg“-Whisky, siebzehn Jahre im Fass gereift, bernsteinfunkelnd und smooth, ein Single Malt vom Feinsten, lümmelte sich auf der Holzplatte.

So eine Flasche kostete dreihundert Dollar, und in der Ecke stand eine ganze Kiste davon…
„Willkommen in meiner Kloster-Einsiedelei, Mr. Greenberg“, grinste Ignat Evstatiev vertraulich.
„Ich mag kein Halbdunkel“, erwiderte Samuel scharf. „Vor allem bei Geschäftsgesprächen sitze ich gern im Hellen!“
Ignat Evstatiev sprang flugs auf und schaltete den Leuchter an der Decke ein, der aus einem hölzernen Wagenrad bestand, das von einem Metallreifen eingefasst war. Seine Hauptglatze blinkte auf.

„Ich bin hergekommen, um Verhandlungen zu führen, aber ich konnte nicht umhin zu denken, dass Sie mich entführt haben“, fuhr Samuel unvermindert gereizt fort.
Ignat brach in Gelächter aus, der andere Mann jedoch bewahrte eisern seine ernste Haltung, wenn man von seiner rechten Gesichtshälfte einmal absah.
„Ich habe Sie hierher eingeladen, weil ich diesen Platz vergöttere. Zur Zeit des Sozialismus war der Atheismus ja Bürgerpflicht, gesetzlich vorgeschrieben, aber meine Mutter glaubte trotzdem an den Erlöser“, sagte Ignat. „Damit es nicht auffiel, hat sie mich in dem Kirchlein da draußen taufen lassen. Ich war schon zehn Jahre alt, als ich den Kopf übers Taufbecken hielt, und Sie dürfen mir glauben: ich bin ein sentimentaler Mensch, mir kommen leicht die Tränen, also beschloss ich…“ Er goss Whisky in glasierte und bemalte Tonbecher, und fügte, ohne die Anwesenden zu fragen, für jeden Wasser und Eiswürfel hinzu. „Gehen Sie also davon aus, dass es mein Kloster ist“, äußerte er mit gefährlicher Betonung. „Sie sind ein besonderer Gast, und das bedeutet, dass es auch ihres ist. Fühlen Sie sich also ganz wie zu Hause!“
„Haben Sie es Gott abgekauft?“
„Seinen irdischen Stellvertretern“, parierte Ignat ohne Mühe, „der Heiligen Synode. Ich glaube, wir sollten jetzt auf Diana anstoßen. Sie hat es verdient, oder nicht?“

Er schaute sie mit einem sonderbaren Blick an, mit unverhüllter Begeisterung und ungestillter Begierde. Samuel spürte erneut die Elektrizität zwischen ihnen und erschauerte. Diana blieb stumm. Sie konnte oder wollte an ihrem verbalen Ballwechsel nicht teilnehmen. Sie übersetzte nur.
Sie hoben die Becher und tranken.
„Sie verdient es in der Tat“, nickte Samuel ihm voller Anspannung zu.
„Nachher werde ich Sie durch meinen Besitz führen, Mr. Greenberg, und Ihnen auch die Kirche von innen zeigen. Die Wandmalereien sind aus dem fünfzehnten Jahrhundert… Aber es wird Zeit, Ihnen meinen Onkel vorzustellen. Er und ich, wir sind Partner bei Balkan Investment, die Holding gehört uns beiden.“ Er sprach das Wort „Holding“ aus wie eine Zauberformel, mit unverkennbarer Lust.
Der Mann mit den silbernen Schläfen stand auf und verbeugte sich beflissen. Seine Hand war trocken und heiß, sein Gesicht undurchdringlich und zur Hälfte unentwegt schadenfroh grinsend.
„Er ist auch ein Evstatiev, Petr Evstatiev der Erste. Ich bin Ignat Evstatiev der Zweite. Nicht wahr, ich habe doch richtig gelesen, dass sich die Nachkommen der großen Industriellenfiguren in Amerika so nennen?“
„Einige tun das“, erwiderte Samuel. Er fragte sich langsam, was er hier machte, so hineingerammt in eine versteckte und totenstille Gebirgsfalte des Balkans, in ein Kloster, dessen Glaube in sein Gegenteil verkehrt worden war, hingesetzt zwischen einen Ersten und einen Zweiten, die vermutlich nichts waren als Provinzgauner. Vom Whisky begann sein Magen zu kneifen, er war offenbar hungrig. Wenigstens werde ich hier etwas Ordentliches zu essen bekommen, dachte er, während er den Duft des brutzelnden Lamms einsaugte.
Diana erklärte ihm später, dass es eine bulgarische Spezialität sei, Tschewerme genannt, ein Lamm zwölf Stunden lang auf niedriger Flamme zu grillen.

In diesem Moment langte Evstatiev der Erste nach einer Schale mit Nüssen; dabei entglitt ihm ausversehen etwas und schlug hart auf die Steinplatten auf. Es war eine vollkommen neue, wie zur Parade polierte und geölte Kalaschnikov.
„Ich wollte schon die ganze Zeit fragen“, sagte er völlig unbeirrt, „wie Sie auf Bulgarien gekommen sind“ Vier Milliarden, das ist ne fette Beute, für die nicht jeder Mund groß genug ist…“
Er hatte keine Lust, die enthusiasmierende Trivialität auszubreiten, dass es hier im Lande alle notwendigen technologischen Ressourcen und Computerspezialisten bereits gab, dass die Bulgaren im zweiten Weltkrieg ihre Juden gerettet hatten und dass er ebenfalls ein sentimentaler Mensch sei, der den Ozean überflogen habe, um etwas für dieses Volk zu tun. Er war es inzwischen leid, Dinge gebetsmühlenartig zu wiederholen, die seine Gastgeber ohnehin nicht verstehen würden.

„Ich bin seit langem im Geschäft“, sagte er, „ich weiß einfach, was ich tue, und bin sicher, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin.“
„Und Sie wollen diese unglaubliche Stange Geld wirklich den Kommunisten in den Rachen schieben?“
„Wieso? Die Regierung wird doch jetzt von der Union der demokratischen Kräfte gebildet?“
„Sicher, nur sind zwei Drittel von ihnen ehemalige Kommunisten!“ sprach Evstatiev der Erste mit unerschütterlicher Ruhe und strich mit der Hand über seine rechte Gesichtshälfte. „Versuchen Sie es mit uns. Vertrauen Sie uns einfach, Mr. Greenberg.“
„Sogar wenn ich wollte, ich hätte gar nicht die Befugnis, das zu tun. Ich habe nichts als einen Brief und den Geschäftsplan bei mir. Die Verhandlungen werden in den Headquarters von AT & T geführt.“
„Aber Sie ziehen doch die Fäden?“
„In gewissem Sinne ja… Die Idee stammt von mir, und ich habe Stimmrecht…“ Sein Magen knurrte vor Hunger. „Von Frau Popova erfuhr ich, dass Sie in der Branche tätig sind. Sehen Sie sich in der Lage, genügend Fachkräfte bereitzustellen, vor allem in der Software-Entwicklung?“
„Keinerlei Problem“, entgegnete Evstatiev der Zweite ausgekocht, „die Betriebe hierzulande sind ausgeblutet, regelrecht tot! Das Institut für Rechentechnik ist zerschlagen worden… Wie viele Jungs brauchen Sie denn so? Tausend, zehntausend?“ Er nahm eine Mandel zwischen Daumen und Zeigefinger der einen Hand, schlug mit der anderen Hand auf den Handballen der einen, die Mandel flog hoch, und er fing sie geschickt mit dem Mund aus der Luft auf.

„Ich hatte gehofft, das zu hören.“
„Schaun Sie, wir wären in der Lage, gut und gerne drei-, vierhundert Ihrer schmucken Milliönchen zu bewegen.“
„Entschuldigung, erstens sind es nicht meine, und zweitens sind es keine ‚schmucken Milliönchen‘!“ Samuel hatte das Interesse an diesem Gespräch im Grunde bereits verloren. „Selbst gesetzt den Fall, ich würde das Interesse Ihrer Company vor AT & T vertreten“, fuhr Samuel fort, „sie würden erfahren wollen… sie würden darauf bestehen, zu erfahren…“
„Was möchten sie erfahren, Mr. Greenberg?“ fragte der alte Evstatiev. Seine linke Gesichtshälfte wirkte eisig.
„Die Herkunft Ihres Kapitals…“
„Oh, da seien Sie unbesorgt“, wandte er ihm seine lachende Gesichtshälfte zu, „das Geld ist blütenrein! – Wissen Sie was: lassen Sie uns dies Gespräch später und mit klarem Kopf in unserem Office fortsetzen. Frau Popova hat uns verraten, dass Sie Schopska Salata, unseren Salat nach Art der Schopen lieben.“

Er klatschte in die Hände. Augenblicks flogen zwei seiner schweren Jungs herein. Vom Schnaps oder vom offenen Feuer draußen waren sie so überhitzt, dass sie ihre Anzugjacken ausgezogen hatten. Dadurch waren die Waffen unverhüllt zu sehen, die an ihren breiten elastischen Gurten schaukelten, als hätten sie Herzklabaster. Sie trugen authentische Keramikplatten herein, rostbraun und mit wild mäandernden Farbstreifen in blau, weiß und dunkelbraun, auf denen der aus Gurken, Tomaten, Paprika und Zwiebeln gemischte Salat mit der Schneehaube aus Salzlakenkäse prangte. Der Duft des Lamms schien von direkt in seine Magengrube zu fahren, das Fleisch war ebenfalls in Tontöpfchen aus dem Bestand der liturgischen Klostergerätschaften angerichtet.

Um seinen Hunger noch einmal zu bremsen, zündete Samuel sich eine Zigarette an und beugte sich zu Diana:
„Haben Sie irgendetwas verstanden, Frau Popova?“ flüsterte er mit vorwurfsvollem Unterton.
„Seien Sie ganz ruhig, Mr. Greenberg! Alles ist eine Fügung des Zufalls. Genießen Sie einfach“, erwiderte sie. Ihr Lächeln wirkte schmerzlich.
Von diesem Moment an verlor Samuel das Zeitgefühl und jeden Bezug zur Realität. Leute kamen und gingen wieder. Um den langen Tisch saßen der Bürgermeister des nahen Dorfes in langer Wollhose und Allwetterjacke, der Vorsitzende der örtlichen Jagdgesellschaft, der einen Fasan und einen Wildhasen mitgebracht hatte, der Bezirksförster, der Tierarzt mit verschämtem Brillchen auf der Nase, einer Windjacke aus Zeltleinen und dem Duft von Chloroform. Alles rotwangige, roh und zügellos wirkende Mannsbilder mit Stiernacken, die ihre Unberechenbarkeit und Kraft geradezu ausdünsteten.

Sie aßen gierig und genussvoll, tranken maßlos und dies mit der unbändigen Freude von Wasser, das die Staumauer durchbrach. Sie redeten alle durcheinander. Jeder hatte eine Geschichte auf Lager und brannte darauf, sie zu erzählen. Sie saßen am Tisch wie festgenagelt, während um sie herum sich alles bewegte und umstellte. Ihr donnerndes, ungehobeltes Lachen wurde aufgesaugt von einer schroffen Härte, in der die Qual bitterer Überlebenskämpfe seit Urzeiten spürbar war.
„Sind das Ihre Freunde?“ fragte Samuel verdattert.
Ignat Evstatiev entgegnete mit Augen, die glänzten wie Glaskugeln: „Das ist meine Freiheit! Das sind Menschen, die bereit wären, ihr Leben zu geben für mich!“

Der teure Whisky floss wie Wasser. Doch jeder der Neuankömmlinge brachte eine Flasche doppelt destillierten Schnaps mit, mal mit Anis, mal mit Kräutern versetzt, die im Morgentau gepflückt worden waren, edle Brände, die Jahre lang in Eichenfässern gelagert hatten. Es entspann sich ein Streit darüber, ob Buche oder Eiche besser für den Schnaps sei. Samuel musste nolens-volens von jedem dieser Elixiere kosten. Diana war still geworden neben ihm. Unter diesen wilden, lärmenden Kerlen sah sie noch zerbrechlicher aus, noch undurchschaubarer. Sie hatte sich in sich selbst zurückgezogen. Samuel spürte dennoch, dass ihr das, was hier abging, nahe war, dass sie unbewusst teilnahm daran, ja, dass es ihr Trost schenkte. Es war, als sei sie daheim, und zwar nicht einfach in ihrem Appartement in Sofia, sondern von altersher daheim, und diese Männer, das waren ihre Väter und Vorväter. Allesamt vermieden sie es, Diana anzuschauen. Dennoch behüteten sie sie, ja, beschützten sie regelrecht, denn sie hatten sie erkannt: sie war ihr Kind…

Da öffnete sich die Tür erneut und – wie dem sterbenden Tag von der Schippe gesprungen – traten vier Männer und eine Frau in das Klostergewölbe ein. Sie trugen malerische Trachten. Ihre Haut war von der Gebirgsluft gerötet, ihre Gesichter glühten vor innerer Leidenschaft. Sie brachten den kalten Hauch des Winters herein, den feinen Geruch nächtlichen Schnees. Sie hielten eine Klarinette, ein Akkordeon, eine Pauke von beeindruckender Größe und etwas, das Samuel mal in Filmen gesehen hatte und das Ähnlichkeit mit diesen schottischen Dudelsäcken hatte. Das gab es hier auch? Offenbar kannten sie und die Gäste am Tisch einander. Sie umarmten den Bürgermeister und den Förster;

Ignat Evstatiev pfefferte sein Tweed-Sakko in die Ecke und riss sein Hemd auf.
„Musik“, rief er laut, „und das nur für uns hier!“
Der Dudelsack und die Klarinette pfiffen los; dem Akkordeon entströmte des Daseins ganzer Jammer, und die Paukenschläge schienen direkt an die Pforten des Schicksals in seiner Brust zu hämmern. Die noch sehr junge Frau intonierte ihr erstes Lied mit überraschend sicherer Intonation und einer vollen, herzzerreißenden Stimme, die Instrumentalisten fielen in den Gesang ein, die Tischgesellschaft schloss sich an – und auf einmal wurden alle zu einer Gemeinschaft, in der auf magische Weise alle Unterschiede verschwanden. Das Unmögliche war Ereignis geworden. Sogar Samuel erfasste, dass Ignat Evstatiev nun nicht mehr Gebieter war, sondern gleichauf mit dem Förster.

Die Melodie des Stückes war traurig, aber glutvoll. Er sah, wie Diana elektrisiert erstarrte. Sie versuchte, ihm den Liedtext zu übersetzen; doch das hinderte sie daran, zuzuhören, Teil des Ganzen zu sein, sich der Gemeinschaft einzufügen, Gleichheit mit den anderen Mitgliedern des spontanen Chores herzustellen, die alle den unfassbaren Schmerz des Liedes „Krank liegt da mir Mile Popjordanov“.
Die Tür öffnete sich erneut, und zusammen mit dem Schneetreiben kam Pater Anissij, der Abt des Klosters, herein. Er hinkte. Eines seiner Beine war kürzer als das andere. Gekleidet war er in eine einfache, verblichene Kutte, die an den Ellenbogen mehrfach gestopft war. Er selbst hatte Ähnlichkeit mit seiner Kutte. Sein Haar war verfilzt; der gerupft wirkende Bart war zerzaust, und über seinen tränenden Augen hingen buschige Brauen herab, aus denen der Schnee schmelzend heraustropfte. Samuel hatte ihn nur ein paar Augenblicke lang dabei beobachtet, wie er den Hühnern mit den raumgreifenden Bewegungen eines Sämanns Hirse über den Hof streute und sie dabei mit „kt, kt, kt“ zu sich rief.

„Nun aber hallo, Väterchen“, riefen ihm die Versammelten aufgeräumt zu, „bleibt man einer lustigen Gesellschaft so lange fern?“
„Ihr kommt gleich nach dem Herrn, unserem Gott“, sagte der Pater, und dann: „Selbstgebrannten hab ich genug, mit Kräutern, ohne Kräuter, darum… gebt mir von diesem Teufelszeug da, diesem Whisky!“
Lachend wurde ihm eingegossen, und nicht zu knapp, und Anissij ließ sich nicht lumpen und kippte im Nu eine Portion im Gegenwert von etwa fünfzig Dollar weg. Sofort wurde ihm nachgeschenkt, und sofort war auch dieser Becher geleert. Ja, er musste mit den anderen gleichziehen, um mit ihnen verschmelzen zu können… Er setzte sich neben Samuel und bekreuzigte ihn.
„Aber… ich bin Jude“, meinte der verwirrt.
„Und ich bin für alle da…“, erwiderte gütig der Pater mit seiner tiefen Samtstimme. Dann stimmte er in den Gesang der anderen ein. Samuel spürte, wie das gezogene Legato und die Lebendigkeit dieser mit offener Kehle gesungenen Lieder ihn an seinem Stuhl festschmiedete und die erschütternde Schönheit des Melodiebogens ihm die Kehle zuschnürte.

Auf einmal erhob sich die Stimme der Sängerin zu einem einsamen Solo in die Höhe, wie der müde Falke, von dem das mazedonische Lied handelte, getränkt von Schmerz und Entrückung zugleich. Ignat Evstatiev griff in die Tasche, holte ein Bündel Geldscheine, ohne es auch nur anzusehen oder gar zu zählen, rollte es zusammen und stopfte es der Sängerin in den Ausschnitt. Der Tierarzt stützte sich auf seinen Stock, der halbgeöffnete, zahnlose Mund von Pater Anissij klaffte wie eine Wunde; sogar die grinsende rechte Gesichtshälfte von Evstatiev dem Ersten hatte einen ernsten Zug angenommen. Diana saß da wie vom Donner gerührt, ihre Finger waren um die Gabel gekrallt, als wolle sie gleich damit zustechen

„Neun schwere Wunden hatte er, alle von Kugeln, aber sterben tat er an der zehnten, das Messer drang durch“, übersetzte sie ihm und fügte fast ohnmächtig vor Schmerz hinzu: „Das werden Sie nie verstehen, Mr. Greenberg… Es ist leicht, einen Menschen zu erschießen, anonym, mit dem Gewehr im Anschlag, aber dieses Töten mit dem Messer, Auge in Auge, ein Mensch verwundet einen anderen ganz aus der Nähe… das ist schrecklich…“ Sie brach in Tränen aus. Sie war wie verwandelt.
Vater Anissij, der inzwischen einen dritten Whisky auf Ex getrunken hatte, sprang auf, versuchte sich zu voller Größe aufzurichten. Er sah blass aus und ausgemergelt, war offenbar volltrunken. Er schwankte. Dann öffnete er ohne Vorankündigung das gegenüberliegende Fenster, schnappte sich mit der Gewandtheit eines Wahnsinnigen die Kalaschnikov, die Ignat Evstatiev achtlos aufs Wandsofa geschmissen hatte, entsicherte sie, stieß sie durchs Fenster, schrie „Verdammte Unzucht und dreimal aufs Leben gespuckt!“ und schoss auf den Himmel. Die Kugeln zeichneten eine unterbrochene Lichtspur in die Nacht da draußen. Das Refektorium erzitterte, füllte sich mit Pulverdampf, dem Hauch von Liebe und Gewalt. Die Viehglöckchen wimmerten leise.
„Das hier ist unsere Freiheit!“ rief Ignat Evstatiev stockend aus; dies Mal sagte er nicht „meine“.

Als wäre nichts gewesen, setzten die Paukenschläge wieder ein, Dudelsack und Klarinette schnarrten, und alle sangen weiter. Das Gesicht Dianas schien von innen erleuchtet zu sein, sie sang mit den anderen. Samuel ertappte sich dabei, dass auch er mitbrummte. Falsch, aber inbrünstig. Was ihn da gepackt hatte, war nicht einfach der Alkoholrausch, nein, es war jene Ekstase, die einer durch Raserei überwundenen Qual folgt, eine bacchanalische Freude, die ohne den Grundbass einer ständigen schmerzlichen Trauer nicht entstehen kann und die einen Ausdruck wie „Fest des Lebens“ erst mit Sinn erfüllt.
Kurz darauf stürmten die Bodyguards das Gewölbe des klösterlichen Speisesaals. Sie hatten ihre schwarzen Sonnenbrillen immer noch auf, und diesmal rochen sie geradezu nach Verbrechen. Über einen Radiosender, der im Mercedes eingeschaltet gewesen war, suche man nach Ignat Evstatiev. Dieser schnappte sich sein Tweed-Sakko und sprang nach draußen. Die Musik verstummte augenblicklich. Noch immer roch es nach Pulver und Krieg. Samuel fiel auf, dass auch der Kamin erloschen war. Evstatiev der Erste zog sich entschlossen an.
„Man hat eine unserer Lagerhallen in die Luft gesprengt, Mr. Greenberg“, sagte er. „Wir müssen sofort nach Sofia.“

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