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Gedichte aus dem Zyklus “Lobeshymnen nach thrakischer Mythologie” von Kristin Yurukova – Teil IV

10 Februar, 2010 von · Keine Kommentare

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Kristin Yurukova


Foto: jet200nyc

GEBET

Die Verschmelzungen, die ungestümen,
zwischen schlafenden Sänden
und Korallenriffen,
zwischen langsamen Spritzern
aus Halluzinationen in Weiß.

Ein Geschmack von feuchten Innereien, von Meeresigeln
und von Kastanien, die auf den Protuberanzen
der Sonnen zerplatzen.
Saugende Lippen von Medusen,
die den rutschigen Schein
von innen durchstreifen.

Einstürzen und Aufsteigen
unter rosa schimmernden Gewölben
auf der Zungenspitze.
Hervorsprudeln von Wonne,
die nicht mehr enden kann.

Das unsichtbare Vorankommen der Bewegungen,
den Grund des Abgrundes polierend.
Der plötzliche Fall
in die Schwerelosigkeit.

Das Öffnen der Schöße
für das Nistende in den Gedanken.
Nackt sind wir vor Dir, oh Gott,
und überflüssig sind alle Menschensprachen.

Der Mond – der Seiltänzer,
balanciert auf den nackten Zweigen
unserer Seelen,
er legt einen Körper auf den anderen
wie einen Stempel,
so durchsichtig,
dass es zu bröckeln beginnt.

Nur ein Funkeln bleibt übrig.
Und der Stein wird zum Kissen,
und der Durst – zum Hafen.
Der Vollmond füllt die Gläser des Leibes –
ein festliches Klirren in der Leere,
die eigentlich der Mutterleib
der Sterne ist.

Zerbrechlich sind die Gläser, oh Gott,
dünner als Wasser und Luft,
hüte sie, oh Gott,
und gestatte das nächste “Zum Wohl”.

DIE UNBEKANNTE AUS PELINA

Ihr Pass für das unterirdische Reich
ist bei ihr in der Gruft –
die Efeublätter aus Gold.
Sie zittern auf dem Körper
derjenigen aus Pelina,
die Orpheus folgt.
/Mit Zittern und Zagen
vor Persephone/.

Hände sind die Blätter,
die ihre Brust streicheln –

damit sie aufs Neue
wachsen,
Zungen sind sie,
unter denen sich
die Rätsel verbergen.

Mit Tautropfen
der thrakischen Sprache
sind sie bedeckt,
die aus allen Poren
der Zeit brechen.

Boote sind sie,
mit Bedeutung schwer beladen.

Die Zeichen sind tief
in der Höhle des Gehirns
eingraviert.

Soeben hat sie das Fleisch des Stiers zerfetzt,
soeben hat sie die Stiermilch getrunken.
/”Der Stier sprang in die Milch,
sprang schnell in die Milch.”/

Da ist sie, gereinigt,
und die Nasenlöcher einer Löwin
atmen die Ewigkeit ein.

Die Statue einer Bacchantin
wartet in der Gruft auf sie –

um den Tanz mit ihr
im unterirdischen Schloss
fortzusetzen.

MEDUSA

Wer zeigt uns immer
den Kopf der Medusa,
um uns zu versteinern?

Ihre Haare –
eine Schlange
für jede unserer Ängste.

Oh Angst, unser tägliches Brot,
unsere größte Sünde.

DIE RUDERER AUS BESSICA

In den ruhmlosen Stunden von Bessica
waren Körper die Ausfuhrware Thrakiens
für die Schiffe aus Rom.

Die thrakischen Sklaven
schlagen und hacken auf
die mächtigen Truppen der Wellen,
die klebrigen Prozessionen des Übels
/Man muss das Übel an der Wurzel packen,
aber wo sind die Wurzeln
in den Abgründen des Meeres?/

Gebückt, blicklos, am Deck gefesselt,
mit Peitschen im Nacken,
die Münder im Schrei geöffnet.

Der Schrei durch die Zähne,
die Zähne – im eigenen Fleisch.

Vorwärts! – Das Heulen
zwischen zwei Schlägen
kommt aus dem Halse
ihres ertrunkenen Lebens –

Wellen aufwärts und abwärts –
sein träumendes Gesicht.

Sie werden das ganze Wasser
bis zum letzten Tropfen
Verzweiflung ausschöpfen,
sie werden Stoß und Stoß
hinter ihre Rücken werfen,

sie – Eigentum der Ruder
und deren Besitzer.

Die Schiffe segeln weiter,
auch wenn alle Seen
und alle Seelen zu Ende sind.

Sie rudern über die Strände,
sie rudern über die Felsen,
sie rudern über die eigenen Knochen,
sie eilen den Rhodopen entgegen.

Deren Bild spiegelt sich nur
in ihren verdurstenden Augen wider.
Wachsen einheimische Gräser
da hinter dem Horizont,
dass sie Grillen zirpen hören –
immer schriller, immer schneller –
die Musen des Berges?
/Oder haben sie Grillen im Kopf?/

Das Grabmal mit den Namen der Ruderer
aus Bessica bezeugt –
die Befreiungsurkunden
des römischen Reichs
kamen später als der Tod.

Die Sonne der Freiheit ist geblieben,
noch immer so hoch und noch immer so fern,
sie ist nie in ihren Schoß gefallen,
sie kehrten nie zur Freiheit heim.

DER KOPF AUS BRONZE

/Prof. Georgi Kitov gewidmet/

Der Kopf aus Bronze
vor dem Heiligtum der Thraker –

da, wo die Taten der Götter enden
und die Umwege der Menschen anfangen.

Er ist aus dem Körper
aus Erde gewachsen.

In seinem Traum sind wir alle noch Steine,
zum Wassertrinken angetrieben
von der Harfe Orpheus´.

Transparenter als der Tautropfen
auf seinen Lippen
ist die Zeit.

Die Nasenlöcher des Kriegers
erzittern vom Duft der Gräser,
die sich unter dem Huf eines Satyrs krümmen.

Die Bronze färbt sich rosig
von der Flut aus Blut
aus dem Königreich der Odrysen.

Die Augenlider öffnen sich –
aufgeschlossene Brunnen
sind seine Augen –
damit wir uns darin widerspiegeln
wie wir sind – ewig.

Er träumt davon,
was wir vergessen haben,
er spricht über Dinge,
für die es keine Worte gibt.

Lasst uns ihn anhören,
solange unsere Schritte mit seinen
zusammenfließen
im Raum, riesig und doch so klein,
dass wir ihm begegnet sind.

BENDIDA

Bendida,
von unseren Träumen
ganz benommen,

Bendida,
ewig gebärend
im Nabel der Welt.

Du, mit offenen
Augen und Pupillen
aus Gold
vor den flüsternden Lippen
der Priesterin,

lass das Leben
gemeinsam
mit der Milch
aus deinen Brüsten
emproschießen

ähnlich wie der Samen
der Selbstbefruchtung
von Kumarbi.

Bendida,
Bindende
und Losbindende,

binde die zerrütteten Schiffe
der Schicksale los,
damit geschieht,
was geschrieben steht.

Binde mit Knoten
das Liebesbett fest,

damit kein Liebhaber
entfliehen kann,

wirf Netze
nach den Fischen
der Wünsche aus,

säe Licht
in den Schoß
des Genusses.

ORPHISCHE MYSTERIEN

Es ist gar nicht
notwendig,
dass wir zusammen
sind.

Oder dass wir
uns sehen
oder gar sprechen.

Es genügt,
wenn wir das Gleiche
träumen,

wenn wir die Lippen
fest auf die weiche Haut
der Zeit pressen,

wenn wir sie
mit derselben Kraft melken,
mit der wir unsere Seelen
seihen.

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