Die Berlinale ist vorbei! Sie beweist aufs neue, dass das Publikumsinteresse vorhanden ist, beantwortet aber nicht die Frage, wo das Publikum sonst bleibt!
Kinofestivals und Filmevents kennen die Zuschauer weltweit. Die Gastgeberstädte verwandeln sich oft an solchen Tagen in riesige Schauplätze der Kulturen.
Teilnehmer, Besucher und Fachleute verschmelzen zu einer kunstgierigen Masse. Filmfestspiele gelten mittlerweile als größte Kulturereignisse.

Ansonsten leidet das Kinogeschäft in Deutschland unter starkem Besucherrückgang – alleine 2006 verzeichnete man einen steilen Einbruch der Einnahmen (ca. 30 Millionen Euro). 2009 gab es im ersten Halbjahr 10 % weniger Kinozuschauer im Vergleich zum Vorjahr.
Die große weiße Leinwand hat sowieso spätestens seit der massenhaften Verbreitung der farbigen Home-Entertainment-Kiste um das eigene Überleben zu kämpfen. Man ist gezwungen Werbeslogans einzuschalten, die dem Kinobesucher erklären, das Filme eigentlich fürs Kino gemacht werden. Dass dieser Appell im Kinosaal läuft, ist an sich auch wenig verständlich – das ist aber eine andere Frage. Das Publikum bleibt auf jeden Fall weg.
Dafür gibt es Filmfestspiele, dafür gibt es die Berlinale! Bei so einem Ereignis werden Künstler und Publikum vereint und stehen, wie sonst nur sehr selten, auf ein und der selben Seite – die des freien Geistes.
Andererseits treffen hier die verwinkelten Blickwinkel der weltweiten Kunst aufeinander – man kämpft, man gewinnt, man geht leer aus… Es ist letztendlich eine kulturelle Begegnung der höheren Klasse. Ein Wettbewerb, der diejenigen auszeichnet, die zu dieser Klasse zu gehören verdienen.
Jährlich versammelt die Hauptstadt im Februar innerhalb von 10 Tagen Hunderttausende von Film-Fans. Die Anzahl der Kinobesucher steigt kontinuierlich: Jedes Jahr wird ein neuer Rekord verzeichnet (zuletzt über 400.000 Zuschauer).
Das Kartenkontingent ist stets erschöpft. Mit etwa 400 Filmen aus allen möglichen Genres, kurz oder lang, Low-, No- oder Normal-Budget, serviert die Berlinale ihrem Publikum die Weltkunst und die Kunstwelt – unverfälscht und zeitgleich. Sie ist seit ihrer Gründung 1951 zu dem größten Publikumsfestival geworden.
Dies liegt wahrscheinlich an der geschickt ausbalancierten Kombination aus Kultur, Kommerz und Prominenz. So ein Mix aber bietet jedes Festival – von Cannes über San Sebastian bis Montreal.
Die Berlinale bleibt aber nach wie vor der unübertroffene Spitzenreiter in Sachen Besucherzahlen. Der Zuschauer, der sonst die Kinosäle nachhaltig zu verlassen scheint, ist in diesen 10 Tagen in Berlin zu finden.
Vermutlich ist es das kritische Interesse, das das Publikum in die Festkinos treibt. Der deutsche Zuschauer ist stets interessiert – selten zufrieden, manchmal zu nörgelig, aber stets wach und kulturerpicht. Schließlich möchte man die Welt kennen lernen, um sich selbst finden zu können, irgendwo in dieser Menge.
Das Gefühl zur Filmprominenz zu gehören, auf die hellsten Stars blicken zu dürfen und sich selbst blicken zu lassen sind selbstverständlich andere Faktoren, die die Festkinokassen klingen lassen. Am meisten aber ist wahrscheinlich die Neugierde und die Faible ein anderes Kino zu erleben als das Nullachtfuffzehn Kommerzprogramm.
Die Jurientscheidungen scheinen ein zusätzlicher Reiz für den sporadischen, aber immer noch anwesenden Kinobesucher zu sein. Die Juroren – dieses Jahr unter Präsidenten Werner Herzog – vergaßen nicht auch beim 60. Mal auf Überraschungen zu setzen.
Bis zum Ende galt Roman Polanskis „Ghostwriter“ als Favorit für den goldenen Bären. Daraus ist aber Silber geworden – für eine einzigartige Regiearbeit.
Der spannende Politthriller, der eine eher übliche Geschichte trägt, allerdings meisterhaft inszeniert, machte Platz für den einfachen „Honig“ des Lebens. „Bal“ (Honig) des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu, wurde mit dem stärksten Bären geehrt.
Als moderner Zuschauer riskiert man die leisen Töne dieses Filmes zu überhören – so langsam und ruhig tritt die Handlung an einen heran. Kaplanoglus Arbeit verdient zweifellos ihren Preis, denn künstlerische Werte kann man letztendlich nicht auswerten.
Doch beim Drehbuchpreis an Wang Quan’an und Na Jin für „Tuan Yuan“ (Apart Together) stellt sich schon die Frage, wie künstlerische Werte überhaupt zu bewerten sind.
Dem Zuschauer wird heutzutage alles mögliche zugetraut, ja zugemutet. Zusätzlich erwartet man von ihm stets präsent zu sein. Er muss verstehen, sich mit globalen Fragen auseinandersetzen, oder wohl zum Stimmfilm zurückkehren.
Die 60. Berlinale hat erneut bewiesen, dass das Außergewöhnliche (gemeint ist das Unerwartete) den Vorsprung zu genießen hat. Wenig emotional und packend, bis auf die kleinsten Ausnahmen extrem spannungslos und viel zu sehr entspannend wirkte das Programm der Jubiläumsausgabe. Und keinen Film konnte man aus der durchschnittlichen Menge hervorheben. Anspruchsvolle Kunst? Darauf hofft das stets interessierte, kulturdurstige und sehr treue Berlinale-Publikum – bis zum nächsten Jahr.
Viara Jekova
Der goldene Bär steht für Kultur, Mut und Gewandtheit – aber vor allem für einen Zuschauer, der die siebte Kunst zu schätzen weiß, der jedem teilnehmenden Filmemacher das tiefgreifende Gefühl gibt, wichtig gewesen zu sein. Der (künstlerische) Wert bleibt dabei eine sehr persönliche Sache…


































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