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Gespräch mit Barbara Müller

3 April, 2009 von · Keine Kommentare

Interview von Rossitza Yotkovska mit Barbara Müller

Die Paradoxe des Ruhms manifestiert sich manchmal dadurch, dass wir mehr über die Menschen, die für Bulgarien arbeiten, nicht aus ihren Taten und aus ihrem tatsächlichen Beitrag erfahren, sondern aus der Art, wie sie in der Öffentlichkeit auftreten. Die Bescheidenheit bleibt immer im Schatten – sie hat keine Zeit, sich ein Werbegesicht zuzulegen; sie besitzt eine kreative Natur und baut die Grundlagen unserer Volksidentität bzw. unseres Bildes vor der Welt auf. Die Scheinwerfer dringen viel seltener bis zu den Fundamenten vor als bis zu den Kuppeln, wo Ruhm und eigener Vorteil die Triebkräfte sind.

Wir stellen vor: Barbara Müller. Schauspielerin und Übersetzerin, Redakteurin und Journalistin, jahrelang eine der Stimmen Bulgariens in den Sendungen der deutschen Redaktion des Bulgarischen Rundfunks. Ihre Übersetzungen haben dem deutschsprachigen Leser einige der bedeutendsten bulgarischen Schriftsteller und Dichter und einige der interessantesten historischen und schöngeistigen Bücher zugänglich gemacht.

Barbara Müller

Seit vielen Jahren stellen Sie der Welt Bulgarien vor – in den Redaktionen von Radio Sofia, Radio Bulgarien, als Geschäftsführerin des Bulgarischen Übersetzerverbandes, durch Ihre Tätigkeit als Übersetzerin und Journalistin. Worin bestehen die größten Schwierigkeiten, die Sie zu meistern hatten, und an welche Siege erinnern Sie sich mit größter Genugtuung?

Diese Frage ist furchtbar umfangreich. Ich müsste mein halbes Leben erzählen, da es, wie jedes Leben, voller Schwierigkeiten und Freuden nach deren Überwindung war und auch jetzt noch ist.

Welchen Prinzipien folgen Sie, wenn Sie Bulgarien vorstellen?

Meiner Liebe zu meiner zweiten Heimat Bulgarien und meinem Streben, maximal ehrlich zu den Menschen zu sein, für die ich das tue. Natürlich nur, soweit ich dazu imstande bin.

Sie haben einen reichen schöpferischen Lebenslauf – als Schauspielerin und Übersetzerin, als Journalistin und Redakteurin, als Sprecherin, Sie haben viele eigenen Rubriken bei Radio Bulgarien gehabt. Was ist dabei Ihr größter Ansporn gewesen und wo haben Sie sich am meisten entfalten können?

Ich mag keine Fragen, bei denen ich mich selbst einschätzen muss. Das ist nicht meine Sache, es ist vielmehr das Recht der Menschen, an die meine Arbeit adressiert ist – der Leser meiner Übersetzungen und der Hörer meiner Sendungen.

Gibt es eine Brücke zwischen Ihren Tätigkeiten, die im Laufe der Jahre unverändert geblieben ist?

Natürlich gibt es solche Brücken. Bei allen meinen Tätigkeiten bin ich schließlich ich selbst geblieben. Ich verstehe nicht, warum das nur eine Brücke sein sollte und warum sie sich mit der Zeit ändern müsste.

Gibt es Tätigkeiten bzw. Bereiche, in denen Sie sich als Bahnbrecherin fühlen?

Nein. Alles, was ich erreicht habe, verdanke ich meinen großartigen Lehrern – den erfahreneren Kollegen, die immer bereit waren und sind, ihre Kenntnisse mit mir zu teilen und anderen in schwierigen Situationen Hilfe zu leisten. Diese Gesinnung ist vielleicht das Wertvollste, was ich im Umgang mit ihnen verspürt und woran auch ich mich immer gehalten habe.

Ihre umfangreiche Übersetzungstätigkeit gibt dem deutschsprachigen Leser die Möglichkeit, gute Autoren und Werke der bulgarischen Literatur kennenzulernen. Womit ist die bulgarische Literatur Ihrer Meinung nach für den deutschsprachigen Leser interessant?

Für die meisten Ausländer ist Bulgarien ein attraktives Reiseland, aber nur wenige von ihnen wissen genug über die bulgarische Geschichte, über das Weltbild und die Mentalität der Bulgaren. Hier kann die Literatur eine wichtige Rolle spielen, denn es gibt wohl kaum eine bessere Quelle für dieses Wissen als ein gutes Buch?

Die Arbeit an welchen bulgarischen und deutschen Autoren hat Ihnen die größte Genugtuung gebracht?

Das ist schwer zu sagen. Alle bedeutenden Schriftsteller – bulgarische oder deutsche – sind schwierig, aber am Ende der Bemühungen ist die Genugtuung im Falle eines positiven Ergebnisses immer sehr groß.

Welcher der von Ihnen übersetzten Texte war für Sie die größte Herausforderung?

Eine sehr große Herausforderung war „Wildes Gras” von Jordan Raditschkov, aber auch „Die Nacht im Mittelalter“ von Prof. Tzocho Boiadjiev – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Im ersten Fall waren sie rein sprachlicher Natur, im zweiten Fall war es die ferne Epoche, die dort behandelt wird und viel Hintergrundwissen verlangt.

Ein Übersetzer bewegt sich in seiner Arbeit zwischen der eigenen Kreativität und der Vermittlung – wie ziehen Sie Ihre Grenzen und wo sehen Sie Ihre Freiheiten bei der künstlerischen Übertragung eines Textes?

Eine Übersetzung sollte so originalgetreu wie möglich sein. Das kreative Element besteht darin, den Text für den Rezipienten maximal verständlich zu machen, am besten der Leser vergisst, dass er nicht das Original, sondern seine Übersetzung liest.

Wann bereitet Ihnen die Literatur mehr Freude – bei der künstlerischen Übertragung oder wenn Sie nur Rezipientin sind? Kann ein Übersetzer einfach nur Leser sein?

Natürlich kann er das, wenn er einen guten Text vor sich hat. Unabhängig davon, ob das nun eine Übersetzung oder das Original ist.

Gibt es unübersetzbare Texte?

Mann sagt, es gebe sie, ich weiß es nicht. Wenn ich sehe, was für schwierige Texte allein in den letzten 10 – 15 Jahren zum ersten Mal auf Bulgarisch erschienen sind, fällt es mir schwer, das zu glauben.

Sie haben auf der Bühne mehrerer Theater gespielt, Sie haben außerdem auch Theaterstücke übersetzt. Wie vertragen sich die Schauspielerin und die Übersetzerin in Ihnen? Imponiert Ihnen die Arbeit als Schauspielerin mehr oder die als Übersetzerin?

Ich mag beide Tätigkeiten, aber es ist für mich besonders angenehm, ein Theaterstück zu übersetzen. Dabei muss ich so ziemlich alle Rollen spielen, damit ich den passendsten sprachlichen Ausdruck für die Handlung auf der Bühne finden kann. Diese Herangehensweise ist mit Sicherheit damit verbunden, dass ich eben auch Schauspielerin bin. Anders kann ich aber einen Theatertext nicht lesen und übersetzen.

Sie haben mit mehreren prominenten bulgarischen Regisseuren gearbeitet, würden Sie etwas über Ihre Erfahrungen aus der Arbeit mit ihnen erzählen?

Mit dem Beruf der Schauspielerin habe ich schon lange abgeschlossen, es ist also nicht mehr an der Zeit für solche Erinnerungen.

Welche Werke möchten Sie in Zukunft übersetzen?

Bestimmte Pläne habe ich diesbezüglich nicht, ich hoffe einfach, dass man mir bald wieder einen interessanten Text anbieten wird.

Und welchen anderen Tätigkeiten würden Sie sich gern widmen?

Meine Arbeit war immer abwechslungsreich genug. Hoffentlich kann ich noch lange in diesen Metiers tätig sein. Deshalb träume ich auch nicht von neuen Beschäftigungen.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Zurzeit übersetze ich ein neues Theaterstück von Hristo Boytchev. Es gefällt mir sehr und ich hoffe, dass es auch bei den Zuschauern gut ankommen wird.

Barbara Müller wurde am 15. Januar 1942 in Leipzig geboren, ihr Vater war Deutscher, ihre Mutter Bulgarin. Bis 1959 lebte sie zuerst in Leipzig, dann in Berlin, seitdem arbeitet sie in Bulgarien.

1966 absolviert sie ihr Studium an der Theaterhochschule „Krastjo Sarafow“ in Sofia, dann ist sie als Schauspielerin an mehreren Schauspielhäusern in Bulgarien tätig. Zur selben Zeit übersetzt sie Theaterstücke aus dem Deutschen ins Bulgarische und arbeitet dabei mit bekannten bulgarischen Regisseuren zusammen.

Von 1974 bis 1979 arbeitet sie als Übersetzerin und Sprecherin in der deutschen Redaktion von Radio Sofia. Von 1979 bis 1989 macht sie die Endredaktion in der deutschsprachigen Version der Zeitung “Sofioter Nachrichten”. Zu dieser Zeit erweitert sich der Umfang der Wochenzeitung von 8 auf 16 Seiten. Zugleich macht sie zweimal ein Praktikum bei der Ztg. „Wochenpost“ in Berlin, DDR, spezialisiert in Moskau und erstellt mehrere Terminologieglossare zu aktuellen Medienthemen.

1989 – 1991 ist sie Geschäftsführerin des Bulgarischen Übersetzerverbandes, wo sie Kontakte mit Schriftsteller- und Übersetzerverbänden anderer Länder knüpft.

1991 – 1995 kehrt sie in die Deutsche Redaktion von Radio Bulgarien zurück, wo sie mehrere eigene monatliche Rubriken führt.

Zurzeit ist sie freischaffende Übersetzerin.

Auszeichnungen:

1995 г. – Jahrespreis des Bulgarischen Übersetzerverbandes für „Der gehäutete Hund“ von Christo Saprjanov
2008 г. – Preis des Kulturministeriums für die Übersetzung von bulgarischen Autoren und die Popularisierung der bulgarischen Kultur

Übersetzte Bücher:

Aus dem Bulgarischen ins Deutsche:
– Christo Saprjanov, “Der gehäutete Hund”, 1994
– Blaga Dimitrova, “Ironie der Geschichte”, 1996
– “Überwundene Grenzen”, 1996 (zweisprachige deutsch-bulgarische Lyrikanthologie, Nachdichtungen in beiden Richtungen)
– Angel Wagenstein, “Pentateuch”, 1999
– Wera Mutaftschijewa u. a., “Bulgarien, ein Abriss”, 1999
– Jordan Raditschkov, “Wildes Gras”, Drama, für die Bonner Biennale “Stücke aus Europa”, 1994
– Tzocho Boiadjiev, „Die Nacht im Mittelalter“, 2003
– Evelina Lambreva, “Unerwartet”, 2008
– Ivan Radoev, “Wunder”, Drama, für die Bonner Biennale “Stücke aus Europa”, 1996
– Tausende Seiten Publizistik und Journalistik für die Sendungen der Deutschen Redaktion des Bulgarischen Rundfunks und die Zeitung “Sofioter Nachrichten”
– Mehrere Filmdrehbücher für Koproduktionen, darunter auch von Angel Wagenstein (“Hotel Shanghai”, “Nach dem Ende der Welt”, “Die Jüdin von Toledo”)
– Mehrere weitere bulgarische Theaterstücke für Gastspiele bulgarischer Schauspielhäuser im deutschsprachigen Raum.

Aus dem Deutschen ins Bulgarische:

– Bertolt Brecht “Herr Puntila und sein Knecht Matti”
– Siegfried Lenz “Der Hofmeister”
– Frank Wedekind “Erdgeist” und “Die Büchse der Pandora”
– Ulrich Plenzdorf “Die neuen Leiden des jungen W.”
– Georg Tabori “Requiem auf einen Spion”
– Ephraim Kishon „Es war die Lerche“
– Heilige Hildegard von Bingen “Heilkraft der Edelsteine” und “Hildegard Medizin Praxis”

Kategorien: Frontpage · Szene

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