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Hamburg: Hiesiger Blues. Bulgarische Lyrik trifft Hamburger Illustration

10 April, 2014 von · Keine Kommentare

Ausgewählt von Elin Rachnev
Übersetzt und kommentiert von Henrike Schmidt
Illustriert von Studierenden der Hamburger Technischen Kunstschule
unter Leitung von Gaby Bergmann

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„Ein Zusammenstoß ist eben auch eine Chance, / Dass wir uns zusammen auf den Weg machen“, so eine Verszeile aus dem Gedicht „Hiesiger Blues“ des bulgarischen Dichters Ivan Landzhev. Zusammen auf den Weg machten sich im Herbst Studierende der Hamburger
Technischen Kunstschule, die ausgewählte Lyrik junger bulgarischer Autoren/innen im Rahmen eines Seminars visuell umsetzen, unter Anleitung der Dozentin Gaby Bergmann.

Liebe und Freundschaft, Abschied und Tod sind die existenziellen Zutaten des „Hiesigen Blues“, die kulturübergreifend die junge Kunst beschäftigen. Und dabei auch Lokalkolorit aufzeigen, im Falle Bulgariens etwa die Auseinandersetzung mit dem Leben in der Krise.

Neben der Arbeit mit Inhalten und Bildmotiven der literarischen Texte ging es bei deren Illustration insbesondere darum, ihren visuellen Rhythmus zu erspüren und in eine eigene Bildstruktur zu übersetzen.

Im Frühjahr 2014, am 10. April, werden die Ergebnisse dieses kulturellen und medialen „Zusammenstoßes“ im Rahmen einer Ausstellung und Lesung an der Hamburger Technischen Kunstschule (http://www.htk-ak.de/) vorgestellt in Kooperation mit (p)ostkartell. verein für angewandte kulturforschung e.v. (www.postkartell.org) und der Deutsch-Bulgarischen Gesellschaft Hamburg e.V.

Ausgehend von einer Auswahl von sieben Gedichten sind über zweihundert Bild-Interpretationen und experimentelle Illustrationen entstanden. Wir freuen uns, dass Public Republic einige ausgewählte Übersetzungen und Illustrationen veröffentlicht und bedanken uns bei den Autoren Ivan Landzhev, Jordanka Beleva und Vasil Balev sowie bei den Illustrator/innen Julia Fischer, Pia Eilenberger, John Ihlo und Jonas Thiel für ihr Einverständnis und ihre Unterstützung. Die Rechte für alle Bilder und Texte liegen bei den Autor/innen und Illustrator/innen.

Ivan Landzhev

Hiesiger Blues

jonas_thiel
Illustrationen von Jonas Thiel

Wir rasen über den rissigen Asphalt der beiden einzigen Fahrbahnen,
auf schlechtem balkanischen Weg.
Unser Zusammentreffen ist so unmöglich
wie unvermeidlich.
Gib Gas!
Die Tiere werden sich weigern uns zu jagen,
wenn wir uns nicht beeilen.
Die Landschaft wird aufhören uns zu verspotten,
wenn wir uns nicht beeilen.
Jemand wird die Unebenheiten glätten. Die Musik
wird mit dem Bild zusammenfallen − wenn wir uns nicht beeilen.

Siehst du die kleinen Heiligen-Figuren, wie sie an unseren
Rückspiegeln hängen: sie zittern immer bedrohlicher.
Als ob sie Bescheid wüssten.
Ein Zusammenstoß ist eben auch eine Chance,
Dass wir zusammen aufbrechen.

PiaEilenberger_Illu_Landzhev_01

Das Gedicht hat der Veranstaltung seinen Titel gegeben, bringt es doch das Lokale, den bulgarischen Weg, mit dem Globalen, dem ‚ewigen Blues‘ zusammen. Die Metaphorik des Texts und die rhythmische Reihung seiner Bilder, die in der Katastrophe des Zusammenstoßes endet, birgt im Übrigen ein wesentlich höheres Tempo, als es der Titel des Blues vermuten lässt.

Das ist nur eine der vielen „Nicht-Entsprechungen“, in der Übersetzung als „Unebenheiten“ wiedergegeben, die den Text auf der Ebene seiner poetischen Verfasstheit auszeichnen.

Nicht nur der Asphalt der schlechten bulgarischen Straßen ist uneben und lässt die namenlosen Protagonisten ins Schleudern geraten. Sondern auch die Bilder, die während der rasenden Fahrt des Texts in den Rückspiegeln aufscheinen entsprechen einander nicht, sind „uneben“, paradoxal. Tiere, die sich weigern zu jagen, wenn ihr Opfer nicht schnell genug flieht, Landschaften, die ihren Betrachter verspotten. Musik und Bild dürfen in diesem literarischen Road-Movie mit seiner cineastischen Optik nicht zusammenfallen, sondern es muss eine Wahrnehmungslücke bleiben, die erst die Intensität des Moments garantiert.

Der Augenblick des Zusammentreffens führt hingegen unausweichlich in die Katastrophe, die auch die bedrohlich zitternden Heiligen-Figuren nicht abwenden können. Der Katastrophe eignet jedoch auch ein Moment des Produktiven und der Rettung, des gemeinsamen Aufbruchs in eine andere Realität.

Für die Übersetzung, sei es in eine andere Sprache oder in das andere Medium des Bilds, ist der vielschichtige Einsatz von Bildern im Text und ihre paradoxale Aneinanderreihung die besondere Herausforderung. Zentral ist die Metapher des Wegs, der einerseits konkret als schlecht asphaltierte und damit gefährliche Straße verstanden werden kann, andererseits im Sinne des „balkanischen Wegs“ als Mentalität, oder vielleicht besser als Modus der gesellschaftlichen Verständigung, der über die auswegslose Konfrontation in Konflikt und politische Katastrophe führt. So gelesen, kann das Gedicht auch als Kommentar zur aktuellen politischen Situation in Bulgarien gelesen werden.

Nach einem Jahr des politischen Aufbruchs und der Proteste gegen Korruption und postsozialistische Vetternwirtschaft stehen sich im Frühjahr 2014 die Befürworter und Gegner der aktuellen Regierung in einer Patt-Situation gegenüber. Landzhev selbst hat das Gedicht, das bereits in früheren Jahren entstanden ist, 2013 in seinem Blog als poetischer Kommentar zur politischen Situation positioniert.
Für die Übersetzung ins Deutsche und die Illustration im Bild war es entsprechend wichtig, nicht nur die einzelnen Bildmotive „Straße“, „rasende Autofahrt“, „Unfall“ und „Katastrophe“ konkret zu bebildern, sondern die Rhythmik der Bildabfolge und insbesondere ihre „Unebenheiten“ formal nachzubilden.

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JuliaFischer_Illu_Beleva_02

Iordanka Beleva

es gibt solche abreisen
plötzliche verdampfungen
zwischen kartographie und ansichtskarte
entweichen die farben
aus den gewohnten orten
aus den willkürlichen landschaften des blicks
zieht sich das zinnoberhafte zurück, verschwindet das galenit
es gibt auch keine kreiden mehr
ausgewischt sind atlanten und odysseen
naturwissenschaftliche versuchsanordnungen
und du weißt nicht
wie fern du dem anfang bist
und dem nächsten punkt

JuliaFischer_Illu_Beleva_03

Die Struktur des Raums steht auch im Mittelpunkt des Gedichts von Jordanka Beleva, was es für visuelle Interpretationen besonders interessant macht. Die in der ersten Zeile prominent gesetzte Abreise erfolgt nicht dadurch, dass sich eine Person durch die Welt bewegt, sondern dass sich umgekehrt die Welt der Wahrnehmung konsequent entzieht. Die Farben entweichen aus den Landschaften des Blicks, die menschlichen Ordnungssysteme der Wissenschaften und des Mythos funktionieren nicht mehr.

Weder die geographischen Karten noch die privaten Erinnerungszeichen der Ansichtskarten stiften mehr Orientierung. Weder die mythischen Erzählungen noch die Experimente der Naturwissenschaft sind in der Lage die kollektive Erinnerung und das empirische Wissen festzuhalten. In der Folge verliert das Subjekt, als das jeder Leser in den letzten Zeilen konkret angesprochen wird, sein Koordinatensystem und schwebt im freien Raum. Eine Bebilderung, die nicht nur illustrativ mit einzelnen Motiven des Gedichts arbeitet, setzt sich mit diesem grundlegenden Prinzip der De-Orientierung und Ent-Räumlichung strukturell auseinander.

Illustrationen von Julia Fischer

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JohnIhlo_Illu_Balev_01

Vasil Balev

Spleen

Ich hatte vergessen
dass ein Freund gestorben war.
Ich ging ihn suchen in der Bar, in der er nachmittags immer saß.
Er war nicht da und ich wurde, ich weiß nicht warum, traurig;
doch −
als ich die ständigen Gesichter all der anderen sah –

Dachte ich nicht,
dass etwas Schlimmes geschehen sei.
Deshalb setzte ich mich auf seinen Lieblingsplatz,
und wartete.
Der Whisky schwamm in mir wie ein rotes Fischchen,
um mich herum kreisten die Wimpern der Mädchen wie Fliegen.
Dann zahlte ich – und kehrte in meinen Mantel zurück.

An seinen Tod erinnerte ich mich erst in der Nacht –
Erinnerte mich an seinen Körper. Und
hatte Mitleid mit mir selbst.
Denn auch ich bin tot.
Bin ein Leichnam bei hervorragender Gesundheit!
Mit meinen 26 Jahren bin ich so vollendet in meiner himmlischen,
vollständigen Einsamkeit,
als wäre ich schon lange gestorben – und
hätte es nur vergessen …

Und jedes meiner Gefühle heute
ist eine Erinnerung an einen verstorbenen Freund.

Nicht die Auflösung des Raums, sondern das Heraustreten des Subjekts aus seinem eigenen Körper ist Gegenstands dieses als „Spleen“ betitelten Gedichts. Die wörtlich zu nehmende Exzentrik dieses morbiden Spiels mit dem eigenen Ich wird noch dadurch unterstrichen, dass sie im bewusst banalen, alltäglichen Raum der Bar angesiedelt ist, mit den ewigen Stammgästen und ihren „ständigen Gesichtern“. Die Innen- und Außengrenzen der Körperlichkeit und der Selbstwahrnehmung werden ständig durchbrochen und die Dinge emanzipieren sich von ihren Trägern. Die Drastik der Entfremdung von der Umwelt und sich selbst wird noch dadurch hervorgehoben, dass die äußere Welt und ihre Bewohner auf den inneren Tod des Protagonisten gleichgültig reagieren.
Ungeachtet der existenziellen Noten dieses morbiden Sujets handelt es sich dabei gleichzeitig um ein literarisches Spiel, wie der Titel „Spleen“ offenlegt. Vom griechischen Wort für „Milz“ = „splḗn“ abgeleitet, steht das heute als Anglizismus wahrgenommene Wort ursprünglich für eine durch Erkrankung des Organs hervorgerufene Gemütsverstimmung.

Meist wird es jedoch zur Bezeichnung einer Marotte, eines Ticks oder einer fixen Idee genutzt. Zu literarischer Berühmtheit ist der Spleen durch den französischen Schriftsteller der Moderne Charles Baudelaire gelangt, der gleich eine Reihe von Spleen-Gedichten verfasst hat.

Das lyrische Subjekt wird hier mit einer Reihe bis heute wohl unübertroffener Metaphern des Verfalls und des Todes belegt, etwa als „mondloser Kirchhof“, auf dem die Würmer die Gebeine der Liebsten zernagen (Spleen II, aus den „Blumen des Bösen“).
In den Illustrationen von John Ihlo wird sowohl die Doppelweltlichkeit und Entfremdung des Ich von seiner Umgebung gekonnt in Szene gesetzt als auch die Exzentrik dieses Spiels mit der eigenen Sterblichkeit formal aufgegriffen.

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JohnIhlo_Illu_Balev_02

Thespis am See

Vasil Balev

ich habe einen zustand erreicht, an dem ich mich ekele
vor dem ausdruck starker gefühle:
jede grimasse erfüllt mich mit abscheu.
vor allen dingen der schmerz stößt mich ab –
in ihm ist nichts alt-griechisches,
vor allen dingen das lachen –
mit seinem muskulösen gesicht.
vor dir selbst zu bestehen – alleine, innerlich,
ohne äußere zeichen
gefällt mir besser. – ich sitze gerne
und sammele die weiße melancholie
in meinem unterwasser-schoß
schaue das blau mit meinen augen aus laich …
man sagt mir, ich sei ein guter schauspieler,
aber die bühne ist nicht für mich –
so wenig wie das leere mitgefühl:
ich bedauere meine helden nicht
(außer gelegentlich den redner,
der als erster erwacht zwischen den resten seiner gestrigen rede
und die worte stören ihn
wie ein haar im mund).
ich entferne mich.
jetzt, da eine brise geht, ist die oberfläche des sees
mein gesichtsausdruck,
die landschaft meine maske.
darum komme ich hier her, an den see – alleine
um über mein gesicht nachzudenken und –
damit niemand es sieht;
eine einzige grimasse reist zu mir durch die jahre.
aber ich komme zu spät –
das publikum erwartet die nächste tragödie
[…]
und ich spiele, spreche meinen part –
hinter meinem tränen stehe ich
gänzlich ungerührt.

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Kategorien: Art Café · Frontpage · Modern Times · Um die Welt · Visual Arts

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