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Helden der Arbeit

20 Juli, 2010 von · Keine Kommentare

Vladimir Zarev

Auszug aus dem Roman „Feuerköpfe“

Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm

erschienen in der Zeitschrift AM ERKER, Heft 58, Daedalus-Verlag, Münster 2009

village_viewPhoto: Detroit, Mich

Der 1. Mai 1946 kam galant und festlich daher. Die Fahnen zitterten erwartungsvoll, die Natur blühte mit dem Schmuck der Straßenzüge um die Wette. Seltsame Zeichen kündeten von seltsamen Zeiten. Nebenan in der Stadt Kula kam ein Kind zur Welt mit sechs Zehen an einem Fuß und Schwimmhäutchen dazwischen. Vor einer Woche war ein Afrikaner in Widin aufgetaucht, keiner wusste, woher. Seine Zähne lachten so blendend weiß aus der Schwärze seines Gesichtes, dass einen das Mitleid packte vor so viel Einsamkeit.

Der Flieder kam spät, und dann in einem seltsam matten Lila. Trüb und dräuend folgte das Frühjahrshochwasser der Donau, das die Leute, weil es stets zur Zeit der Kirschblüte Widin erreichte, Kirschflut nannten. Schäumend riss sie mit sich das von Leid kündende Geschützgrollen des eben vergangenen Krieges und die Stille eines zerbrechlichen Friedens. Die Sümpfe füllten sich mit Stauwässern, die in ihrem mystisch wirkenden Dunst das Abendrot einhüllten und auf ihrer schlierigen Oberfläche das wiedererstehende Leben spiegelten.

Nach dem Hungerwinter schnallten die Bauern ihre Gürtel um ein Loch enger, verpichten ihre Karren neu und machten sich auf zum Markt. Der Lenz wusch die Fenster der kleinen Lädchen und die Gesichter der Roma, dass ihr Lächeln taxierend aufblitzte, und aus den Kaffeehäusern drang das Knallen der Würfel auf Tisch oder Spielbrett. Im Keller der Bezirksverwaltung walkte ein Mann mit dem Spitznamen das Tier, auf dessen Brust eine Loreley tätowiert war und der gestern noch die Kommunisten in den Pranken hatte, hingebungsvoll seine Vorgesetzten von gestern und andere „faschistische Ausgeburten“ durch.

Zum Beispiel Polizisten, Fabrikanten oder Großkaufleute, die mit den Deutschen Geschäfte gemacht hatten und nicht weitsichtig oder mutig genug gewesen waren, das letzte weiße Schiff zu nehmen, das noch ungehindert vor dem Einmarsch der Russen in Bulgarien am 5. September 1944 im Frühnebel nach Wien abgedampft war. Im tierisch riechenden Schweiße nicht nur seines Angesichtes und mit dem Eifer eines Inquisitors zog er ihnen die Haut ab, zertrümmerte ihnen die Knochen und entlockte ihnen so jedes Geständnis, das er brauchte.

Die Mücken tankten Wärme in der Sonne, bis sie sich, summend, wieder in fliegende Schalmeien verwandelt hatten, deren Schnarren Erinnerungen an das giftgelbe Gespenst der Malaria weckte. Den Widiner Fischern ging eine deutsche Mine ins Netz. Stumpf und gehörnt, glich sie dem Teufel. Sie hatte etwas Blindwütiges an sich, ging aber dennoch nicht in die Luft, wohl weil der Frieden ihren feinen Mechanismus lahm gelegt hatte. Die alten Frauen kamen wieder vor die Tür, schauten als erstes, wie viele von ihnen den Winter überlebt hatten und beugten sich dann in der Weinlaube über ihr Strickzeug. Der Dankbare Kotscho deutete seinen letzten Traum und sagte, wenn auch mit Verspätung, die Entwicklung der Atombombe voraus, deren gleißendes Licht den Weg der Menschheit in die Zukunft apokalyptisch ausleuchten sollte.

Lehrer Proykov ließ seine physikalischen Experimente sausen, in denen er schon so gut wie sicher die Relativitätstheorie widerlegt hatte, warf seine Pepitafliege fort und trat der Opposition bei. Er begann, Abonnenten für die Zeitung „Freies Volk“ zu werben, verherrlichte den vorausschauenden Geist Churchills und der amerikanischen Demokratie, schwang Reden und ertränkte im Pathos starker Worte seine romantische Leidenschaft für die Monarchie. Agitatoren gingen über die Dörfer, zerlumpte Männer das, gewappnet mit nichts als Geduld, billigen Broschüren und verheißungsvollen Worten über das neue Leben. Aus Knechten wurden Bürgermeister. Die alten Gemeindeoberhäupter versteckten ihre Weizenvorräte und machten die Euter ihrer Kühe wund, um eine Hungersnot auszulösen.

Das Volk war entzweit und ohnmächtig. Es ging das Gerücht, dass die Frauen nun Gemeingut werden sollten oder – noch schlimmer – den Männern gleichberechtigt, so dass ihre fatale Überlegenheit nun noch klarer hervortreten würde. Die Zigeuner von Widin begrüßten den freudigen Knospenschlag des Frühlings am Tag der Arbeit auf ihre Weise, schmolzen all ihr verfügbares Zinn ein und gingen damit auf die Dorffeste in der Gegend, um Kupferwaren wie Armbänder, Kessel und Henkeltröge gegen Grünspan neu zu verzinnen.

Die ganze Stadt ging auf die Straße, um der Freiheit ein Vivat und Willkomm zuzurufen. Von der geschmückten Tribüne schwenkte die Parteiführung ihre Uniformmützen, in den Holstern der Partisanen schaukelten schwere Pistolen. Alles ertrank in Blumen und Lärm. Vom Balkon des Gebäudes der ehemaligen Bezirksverwaltung dröhnte ein mit neuem Matratzenstoff bezogener Lautsprecher. Jemand ließ einen Papierdrachen steigen. Milizionäre bahnten drei Lastwagen den Weg durch die Menge, der erste geschmückt mit zwei Dutzend Flaggen der Revolution, der zweite mit den Portraits von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Georgi Dimitrov, angefertigt vom örtlichen Marinemaler.

Bedächtiger, mit seiner ans Märchenhafte grenzenden Last, kam der dritte Opel voran: Da saß doch tatsächlich, angetan mit einem breitkrempigen Hut, Zwetana, das Dienstmädchen der Tante Allwissend, auf der harten Holzbank, und hatte die Aufgabe, der rumänischen Stalinistin Anna Pauker zu ähneln. Barbier Trentscho, der neben ihr saß, gekleidet in gestreifte Hosen und mit einer gewaltigen Kette über der Weste, stellte den Präsidenten Theodore Roosevelt vor/dar. Der Dankbare Kotscho, im normalen Leben Meister der Düfte und Tinkturen, hatte sich frisiert wie Winston Churchill. (Den Kugelbauch besaß er schon.) Und Herrn Hadschipetkovs Drahtbrille gemahnte an den russischen Außenminister Wjatscheslav Molotow (Anm. d. Üb.: Da die Endung der russischen Namen weicher ausgesprochen wird als die der bulgarischen, schreibe ich sie mit „w“ – aber das muss nicht sein.)

Und schließlich stand der Schlaffe Kosta auf dem langsam dahin schaukelnden Gefährt und hielt sich mit stolzem Stoizismus an seinen blinkenden Manschettenknöpfen aufrecht. Gekleidet in die Parade-Uniform des abgesetzten Bezirksvorstehers, verkörperte er die Größe General Charles de Gaulles. Das tat er mit einer solchen Schauspielkunst, dass man meinte, seine Nase sei irgendwie deutlich länger geworden und hinge markant herab. Niemand jedoch wollte das hochpatriotische Risiko übernehmen und die Rolle des Generalissimus Josef Stalin spielen, denn jedes noch so kleine Versagen würde so gut wie sicher bedeuten, in den Pranken des Tiers zu landen.

Die so personifizierten „Völker“ jubelten, aber sie lächelten nicht. Sie schauten durch die Menschenmassen am Straßenrand in eine Ferne, die jenseits des Kommenden und des Gewesenen lag – kurz: sie fuhren vorbei mit Blicken, die in eine utopische Zeit gerichtet waren und in denen nichts Menschliches zu lesen war. Sie waren so leidenschaftlich verbrüdert, dass es keine Kraft gab, die sie vom Sockel ihrer Einigkeit hätte herabstürzen können. Die Leute riefen „Hurra“, schwenkten Plakate, die noch nass waren, wischten sich bittersalzige, beinah wolllüstig hervorgepresste Tränen ab und warfen Blumensträuße, in denen ihr Herz steckte; denn der Freiheitsrausch eines Volkes zeigt sich in der Erweckung seiner naiven Unbekümmertheit.

Vielleicht war die Last dieser Zurufe zu groß für unseren Lastwagen mit den Brudervölkern, denn er gab ein rasselndes Schnarchgeräusch von sich und – blieb stehen. Es folgte ein Moment der Verwirrung. Dann kam Bewegung in „die Völker“. Sie sprangen von der Karosserie herab und machten sich daran, den Opel des Fortschritts anzuschieben. Oben sitzen blieb nur Anna Pauker. Völlig perplex von dieser hektischen Betriebsamkeit, überwältigt von der plötzlich über sie gekommenen Berühmtheit, verschwitzt unter ihrem breitkrempigen Hut und dem übergeworfenen Fuchspelz, begann sie, die Finger in das straßverzierte Handtäschchen ihrer Herrin gekrallt, plötzlich zu schluchzen, und da, genau da gelang es den Brudervölkern am Wagenheck, den Motor wieder ans Laufen zu kriegen…

Am selben Abend, überströmend vor Glück, wie großartig er seine Rolle gespielt hatte, betrank sich der Schlaffe Kosta hemmungslos in der Schänke „Zum Hasenblut“. Er tat es der Freiheit zu Ehren und in grenzenloser Ehrerbietung vor dem legendären Franzosen. Mit Hilfe des übereifrigen Schneidermeisters Temelko hatten sie die Litzen der Bezirksvorsteher-Uniform auf Hochglanz gebracht, die aufgenähten „faschistischen“ Auszeichnungen aber abgetrennt und an deren Stelle ein paar der funkelnden Stanniolpapierchen aufgenäht, mit denen die Pralinen der Marke „Paradis“ eingewickelt waren. Der Schlaffe Kosta hatte noch keinen Begriff davon, dass die Freiheit eine Prüfung war, eine Verpflichtung und eine Arbeit des Menschen an sich selbst; er war an diesem Abend überzeugt, dass die Freiheit ein General war! Er trank ausgiebig und voller Genuss. Auf seinen Wangen erblühten Veilchen. Schließlich durchdrang ihn das Gefühl, er müsse die Leute anführen, irgendwo hin.

„Ich will Gerechtigkeit, will Vergeltung!“, tönte er in promillegestütztem Klassenbewusstsein und führte seine Saufkumpane schwankend, aber entschlossen durch die sternenstille Silbernacht. Sie durchquerten den Park mit seinen duftenden Zypressen, deren Schatten im gelblichen Licht des Vollmonds kriegerisch wie Bajonette aussahen, und marschierten ein ins Restaurant „Royal“, wo Herr Wodetschka gerade sein Sodbrennen mit einer Portion Kaisernatron kurierte. Im Separee, dessen Tapeten auch schon mal frischer ausgesehen hatten, tranken Ilija Weltschev, Tante Allwissend, Gesellschaftsschneiderin Dora und der Eisenwarenhändler Tzotzolanov Bier. Die hängende Kugellampe über ihnen wirkte schwer wie eine volle Blase.

Gina Jotzova hatte noch immer nicht ihren Spleen abgelegt, deretwegen alle sie insgeheim „Tante Allwissend“ nannten, und dozierte mit penetrant von ihrer französischen Bildung eingefärbtem Akzent, was die letzten Ergänzungslieferungen der Encyclopédie Larousse ihr an neuem Wissen ins Haus gebracht hatten. Es war ein Wissen von jener Art, wie es die Menschheit in Enzyklopädien schon deshalb aufnimmt, um es nicht ein zweites Mal zu erwerben. Sie sprach gerade über den Zusammenbruch des geozentrischen Systems, das Ptolemäus in der Antike geschaffen hatte. Ilija Weltschev sagte nichts dazu; aber er sagte auch sonst zu nichts etwas, seit eineinhalb Jahren schon.

„Da haben wir die Schuldigen“, erhob der Schlaffe Kosta die Stimme. „Ich will Vergeltung!“

Unbeholfen knöpfte er seinen Hosenstall auf, stellte sich vor den noch am besten erhaltenen Spiegel dieses einstmals royalen Restaurants, und ließ unter perlender Klavierbegleitung seinem zerrütteten Organismus, der sich in der Begeisterung dieses Tages noch einmal gestrafft hatte, das gelbliche Strählchen eines ohnmächtigen alten Mannes entströmen. Die Luft im Restaurant „Royal“ schien sich aufzuladen, wie getränkt vom Geruch eines herannahenden Sturms. Schließlich gelang es dem Pianisten, seinen Kloß im Hals herunterzuschlucken, und die letzten Klänge der nach Moll transponierten Melodie von „O, du lieber Augustin – alles ist hin“ huschten durch den Raum, um sich rasch ein Versteck zu suchen in den Poren der verstaubten Seidentapeten.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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