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Henrik Lüchtenborg: „Das Lächeln der Anne Frank“ – ein Lächeln als Mahnung, als Mahnung, nicht zu vergessen!

15 September, 2013 von · Keine Kommentare

Schriftsteller Henrik Lüchtenborg im Interview mit Jasmina Tacheva

Henrik Lüchtenborg

Hallo, Henrik, im 2014 wird dein neuer Roman “Das Lächeln der Anne Frank” erscheinen. Würdest du ein bisschen mehr über ihn erzählen?

Wir lernten Ausschwitz kennen, sahen Willy Brandt niederknien in Polen, sahen das Symbol des kalten Krieges fallen und bekamen im Geschichtsunterricht viel Wissen und Aufklärung mit.

Nicht zuletzt bekamen wir in anderen Ländern zu spüren, waren wir zu Gast, wie tief die Wunden, doch noch sitzen und schmerzen bei vielen Menschen.

Dass ein ganzes Volk sich versteckt, hinter einem Mann,dass man ignorierte – was ein Menschenleben bedeutet – dass man Juden wie Vieh behandelte und Menschlichkeit verloren ging im Wahn der Macht!
All das – darf niemals in Vergessenheit geraten – denn wer seinen Fehler von sich schiebt und vergisst – wird ihn aus lauter Dummheit erneut begehen.

Das Lächeln der Anne Frank ist eine Geschichte für die moderne Aufklärung des Nationalsozialismus mit all seinen Schreckentaten.

Die Geschichte soll modern und interessant, aber vor allem auch ganz eng mit der heutigen Zeit verknüpft, Kindern von heute, verständlich erzählen – über eine Zeit die, die ganze Welt verändert hat – die das Verständnis einer Weltordnung komplett neu betitelte.

Sie soll dazu beitragen, dass niemals ein Kind einen Ansatz von Langeweile verspürt – kommt es in Berührung mit dem Thema 2. Weltkrieg.

Als ich begann, Anneliese Marie Frank ein wenig näher kennen zu lernen und für mein Buch recherchierte, merkte ich schnell wie flink und Lebendig Anne in Ihrer Ansichtsweise war.

Ich verstand plötzlich warum man ein Kindertagebuch veröffentlichte und nicht das eines Erwachsenen, welches vielleicht wesesntlich komplexer und detaillierter hätte berichten können . . .

Anne Frank beschreibt ihr kurzes Leben aus einer Sichtweise, die wir gerne verstehen möchten.

Sie erläutert uns auf ihre liebenswerte Art und Weise wie sie all diese Schreckenstaten erlebt, und dennoch vermittelt sie wenig Hass, wenig Wut aus ihrer Sicht herraus… sie konzentriert sich auf das, was um sie herrum passiert… das hat mich faziniert und gleichzeit inspiriert.

Ich hoffe, dass Luan, Rachel und auch Anne es gemeinsam schaffen werden – die Zeit des Krieges, des Nationalsoziallismus, richtig und gut zu erzählen, damit sich so etwas Furchtbares nie wieder wiederholen kann!

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Coverbild: Jan Mövius

Auf der ersten Seite deines Exposes steht ein wunderbares mögliches Coverbild von dem Berliner Kunstmaler Jan Mövius, das eine Zeitung mit mehreren Fotos von Anne Frank in verschiedenen Posen darstellt. Was für eine Botschaft soll diese Illustration tragen?

„Nun die ganze Geschichte beginnt und zieht sich auf an der Person Anne Frank, an diesem, für Kinder doch so unbegreiflich großem Kontrast, zwischen dem liebenswerten, unschuldigen und glücklich wirkenden Kinderlächeln der Anne Frank, und ihrer wahren Geschichte, die sie erleiden musste – Verrat , Mord und Tod!

Die Schlüsselszene der ganzen Geschichte bindet Mövius geschickt mit in das, von ihm frei interpretierte, Coverbild mit ein. Ich bin dankbar, mit so einem kreativen Maler zusammenarbeiten zu können und hoffe natürlich, dass er dieses Projekt beibehält und vielleicht noch, dass er das ein oder andere Bild für meine Geschichte erarbeiten wird – und wer weiß, vielleicht reizt es ihn ja so sehr, dass er selbst einmal dieses Buch zu einem Thema seiner Ausstellungen machen wird… dies aber nur am Rande.

JA, Luans Mutter breitet diese, für Luan so riesig wirkende Zeitung, vor ihrem Gesicht aus, so dass das Bild der lächelnden Anne Frank ihr geradezu ins Gesicht springt.

Nach langer Begutachtung, stößt es aus Luan herraus:

„Mama! Wer ist dieses Mädchen auf dem Foto?“

Die Mutter knittert hinter ihrer Zeitung hervor, wirft einen kurzen Blick auf das Foto und antwortet fast genervt:

„Das ist Anne Frank, hübsch, ne?“

Luan aber, reicht diese, doch recht kurze und fast respektlose, Antwort jedoch kein Stück.

„Und wer, bitte schön, ist DIESE Anne Frank, dass man so ein großes Foto von Ihr macht?“ – fragte er mit ziemlich böser Stimme… und schnipst eine der rausgepuhlten Rosinen in die Richtung der Mama, damit sie mal endlich zuhört.“

Zusammengefasst, hast du nach der Botschaft dieses Coverbildes gefragt – die Botschaft ist klar – „Anne Frank und Ihre Geschichte des Nationalsozialismus steht wieder auf der Titelseite unserer Zeitungen – Sie ist wieder neu erzählt! Damit alle Generationen nach uns sie niemals vergessen mögen. Sie ist aktueller denn je, denn wir leben wieder in einer Zeit des Umbruchs und der Unzufriedenheit.

„Das Lächeln der Anne Frank“ – ein Lächeln als Mahnung, als Mahnung, nicht zu vergessen!

Was für eine Bedeutung hat das Gedächtnis in deinem eigenen Leben und wie wichtig ist es, deiner Meinung nach, in der Geschichte eines Volkes?

Deutschland darf nicht vergessen, dass der Nationalsozialismus immer ein Teil seiner Geschichte bleiben wird. Denn auch ein Mörder bleibt ein Mörder, wenn er seine Haftstrafe abgesessen hat! Es geht aber nicht um sturres Erinnern oder Verurteiln und daran festhalten – es geht einzigst alleine darum, daran zu arbeiten, Tag für Tag, dass so etwas nie wieder passieren wird.

Ebenso dürfen andere Nationen nicht vergessen, wie lange ihre Länder tatenlos zugeschaut haben, als Hitler sich erhob.

Europa muss sich mit dieser Geschichte auseinadersetzten und sich fragen – was haben unsere Länder falsch gemacht – und nicht – wer ist am meisten schuld!

Ein starkes soziales Miteinander, eine funktionierende Gemeinschaft, – mit all ihren kleinen Fehlern, hätte keinen Adolf Hitler zugelassen!

Also ist die Frage, die wir uns stellen müssen, doch klar, oder?

Nicht alles ist auf den Schultern der Person Adolf Hitlers anzuladen – das bringt uns nicht weiter – im Gegenteil – es macht es uns nur einfacher, die Geschichte zu verdrängen .

-sondern-

WAS haben „wir“ damals falsch gemacht und was machen WIR heute falsch?

Mit dieser Frage, nehmen wir sie ernst, haben wir die unglaublich große Chance, unseren Enkeln vielleicht eine schönere Geschichte berichten zu können, als meine Großeltern sie mir zu berichten hatten…

Was ich an deiner Idee besonders faszinierend finde, ist die Tatsache, dass obwohl die Buchthematik erstblicklich nach hinten zu schauen scheint, ist das eigentlich ein Buch über “die moderne Aufklärung des Nationalsozialismus mit all seinen Schreckentaten”, wie du selbst sagst, über die Gegenwart und Zukunft also, nicht wahr?

Ja, genau, denn die einzige wichtige Aussage, die meine ganze Geschichte haben soll, ist –
DAS DARF NIE WIEDER PASSIEREN!

Deswegen empfinde ich es als wichtig, einen Pfad zu bauen zwischen damals und heute, welcher in eine sichere und friedliche Zukunft führen soll.

Wir können nur dazu lernen, wenn wir uns auch anhören, was wir falsch gemacht haben…

Was haben die Anne Frank und der kleine Luan gemeinsam?

Luan und Anne haben wohl nicht allzu viel gemeinsam- darum geht es auch gar nicht – es geht vielmehr um die einzelnen Personen.

Anne ist in einer ganz anderen Zeit geboren als Luan, mit ganz anderen Problematiken ihrer Zeit.

Dass Luan jedoch so von Ihr faziniert ist, dass er seine Blicke nicht lösen kann von dem Bild und dem liebenswerteren Lächeln der Anne Frank, verbindet sie sicherlich auf eine sehr fruchtare Art und Weise! Diese Begnung der beiden hat Luans junges Leben komplett verändert…

Ich möchte auch vorsichtig sein, man darf nicht zu viel angleichen.

Aber vielleicht darf ich Luans und Annes liebevolle und so kindlichgepflegte Ansicht auf ihr Leben vergleichen – beide sind doch schon sehr vernünftig – schauen Sie auf ihre Welt.

Glaubst du, dass die Welt durch die Augen eines Kindes anders aussieht?

Hi, ich bin Rachel! Und wer bist du ? – Luan schaute ein wenig erschrocken hoch.

Ein kleines schwarzhaariges Mädchen mit einem weissen Röckchen stand vor ihm und grinste ihn frech an. In ihren Armen hielt sie eine unglaublich hässliche alte Puppe, welche wohl an Haarausfall leiden musste, betrachtete Luan ihr Köpfchen.

„Ich bin Luan und ich spiele nicht mit Mädchen,” antwortete er genervt und widmete sich wieder dem Bau seines Sand Kzs. – Ein Innenhof und einige Baracken hatte er schon fertig gestellt, nun fehlten noch die Arbeitsfelder und die Gaskammern.

Mama hatte ihm auf diesem Foto ja gezeigt, wie diese Kzs alle aussahen.

Doch Rachel liess sich nicht abwimmeln.

“Was baust du da?”

„Oh man!“ stöhnte Luan, ohne sein Bauvorhaben zu unterbrechen.

„Wenn du’s unbedingt wissen willst, Ich bau ein KZ! – Das is’ ‘nen Lager für die Juden, da müssen die arbeiten .“

Rachel beugte sich ein wenig über Luans „Kunstwerk“ und nahm ihren linken Zeigefinger und bohrte ein riesengrosses Loch in das große Barackendach , welches Luan mit viel Liebe und Mühe um den Innenhof herrum gebaut hatte –

„Ey! Was machst du da?” schrie Luan mit richtig böser Stimme!

„Nun, siehts du, ich bin Jüdin und ich will unbedingt, wenn ich dort in dieser Hütte leben muss, den Himmel sehen können, wenn ich schlafen gehe , deswegen habe ich mir schonmal ein Gucklochfenster reingebaut…“

Ist das nicht fazinierend? ! ?

Hier entsteht gerade eine riesig große Freundschaft – zwischen zwei jungen Menschen, die verschiedener wohl kaum sein könnten –
Lass mich dir die Frage zurückstellen, liebe Jasmina, welcher Erwachsene könnte aus dieser Situation heraus sich vorstellen, eine Freundschaft fürs Leben zu gründen?

Ja, hast völlig recht! In einem Kapitel stellt Luan doch fest, dass er kein Deutscher mehr sein will. Gelingt es ihm sich mit der deutschen Vergangenheit zu befassen?

Als er erfährt, dass Kinder in Gaskammern, von ihren Eltern getrennt, ermordet wurden, dass sie vergast wurden – dass man sie einfach so auf große Haufen zusammen geschmissen hat, als sie tot waren – da fängt der kleine Luan plötzlich an zu weinen und schreit seine Mutter an: „Stopp, stopp, Mama! Nicht weiter erzählen …“ – er nimmt seine kleinen Händchen und presst sie ganz doll vor sein Gesicht.

Dann atmete er tief, durchschaut Mama, mit einem, plötzlich bösen gewordenen, Blick an und sagt: „Mama! Ich will kein Deutscher mehr sein, komm – wir werden Juden!………“

Luans Ansicht zum Leben und zu den Menschen ändert sich an dieser Stelle der Geschichte enorm – zwischen Wut und Trauer mischt sich ein ganz komisches Gefühl bei ihm mit ein…

Er! Er, Luan, ist ja auch Deutscher…

—— Hier, an dieser Stelle des Buches, hab ich stoppen müssen zu schreiben und hab eine Pause von 3 Tagen eingelegt – irgendwie hat mich etwas überrannt – ich musste selber weinen, beim Schreiben – einige Fragen kamen in mir hoch –
War es richtig, einem 6-Jährigen so unverblühmt von Tod und Mord zu erzählen?

Was passiert nun mit Luan? – Jetzt, wo er weiss, wozu Wir, Menschen, fähig sind – ist seine Kindheit vorbei?

Oder war es genau richtig – denn es ist wohl nicht schön zu reden an den Grauentaten des Nationalsozialismus…- nicht alles beantworte ich in meinem Buch… auch weil ich nicht auf alles eine Antwort fand…

Ja, Luan und seine Mutter schaffen es zu verstehen, dass Deuscher sein nicht heisst man ist dierekt schuldig an all dem Schrecklichen von damals – sondern sie lernen gemeinsam von einem alten Mann (dem alten Levin, welcher Auschwitz überlebte),
dass ein Deuscher zu sein, auch ein Geschenk sein darf – dass Deutschland ein Land ist, in dem es sich lohnen kann zu leben.

Dass es ein Land geworden ist, in dem Levin lernen durfte, sich – trotz seiner schrecklichen Erfahrungen, wieder wohl zu fühlen. Ja, dass Deutscher zu sein heute heisst – verantwortungsbewusst mit der Welt, mit den Mitmenschen umzugehen – der alte Levin hat es jedoch schwer Luan davon zu überzeugen, dass er nun kein schelchter Mensch ist nur weil er Deutscher ist…

“Früher war es Levin, – heute ist es Ali schuld!” – so lautet der Name eines der Kapitel. Können wir eine Parallele zwischen der Animosität gegen Juden von früher und der Abneigung gegen Muslime von heute ziehen?

Hierzu würde ich gerne das Kapitel meiner Geschichte selber antworten lassen und nicht vorgreifen… Aber ich darf sagen –
Wir sollten vorsichtig sein und den Nationalsoziallismus nicht allzu weit von unserer Zeit fern zu schieben…

Ich erlebe viel feigen Fremdenhass hier in Berlin – auch wenn er versteckt ist…

„Dem Türken an sich – würde ich ja nicht vertraun… oder… was die da machen, ist mir egal – aber schau, der fährt einen Mercedes, der MUSS kriminell sein – oder dass die in meinem Land mit Kopftüchern rumlaufen und meine Sprache nicht sprechen, kann ich doch nicht gutheissen“ – solche Parolen der Deutschen machen mir Angst – denn es sind nicht immer nur die gut sichtbaren kurzhaarigen Gewalttätigen, es sind immer mehr auch die Menschen, die an unseren Schulen lehren oder an unseren Universitäten forschen – nicht allzu selten sind es die sognannten „normalen“ Deuschen, die sich nicht öffnen gegenüber anderen Nationen – sondern sie hinter vorgehaltener Hand verabscheuen… Beides darf in Deutschland nicht stattfinden.

Fremdenhass kann auch schon die Abgrenzung der Fremden von meinem persönlichen Leben sein, nur weil sie fremd sind!

Ich will keinen verurteilen, aber nur ermahnen, dass wir nicht allzu weit enfernt sind von dem Hass gegenüber andersgläubigen Menschen!

“Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen, einmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein!,” so schreibt Anne in ihrem Tagebuch. Bist du auch für die Zukunft der Menschlichkeit optimistisch?

„Nichts macht mich optimistischer, in Hinblick auf uns Menschen, als das Lächeln und Strahlen eines Kindes.

Der unbekümmerte Mut – der nicht-zu-sättigende Wissenshunger — Kinder kennen keine Rassen!

Kinder sind und bleiben die Zukunft – unsere Zukunft!

Sollten wir Menschen es schaffen zu verstehen, dass die Welt sich für uns alle gemeinsam dreht und nicht für jeden einzelnen, sollten wir Menschen verstehen, dass jeder Mensch eine Nase und zwei Ohren hat – ja, dann sehe ich Menschlicheit in greifbarer Nähe …

„Meine Nase – deine Nase – beide an der selben Stelle, oder, Luan?- Und meine Ohren – deine Ohren – auch beide an der selben Stelle –ist doch verrückt, oder?

Als Luan noch immer etwas ungläubig guckt , zwickt Rachel ihn ganz doll in die Nase –

„Siehste, Luan , das tut uns allen gleich weh,“ sie kichert und lässt den total überraschten Luan einfach alleine stehen…“

Kategorien: Frontpage · Lebensfragen

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