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Ilija Dürhammer: “Schreiben ist letztlich eine einsame Tätigkeit”

13 Oktober, 2009 von · Keine Kommentare

Ein Interview von Antina Zlatkova mit Mag. Dr. Ilija Dürhammer

Würden Sie an erster Stelle unsere Leser mit Ihrer Arbeit bekannt machen?

Als Enkelsohn eines bulgarischen Großvaters, der zwar Diplomkaufmann geworden ist, aber in seiner Jugendzeit am Fuße des Balkan in der Nähe von Trojan beim Schaf- und Ziegenhüten in ganz bukolischer Weise Gedichte geschrieben hat, freue ich mich natürlich sehr über Ihr Interesse an meinen Arbeiten. Auch mein lieber Großvater hätte sich wohl sehr darüber gefreut.

Sie haben Germanistik und Fächerkombination aus Musik- und Theaterwissenschaft, Geschichte und Klass. Philologie studiert. Was für einen Schnittpunkt haben diese Bereiche?

Da ich vor allem Kultur- und Literaturhistoriker bin, war eine größere Kombination von geisteswissenschaftlichen Disziplinen sinnvoll. In meiner Dissertation über Schuberts literarische Heimat konnte ich bereits am Beginn meiner wissenschaftlichen Karriere wichtige Interessensgebiete (Kenntnisse über Literatur-, Theater- und Musikgeschichte sowie klassische Philologie) fokussieren, die auch etwa in kulturhistorischen Ausstellungen (zuletzt für das Kunsthistorische Museum in Wien, aber auch in Bayern und Baden-Württemberg), Veranstaltungsreihen und Büchern fortgesetzt werden konnten.

Wenn es einen „Schnittpunkt“ gibt, so trifft er sich dort, wo Kunst aufhört, in Kategorien zerteilt ein einsames Dasein zu fristen. Kunst trifft sich zuletzt immer im Unendlichen – oder sie ist eben keine.

Sie beschäftigen sich mit Literatur. Welche Beobachtungen haben Sie in Bezug auf die deutschsprachigen Literaturkreise? In welche Richtung entwickeln die sich?

Obwohl ich mich mit Literatur beschäftige, interessieren mich Literaturkreise nicht allzu sehr. Schreiben ist letztlich eine einsame Tätigkeit – und Literaturkreise dienen höchstens möglicher Vermarktbarkeit. Ich glaube nicht sehr an künstlerische Synergien innerhalb derselben Kunstgattung – viel eher an ein Zusammenspiel verschiedener Künste.

Gerade deshalb habe ich ja auch immer Themen gewählt, in denen künstlerische Symbiosen zusammenkommen und fruchtbar zu Neuem führen (wie etwa schon im Schubert-Kreis, in dem sich so gut wie keine anderen Komponisten, wohl aber dilettierende Dichter und zum Teil bedeutende Maler wie Schwind und Kupelwieser, Schauspieler, Sänger und Musiker befanden – oder bei Hofmannsthal, der erst in der Begegnung mit Strauss zu einer internationalen Größe wurde usw.).

Was für Eindrücke haben Sie eigentlich in Bulgarien gesammelt?

Vor meiner Tätigkeit hier an der Sofioter Universität war ich jahrzehntelang nicht in Bulgarien gewesen. Zuletzt als Halbwüchsiger in der Kommunistenzeit, in der ich, ehrlich gesagt, immer Angst hatte, über die Grenze zu kommen, nicht zuletzt weil meine Mutter von Kindheit an bulgarisch sprach (wovon ich selbst nur Brocken erlernt hatte) – und ich befürchtete, dass man uns deshalb am Schluss nicht mehr ausreisen lassen könnte.

Meinem Großvater war es umgekehrt passiert, indem man ihm, weil er für einen westlichen Spion gehalten wurde (ein lieber Verwandter hatte ihn wohl nur deshalb denunziert, weil er Neid gegen ihn empfunden hatte), nicht mehr einreisen ließ.

Als ich nun wieder kam, war ich natürlich sehr neugierig – und verwundert vieles so völlig verändert zu finden. Jetzt habe ich (weitgehend) keine Angst mehr, wenn ich die Grenze überschreite. Die Freiheit scheint mir der größte Gewinn – und der Turbokapitalismus hier das schlimmste Produkt dieser neuen Freiheit.

Ein wenig vermisse ich die frühere Gelassenheit, die ich zu spüren glaubte, das augenzwinkernde „горедолу“, das jetzt eher resignierend klingt, wenn man es hört. In der Zwischenzeit habe ich, vielleicht ähnlich wie Rilke, als er in das tief orthodoxe Russland zu kommen glaubte, mir die BulgarInnen als tief religiös vorgestellt.

Gehören doch die Kirchen und Klöster des Landes neben den Bergen und dem Schwarzen Meer zum Beeindruckendsten, das in mir tiefe Gefühle zu erzeugen imstande ist. Doch ich befürchte, dass Orpheus nunmehr schweigt, ganz und gar verstummt ist. Man scheint nur noch an wenig zu glauben – nicht an die Religion, nicht an die Politik, nicht an Gesellschaft.

Das macht mich ziemlich traurig – auch bei den StudentInnen, die zum Teil nur Germanistik zu studieren scheinen, um einmal ein ökonomisch besseres Leben zu haben – und nicht so sehr, weil sie sich für Kunst, Literatur und Kultur begeistern.

Natürlich sind nicht alle so – und es lohnt sich auch, für die wenigen alles zu geben – mit der Hoffnung, dass auch der eine oder andere der scheinbar bloß ökonomisch Interessierten zum Schönen „bekehrt“ wird. Immerhin scheint ja nun endlich der Primat des Hässlichen in der Kunst gebrochen, und in der Hoffnung, nicht falsch verstandenen Enthusiasmus für die Kalokagathie zu entwickeln, denke ich, dass in diesem Jahrhundert noch ganz Neues entstehen kann.

Nur eben Glaube, in welcher Form auch immer, scheint mir unerlässlich. Gesellschaften ohne Glaubenspotential bleiben immer im Materiellen stecken.

Sie sind selbst Schriftsteller und Dichter. Was braucht ein Autor, um in Österreich erfolgreich zu werden?

Das müssten Sie vielleicht jemanden Fragen, der erfolgreich ist. Ich selbst gehöre wohl nur zu denen, die hie und da etwas veröffentlichen können. Die österreichische Verlagslandschaft ist natürlich ohnedies eher bescheiden, was Belletristik anbelangt.

Die meisten österreichischen AutorInnen publizieren ja in Deutschland, wo die großen Verlagshäuser tätig sind. Erfolgreiche SchriftstellerInnen sind aber wohl meistens die, deren sozialer Profilierungssinn zumindest so groß ist wie ihr künstlerischer – und die sich daher zur rechten Zeit am rechten Ort befinden.

Was wird eigentlich heutzutage in Österreich gelesen und welche sind die Leser?

Darüber sollte man hinwiederum vielleicht eher Statistiken heranziehen (dazu bin ich zu sehr Wissenschafter, als dass ich gerne nur eine Meinung äußern möchte).

Gelesen wird natürlich viel. Belletristik insgesamt zu einem hohen Prozentsatz von Frauen, während bekanntlich Männer (statistisch gesehen) mehr Sachliteratur lesen. Insgesamt gehören LiteraturleserInnen natürlich vor allem einer auch intellektuelleren Schicht an. Aber das hat sich seit Jahrhunderten nicht wirklich verändert.

Soll Ihrer Meinung nach die heutige Literatur eine bestimmte Gesellschaftsrolle spielen und welche sind die Besonderheiten der modernen Kunst?

Es ist die Frage, wie groß die Rolle für die Gesellschaft, die Literatur spielen konnte, jemals war. Natürlich wird man in Mitteleuropa sagen: Was ist mit der Aufklärung? In Deutschland: Was war mit Luther? In Bulgarien: Was war die Folge von Kyrill und Method usw.?

Was allerdings kaum gesagt wird, ist, dass zu jener Zeit wohl ein Großteil der BulgarInnen Analphabeten waren, im Deutschland der Luther-Zeit kaum anders. Auf welche große Gesellschaft soll die Literatur also gewirkt haben? Auf einige Theologen, Priester usw., die mordsmäßig Propaganda mit Schriftworten betrieben – und diese nicht selten den eigenen Bedürfnissen und Absichten angepasst hatten. Seit der Aufklärung gibt es nun wenigstens ein mehr oder weniger gebildetes Bürgertum in Mitteleuropa, für das Literatur tatsächlich eine größere Rolle spielt.

Wenn man ehrlich ist, hat Literatur aber heutzutage bei weitem nicht mehr den Stellenwert, den sie im 18. und 19. Jahrhundert gehabt hat. Längst ist das Medienzeitalter mit seiner erschlagenden Bilder- und Informationswelt über uns hereingebrochen, die Literatur eigentlich zu einer Marginalie, zu einer liebenswerten Antiquität verkommen lassen hat.

Gleichzeitig könnte man sagen, dass es noch nie eine solch rege Verlagstätigkeit gegeben hat. Auch das ist natürlich ein Produkt der Revolution der Printmedien in technischer Hinsicht. Es ist nun einmal so einfach geworden, alles mögliche Zeug auf den Markt zu werfen. Nur: wer nimmt es dort noch wahr in dem Wust von tausenden Makulaturwaren?

Das ist wohl auch eine der Besonderheiten der modernen Kunst: wühle lange genug in den Abfallhaufen unserer Zivilisation – vielleicht findest du ja noch irgendetwas Recyklbares – oder einen, den man überzeugen kann, viel Lärm und Wind um diese Sache zu machen.

Ein allgemein Verbindliches wird man nicht finden, außer man macht ein Drehbuch für einen Hollywoodfilm daraus, in dem ein paar Superstars auftreten.

Und ich habe damit nicht gesagt, dass heutzutage nichts künstlerisch Wertvolles erzeugt würde. Vielleicht nicht einmal weniger als in kulturell gloriosen Zeiten. Allerdings das Auffinden, Sichten und Werten ist um ein Vielfaches schwieriger geworden als in Zeiten, in denen die künstlerischen Wirkungsstätten überschaubarer waren und sich einer strengeren Jury stellen mussten.

In welchem Maße ist das Schreiben für Sie wichtig? Ist es ein Bedürfnis nach Ausdrucksweise oder eine Berufstätigkeit?

Schreiben ist ein Müssen seit meiner Schulzeit, ob Lyrik, Theaterstücke oder Romane. Die Wissenschaft als Notwendiges kam ja erst viel später dazu, eigentlich erst gegen Ende meines Studiums, als eine Idee für einen historischen Roman zu einem wissenschaftlichen Projekt umfunktioniert wurde – und die Fiktion auf wunderbare Weise von der historischen Realität übertroffen wurde.

Viele unbekannte Dokumente in verstaubten Archiven – nicht zuletzt in alten österreichischen Klöstern hatten mir die Möglichkeit gegeben, ganz neue Aspekte über einen Komponisten zu geben, den in Wien jedermann bereits seit immer bestens zu kennen glaubte. Natürlich ist es auch Teil meiner beruflichen Tätigkeit geworden. Und das ist gut so.

Im Grunde ist es die Kunst selbst, die mich geradezu mystisch anzieht. Zufälligerweise nähere ich mich ihr schreibend, weil ich vielleicht den Zug zum Theater und zur Musik verpasst habe und jetzt winkend zurückgeblieben bin.

Welcher Literaturform geben Sie den Vorzug – Lyrik oder Prosa?

Wenn Lyrik gelesen würde, würde ich sie als die Königin der Literatur betrachten wollen – sowie etwa Mozart die Orgel als die Königin der Instrumente betrachtet hatte. Aber das ist Schnee von gestern. Daher erübrigt es sich, darüber nachzudenken. Auch die Orgel hat ja weitgehend ihre Bedeutung verloren (und etwa in Bulgarien gar nie gehabt).

Ihre Werke sind größtenteils Reflexion ihrer Sozial-, Kultur- oder Emotionalsensibilität?

Das trifft wohl auf die meisten Schreibenden zu. Das Wichtigste bei meinen intellektuellen Erkundungen, egal ob wissenschaftlicher oder belletristischer Natur, ist jedenfalls immer das Eindringen in ein Geheimnis, in etwas Ungewöhnliches, nicht Alltägliches, das Suchen nach so etwas wie „Heimat“ von exzentrisch Heimatlosen.


Mag. Dr. Ilija Dürhammer

zurzeit: Österreich-Lektor an der Sofioter Universität »Sveti Kliment Ohridski« (Софийски Университет »Св. Климент Охридски«)

geb.: 12. III. 1969 in Wien (österreichischer Staatsbürger)

Studium: Universität Wien (Germanistik u. Fächerkombination aus Musik- u. Theaterwissenschaft, Geschichte u. Klass. Philologie); Promotion mit Auszeichnung

Zusatzausbildung: Universitätslehrgang Deutsch als Fremdsprache in Graz (abgeschlossen als „Akademischer Experte für Deutsch als Fremdsprache“)

2000: Praktikum am Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek; damaliger Leiter: Univ.Prof. Dr. Wendelin Schmidt-Dengler

Jänner 2003: Praktikum Werkstätte Kunstberufe • Werkstätte Buchverlag (Prüfungskommission i.A. Universität Wien/Verband Wiener Volksbildung) mit »ausgezeichnet« bestanden

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Sommer 1994: Arbeiten für das Internationale Franz Schubert Institut (über siebzig Lexikonartikel für das 1997 in Graz bei ADEVA erschienene Schubert-Lexikon)

1997: wissenschaftliche Bearbeitung der Doppel-Ausstellung „Schubert 200“ für den Ausstellungsort Lindau in Bayern sowie Schloss Achberg in Wangen (Landkreis Ravensburg/ Baden Württemberg) gemeinsam mit Gerrit Waidelich; gemeinsame Katalogerstellung

Ab 1. April 1998: Wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Tübingen (bis Ende März 1999); Verlängerung im Herbst 1999 (für 2000/01)

Oktober 1998: Organisation und Betreuung der Ausstellung „Der Wiener Männergesang-Verein • Ein Stück österreichischer Kulturgeschichte“ im Museum Würth (Künzelsau/Baden-Württemberg); Katalogerstellung

Herbst 1998: Gründung von pro arte – Gesellschaft für interdisziplinäre Erkundungen

1999: Mitarbeit an der Ausstellung „Goethe und Österreich“ anläßlich des Goethe-Jahrs im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek

ab Sommersemester 2001: Univ.Ass. an der Universität für angewandte Kunst Wien (Lehrkanzel für Kultur- und Geistesgeschichte)

Nov. 2002 – Jänner 2003:
Idee & Konzeption der Ausstellung für das Kunsthistorische Museum (Österr. Theatermuseum) im Palais Harrach: »Erst wenn einer tot ist, ist er gut« • Künstlerreliquien und Devotionalien (Ausstellungskatalog-Erstellung) sowie Organisation und Moderation der Veranstaltungsreihe mit österreichischen Komponisten und Dichtern

seit Oktober 2002: Leiter der Edition die Angewandte

Oktober 2004 – Februar 2007: wieder Univ.Ass. an der Abteilung Kultur- und Geistesgeschichte an der Universität für angewandte Kunst

Juli 2007: als Chefdramaturg der operklosterneuburg Werkeinführungen für „Fidelio“

Sommersemester 2008: Lehrbeauftragter für deutsche Kultur- und Musikgeschichte am Kodolányi-János-Föiskola Bildungszentrum Fürstenfeld (eine Dependance der Privatuniversität Székesfehérvár) für ungarische GermanistInnen

Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich im Rahmen eines Kulturpädagogiklehrgangs

Juli 2008: als Chefdramaturg der operklosterneuburg Werkeinführungen für „Don Giovanni“ (http://www.operklosterneuburg.at )

ab September 2008 – August 2009: Österreich-Lektor am Lehrstuhl für Germanistik und Skandinavistik der Sofioter Universität „Sveti Kliment Ohridski“ (Софиски Университет »Св. Климент Охридски«) für bulgarische GermanistInnen

Jänner 2009: zusätzlich Deutsch-Unterricht für SchülerInnen des deutschen (Galabov-)Gymnasiums in Sofia (Niveau A1)

Juli/August 2009: als Chefdramaturg der operklosterneuburg Werkeinführungen für „La Fille du régiment“ (http://www.youtube.com/watch?v=05nlQ5sHw0U)

Kategorien: Allgemein · Art Café · Frontpage · Szene

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