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Jan Koneffke: Die Rückkehr an einen erfundenen Ort

20 November, 2009 von · Keine Kommentare

Eine ungewöhnliche Lesung im polnischen Darlowo, das einmal Rügenwalde hieß

Jan Koneffke
Jan Koneffke vor dem Rathaus in Darlowo
Foto: Thomas Schulz, “Deutsches Kulturforum Östliches Europa”

Ein bißchen unsicher fühle ich mich schon, als ich an diesem Apriltag in Slawno aus dem Schnellzug Stettin-Danzig steige. Krzysztof Walkow vom PR-Büro der Stadt Darlowo begrüßt mich freundlich. Aber auch ihm ist Unsicherheit anzumerken. Was mag das für ein Buch sein, scheint er sich zu fragen, das der deutsche Autor bei uns vorstellen soll? Walkow kennt den Roman Eine nie vergessene Geschichte nicht, und bereits der Titel mag ihn auf den Gedanken bringen, hier sei einer mit revanchistischen Absichten unterwegs. Meinerseits habe ich während der gerade beendeten „Usedomer Literaturtage“ im Kreis polnischer Autoren und ihrer Übersetzer erfahren, wie sensibel das deutsch-polnische Verhältnis derzeit ist.

Herzogsschloss_in_Darlowo
Herzogsschloss in Darlowo
Foto: Thomas Schulz, “Deutsches Kulturforum Östliches Europa”

Aber nicht nur, daß man mich für eine Art männliche Erika Steinbach halten könnte, verunsichert mich. Auch die Frage, wie man überhaupt an einen erfundenen Ort zurückkehren kann, hat mich im Laufe der Reise beschäftigt. Schließlich heißt das Ostseestädtchen in meinem Roman nicht wie seine reale Vorlage, Rügenwalde, sondern Freiwalde. Und das keineswegs nur, um zu vermeiden, daß der deutsche Leser ständig an die berühmte Teewurst denkt. Die Namensänderung signalisiert, daß die auf authentischem Material beruhende Familiengeschichte trotzdem fiktiv ist und sich an einem imaginären Ort abspielt – bei allen topographischen Ähnlichkeiten mit dem ehemaligen Rügenwalde. Denn wie könnte ein Nachgeborener, der hier nie gelebt hat, bei den Ereignissen nicht zugegen war, anders von ihnen erzählen, als durch Imagination?

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Imagination gegen den Nebel der Geschichte
Foto: Thomas Schulz, “Deutsches Kulturforum Östliches Europa”

Wie sich Fiktives und Reales durchdringen, soll ich aber schon ein paar Stunden später erfahren. Für meinen Aufenthalt, auf Vermittlung des „Deutschen Kulturforums östliches Europa“ zustande gekommen, hat mich die Stadt Darlowo im jüngst sanierten Hotel Apollo untergebracht, das einst der Preußenkönig Friedrich Wilhelm bewohnte. Im früheren Rügenwalde-Bad, etwa zwei Kilometer von der Kleinstadt im Landesinneren entfernt, zieht plötzlich von der See her Nebel auf. Und bei meinem Spaziergang über die Ostmole sehe ich buchstäblich nichts mehr. Weder das Meer vor, noch den Badeort hinter mir. Genau wie im Roman, wenn der Ich-Erzähler und sein Vater Darlowo besuchen. Und der zähe Nebel den hier aufgewachsenen Vater veranlaßt zu sagen: „Wenn man seiner Kindheit zu nahe kommt, verschließt sie sich und wird zum Traum eines Fremden.“

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Imagination gegen den Nebel der Geschichte 2
Foto: Thomas Schulz, “Deutsches Kulturforum Östliches Europa”

Ein fremder Traum – das scheint auch Darlowo selbst zu sein, als ich es am anderen Tag bei strahlender Sonne durchquere. Fremd, weil es sich heute unübersehbar um ein polnisches Städtchen mit rund 15.000 Einwohnern handelt. Daß sich auf dem Friedhof bei der St. Getrudskirche mit ihrem spitzen Holzturm kein deutsches Grab mehr befindet, wußte ich bereits. Doch die der Rügenwalder Kaufmannschaft oder den Schuhmachern gewidmeten Holzmalereien sind nicht nur erhalten geblieben, sie wurden auch vorsichtig restauriert.

Und vor der heute katholischen Marienkirche mit ihrer mächtigen Backsteinfassade steht doch wirklich noch die 1817 gepflanzte, inzwischen riesenhafte Luther-Eiche, auf deren Namen eine Tafel hinweist. Ökumenisch mag das nicht gemeint sein. Aber ein Beleg für die Behutsamkeit, mit der Darlowo heute seiner deutschen Vergangenheit begegnet, ist das schon. Auch das Elternhaus meines Vaters in der Bahnhofstraße ist noch da, frisch gestrichen, ein Firmenschild prangt an der Fassade. Wie in einem Traum schieben sich die Bilder des früheren Rügenwalde und des lebendigen Darlowo in- und übereinander.

Behutsamkeit und vorsichtige Neugier spüre ich auch am Abend der Lesung im Hotel Apollo. Zwar bin ich gastlich von Darlowo empfangen worden. Und als ehrende Geste ist auch der Auftritt des Chores gedacht, dessen Mitglieder die Stuhlreihen der rechten Seite des Saals besetzt haben: Ergraute Frauen und Männer in gelben Blusen und blauen Anzügen. Der Chor heißt tatsächlich „Babuina“, also „Omilein“, und singt zu den Akkordeonklängen ihres Leiters Frühlingslieder. Aber nicht nur das: Unter einem riesigen Ölschinken an der Wand, der eine flammendrot gewandete Flamencotänzerin darstellt, passend zum angekündigten Salsa-Tanzabend in ein paar Tagen, stimmt der Chor „Omilein“ inbrünstig einen patriotischen Gesang an: „Darlowo – Wiege der polnischen Nation.“

Und da ist sie wieder: die Unsicherheit. Die Chormitglieder gehören zu den ersten polnischen Umsiedlern nach dem Krieg. Hier haben sie den größten Teil ihres Lebens verbracht. In den 50er Jahren verherrlichte die kommunistische Propaganda ihre Umsiedlung in das anfänglich fremde Hinterpommern als Rückkehr in die „wiedergewonnenen Gebiete.“ Aus jener Zeit stammt auch das patriotische Lied.

Seltsame Koinzidenz. Nicht nur ich bin an einen fiktiven Ort zurückgekehrt. Auch die Mitglieder des Chors „Omilein“ kehrten an die imaginäre „Wiege der polnischen Nation“ zurück. Damals.

Jetzt aber liest der Leiter des hiesigen Kulturhauses die ins Polnische übersetzten Passagen. Und die Spannung löst sich. Der Roman erzählt von der deutschen Tragik, aber von einer selbstverschuldeten. Die Familiengeschichte wurde nie vergessen, gerade weil man sie in der Familie zu verschweigen suchte. Ein privates, freilich mit der Historie verflochtenes Skandalon.

Plötzlich bricht der Kulturhausleiter die Lesung ab und bittet die „Omileins“ nervös um Musik. Ist nun doch ein falsches Wort gefallen? Oder handelt es sich nur um eine Aufmerksamkeit gegenüber den Chormitgliedern, die schon seit einer Stunde auf ihren Stühlen ausharren? Oder um eine Aufmerksamkeit gegenüber den Umsiedlern und Pionieren? Nun singen sie jazzige Schlager aus den 70ern. Vielleicht wohlüberlegte Dramaturgie. Das Romangeschehen kommt ja gerade in der Gegenwart an.

Der Grund des Abbruchs der Lesung wird auch nachher nicht in Erfahrung zu bringen sein. Mag sein, weil er sich am Ende nur als jähe Unterbrechung erweist. Auch die letzten Passagen werden noch vorgetragen. Aber die Verwirrung zeigt, wie sensibel das deutsch-polnische Verhältnis derzeit ist. Selbst an diesem Abend im Festsaal des Hotels Apollo.

„Erika Steinbach hätte dieses Buch nie geschrieben“, sagt ein Zuhörer. Warum? „Wenn Ihr Erzähler mit seinem Vater das Elternhaus besucht, ist er von der Gastfreundschaft der polnischen Bewohner tiefer beeindruckt als vom Haus selbst, das ihm viel kleiner vorkommt, als in den Familiengeschichten.“ Und? „Frau Steinbach, die als Tochter eines Besatzungsoffiziers in Rumia aufwuchs, und zwar in einer Wohnung, aus der die Deutschen eine polnische Familie vertrieben hatten, verdreht die Wahrheit und gibt sich selber als Vertriebene aus.“ Das poetisch Imaginäre und das politisch Imaginäre, notiere ich im Kopf, sind nicht selten unvereinbar.

„Die deutschen Menschen in Ihrem Roman sind aus Fleisch und Blut“, meint eine Frau, „wie sie gelebt und gelitten haben, das interessiert mich. Wann erscheint er auf Polnisch?“ Die Bibliotheksleiterin bittet um ein Exemplar, denn einige Leute hier könnten das Buch auf Deutsch lesen. Es gibt keine Berührungsangst mehr. Durch die verschiedenen Imaginationen hindurch, ist der Roman in Darlowo angekommen.

Und das nächste Mal werde ich nicht mehr an einen erfundenen Ort zurückkehren, sondern in ein Ostseestädtchen, das dabei ist, seine Identität zu finden. Eine polnische Identität, die die deutsche Vergangenheit des Ortes nicht verleugnen muß, weil sie sich von ihr nicht mehr bedroht fühlt. So denke ich, so hoffe ich.

Krzysztof Walkow jedenfalls, der mich vorgestern am Bahnhof von Slawno freundlich begrüßte, verabschiedet mich nun – herzlich.

Jan Koneffke
Spaziergang über die Ostmole
Foto: Thomas Schulz, “Deutsches Kulturforum Östliches Europa”

Jan Koneffke lebt als freier Schriftsteller in Wien und Bukarest. Sein Roman „Eine nie vergessene Geschichte“ erschien 2008 bei DuMont.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Um die Welt

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