Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Jenseits der Worte und des Schweigens

21 Januar, 2009 von · 1 Kommentar

Ein Interview von Natalia Nikolaeva mit Vladimir Karparov
Übersetzung: Silvia Vasileva

Vladimir Karparov
Fotos: Bistra Boschnakova

Die Musik drückt das aus, was in Worten nicht übertragen werden kann und worüber man auch nicht schweigen kann.

Viktor Hugo

Vielleicht ist die Musik die geheimnisvolle Sprache der menschlichen Gefühle und Aufregungen, die Brücke zwischen den Worten und dem Schweigen.

Es ist schwierig, über Musik zu sprechen. Dennoch ist es interessant, wie ein Musiker und Komponist die Welt über die Musik erlebt, wie er sie entdeckt und sie neu schafft.
Vladimir Karparov kenne ich schon länger und es ist mir immer angenehm gewesen, mit einem herzlichen und spontanen Menschen zu sprechen, wie er es ist.

Das, was ich wirklich an ihm schätze, ist sein unbestrittenes Talent, trotz „des Glanzes und Ruhms“ seine Natürlichkeit und Spontanität zu bewahren. Ich entdecke keine Spur von Einbildung oder Übertreibung, keine Absicht sich wichtig oder vielleicht als etwas Besonderes zu zeigen. So ist Vlado – er lächelt, er ist optimistisch, immer unterwegs; für die Musik aber und für seine Freunde findet er Zeit. Ich frage mich bloß, wie er das schafft!
Ich habe für ihn ein paar Fragen vorbereitet, die er gern und mit der ihm eigenen Aufrichtigkeit beantwortet.

Warum hast du Deutschland als Ort ausgesucht, Musik zu machen?

Mein Bruder Swetoslav, der seit 1997 in Hamburg war, erzählte mir, dass es in der Musik- und Theaterhochschule eine gute Jazzabteilung gibt. Ich habe mich entschieden, etwas Neues zu lernen (und das war viel). Andererseits wollte ich etwas Neues erleben. Anscheinend hatte ich in Bulgarien alles, und alles war klar. Ich spielte ständig und immer wieder mit „Wikeda“ und mit „Zone C“, in der Swinging Hall, überall. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass ich auf der Stelle trete und dass ich nicht weiterkomme. Über den Jazz kann man in Bulgarien nicht viel lernen, man kann eher etwas selbst lernen.

Was bedeutet, deiner Meinung nach, Bulgariens EU-Beitritt für die bulgarische Musik-Szene?

Das ist ein historischer Moment, ich bin sehr optimistisch, auch die meisten jungen Leute in meiner Heimat sind es, glaube ich. Für die Musik und für die Kunst ist das natürlich wunderbar.
Die Künstler müssen viel reisen, andere Kulturen treffen, die Umgebung wechseln, das inspiriert sie. Andererseits kommen viele Musiker und Produzenten aus dem Ausland hierher; sie führen unterschiedliche Projekte durch… Das nennt man “Fusion”, Mischung verschiedener Ideen, Ästhetik, Klänge, Sprachen … Für die bulgarischen Musiker ist das ein absolutes Plus!

Aber das ist definitiv der Weg, damit dann Talente wie Pantscho Vladigerov und die Mystery der bulgarischen Stimmen erscheinen können. Das ist für mich die feinste und wunderbarste Art und Weise, ein Zusammenspiel unserer Volksmusik mit der Weltmusik- klassischer, Jazz, zu schaffen.
Selbstverständlich tauchen in all dem auch viele Scharlatane auf oder Leute, die buchstäblich Musik und Ideen klauen (meistens von der Volksmusik).

Aus welchen Gründen richtest du dich auf unsere Folklore, um deine Musik zu komponieren?

Ich habe einfach in einem Moment hören können, dass es sich um etwas Unglaubliches und sehr Starkes handelt. Damals war ich noch in Bulgarien. Eine gewisse Rolle spielte auch die Tatsache, dass ich in unterschiedlichen Projekten mit Teodossi Spassov, Ivo Papasov, Way Dodolay (ein vokales Folklorequartett aus dem Dorf Markovo), Ialdis Ibrachimova gespielt hatte.

Nachdem ich in Hamburg angekommen war, hatte ich anfangs genug Zeit, was mich meiner bewusst werden ließ. Ich habe angefangen zu begreifen, wer ich bin, woher ich komme, was ich will, was – nicht. Anscheinend gab es keine Trägheit mehr, wie es in Bulgarien war.

Ich fing an, viel Volksmusik zu hören – von den Rhodopen-Dudelsäcken über die thrakischen Reigentänze und Solotänze „Ratschenitza“ bis zu den Bauchtänzen. Ich fand in allem unglaubwürdig viel “groove“ und Energie.

Worin besteht der einzigartige Klang der bulgarischen Volksmusik und worauf setzt du vor allem, wenn du zwei ganz unterschiedliche Stile mischst, Jazz und Folklore?

Für mich ist die Ornamentik in unserer Volksmusik einzigartig, eine sehr feine Erscheinung, so wie die vielen unterschiedlichen Gewürze in einem Güwetsch (Gericht aus Fleisch und Gemüse in einem tönernen Kochtopf). Dazu kommen unsere ungleichmäßig gegliederten Rhythmen.

Es ist etwas seht Tiefes und Schönes in den Gesängen und in den Stimmen der Volkssänger. Von ihnen geht eigentlich die ganze Melodik und Ornamentik hervor, später ist sie dann auch in die Instrumente übergegangen.
Die Volksmusik und der Jazz haben ziemlich viele Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel die Skalen. Sehr ähnlich ist auch das Improvisieren, das Benutzen von „blue“ Tönen u.s.w.

Wie würdest du den Stil und die Richtung bestimmen, in denen du arbeitest? Würdest du uns über deine Muse erzählen?

Das, was ich mache, beruht zum größten Teil auf dem Jazz (die Harmonie, die Formen, die Instrumente). Der typisch bulgarische Klang kommt aus den Melodien, die ich mit Heimatornamenten schmücke.

Die Melodien selbst sind meine eigenen, sie sind nicht geliehen. Das macht meine Musik originell, vielleicht komme ich einem eigenen Stil näher; ich hoffe, mit der Zeit klärt sich dieser Vorgang. Ich würde meine Musik nicht als Jazz bestimmen, oder als bulgarische Volksmusik, sie ist eher moderne Musik mit bulgarischem Klang.

Ich falle auf die Knie vor den bulgarischen Volksmusikanten, wegen ihres Werks, wegen ihrer Seele und ihrer Meisterschaft. Meine aufrichtigste Achtung und Dankbarkeit richte ich an Petar Raltschev, Ivo Papasov, Georgi Janev, Pejo Peev, Nedjalko Nedjalkov und an viele andere.

Meine Muse kommt, wenn ich im Probesaal bin und auf den Saxofon blase und an nichts Weiteres denken muss. Auch wenn ich an meinem Synthesizer zu Hause spiele, in Ruhe. Jede Komposition hat ihre Geschichte und ihre Idee, woher sie auch entstammt.

Haben die bulgarischen Musiker bessere Chancen außerhalb der Heimat, und speziell in Deutschland

Die guten Musiker können sich überall auf der Welt durchsetzen. Natürlich gibt es in Deutschland viele Möglichkeiten, auch für nicht-professionelle Musiker.
Du nimmst jedes Jahr an den Festspielen Apollonia in Sosopol teil. Welchen Sinn haben diese Festspiele für dich und für die Bulgaren?

Für mich ist das ein Zauber, ein persönliches Erlebnis. Erstens ist der Ort, Sosopol, unglaublich. Zweitens – das sind die wichtigsten bulgarischen Festspiele, die die Künstler zusammenbringen.

Wovon träumst du? Was sind die Sachen, die du privat und beruflich erreichen möchtest?

Zurzeit realisiere ich einen Traum von mir, zusammen als Vladimir Karparov Quartett bereiten wir unsere erste CD mit 11 eigenen Kompositionen “Thracian Dance”. Ich träume von ruhigeren Tagen, von Gemütlichkeit und vom Komfort, von einem Leben, das nicht von ständigem Hin- und Herrennen und von Stress, vom Zahlen der Rechnungen geprägt ist…

Ich träume von ganz menschlichen Dingen – von einer Familie, von Kindern… Und natürlich, mich mit Musik zu beschäftigen, sie ist kein Ziel und kein Plan, sondern so etwas wie eine Droge, Sucht. Sie macht mich lebendig.
Ich habe auch einen verrückten und vielleicht nicht realisierbaren Plan – im eigenen Hubschrauber zu fliegen und ihn selbst zu lenken. Hoch oben zu sein, vom Gipfel Besbog im Pirin-Gebirge über die Rhodopen und das Strandsha-Gebirge bis nach Sosopol kommen zu können, ohne Straßen und Flughäfen. Ich mag dieses Gefühl der Unabhängigkeit und des Grenzenlosen.

Für unsere Leser- einen speziellen Gruß vom Komponisten und Musiker Vladimir Karparov – eine zärtliche Melodie.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

Tags: , , ,

1 Kommentar bis jetzt ↓

Kommentar schreiben