Ein Interview von Dessislava Velichkova mit dem schwedischen Schriftsteller Jonas Hassen Khemiri
Übersetzung aus dem Bulgarischen: Aleksandra Ingilizova

In Bulgarien warst du erst vor einem Jahr. Erzähl mir über Sofia. Erzähl mir deine Eindrücke von der Hauptstadt!
Leider bin ich zu kurze Zeit in Sofia geblieben, um die Stadt kennen lernen zu können. Ich hoffe, dass wir bei meinem nächsten Besuch Freunde werden.
Was erzählst du mir von jenem Telefongespräch mit einer anderen Stadt. Das wunderbare New York. Laut deiner Texte existiert eine sehr starke Beziehung zwischen euch…
Ich habe immer die Großstädte sehr geliebt und mir gefällt die Idee, eine Verbindung mit denen in einem Telefongespräch aufzubauen und … ihnen Fragen stellen. Vor kurzem habe ich einen Text über Berlin geschrieben, in dem ich die Stadt treffe und ihr ein paar wirtschaftliche Ratschläge gebe. Es war interessant, weil ich seit Januar durch ein DAAD Stipendium in der Stadt lebe.
Findest du eine gewisse Intimität in den Telefongesprächen?
Ich nehme an, da gibt es so etwas. Intimität kann auch im Schreiben von E-Mails, im Fax-Senden oder beim Lesen von Rauchsignalen existieren.
Erinnerst du dich an das erste Mal, als du das Bedürfnis hattest, dich zu setzen und einfach anzufangen zu schreiben?
Als ich sieben Jahre alt war, fing ich an, ein Tagebuch zu führen. Ich schrieb genau: „Ich bin sieben Jahre alt. Und ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Jetzt werde ich Soda trinken.“ Diese erste Seite habe ich meiner offiziellen Homepage hinzugefügt.
Welche Liebe ist absolut? (Ich selbst kann diese Frage nicht beantworten, deshalb stelle ich sie öfters Leuten, die ich kenne und sogar Unbekannten…)
An absoluten Werten glaube ich nicht.
Ich muss gestehen, einer meinen Lieblingskurzgeschichten ist von dir. Während ich sie immer wieder gelesen habe, wunderte ich mich, ob alles darin nur eine Fiktion ist.
Ich bin nicht ganz sicher wie die Definition von Fiktion lautet. Für mich ist die Grenze zwischen ihr und der Wahrheit immer ein bisschen unklar. Und so gefällt es mir…
In wie weit kann ein Autor die Wahrheit sagen?
Die Wahrheit ist eine Illusion, die Fiktion ist eine Manipulation. Und gerade das macht die Fiktion so wahrhaftig.
Hemingway sagt, dass er es immer schwer hatte, zu schreiben. Du? Ist es einfach zu sagen, was du zu sagen hast, oder nimmt es dich mehr in Anspruch?
Es ist immer schwer zu schreiben. Nur die Schwierigkeiten machen es immer interessanter. Ich respektiere ältere Schriftsteller, die es schaffen, ihr ganzes Leben zu schreiben. Ich hoffe, das schaffe ich auch!
Wie du weißt, hatten die besten Schriftsteller immer Zweifel an ihrer Arbeit. Hast du jemals Zweifel an deiner Arbeit gehabt? (Ich hoffe nicht…)
Ja. Jedes Mal, wenn ich meinen PC starte, mit dem Wunsch etwas zu schreiben.
Ich weiß, dass du schon genug über deinen ersten Roman „Das Kamel ohne Höcker“ („Ett öga rött“) erzählt hast, trotzdem meine Frage: Warst du nicht stolz darauf, dass die ganze Welt eine Meinung darüber hatte? Ich weiß, dass er starke Reaktionen erweckt hat… (Das kann nur ein Kompliment für einen Schriftsteller sein.)
Ja. Ich kann sagen, dass ich stolz auf die Reaktionen bin und dass einige davon (positive und negative) viel mehr über das jetzige Schweden aussagen, als die Menschen bereit sind, zuzugeben.
Bist du der Meinung, dass viele Dinge in den fünf Jahren seit dem Erscheinen des Romans passiert sind und du heute ein anderer Autor bist? Denkst du, dass du irgendwie gewachsen bist?
Ich hoffe, dass ich mich weiterhin in diese Richtung entwickle. Ich bin nun von dem Romangenre entfernt – worauf ich arbeite, ist sehr unterschiedlich und ich bin mir sogar nicht sicher, ob es funktioniert. Aber ich finde es dennoch gut, mich damit zu beschäftigen.
Du sagst auch, dass dein zweites Buch „Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen“ („Montecore: en unik tiger“) dich am meisten stolz macht. Es hat viele Auszeichnungen gebracht. Hast du nach dem Fertigschreiben von solchem Erfolg geträumt oder war es für dich genug zu wissen, dass du genau das Gewollte geschaffen hast und es vollendet ist. Ich verstehe, wie privat dieses Buch ist…
Ich hab nicht geahnt, dass ein seltsamer und privater Roman die Herzen eines so breiten Publikums erreichen kann. Jetzt muss ich mich immer daran erinnern, nicht zu schreiben, nur um dieses Publikum zu behalten. Ich hoffe, dass ich es schaffe.
Dein Bruder, Hamadi Khemiri, spielt in einem Theaterstück von dir – „Five Times God“. Musstest du ihn kritisieren oder ihm die Charakterbesonderheiten seiner Figur erklären?
Nein, er war vom Anfang an perfekt. Er spielt fast die ganze Zeit im Hintergrund, doch am Ende wird genau er die Zentralfigur. Das war eine gute Erfahrung für meinen Bruder als Schauspieler.
Ich weiß, dass du früher andere Träume und Zukunftspläne hattest, aber was denkst du jetzt? Glaubst du, das ist es, wofür du geboren bist, oder bist du der Meinung, dass du etwas verpasst?
Ich bin überglücklich und stolz darauf, dass ich durch Schreiben überleben kann. Ich hoffe, dass ich diese Möglichkeit bis Ende meines Lebens habe. Ohne Selbsthilfe-Bücher oder Krimis schreiben zu müssen.
Ich danke dir vielmals für dieses Interview!
















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