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Kapitel 10. Der Scharm des Dorfes wird auch durch seine Einwohner geprägt

7 April, 2010 von · Keine Kommentare

Auszüge aus dem Buch „Begegnungen im Pirin Gebirge“
von Frank Pobell
(erschienen im Projekte Verlag, Halle, 2009)

Als wir Mitte der neunziger Jahre nach Roshen kamen, lebten dort in den oftmals baufälligen Häusern etwa 20 Menschen, vor allem ältere Frauen. Wie man bei den Treffen auf dem Dorfplatz leicht erkennen konnte, lag das mittlere Alter der Einwohner zwischen 60 und 70 Jahren. Alle waren freundliche, liebenswerte Menschen. Die meisten auswärtigen Besucher des Dorfes bleiben nur für wenige Stunden, um das Kloster zu besuchen. Sie kaufen von den Omas am Dorfplatz vielleicht ein paar Teekräuter, Marmeladen oder Etwas zu trinken; manche gehen auch zum Essen und Trinken in`s Mechana oder in`s Hansche.

Aber sie bieten keine Gelegenheit zum Schwatz und der Mitteilung aller bedeutenden Dorfereignisse. So war für die Dorfbewohner der halbjährliche meist zweiwöchige Besuch von „Sonja Germankata“ („Sonja der Deutschen“) und ihrem deutschen Mann eine willkommene Abwechslung. Das bot Gelegenheit alles, was sich in den vergangenen Monaten im Dorf und seiner Umgebung zugetragen hatte, ausführlich und oftmals weit ausholend zu erzählen.

Dabei wurde das gleiche Ereignis von unterschiedlichen Erzählern oftmals durchaus ganz unterschiedlich dargestellt. Wir haben so den Eindruck bekommen, willkommene Gäste im Dorf zu sein und wurden im Laufe der Jahre mit einigen der Dorfbewohner recht vertraut.

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Blick auf das Kloster Roschen

Da waren z.B. Boris und seine Frau Sevda, die am Dorfplatz den ersten Stock ihres gut erhaltenen Hauses bewohnten. Das Parterre diente zum Aufbewahren und Abfüllen von selbst gemachtem Wein und Rakia. Nie konnten wir an dem Haus vorbei gehen, ohne etwas zu kosten, und hin und wieder natürlich auch zu kaufen.

Einmal hat uns Boris gebeten, ihm eine Postkarte aus Deutschland zu schicken. Unser Vorbehalt, dass wir seinen Familiennamen und seine Adresse nicht kennen würden, hat er erstaunt mit der Antwort gekontert: „Schreibt „Boris im Zentrum von Roshen, Kreis Sandanski, Bulgarien“, das kennt jeder.“

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Innenhof des Klosters Roschen

Ein besonders herzliches Verhältnis hatte Sonja zu Baba („Oma“) Lenka entwickelt. Sie war eine von der Sonne gebräunte ältere Dame mit einer freundlichen, etwas koketten Würde in ihrem hageren, hübschen Gesicht und in ihren Bewegungen. Baba Lenka war die Oma vom Pächter des Hansche zur Zeit unseres ersten Besuches in Roshen und seinem aufgeweckten, der Oma ähnelnden, jüngeren Bruder, der vergeblich versucht hatte, uns ein Grundstück zu vermitteln. Baba Lenka gehörte zu den wenigen Dorfbewohnern, die ihre Tiere liebte und z.B. auch ihrem Hund nicht nur altes Brot gab, sondern hin und wieder das Essen mit ihm teilte.

Sie war an unserem ersten Abend in Roshen kurz zu ihren Enkelsöhnen in`s Hansche gekommen und hatte uns dabei kennen gelernt. Am nächsten Morgen kam sie zu unserer großen Überraschung wieder in`s Hansche, um uns aus ihrem Garten eine große Traube Wein zum Frühstück zu bringen. Immer hatte sie einen Apfel für uns, wenn wir sie auf dem Dorfplatz trafen. Als wir ihr einmal zu Beginn eines Urlaubs begegnet sind, hat sie ihre Schürze geöffnet und uns vier Eier mit den Worten gegeben „die haben meine Hühner für euch zur Begrüßung gelegt.“

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Das Ferienhaus (links) des Autors auf einem Plateau beim Dorf Roschen

Mein vorsichtiger Hinweis an Sonja, dass wir dieses für Baba Lenkas Versorgung wichtige Geschenk doch nicht annehmen könnten, wurde von ihr – vertraut mit der lokalen Mentalität – als unmögliche Brüskierung zur Seite geschoben. Einmal hatten wir Baba Lenka zum Nachmittagskaffee eingeladen. Sie kam in einem traditionellen Trachtenkleid mit passender Schürze und Kopftuch. Als Geschenk brachte sie uns eine große Tüte voller unterschiedlicher Gemüse aus ihrem Garten.

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Die Frau des Autors vor ihrem Ferienhaus nahe zum Dorf Roschen

Kategorien: Frontpage · Um die Welt

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