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Kapitel 16. Unsere Wanderungen in der Umgebung von Roshen

31 Juli, 2010 von dessi · Keine Kommentare

Auszüge aus dem Buch „Begegnungen im Pirin Gebirge“
von Frank Pobell
(erschienen im Projekte Verlag, Halle, 2009)

Der Reiz von Roshen ist – neben dem Kloster – die Schönheit und Anmut seiner umgebenden Natur mit ihrer majestätischen Ruhe und Einsamkeit. Wir haben immer wieder Tageswanderungen unternommen, bei denen uns niemand oder vielleicht nur ein Hirte mit seinen Schafen oder Ziegen begegnet ist. Und das auf gut ausgebauten, oftmals sogar markierten Wanderwegen.

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Der höchste Ort der Übernachtungen bei der Wanderung durch das Pirin Gebirge, das Saslon (Schutzhütte) Tevno Ezero in 2512 m Höhe

Natürlich haben wir im Laufe der Jahre unsere Lieblingsrouten entwickelt, die wir bei fast jedem Urlaub laufen. Zum Beispiel die „Sveti Ilia Tour“. Hierbei geht es zunächst die wenig ansteigenden knapp 2 km in nordöstlicher Richtung durch ein breites zur Hütte von Baj Boris. Dann aber folgt für gut eine halbe Stunde nach Norden ein steiler Anstieg auf einem Serpentinenweg durch den Wald hinauf zu einem Plateau in 800 m Höhe. Der Durst nach dem Aufstieg kann an einer gefassten Wasserquelle gestillt werden.

Auf dem Plateau trifft man zunächst auf die gepflegten Grabstätten des Generals Todor Alexandrov und von zwei seiner Mitkämpfer. General Alexandrov war ein führendes Mitglied der damals mächtigen Inneren Mazedonischen Revolutionären Organisation (IMRO), die 1924 Serbien den Krieg erklärte, um den Teil Mazedoniens endgültig zu befreien, der von Serbien nach dem Sieg Bulgariens gegen die Türken im ersten Balkankrieg annektiert worden war; es ist im wesentlichen das heutige Mazedonien. Die drei Freiheitskämpfer wurden an dieser Stelle am 31. August 1924 getötet. Daneben steht das Wallfahrtskirchlein Sveti Ilia („Heiliger Elias“). Es ist in sehr gutem Zustand und wird umgeben von einem Picknick Platz. Im Westen fällt das Plateau steil ab in ein Tal, aus dem sich mehrere Erdpyramiden erheben. Auf diesem westlichen Rand des Plateaus verbringen wir unsere Pause. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick nach Südwesten zu dem in der Ferne ebenfalls auf einem Plateau liegenden Kloster Roshen und auf unser auf einem davor gelagerten niedrigeren Plateau gelegenes Haus.

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Der Autor vor den Sandsteinpyramiden in den südwestlichen Ausläufern des Pirmin Gebirges nahe Melnik und Roschen

Im Nordwesten kann man das Dorf Karlanovo und die ersten Häuser des Städtchens Melnik erkennen. Die Wanderung führt dann weiter über das nach Norden flach abfallende Plateau. Anschliessend folgt ein steiler Abstieg auf einem Serpentinenweg durch den Wald hinab auf etwa 600 m Höhe. An seinem Ende kommt man zu einem reißenden Gebirgsbach, der vom 750 m hoch gelegenen Dorf Sugarevo herab fliesst. Nach Durchschreiten des Baches oder seiner Überquerung auf einem umgestürzten Baum führt der Weg am Bach entlang. Das Dorf Karlanovo in etwa 500 m Höhe wird durch einige am Bachufer angelegte Gemüsegärten angekündigt. In diesem Dorf folgt nach insgesamt knapp 3 Stunden Wanderung in einem der beiden Gasthäuser die große Pause, z.B. bei Bier, Schopska Salata und einer frischen Forelle (bei einem der Gasthäuser aus den eigenen Seen)…

Im Frühjahr sind natürlich Wanderungen entlang der Wiesen mit ihren frischen Blumen eine große Attraktion. Im späteren Frühjahr sind dabei besonders beliebt unsere Wanderungen, die an jenen Blumenwiesen vorbei führen, auf denen Kräuter wachsen, die nach dem Trocknen einen schmackhaften Tee ergeben. Hierzu gehören Masterka (eine Art Thymian oder Feldkümmel), Kantarion (Johanniskraut) und Rigan (eine Art Majoran). Diese Kräuter kann man z.B. auf den Wiesen entlang der Wege unterhalb des Klosters oder auf den Wiesen des östlich von Roshen durch einen Tunnel unter den Erdpyramiden erreichbaren Dorfes Ljuboviste finden. Bei den Frühjahrswanderungen werden dann natürlich mit besonderer Begeisterung die nach ihrem Winterschlaf erstmals wieder auftauchenden Schildkröten, tief schwarze oder seltener die größeren dunkel grün schillernden Salamander begrüßt.

Die flinken Eidechsen dagegen sind so zahlreich, dass man sie fast schon wie die Steine auf dem Weg als festen Bestandteil betrachtet; im Gegensatz zu den sehr selten gesichteten Schlangen. Einiger dieser weniger willkommenen Begleiter, z.B. die ungiftige, aber beeindruckende Würgeschlange Smok (Große Natter) sind allerdings auch schon an unserem Haus aufgetreten. Nur einmal habe ich in der Sonne auf einer alten Mauer oberhalb von Melnik ein Exemplar der kleinen, aber auf Grund ihres starken Giftes sehr gefürchteten Peppeljanka (Kreuzotter) gesehen.

Im Herbst stehen dann vor allem Wanderungen auf dem Programm, die zu den großen Nuss- oder Esskastanien-Bäumen führen, oder sogar das Finden von Pilzen versprechen. Nach Sonjas Unterrichtung bin ich inzwischen in der Lage, die wohl schmeckenden Maslovka (Butterpilze), Sarnella (Schirmpilze oder Parasol), Rischiki (Echte Reizker) und natürlich die seltenen Manatarka (Steinpilze) von ihren giftigen Doppelgängern zu unterscheiden. Die ersten drei Arten findet man schon entlang des Weges zur Hütte von Baj Boris. Neben dem Blick für die geeigneten Pilzplätze und der im Laufe der Jahre erworbenen Kenntnis ihrer Lage muss das Wetter helfen. Dessen Bedeutung haben wir ganz besonders im Herbst 2005 kennen gelernt. In jenem Herbst folgte in Südbulgarien auf einen ungewöhnlich regenreichen September ein warmer Oktoberbeginn.

Diese das Pilzwachstum befördernde Kombination hat uns statt ein, zwei oder drei Steinpilzen auf einer unserer Wanderungen 9 kg und bei der folgenden Wanderung 5 kg Steinpilze beschert! Dieses Sammlerglück ist uns auf unserem „Panorama Weg“ begegnet. Er führt oberhalb vom Dorf Ljuboviste nach Süden entlang Sonne beschienener Wiesen und dann durch den Wald. Von hier aus hat man einen wunderbaren Panoramablick auf das Kloster und die umgebenden Erdpyramiden. Nach diesem so erfolgreichen Ausflug gab es zahlreiche schmackhafte Pilzgerichte. Und in Dresden hatten wir in den folgenden Monaten noch eine Vielzahl von Gerichten, die mit getrockneten Steinpilzen gewürzt wurden.

Die Wanderung zu besonders ertragreichen Nuss- und Esskastanienbäumen führt von Roshen aus zunächst unterhalb des Klosters vorbei an Weinfeldern und Wiesen nach Südwesten. Dann folgt ein Weg durch ein breites, leicht abfallendes sandiges Tal, oftmals mit Schaf- oder Ziegenherden, weiter nach Süden hin zum Dorf Zlatolist. Es hat etwa 30 Einwohner und liegt nur noch in etwa 300 m Höhe. Hier, nach knapp 2 Stunden findet an der etwa 150 Jahre alten Wallfahrtskirche mit seinem alten Friedhof die erste Pause statt. Das kleine, inzwischen aufwendig restaurierte Kirchlein ist durch die „Heilige Stoina“ (Stoina Dimitrova, 1883 – 1933) berühmt geworden.

Diese tief verehrte, im siebenten Lebensjahr erblindede Frau hat etwa 20 Jahre lang in einem kleinen Zimmer oberhalb des Kirchenraumes den Erzählungen nach mit unglaublich wenig Nahrung gelebt. Sie ist auf dem Friedhof des Kirchleins begraben. Kirchlein und Grab haben sich zu viel besuchten Wallfahrtsstätten entwickelt. Deshalb wurde um die Kirche unter einer riesigen Plantane ein gut ausgestatteter Picknickplatz mit Grillmöglichkeiten angelegt, der weiter ausgebaut werden soll.

Nach dieser Rast folgt der Weg nach Westen durch ein sehr breites, flach ansteigendes Tal. In den Wiesen dieses Tales stehen die erwähnten großen Nuss- und Esskastanienbäume. Schnell ist der Rucksack gefüllt, wenn nicht andere Wanderer oder Einheimische kurz vorher diesen Weg gegangen sind. Anschließend folgt ein 20 Minuten währender Anstieg, bevor man auf der anderen Seite des Berghügels zum Städtchen Melnik hinabsteigen kann. In einem der zahlreichen Gasthäuser muss bei dem Bestellen des Mittagessens daran gedacht werden, dass ein noch knapp 2 Stunden währender Rückmarsch nach Roshen bevorsteht.

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Blick auf das Städtchen Melnik in Südwest Bulgarien

Dieser Rückmarsch führt zunächst unter dem Schatten der Bäume durch ein liebliches, nur schwach in östlicher Richtung ansteigendes Tal. Aber dann folgt ein gut halbstündiger, schweißtreibender steiler Aufstieg, der in Serpentinen durch die Erdpyramiden hinauf zum Kloster Roshen führt. Nach dieser Tageswanderung folgt zu Hause als Belohnung eine Dusche!

Viel Sonne beschert eine Wanderung von Roshen zu seinem Nachbardorf Ljuboviste und dann schließlich in nordöstlicher Richtung zu dem einsam an einem sonnigen Hang in 650 m Höhe gelegenen Dorf Kashina, das man nach etwa 2 Stunden erreicht. Hier leben nur noch einige ältere Bewohner – ähnlich zur Situation in Roshen, als wir dort 1994 zum ersten Mal eintrafen.

Wir besuchen auch dieses Dorf in jedem Urlaub und werden dann von einigen der wenigen Dorfbewohnern schon wie alte Bekannte freudig begrüßt. Von Kasina geht es steil hinauf zu einem in etwa 850 m Höhe gelegenen romantischen, tobenden Wasserfall von etwa 20 m Höhe. Die Heimkehr erfolgt mit einer weiteren etwa zweistündigen Wanderung zunächst auf einer Forststraße und dann hinab durch das Tal, in dem Bei Boris seine Hütte hat.

Und schließlich möchte ich noch eine Wanderung zu den höchst gelegenen Dörfern dieser Gegend erwähnen. Hierfür muss man zunächst den ersten Teil der oben erwähnten „Sveti Ilia Tour“ nehmen, dann aber nicht nach Karlanovo absteigen, sondern über nicht markierte Wege in nördlicher Richtung zum Dorf Sugarevo wandern. Die fehlende Markierung stellt kein Problem dar, da man das wiederum an einem sonnigen Hang gelegene Dorf schon aus großer Entfernung sehen kann und damit die Richtung vorgegeben ist. Von Sugarevo aus erfolgt zunächst ein kurzer, steiler Anstieg über Wiesen und dann weiter nach Norden entlang einer Forststraße zum in knapp 800 m Höhe gelegenen Dorf Doleni.

Hier ist es nun wirklich einsam. Oftmals haben wir nur eine oder zwei Personen angetroffen, die in ihrem Garten gearbeitet haben. Meist jedoch erschien dieses kleine, vor allem aus schon recht schiefen Häusern bestehende Dörflein völlig verlassen. Für den Rückweg kann man einen Weg nehmen, der kurz vor Doleni von der Forststraße nach Südwesten abbiegt und durch das Tal des „Dolenska Reka“ (Doleni Fluss) führt. Es ist ein kaum mehr benutzter Weg, der aber viel landschaftliche Abwechslung bietet.

Entlang dieses Weges haben wir bei einer Wanderung die für uns größte Zahl von Schildkröten an einem Tag gesehen. Schließlich aber muss man nach etwa 1 ½ Stunden zur linken Seite an einem Garten mit kleiner Hütte die Abzweigung hinauf durch die Erdpyramiden und dann auf der anderen Seite hinunter nach Karlanovo finden…

Kategorien: Art Café · Frontpage · Modern Times · Um die Welt

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