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“Kuckucksmädchen” – Teil 1

15 Oktober, 2012 von · Keine Kommentare

Auszug aus dem Buch von Eva Lohmann
mit freundlicher Unterstützung des Piper-Verlags, München

Kuckucksmädchen

Eva Lohmann, Kuckucksmädchen
© Piper Verlag GmbH, München 2012
ISBN 978-3-492-05546-8
175 Seiten, 16,99 EUR

Nach dem großen Erfolg ihres ersten Romans “Acht Wochen Verückt” (Auszug vom 5.09.2011 bei Public Republic unter www.public-republic.de/acht-wochen-verruckt.php) freuen wir uns, Ihnen Ausschnitte aus dem zweiten Roman “Kuckucksmädchen” der jungen Autorin Eva Lohmann vorzustellen. Der neue Roman handelt über die “Generation Option” und ihre verzweifelte Jagd nach dem vollkommenen Glück.

Wanda und Jonathan sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort und lieben sich auf diese hübsche Art und Weise. Warum also sollten sie sich nicht festlegen? Aber Wanda schaut lieber zurück als nach vorn. Hat sie in der Vergangenheit die richtigen Entscheidungen getroffen? Um ganz sicher zu gehen, beschließt sie, sich in die gemachten Nester ihrer Exfreunde zu setzen…

Heute lesen Sie über den Besuch von Wanda bei ihrem Ex-Freund Philipp.

Phillip hatte schon immer einen ausgeprägten Nestbautrieb, und obwohl wir erst seit wenigen Monaten zusammen waren, baute er mich damals ein in diesen Plan, der seiner war und für den er nur noch das passende Versatzstück » Frau « gesucht hatte. Die Wohnung haben wir zusammen ausgewählt. Wir hatten Glück, muss man wohl sagen, dass wir sie bekommen haben. In meiner Stadt und in meinem Alter suchen alle Paare das Gleiche: sanierter Altbau, Holzdielen, Stuck, Badewanne, Balkon, Blablabla. Die Konkurrenz ist groß. Bei der Besichtigung trafen wir auf etwa zwanzig andere Paare, die genauso aussahen wie wir. Sie unterhielten sich miteinander, wie Phillip und ich es taten. Vermutlich hatten sie auch ähnliche Jobs und machten im Bett die gleichen Sachen wie wir.

Ich stand im Türrahmen und beobachtete die Frauen. Ich sah, wie sie in Gedanken Abstände einschätzten, ihre Möbel in den Räumen verteilten. Zwischendurch lachten sie ein bisschen zu laut über schlechte Maklerwitze. Mir wurde übel, und um mich abzulenken, drehte ich mich ebenfalls in den Raum hinein und schob imaginäre Möbel übers Parkett. Wahrscheinlich war das der Anfang vom Ende. Der Makler bestimmte, dass wir die Glücklichen sein sollten, die die Wohnung bekamen. Vielleicht, weil wir das einzige Paar waren, dessen weiblicher Teil nicht sofort für ein paar Quadratmeter Altbau mit ihm geschlafen hätte. Auch Makler haben ihren Stolz. Ein paar Tage später zerplatzten die Träume der anderen Pärchen wie Seifenblasen auf unseren sorgfältig geschliffenen Holzdielen. Phillip und ich zogen ein.

Wir machten alles so, wie wir es von unseren Freunden abgeguckt hatten. Wir zogen die Raufasertapeten ab und strichen die nackten Wände mit Papierhüten auf unseren Köpfen. Wir bummelten über Flohmärkte, und ich achtete peinlich genau darauf, die richtige Mischung aus neuen und alten Möbeln zusammenzustellen. Das komische Gefühl, das sich am Tag der ersten Besichtigung eingestellt hatte, ging leider nicht weg. Also kaufte ich teure Designertapeten und flauschige Handtücher
und alte Emailledosen für unser Müsli. Aber je perfekter unsere Wohnung wurde, desto stärker wurde das falsche Gefühl. Und als wir nach drei Monaten fertig waren, wusste ich, dass ich nicht bleiben konnte. Kurz nachdem der letzte Dübel angebracht war, zog ich aus.

Phillip schaute sich verwirrt um, zuckte mit den Schultern und besorgte sich das fehlende Versatzstück » Frau « an anderer Stelle neu. Ich denke, diesmal achtete er allerdings darauf, in etwas Langlebigeres zu investieren, und machte dafür lieber Abstriche in anderen Bereichen – zum Beispiel bei der Kreativität.

Alles hier ist von mir ausgesucht. Eine komplette Ausstattung für ein vorzeigbares Pärchenleben in der Großstadt, zusammengetragen von der Ex. Bis auf die orange Küche hat Larissa fast nichts verändert. Mit Genugtuung bemerke ich, dass unser alter Küchentisch nun überhaupt nicht mehr ins Farbkonzept passt. Eigentlich ist er nicht alt. Wir haben ihn neu gekauft und mit schweineteuren Lasuren auf alt getrimmt. Die Kosten waren uns damals egal. Wir hatten den massiven Holztisch unter ganz anderen Kriterien ausgesucht. Kriterien, die schon zwei Wochen später keine Rolle mehr spielten. Wir haben kein einziges Mal darauf gevögelt.

Hier ein Public Republic Interview mit Eva Lohmann www.public-republic.de/artist-of-the-week-eva-lohmann.php

Kategorien: Art Café · Frontpage · Graffiti

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