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“Kuckucksmädchen” – Teil 2

17 Oktober, 2012 von · Keine Kommentare

Auszug aus dem Buch von Eva Lohmann
mit freundlicher Unterstützung des Piper-Verlags, München

Kuckucksmädchen

Eva Lohmann, Kuckucksmädchen
© Piper Verlag GmbH, München 2012
ISBN 978-3-492-05546-8
175 Seiten, 16,99 EUR

Nach dem großen Erfolg ihres ersten Romans “Acht Wochen Verückt” (Auszug vom 5.09.2011 bei Public Republic unter www.public-republic.de/acht-wochen-verruckt.php) freuen wir uns, Ihnen Ausschnitte aus dem zweiten Roman “Kuckucksmädchen” der jungen Autorin Eva Lohmann vorzustellen. Der neue Roman handelt über die “Generation Option” und ihre verzweifelte Jagd nach dem vollkommenen Glück.

Wanda und Jonathan sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort und lieben sich auf diese hübsche Art und Weise. Warum also sollten sie sich nicht festlegen? Aber Wanda schaut lieber zurück als nach vorn. Hat sie in der Vergangenheit die richtigen Entscheidungen getroffen? Um ganz sicher zu gehen, beschließt sie, sich in die gemachten Nester ihrer Exfreunde zu setzen…

Heute lesen Sie über den Besuch von Wanda bei ihrem Ex-Freund Ilya.

Ilya kommt genau in dem Moment zurück, in dem Jonathan auflegt. Ich lasse das Handy auf den Boden gleiten, während Ilya vor mir steht und die Gläser füllt.
Eine Weile trinken wir schweigend, ohne uns anzusehen. Das Haus atmet tief ein. Und dann ficken wir meine Gedanken an Jonathan einfach weg.

Schon vierundzwanzig Stunden später hilft auch Sex nicht mehr. Das liegt einer vorsichtigen Schätzung zufolge nicht nur an Jonathan, der vielleicht gerade in diesem Moment ein letztes Mal auf mich wartet. Es liegt auch am Sex selbst. Wenn wir den Alkohol weglassen und ich die Sache bei Tageslicht betrachte, ist es einfach nicht dem Alter angemessen, mit Jugendfreunden zu schlafen. Unsere Körper scheinen irgendwie noch auf dreizehn Jahre alte Abläufe programmiert zu sein. Eine Zeit, in der man froh war, wenn man die Sache überhaupt einigermaßen schmerzfrei und ohne Peinlichkeiten über die Bühne gebracht hat. Eine Zeit, in der allein der bloße Gedanke an Sex (Oh Gott, wir schlafen miteinander, wie richtige Erwachsene !) einen umhauen konnte. In unseren Köpfen und Betten muss so einiges passiert sein im letzten Jahrzehnt, allerdings getrennt voneinander. Vielleicht spielen unsere Körper deswegen nicht richtig mit. Ich kann nicht aufhören, den Bauch einzuziehen, und Ilya scheint sich nicht zu trauen, heute andere Stellen zu küssen als die, die ich ihm mit siebzehn Jahren erlaubt habe. Wir spielen ein Kinderspiel, das seinen Zauber verloren hat. Und als wir das erste Mal den guten alten Spielbeschleuniger Alkohol weglassen, merken wir es auch.

» Versteh mich nicht falsch, es macht Spaß, aber früher war es irgendwie aufregender «, sagt Ilya, und ich muss mich sehr beherrschen, um nicht beleidigt zu sein. Er hat recht.
» Wahrscheinlich ist es gut so. «
Ilya schaut mich fragend an.
» Ich habe dir doch am Telefon von meinem Projekt erzählt «, rede ich weiter und schlage einen wissenschaftlichen Tonfall an. » Und der Gedanke, dass sich die gleichen Dinge zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich anfühlen, könnte zu den wichtigsten Erkenntnissen in meiner Projektreihe gehören. «
» Ich bin Teil einer ganzen Projektreihe? «, fragt Ilya irritiert nach.
» Ja «, antworte ich unsicher. » Bist du jetzt eher stolz oder eher beleidigt? «
» Ich bin froh, dass ich dir helfen konnte, würde ich sagen. « Ilya grinst. » Falls du noch mehr Freundinnen mit solchen Projekten hast, kannst du sie gerne vorbeischicken.«
» Das wäre dann aber was anderes. In meinem Projekt geht es ja darum herauszufinden, wie eine Zukunft mit dem Ex ausgesehen hätte. «
Ilya schüttelt den Kopf. » Entschuldige, Baby, aber um zu wissen, wie eine Zukunft mit mir ausgesehen hätte, hätte es etwas mehr Aufwand gebraucht, als dreimal mit
mir zu schlafen. «
» Ich weiß. Meine Arbeit ist an manchen Stellen etwas laienhaft. Aber das ist leider auch eine Zeitfrage. «
» Verstehe. Und wie fühlt es sich an ? Also abgesehen von wichtigen Projekterkenntnissen ? «
» Wie ein Puzzleteil in der falschen Schachtel. «
» Wie ein was? «
» Du kannst dich doch an die Kinderpuzzles von früher erinnern. Du hast dir einen Kasten vom Stapel genommen, seinen Inhalt auf dem Fußboden ausgeschüttet
und angefangen, die Teile zu sortieren. «
Ilya nickt. » Erst mal alle Teile mit einer geraden Fläche an den Rand. «
» Genau. Und alle hellblauen nach oben, denn das wird der Himmel sein, und grün und braun nach unten, denn das ist die Wiese. «
» Wenn man Glück hat, findet man schon ein Katzenauge.«
» Ich sehe, du kennst dich aus. Auf jeden Fall fängst du an, die Teile ineinanderzufügen, du hast erste Erfolgserlebnisse, und die zusammenhängenden Flächen werden immer größer. Aber da ist dieses eine Teil, das du nun schon dreimal hin und her geschoben hast. Denn irgendwie passt der Farbton nicht so richtig, und irgendwie weißt du nicht genau, wo es hin soll. Es könnte eventuell zum Himmel gehören, denkst du, und drückst es an eine Stelle, für die du gerade nichts Passenderes findest. Aber du musst ziemlich doll drücken, damit es sich an das Nachbarstück anfügt, und jetzt siehst du, dass der Rand nicht ganz abschließt. Du nimmst es wieder weg, und du puzzelst woanders weiter und weiter, und alles findet sich, nur dieses eine einzige Teil schiebst du von links nach rechts und weißt nicht, wohin damit.
Und dann drehst du es um und dir fällt auf, dass die Pappe, auf die es gepresst wurde, ein anderes Grau hat als die restlichen Rückseiten der Puzzlestücke. «
» Ups «, sagt Ilya. » Fremdes Puzzlestück im falschen Kasten. «
» Richtig. Fremdes Puzzlestück im falschen Kasten. And guess what ? Dieses Puzzlestück bin ich. «
» Verstehe. Und wie viele Puzzlekästen hast du im Rahmen deiner Projektreihe nun schon untersucht? «
» Du bist der Dritte. «
» Okay. Wie viele hast du noch vor dir? «
Ich seufze. » Einen. Aber ich überlege, das Projekt vorzeitig zu beenden. «
» Um dich endlich in den Puzzlekasten zu begeben, in den du gehörst? «
» Das ist es ja. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Aber da gibt es andere, die es offensichtlich für mich mit wissen. Nur habe ich keine Ahnung, ob ich denen glauben kann. «
Ilya zuckt mit den Schultern. » Dann schau dich doch weiter um. Was ist denn das Problem? «
» Das Problem ist, dass ich plötzlich mehr Verantwortung habe als früher. Und zwar nicht nur für mich, sondern auch für meinen Freund. Denn wenn ich es nicht ernst meine, wenn ich mir nicht sicher bin, dann sollte ich nicht länger seine Zeit vergeuden. Dann ist der Spaß langsam vorbei. «
» Und das war früher anders? «
» Klar war das früher anders. Da war doch alles nur Spiel, verstehste ? Aber heute muss ich auf einmal sicherer sein als früher. Und das stresst mich. «
» Weil jetzt die Nestbauphase eintritt und du ihm noch die Chance geben willst, ein anderes Weibchen zu finden? «
» Richtig. Und weil es vielleicht einen anderen Vogel gibt, mit dem ich viel lieber über den Eiern brüten würde. «
» Mädchenprobleme «, sagt Ilya und winkt ab.
» Kuckucksmädchenprobleme «, verbessere ich ihn leise.
» Was? «
» Ach, nichts «, antworte ich und streichle ihm über den Kopf. » Ich geh dann mal meine Sachen packen. «

Hier ein Public Republic Interview mit Eva Lohmann www.public-republic.de/artist-of-the-week-eva-lohmann.php

Kategorien: Art Café · Frontpage · Graffiti

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