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“Kuckucksmädchen” – Teil 3

2 November, 2012 von · Keine Kommentare

Auszug aus dem Buch von Eva Lohmann
mit freundlicher Unterstützung des Piper-Verlags, München

Kuckucksmädchen

Eva Lohmann, Kuckucksmädchen
© Piper Verlag GmbH, München 2012
ISBN 978-3-492-05546-8
175 Seiten, 16,99 EUR

Nach dem großen Erfolg ihres ersten Romans “Acht Wochen Verückt” (Auszug vom 5.09.2011 bei Public Republic unter www.public-republic.de/acht-wochen-verruckt.php) freuen wir uns, Ihnen Ausschnitte aus dem zweiten Roman “Kuckucksmädchen” der jungen Autorin Eva Lohmann vorzustellen. Der neue Roman handelt über die “Generation Option” und ihre verzweifelte Jagd nach dem vollkommenen Glück.

Wanda und Jonathan sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort und lieben sich auf diese hübsche Art und Weise. Warum also sollten sie sich nicht festlegen? Aber Wanda schaut lieber zurück als nach vorn. Hat sie in der Vergangenheit die richtigen Entscheidungen getroffen? Um ganz sicher zu gehen, beschließt sie, sich in die gemachten Nester ihrer Exfreunde zu setzen…

Heute lesen Sie über die Entscheidung von Wanda.

Vielleicht ist das Herz schneller als der Verstand. Vielleicht kann ich auch ein paar Sekundenbruchteile schneller fühlen, als ich begreifen kann, ich weiß es nicht genau. Was ich weiß, ist, dass das Herz aussetzt, bevor ich wirklich verstanden habe, was gerade passiert ist. Es verharrt eine kleine Ewigkeit wie gelähmt in meiner Brust, während um mich herum die Welt stehen bleibt. Die Traurigkeit trifft mich heftig und völlig unvorbereitet. Da ist es. Das ganz große Gefühl. Das, auf das ich die ganze Zeit gewartet habe. Das, was bei allen anderen Männern immer nur zu ahnen war. Jetzt ist es da. So fühlt sich das also an.

Neues Partyvolk kommt die Treppe herunter. Jungs mit albernen Brillen und karierten Hemden, Mädchen mit Röhrenjeans und langen, offenen Haaren. Sie schreien und lachen und gehen an mir vorbei zu der Tür, hinter der Jonathan verschwunden ist. Sie sehen mich nicht. Und sie sehen auch nicht mein Herz, das jetzt einen Satz macht, durch sämtliche Organe hinabstürzt und sich dann, völlig geräuschlos, aus meinem Körper fallen lässt.

Ich brauche eine kleine Weile, bis ich meine Augen endlich von der verdammten Tür wenden kann. Dann erst fällt mein Blick auf das Herz, das blutend zwei Treppenstufen unter mir liegt. Ich trete einen Schritt näher und betrachte es mit Unbehagen. Ganz still liegt es da, es weint nicht, es schreit nicht, es macht keinen Laut, und es bewegt sich nicht.

Ich sehe mich um. Noch hat keiner den Unfall bemerkt. Einen kurzen Augenblick spiele ich mit dem Gedanken, mich einfach umzudrehen, davonzugehen und mein Herz mit all seinem Schmerz dort liegen zu lassen. So zu tun, als hätte ich nie den Sound seiner Stimme gehört. So zu tun, als ginge mich das alles nichts an. Ein einsames, verletztes Herz auf einer Hafentreppe, es ist vermutlich noch nicht mal das erste.

Aber dann sehe ich, dass es noch immer ganz leicht pulsiert. Ich setze mich auf die Treppenstufe und strecke meine Finger nach ihm aus. Als ich es vorsichtig aufhebe, liegt es ruhig pochend in meiner Hand. So gut es geht, säubere ich es von Blut und Straßendreck. Ich stehe auf und bahne mir meinen Weg durch die feiernden Menschen, zurück in Richtung Hafen.

– Komm, mein Herz, wir gehen. Ich pass auf, dass dich keiner schubst.

Ich höre nicht auf. Ich mache einfach weiter und versuche, möglichst wenig zu denken. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich will ein eigenes Nest. Und dieses Nest baue ich jetzt. Und ich glaube daran, und ich wünsche ganz fest, dass auch Jonathan daran glaubt.

Hier ein Public Republic Interview mit Eva Lohmann www.public-republic.de/artist-of-the-week-eva-lohmann.php

Kategorien: Art Café · Frontpage · Graffiti

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