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Let’s Go Home

29 November, 2009 von · Keine Kommentare

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Am Donnerstag, den 29. Oktober, wird in den beeindruckenden Räumlichkeiten des neuen S-KAI, das vom preisgekrönten Architekten-Team Jürgen Böge & Ingeborg Lindner-Böge entworfen wurde und vorübergehend einen experimentellen Raum für Kunst bietet, erstmals eine Kunstausstellung eröffnet: Let’s go home.

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Hierzu wurden Internationale Künstler ausgewählt um auf der 800 qm großen Fläche des neu gestalteten Gebäudes am Sandtorkai bereits vorhandene oder eigens in Auftrag gegebene Werke vorzustellen. Sie wurden ausgewählt um sich in Hamburg, eine bedeutende Hafenstadt die sich klassisch als ‚Tor zur Welt’ versteht, mit vielfältigen und teils auch kontroversen Definitionen des Begriffs „Zuhause“ zu befassen.

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Unter „Zuhause“ verstehen wir gemeinhin einen geordneten physischen Raum, einen zentralen und stabilen Ausgangspunkt im Leben eines Kindes. In Anna Skladmanns Reportage über privilegierte russische Kinder erweist sich das Zuhause jedoch nicht als Synonym für eine unschuldige Kindheit, sondern als materialistische Show, in der sich diese „kleinen Erwachsenen“ zu beweisen haben.

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Während für manche das Zuhause mit schlimmen Erinnerungen an Streitigkeiten verbunden ist, stellt es für andere einen Ort der Sicherheit und Liebe dar. In seinem halb-fiktiven Dokumentarfilm stellt Teboho Edkins einer komplizierten und theatralischen Liebe in einer Pariser Wohnung auf ironische Weise Szenen aus einer vermeintlich „einfacheren“ Liebe im afrikanischen Lesotho zur Seite.

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In ähnlicher Weise befasst sich Maria Almeida Bragas „In and Out of Love“ mit der Liebe und dem Streben nach Gleichgewicht. Auch Jinran Kim verbindet das Zuhause mit dem Thema der Intimität: In ihrem „Soap Project“ steht die Seife symbolisch für die intimsten Momente unseres täglichen Lebens.

Das Zuhause ist auch Träger von Erinnerungen. Franziska von Stenglins „Der Felsen Von Unten“ porträtiert entlegene maltesische Wohnhäuser, die vollgestellt sind mit Sammlungen von Antiquitäten und Kitsch. Dabei entsteht durch die Wiederholung von Objekten eine gewisse Banalität. Von Stenglin stellt diese photographierten Szenen in originalen Schaukästen des Berliner Museums für Naturkunde aus.

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Diese Verbindung zur Naturgeschichte reicht in den akribisch präzisen Zeichnungen und Schnitten von Tiphaine de Bodman sogar noch weiter: Hier wird das Konzept des „Zuhauses“ als Zentrum der Welt untersucht, wobei die geologischen Schichten auf den Ursprung des Lebens verweisen.

In umgekehrter Weise betont Yudi Noor mit „Dont’ think twice it’s a fake“, dass das Zuhause nicht nur ein Zentrum bildet, sondern gleichermaßen eine Tür, durch die man gehen und auch zurückkehren kann. Ein Haus, das eine vollständig abgeschlossene Struktur bildet, wird zum Tollhaus. Thomas Draschans Collagen verwenden das Mittel der Inkongruenz um Gedanken von zerstörter Ordnung und Dekadenz zu visualisieren.

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Was geschieht, wenn das Vertraute, das Zuhause, ‚unheimlich’ wird? In Sophie Holsteins Gemälden erscheinen die Charaktere wie Opfer von Missverständnissen, die unmittelbar vor einem Konflikt stehen. Auch Jill Mulleadys Innenräume sind fragmentierte Orte, die genau so aussehen, wie sie sich in der Erinnerung darstellen würden, und die Grenze zwischen Fakten und Fantasie bilden.

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In unserem Zeitalter des Virtuellen, der Globalisierung und ständigen Bewegung wird überall auf der Welt das Zuhause zerstört, Identitäten werden geschwächt. Immer mehr Menschen werden zu Nomaden, die ständig ihren Aufenthaltsort wechseln und sich fortwährend neu definieren. Luke Turners Film über ein Foto beschwört diesen provisorischen Zustand herauf, in dem man zwischen allen Stühlen sitzt, und lässt dabei eine Spannung zwischen dem bewegten Bild und dem starren Foto entstehen. Nastja Rönkkö stellt diese Positionierung zwischen zwei Welten in ihren recht melancholischen Gemälden dar, in denen beschrieben wird, dass das „Zuhause“ physisch nicht mehr existiert, sondern vielmehr als entfernte Wahrnehmung fortbesteht.

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So lässt sich das „Zuhause“ für viele auch als symbolischer Raum betrachten, der sich zwischen dem formlosen Reich der Einsicht und Inspiration und der externen „Realität“ von Erscheinungen befindet. Es ist ein Ort, an dem das „Leben“ stattfindet – ein Ort, den wir uns erschaffen, und letztlich auch der Ort, dem wir uns zugehörig fühlen.

Schließlich müssen Menschen „ankommen“, sich an einen Ort begeben, an dem das Leben zur Ruhe kommt. Mit seinem „Blind Disco Ball“, einer Diskokugel, die kein Licht mehr reflektiert, kündigt Alejandro Moncada an, dass die Party vorbei ist: Let us go home.

Anmerkungen für den Herausgeber
Let’s Go Home, veranstaltet mit der großzügigen Unterstützung der DWI Grundbesitz GmbH, wird am 29. Oktober eröffnet und schließt am 6. Dezember 2009.

Das vom preisgekrönten Architekten-Team Jürgen Böge & Ingeborg Lindner-Böge entworfene S-KAI liegt im Herzen von Hamburgs zu neuem Leben erweckter HafenCity. Das S-KAI wurde von der DWI Grundbesitz GmbH in Auftrag gegeben und befindet sich seit kurzem im Eigentum des schwedischen Fonds Norrporten.

Plakat

Adresse:
Am Sandtorkai 50
20457 Hamburg
Deutschland

Öffnungszeiten:
Donnerstag-Sonntag, 14-19 Uhr

Weitere Informationen erhalten Sie von:
Charlotte Friling
Kuratorin
charlottefriling@gmail.com

Kategorien: Frontpage · Nachrichten

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