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Martin Ralchevski: Jedes Buch muss mit einem tieferen Sinn und einer klaren Richtung behaftet sein

20 September, 2015 von · Keine Kommentare

Interview von Natalia Nikolaeva mit Martin Ralchevski

„Zweifellos ist diese Welt imaginär, aber sie ist nur noch einen Schritt weit von der realen entfernt.“
Isaak Singer

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Kalin Tersijski bezeichnet Martin Ralchevski als einen wunderbaren Erzähler von traurigen Geschichten, der jedoch Hoffnung säe, weil er Christ sei und an Gott glaube.

Als Autor interessiert sich Martin Ralchevski vor allem für den suchenden Menschen, der aus Dilemmas und Entscheidungen zusammengestrickt ist, mal verwirrt, mal traurig, aber der seinen Weg geht, der sich bewegt, sich verändert und glaubt.

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Martin Ralchevski, Velina Weber und Luba Karabadjakova bei der Buchpremiere von “30 Pounds” in Hamburg
Photo: Milena Aleksandrova

Der Anlass für das Gespräch mit Martin Ralchevski war die deutsche Premiere des Romans „30 Pounds“. Die deutsche Ausgabe mit dem Titel „30 Pounds. Der Kreuzweg zum Leben“ wurde vom Berliner Verlag „Anthea“ herausgegeben und auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse im März vorgestellt.

Die Übersetzung stammt von Velina Weber, die nicht nur ein Professionalist mit einem ausgeprägten Sprachgefühl, sondern ein feiner Mensch mit geistigen Interessen ist.

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Martin Ralchevski zusammen mit Velina Weber auf der Premiere von “30 Pounds. Der Kreuzweg zum Leben” in Hamburg
Photo: Milena Aleksandrova

Die Romanpremiere in Hamburg fand am 18. Mai im Kunstforum GEDOK statt. Der Autor las Ausschnitte aus seinem Buch vor, und dank Velina Weber und Luba Karabadjakova erklangen die Fragmente auch in deutscher Sprache.

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Daria-Karmina Iosifova, Martin Ralchevski und Velina Weber
Photo: Milena Aleksandrova

Die Art Atmosphäre wurde durch Klavierimprovisationen von Daria-Karmina Iosifova ergänzt, inspiriert vom Roman, sowie durch parallel im Hintergrund laufende Filmbilder, welche mit der Thematik im Einklang standen.

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Die Klavierspielerin Daria-Karmina Iosifova
Photo: Milena Aleksandrova

Das deutsch-bulgarische Publikum hatte die Möglichkeit, in das natürliche, interessante und inspirierende Gespräch mit dem Autor einzutauchen.

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“Auf dieser Erde gibt es immer jemanden, der einem helfen möchte.” Dieser Satz aus “30 Pounds. Der Kreuzweg zum Leben” ist einer der Schlüssel für das Verstehen von Martin Ralchevskis literarischem Werk.

Im Mittelpunkt steht der einfache, bescheidene Mensch, der ein stilles und sanftes Wesen hat, jedoch auch durch seelische Qualen gekennzeichnet ist.

Martin Ralchevkis Protagonisten stehen vor den ewigen Fragen des menschlichen Seins wie die Liebe, der Sinn des Lebens und der Tod, der Glaube an Gott.

Auf der Suche nach sich selbst und nach dem entgleitenden Gleichgewicht zwischen dem Materiellen und dem Ideellen treffen sie ihre Entscheidungen und behaupten diese.
Wir sprechen mit Martin Ralchevski über den Weg zum Schreiben, über dessen Bestrebungen und Entdeckungen.

Wann und wie begann dein Weg zum Schreiben?

Bevor der richtige Weg begann, hatte etwas wie Selbstfindung stattgefunden, wie man das so oft sagt. Das begann im Jahr 2003, als ich in Mexiko an dem Film „Troja“ als Statist teilnahm. Man kann davon sprechen, dass diese Suche dort ihren Anfang hatte.

Ich habe dann relativ schnell meine Berufung gefunden, d. h. ich habe mich entschlossen, ein Buch zu schreiben, sobald ich zurückkehre. Oder mit anderen Worten: zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich den Wunsch, etwas zu hinterlassen. Für mich muss jedes Buch mit einem tieferen Sinn und einer klaren Richtung behaftet sein.

Die Idee hat mich allein gefunden. Ich war beim Fels, von dem sich Hemingway hat inspirieren lassen, während er an “Der alte Mann und das Meer” schrieb. Damals beschloss ich von dem Glauben und von den Träumen zu schreiben. So entstand der Roman “Endlose Nacht”, der von der endlosen dunklen seelischen Nacht erzählt, die für den Menschen ohne Hoffnung ewig lang sein kann. Sie endet jedoch mit einem straken Licht.

Im Jahr 2007 brachte ich dem bulgarischen Verlag „Siela“ ein Manuskript. Es war keine Woche vergangen, als mich der Vertriebsleiter – Svetlyo Zhelev – anrief –– und mir mitteilte, dass dies eines der besten Manuskripte sei, die er je bekommen habe und der Roman herausgeben werden würde.

Mein zweites Buch heißt “Waldgeist”, sein Thema ist das Todesurteil. Ein Verbrecher kommt ins Gefängnis. Der Protagonist findet den Weg zur Wahrheit. Er bekennt sich zum Glauben, aber es ist bereits zu spät.

Während der ganzen Zeit herrscht ein bedrückendes Gefühl, das ist ein düsteres Buch mit einem starken happy end, an dem sich die Hauptfigur dessen bewusst wird, dass all das in der Wirklichkeit nicht geschehen war, sondern hätte geschehen können.

In diesem Augenblick wandelt er sich zu einem absolut neuen Menschen um.
Das dritte Buch “Halbgöttin” ist von der Gattung her fiction. Sie wissen, dass sich heutzutage viele Menschen einfrieren und in der Zukunft wieder auftauen lassen. Viele werden krankheitsbedingt eingefroren, weil sie auf eine Heilung warten.

Es gibt jedoch ebenfalls viele reiche Menschen, deren Wille ist, eingefroren und in Zeiten von hochmoderner Zivilisation wieder aufgetaut zu werden.

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Mein vierter Roman ist “30 Pounds”. Er erzählt von zwei jungen Menschen. Jack und Ivan. Von den Hindernissen und Schwierigkeiten, die sie durchleben, bis sie sich selbst finden. Im Großen und Ganzen handelt dieser Roman von einer wahren Geschichte, es gibt jedoch ebenso eine literarische Erfindung.

Ein junger und armer Bulgare wandert nach England aus, um dort seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Dort begegnet er dem reichen Engländer Jack, der an einem schwachen Herz leidet. Ivan gibt dem reichen Jack, der als Vertreter der westlichen Gesellschaft erscheint, Hoffnung. Die beiden begeben sich auf den Weg des Glaubens.

Der Bulgare bringt Jack auf die Idee, Athos zu besuchen, wo er eine Umwandlung erlebt und zu seinen Nächsten und Verwandten als Mönch zurückkehrt. Jack gelingt zur Erkenntnis, dass es noch etwas über das irdische Leben hinaus gibt. Der Roman endet mit Jacks Tod, der bereits Mönch Antonij ist.

Es geschieht ein Wunder, als sein Grab einige Jahre später geöffnet wird und sich von seinen Gebeinen ein Blumenduft verbreitet. Das ist eine beinahe dokumentarische Erzählung. Für die Gläubigen ist das ein deutliches Zeichen, dass der Mönch ein Heiliger wurde und dass seine Seele im Gottesreich ist.

2013 kam der Roman “Der Betrug” heraus, im gewissen Sinne ist “Der Betrug” ein politisches Buch, es handelt von den Selbstmorden in Bulgarien.
Mein letztes Buch heißt “Emigrant” – das ist ein Band mit Erzählungen.

Du hast ein theologisches Studium absolviert? Wie ist es dazu gekommen?

Weiß ich das? Gott hat mich berührt. Ich betrat eines Tages das Gebäude der Theologischen Fakultät in Sofia. Es fand ein Gottesdienst statt, es duftete nach Weihrauch, eine unglaubliche Ruhe überfiel mich. Offensichtlich hatte ich nach dem Schöpfer gesucht, aber ich hatte nicht geahnt, wie ich Ihn finden sollte.

Du sagst, dass es etwas wie ein Wunder in deinem Leben gibt, das dich dem Glauben zuwenden ließ.

Viele kleine Wunder. Wer meine Erzählungen aus dem Band “Emigrant” liest, würde sie aus erster Hand kennenlernen.

Als Student besuchte ich das Kloster von Kokalyane, in der Sofioter Region. Dort lebte ein sehr gläubiger alter Mann, Altvater Nazarij. Damals hatte ich das Gefühl, dass sich eine neue Welt mir erschloss– in jenen unsicheren Jahren 1991-92. Im Gegensatz zu dem Stress und der Feindlichkeit, die überall herrschten, entdeckte ich eine Welt von ewigem Frieden und Ruhe.

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Wie stellst du dir das Praktizieren des Glaubens vor?

Wenn man orthodoxer Christ ist, muss alles wie zu der byzantinischen Zeit stattfinden. Man geht in die Kirche, fastet, der Mensch beichtet nicht nur seine Taten, sondern auch seine schlechten Gedanken und Gefühle. Die Beichte ist ein Sakrament. Der orthodoxe Christ betet. Er vergibt und bittet alle, dass sie ihm alles vergeben. Man nimmt an der Eucharistie teil.

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Erzähle uns von den Protagonisten im Roman “30 Pounds”.

Jack ist eine erfundene Gestalt. Ich wollte durch diese Figur den westlichen Menschen zeigen, der alles hat, übersättigt und verschwenderisch ist und zugrunde geht. Er weiß sogar nicht, dass es einen Gott gibt.

Ich wollte deutlich machen, dass eine Ewigkeit existiert. Gott schickt beispielsweise einem Menschen eine Krankheit und dieser fragt sich: „Warum? Was habe ich begangen, um dies erleben zu müssen?“

Das ist der richtige Weg – nach der Ursache zu suchen. Da jede Krankheit auf eine immaterielle Ursache zurückzuführen ist.
An dieser Stelle erscheint der Bulgare, der Arme, der die englische Sprache nicht beherrscht, jedoch die Botschaft des Glaubens bringt.

Durch ihn berührt Gott das Herz des Engländers Jack, der später den Heiligen Berg besucht und ein Heiliger wird. Ich wünsche das allen Menschen aus dem Westen. Laut Hl. Serafim Rose wird einer von zehn Millionen ein Heiliger. In diesem Sinne erzählt dieses Buch von den Ausnahmen.

Gibt es einen konkreten Anlass, diesen Roman zu schreiben?

Auf youtube gibt es einen Film über den Mönch Antonij in russischer Sprache. Jeder kann ihn finden. Die Kommentare der Russen unter dem Film sind authentisch und wahrheitsgetreu.

Meiner Meinung nach ist das ein starker Film über einen einfachen jungen Mann, der alles besitzt und den Weg des Glaubens einschlägt und innerhalb von drei Jahren zum Heiligen wird.

Ich kannte diesen Menschen. Er war mein Freund. In Wirklichkeit ist Vater Antonij Todor Dzhambazov aus Michurin, geboren 1974 und verstorben 2000 auf dem Heiligen Berg. Aus diesem Grund schrieb ich diesen Roman nieder, Vater Antonij war meine Inspiration.

Ich wollte über ihn erzählen und zeigen, wie man sich dem Glauben zuwenden und den Weg des Glaubens einschlagen kann. Weil ich in England, wo ich lebe, eine westliche Gesellschaft von überversicherten und ängstlichen Menschen erlebe, die ein geregeltes, vorprogrammiertes und durchkalkuliertes Leben führen.

Der Weg der westlichen Gesellschaft folgt der horizontalen Achse, auf der die Vertikale, d. h. der Weg nach oben, unbekannt ist. Das ist eine Gesellschaft von Hedonisten.

Welches von deinen Büchern hat die meiste Anerkennung unter deinen Lesern gefunden?

Ich denke, mein erstes Buch, es wurde erneut herausgegeben und die zweite Auflage hat sich ebenfalls schnell vergriffen. Die meisten Leserbriefe habe ich allerdings im Zusammenhang mit meinem letzten Buch erhalten. Es geht um die Erzählungen aus dem Sammelband „Emigrant“, die 2014 herauskamen. Der Erzählband beinhaltet 30 Erzählungen, 20 davon beruhen auf wahrhaften Begebenheiten.

Hast du jemals einen Leserbrief erhalten, der dich tief erschüttert hat?

Viele, einige davon habe ich aufbewahrt. Wie beispielsweise den Brief von einer Frau, die mir geschrieben hatte, dass eines meiner Bücher ihr den Glauben ans Leben zurückgegeben hat. Anstatt sich in den Abgrund zu stürzen, habe sie sich wieder für das Leben entschieden.

Denkst du, dass deine Bücher den Menschen in Wirklichkeit helfen können?

Ja, ich denke, dass es möglich ist. Im Zusammenhang mit meinem Roman „Der Betrug“ habe ich einen berührenden Brief von einem Bulgaren erhalten, der in Kanada lebt. Es geht um das endlose Drama des Selbstmordes. Wenn der Leser das Buch gelesen hat, spürt er Zustrom von Kraft und glaubt, dass er in seinem Leben niemals Selbstmord begehen würde.

Schreibst du momentan an einem neuen Buch?

Ja, es handelt vom Ende der Welt, sein Titel ist Antichrist. Ein verantwortungsvolles Thema.

Liest du bulgarische Autoren?

Ich lese gern Deyan Enev, Teodora Dimova, Zahari Karabashliev. Kalin Terziyski ist allerdings mein Lieblingsautor.

Was möchtest du deinem Sohn auf den Weg des Erwachsenwerdens weitergeben?

Ich wünsche mir sehr, dass er mich in meinem Glauben übertreffen wird. Dass er tief gläubig wird. Dass er weiß, dass der Sinn des Lebens in der Ewigkeit liegt. Ich wünsche mir, dass er überhaupt nicht denkt, dass der Sinn des Lebens im Genießen steckt. Ich möchte, dass er ein guter Mensch wird.

Wovon träumst du?

Ich würde meine Antwort in zwei teilen.
Ich glaube tief, dass eine Seele existiert. Mein erster Traum ist immateriell. Ich träume davon, dass sich Gott meiner erbarmt und dass ich in Seinem Reich sein werde, wenn ich eines Tages sterbe. In der Ewigkeit.

Mein zweiter Traum ist hat einen materiellen Charakter. Es klingt vielleicht etwas dreist, aber ich wünschte mir sehr, dass mich Gott segnet, meinen Lebensunterhalt durch Schreiben bestreiten zu können.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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