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Meine Gedichte entwickeln sich aus der Sprache selbst – ein Gespräch mit dem Lyriker und Verleger Hans Thill

23 September, 2008 von · 2 Kommentare

Ein Interview von Petja Heinrich

Hans Thill
Foto: Ute Schendel

Public Republic: Sie sind Lyriker und Verleger. Wie vereinen Sie diese beiden Identitäten? Geraten manchmal der Poet und der Geschäftsmann in Konflikt oder existieren sie in Harmonie?

Hans Thill: Es gibt heute kaum einen Lyriker, der nicht noch einer anderen Beschäftigung nachgeht. Irgendwo steht von mir die Aufforderung an junge Dichter: Suchen Sie sich einen Beruf, die Existenz als Lyriker ist demütigend und langweilig. Das war natürlich polemisch und extrem einseitig formuliert. Eines steht aber fest: ich fände es gut, wenn sehr viele Lyriker auch als Verleger oder Lektoren tätig wären. In den meisten deutschen Verlagen hat man von Lyrik keinen Schimmer mehr.

Ich gehöre eben zu einer Generation, die sich ihre Medien selbst geschafft hat. Uns blieb damals nichts anderes übrig, für Leute nach 68 wie uns, die mit so ziemlich allem, was die Bundesrepublik ausmachte, nicht einverstanden waren, war in den offiziellen Medien kein Platz. Also haben wir uns selbst unsere Medien geschaffen. Der Verlag Das Wunderhorn, der 30 Jahre alt wird, ist eine dieser Initiativen gewesen.

Für mich gibt es kaum eine Kollision dieser beiden Tätigkeiten. Allerdings sehe ich mich kaum als Geschäftsmann. Diesen Part haben eher die beiden Kollegen, mit denen ich diesen Verlag betreibe: Angelika Andruchowicz und Manfred Metzner. Ihnen ist es auch zu verdanken, daß ich ein poetisches Leben führen kann (das eben nicht demütigend und langweilig ist), denn immerhin ertragen sie es, daß beispielsweise meine Vormittage dem Schreiben vorbehalten sind.

Public Republic: Wie würden Sie Ihre Lyrik beschreiben – gibt es bestimmte Motive, Gegenstände oder Charaktere, welche Sie oft und gern interpretieren? Würden sie unseren Lesern eins Ihrer Gedichte hier präsentieren?

Hans Thill: Soviel sei gesagt: Meine Gedichte entwickeln sich aus der Sprache selbst. Sie sind Ergebnisse von verblüffenden Konfrontationen, wie sie bereits in der Romantik, im Dadaismus und im Surrealismus aufgespürt wurden. Eine gewisse rebellische Tendenz habe ich mir noch aus der Jugendzeit bewahrt. Im übrigen glaube ich, daß das Lachen eine poetische Tätigkeit ist.
Hier ein Gedicht aus dem Band »Kühle Religionen«

Brot

oder Brocken wenn man es wegwirft
kommt es zurück. Der bleiche Teig wird geschlagen
die Hand geht über die Kruste ein
rissiges Feld. So wurden die Rassen gebacken
je nach Temperatur und Geduld dunkler
heller. Brot versteht jeder

Public Republic: Gibt es auch Gedichte von Ihnen, welche ins Bulgarische übersetzt worden sind?

Hans Thill: Mirela Ivanova hat das eine oder andere übersetzt und in der Zeitschrift “Sawreminik” veröffentlicht. Es gibt in meinem Buch über Plovdiv, das bei Pygmalion erschienen ist, “Deutsche Reise nach Plovdiv” auch einige Gedichte. Schließlich wurden bei der letztjährigen Übersetzerwerkstatt in Plovdiv auch Gedichte von mir übersetzt, wenn ich mich recht entsinne aus dem Zyklus »Ortsveränderung – Die Söhne.«

Public Republic: Wie und wann ist Ihre Verbindung mit Bulgarien entstanden? Erzählen Sie uns bitte über Ihre Begegnungen mit Leuten und Städten dort.

Hans Thill: Ich habe im Jahr 1999 zum ersten Mal Plovdiv besucht. Eine Dichterverschickung des Landes Rheinland-Pfalz mit dem Namen »Deutsche Reise nach Plovdiv«. Man wohnte 6 Wochen in einem der wunderbaren Gründerzeit-Häuser und sollte ein Buch bei Pygmalion abliefern und eines bei Wunderhorn. Da ich die Reihe schon vorher betreut hatte, wußte ich etwas bescheid. Vor allem wußte ich aber, daß jeder der Autoren bestrebt war, etwas anderes abzuliefern als sein Vorgänger.

Ich habe geschrieben wie ein Wilder, Gedichte vor allem, aber auch Briefe an meine Freunde in Heidelberg und anderswo, die bisher kaum etwas von diesem sagenhaften Ort Plovdiv gehört hatten. Daraus ist ein Dokument der Begeisterung und der Verblüffung geworden. Über die byzantinischen, slawischen orientalischen, türkischen usw. Reste, die sich zu einem berauschenden Mischmasch verbunden haben. Ein umfangreicher Band erschien in der bulgarischen Reihe bei Pygmalion, dort sind sogar die Telefongespräche mit meiner Mutter dokumentiert. Die deutsche Ausgabe heißt »Kopfsteinperspektive. Post aus Plovdiv und Sofia«.

Public Republic: Wie sind Sie zu der Idee für “Balkanische Alphabete” gekommen? Erzählen Sie uns bitte über die Reihe.

Hans Thill: Es war nicht allein meine Idee. Und ich bin nur einer der vielen, die an diesem Projekt beteiligt sind. Die Partnerschaft Bulgarien-Rheinland-Pfalz geht auf eine Übersetzerwerkstatt der Reihe »Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter« zurück, damals betrieben von Gregor Laschen und Ingo Wilhelm, bei der bulgarische Dichter nach Edenkoben eingeladen wurden. Das war im Jahr 1993! Es gab eine Gegeneinladung nach Plovdiv und dabei entwickelte sich die äußerst fruchtbringende Freundschaft zwischen dem Ministerialbeamten Ingo Wilhelm und dem Verleger Emil Stojanov. Beide haben dann die schon erwähnte »Deutsche Reise nach Plovdiv« ins Leben gerufen.

Die »Balkanischen Alphabete« waren als Fortsetzung gedacht. Die deutschen Dichter hatten soviele Anregungen aus Bulgarien erhalten, jetzt wollten sie den bulgarischen Dichtern etwas zurückgeben. Wir haben sehr schnell festgestellt, daß es sinnvoller ist, zu übersetzen, als etwa ein Stipendium in Deutschland zu organisieren. Erst einmal müssen die Gedichte der neuen Generation Bulgariens in Deutschland ankommen.

Es wurde ja schon zu Zeiten des alten Ostblocks einiges aus dem Bulgarischen übersetzt, damals und auch später war Norbert Randow der grosse Vermittler der bulgarischen Literatur. Jetzt also in unserer Anthologie, drei Lyriker den neuen Generation, ausgewählt und vorgestellt von Mirela Ivanova, die bereits die »Deutsche Reise nach Plovdiv« begleitet hatte. Bojko Lambovski, Plamen Doinov, Galina Nikolova. Übrigens hat die Neue Zürcher Zeitung gerade diesen Ansatz unserer Anthologie eben sehr gelobt, daß sie eine Generation vorstellt, von der in Deutschland bisher nicht die Rede war.

Es wäre aber nur eine halbe Sache, wenn wir bei Bulgarien stehen bleiben würden. Deshalb sind wir dieses Jahr ins rumänische Cetate gereist, um auf Mircea Dinescus Künstler-Ranch rumänische Dichter zu übersetzen, und werden nächstes Jahr in Griechenland zu Besuch sein. Die drei Alphabete der westlichen Kultur, auf dem Balkan werden sie geschrieben. Es gibt ja sogar Archäologen, die behaupten, die Schrift sei hier erfunden worden – auf dem Balkan hat man Schriftzeichen entdeckt, die noch älter sind als die mesopotamischen.

Public Republic: Was ist, ihrer Meinung nach, das, was die moderne bulgarische Lyrik charakterisiert? Was unterscheidet die Werke bulgarischer Dichter von denen ihrer Balkan-Kollegen? Und was unterscheidet sie von den deutschen?

Hans Thill: Solche Fragen sollte lieber ein echter Kenner beantworten oder eine Kennerin wie Mirela Ivanova. Sie hat in ihrem Vorwort zu unserer Anthologie einen kurzen Abriß der aktuellen Entwicklungen gegeben. Was mir aufgefallen ist: es gibt im ganzen ehemaligen Ostblock eine Neigung, mit groteskem Humor auf die neuen Verhältnisse zu reagieren, etwa bei dem Ukrainer Juri Andruchowytsch und dem Slowenen Esad Babacic, oder dem Rumänen Julian Tanase, das gefällt mir sehr.

Bei allen drei Bulgaren, die wir übersetzt haben, sehe ich in unterschiedlicher Konzentration dieses poetische Gegengift. Offensiv nach außen gekehrt bei Plamen Doinov und Bojko Lambovski oder nach innen gekehrt bei Galina Nikolova. Dasselbe gilt auch für die Gedichte von Mirela Ivanova selbst, mal zart, mal zupackend, immer temperamentvoll.

Public Republic: Können Sie uns etwas über die Arbeit des Übersetzens der bulgarischen Texte erzählen – gab es Schwierigkeiten oder Besonderheiten, an die Sie sich noch erinnern? Und was sind überhaupt die typischen Probleme bei der Übersetzung von Gedichten?

Hans Thill: Wenn man Gedichte aus einer Sprache übersetzt, die man selbst nicht versteht, ist das wie eine Art doppelter Blindflug. Es kann aber auch ein spannender Prozeß der Auseinandersetzung daraus entstehen. Ohne die Interlinearversionen von Gabi Tiemann hätten wir keine Chance gehabt. Ohne ihre und Mirela Ivanovas freundschaftliche Begleitung und ohne die Geduld und Nachsicht der bulgarischen Dichter wäre ohnehin nichts zustande gekommen. Es macht aber auch großen Spaß so zusammenzuarbeiten. Man stellt nämlich sehr schnell fest, daß man sich trotz unterschiedlicher Sprachen und Traditionen bestens versteht. Man hat dieselben Vorlieben, verehrt dieselben großen Dichter der Moderne. Das ist für mich bei all diesen internationalen Dichterbegegnungen immer wieder das erstaunliche: daß über die wesentlichen Fragen Einigkeit besteht.

Public Republic: Gibt es in den bulgarischen poetischen Texten Motive, welche für die deutschen Leser überraschend oder sogar unverständlich sein könnten?

Hans Thill: Ein Gedicht ist nie ganz verständlich und nie ganz unverständlich. Ich selber habe den Eindruck, daß ich rasch sehen kann, wie ein poetischer Text funktioniert. Ob der deutsche Leser das nachvollziehen kann, nun, es bleibt zu hoffen. Immerhin hat er oft mehrere Versionen von ein und demselbem Gedicht zur Verfügung, er kann also die einzelnen Nachdichter überprüfen und sogar verschiedene Strategien ausmachen, wie Sylvia Geist ein Gedicht wiedergibt, wie Uwe Kolbe das tut, oder eben ich.

Public Republic: Welche neuen Titel aus Ihren Verlag “Das Wunderhorn” sollen die Leser demnächst erwarten? Was sind Ihre Pläne?

Hans Thill: Im Wunderhorn erscheinen Übersetzungen französischer Literatur, Titel über Heidelberg und Kunstbücher. Unser Verlag wird weiterhin die Poesie hochhalten. In der Reihe »Poesie der Nachbarn«, ebenfalls vom Land Rheinland-Pfalz finanziert, deren Leitung ich von Gregor Laschen übernommen habe, wird nächstes Jahr die Anthologie des Landes Schweden erscheinen, danach ist Kroatien geplant. Die »balkanischen Alphabete« werden nächstes Jahr Rumänien präsentieren, dann Griechenland. Außerdem arbeite ich zusammen mit Michael Braun an einer das neue Jahrzehnt übergreifenden Anthologie der neuen deutschen Lyrik. Es haben sich bei mir auch wieder viele Gedichte angesammelt, die in einem eigenen Band zu veröffentlichen wären.

Public Republic: Haben Sie ein Hobby oder eine Freizeitbeschäftigung?

Hans Thill: Die tägliche Fingerübung: kochen. Und dann das aufessen, was man zubereitet hat.

Public Republic: Was würden Sie sich von der Zukunft wünschen?

Hans Thill: Daß alle Europäer nach Deutschland reisen können, nicht nur die Bürger der EU.

Public Republic: Ich bedanke mich für dieses Interview!

Hans Thill, geboren 1954 in Baden-Baden, lebt seit 1974 in Heidelberg. Lyriker und Übersetzer. Mitbegründer des Verlags Das Wunderhorn. Herausgeber der Reihe Deutsche Reise nach Plovdiv, darin den Prosaband: Kopfsteinperspektive. Post aus Plovdiv und Sofia (Das Wunderhorn 2000).

Leiter des Übersetzerworkshops Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter.

Zahlreiche Übersetzungen aus dem Französischen mit Schwerpunkt klassische Moderne, Literatur des Maghreb. Herausgeber (zusammen mit Michael Braun) der Anthologien Punktzeit. Deutschsprachige Lyrik der achtziger Jahre (Das Wunderhorn 1987) und Das verlorene Alphabet. Herausgeber der Anthologie “Balkanische Alphabete”. 

“Deutschsprachige Lyrik der neunziger Jahre (Das Wunderhorn 1998).

Preise: Hungertuch (1985) und Peter-Huchel-Preis (2004).

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