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Michael Geier – “Wir haben uns in Bulgarien vom ersten bis zum letzten Tag zu Hause gefühlt”

10 August, 2011 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Berndt mit Michael Geier, deutscher Botschafter in Bulgarien von 2006 bis 2009

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Herr Geier, Sie waren von 2006 bis 2009 deutscher Botschafter in Bulgarien. Wie war diese Zeit dort für Sie und Ihre Familie?

Es war eine schöne Zeit, manchmal etwas hektisch, aber immer voller bulgarischer Freunde, schöner Landschaften unter meist traumhaftem Wetter. Unsere drei erwachsenen Kinder wie auch viele deutsche Freunde haben uns gern besucht, und wir haben uns bemüht, ihnen Sofia und Bulgarien von der schönsten Seite zu zeigen.

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Abschied des Botschafterpaares im Goethe Institut mit der Gruppe Amarcord

Welche Eindrücke haben Sie von Land und Leuten gewonnen?

Wir haben uns in Bulgarien vom ersten bis zum letzten Tag zu Hause gefühlt. Wir haben Bulgaren als offene und intelligente Partner kennen gelernt, als Freunde, die gern und ausgiebig feiern und gerne gut essen und trinken. Was das Land betrifft, so waren die großen und menschenleeren Gebiete der Stara Planina und der Rhodopen eine positive Überraschung für uns, weil wir aus dem viel dichter besiedelten Deutschland kommen. Überraschend war auch, wie leicht es selbst im Sommer ist, ziemlich leere Strände zu finden, sobald man die Touristenhochburgen verlässt.

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Technische Universität Sofia: Übergabe der deutschen und der bulgarischen Diplome, Foto: Julia Pentagna Geier

Welche sind die interessantesten Geschichten, die Sie in Bulgarien erlebten?

Der eindrucksvollste Moment der drei Jahre war die Nacht des Beitritts Bulgariens zur Europäischen Union, die wir vom Dach des BNP-Paribas Gebäudes gegenüber dem Nationalmuseum erleben durften. Die Rede von Ministerpräsident Stanichev in dieser Nacht war sehr eindrucksvoll.

Ebenso bewegend war der Gratulationsbesuch von Außenminister Dr. Steinmeier und seiner Frau am Neujahrsmorgen in Sofia. Höhepunkt der bilateralen Beziehungen und auch Höhepunkt in der Arbeit eines Botschafters sind Staatsbesuche. So konnten wir Bundespräsident Professor Köhler im Juli 2007 in Sofia und Plovdiv begrüßen. Der größte EU Staat verbeugte sich vor dem jüngsten EU-Mitglied.

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Bei der Überreichung von Gänsegeiern an den Vizepräsidenten Marin zum Auswildern über dem Mittleren Balkan, Foto: Julia Pentagna Geier

In der Erinnerung bleiben vor allem aber nicht ganz so spektakuläre Ereignisse, so eine wunderschöne Wanderung mit Bürgermeister Boiko Borissov bei Belmeken nach einer Osternacht, die wir gemeinsam gefeiert hatten. Oder eine Reise mit dem früheren Außenminister Ivan Stancioff nach Suhindol zum Fest Trifon Zarazan, wo das ganze Dorf dazu tanzte und ich die Reben vor der Kirche gemeinsam mit dem Metropoliten von Veliko Turnovo Grigorij schneiden durfte. Oder die Hochzeit von Herrn Zeuke, Manager des Steigenberger Hotels in Bansko, mit einer schönen Bulgarin aus Burgas begleitet von eindrucksvoller Chormusik in der Kirche. So könnte ich noch lange fortfahren.

Was würden Sie einem Deutschen empfehlen, der Bulgarien noch nicht kennt?

Ich würde ihm empfehlen, das zu tun, was ich aus Zeitmangel nicht getan habe, nämlich zu den Sieben Seen im Rila Gebirge oder am Schwarzen Meer von Baltschik nach Norden oder ein Besuch in Tschpovzi an der serbischen Grenze. Oder eine Nacht in einem der vielen Klöster, die ich nicht besucht habe.

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Im archäologischen Depot in Plovdiv, Foto: Julia Pentagna Geier

Welche sind Ihre Lieblingsplätze oder Sehenswürdigkeiten in Bulgarien?

Es gibt schöne Orte, die wir immer wieder besucht haben wie die Klöster Rila und Batschkovo. Mein Lieblingskloster ist Gloschen in der Stara Planina. Es liegt Atem beraubend auf einem Felsvorsprung und ist sehr alt. Die bulgarische Geschichte kann man vor allem in Plovdiv, Koprivschtiza und natürlich Nesebar kennen lernen. Zu unseren Lieblingsplätzen gehört auch der Tell (arab. Hügel) bei Karanovo unter der Führung von Professor Vasil Nikolov.

Sie leben jetzt in Deutschland. Haben Sie noch Kontakte in Bulgarien?

Wir haben sicher jede Woche Kontakt mit Bulgarien. Ich verfolge die weitere politische Entwicklung des Landes in Novinite und anderen Medien. Anthony Georgieff hat uns zum Abschied ein Abonnement von Vagabond geschenkt, eine wertvolle Quelle des bekannten und weniger bekannten Bulgariens. Ich bin häufig mit Dr. Mitko Vassilev, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Bulgarischen Industrie- und Handelskammer und anderen Freunden aus dem Kammervorstand in Kontakt. Auch in Berlin haben wir bulgarische Freunde, zum Beispiel die beiden Eigentümer der Werkzeugfabrik „Sparky“.

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Das Botsschafterehepaar beim Karneval in der Deutschen Botschaft

Was war für Sie das Wichtigste, das Sie in den drei Jahren in Bulgarien erreichen konnten?

Der Sieg hat viele Väter, und an dem Erreichten haben immer viele mitgewirkt. Ich will lieber erklären, was ich mir vorgenommen, aber nicht erreicht habe, zum Beispiel die Gründung neuer Städte- und Schulpartnerschaften, eine Intensivierung des Jugendaustauschs basierend auf solchen Initiativen.

Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung Bulgariens ein?

Bulgarien ist reich mit Vorzügen gesegnet: Kluge Menschen, eine Atem beraubende Natur, Bodenschätze und Heilquellen und die geographische Lage im Herzen Europas an den großen europäischen Verkehrsachsen. Es dürfte nicht schwer sein, damit Reichtum und Glück zu schaffen, aber irgendwie stehen sich Bulgaren gelegentlich selbst im Wege.

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Die Ankunft der Krankenschwestern aus Libyen, aufgenommen vom Botschafter M. Geier. Deutschland spielte in den Verhandlungen eine entscheidende Rolle

Dennoch rate ich jedem, der außerhalb der deutschen Grenzen investieren möchte, auch nach Bulgarien zu schauen, und ich könnte diesen Interessenten auch ausreichend zufriedene deutsche Unternehmer zeigen, die diesen Schritt unternommen haben.

Herr Geier, herzlichen Dank für das Interview!

Michael Geier, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland im Ruhestand

1944 am 13. August in Paderborn geboren
1964 Abitur in Grevenbroich
1964 – 1968 Studium der Rechtswissenschaften in Bonn, Kiel und Freiburg
1966, 1969 Arbeits- und Studienaufenthalte in Afghanistan und Kolumbien
1968 Erstes Staatsexamen
1969 – 1972 Referendariat
1970 Diplom des Henri Cassin Instituts für Menschenrechte in Straßburg
1972 Zweites Staatsexamen
1973 – 1974 Ausbildung für den Höheren Auswärtigen Dienst
1974 – 1977 Generalkonsulat Sāo Paulo (Brasilien)
1977 – 1979 Generalkonsulat Rio de Janeiro (Brasilien). Abordnungen zu den Botschaften Kingston und Buenos Aires
1979 – 1982 Botschaft Maputo (Mosambik), Ständiger Vertreter
1982 – 1985 AA, Fischereipolitik
1985 – 1988 Botschafter in Ouagadougou, Burkina Faso
1988 – 1990 Botschaft Tunis, Ständiger Vertreter
1990 – 1993 AA, Stellvertretender Referatsleiter und Frankreichreferent
1993 – 1994 Austauschdiplomat, italienisches Außenministerium
1994 – 1997 Botschaft Rom, Leiter der Rechts- und Konsularabteilung
1997 – 1999 AA, Leiter des Referats für militärisches Aufenthaltsrecht und Wiedergutmachung
1999 – 2002 Leiter des Arbeitsstabs von Dr. Otto Graf Lambsdorff zur Zwangsarbeiterentschädigung
2002 – 2003 AA, Stellvertretender Leiter der Rechts- und Konsularabteilung
2003 – 2006 Botschafter in Seoul, Südkorea
2006 – 2009 Botschafter in Sofia, Bulgarien
Juli 2009 Ruhestand
seit 1979 verheiratet mit Julia Pentagna Geier, drei Kinder

Kategorien: Frontpage · Graffiti · Um die Welt

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