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Michelle und der Jazz als Luft zum Atmen

16 Mai, 2009 von · 2 Kommentare

Interview von Vanya Nikolaeva mit der Jazzinterpretin Michelle

Übersetzung: Dessislava Georgieva

Michelle ist in Bulgarien aus der Popszene bekannt, jedoch ist Jazz der Musikstil, der ihre Karriere in den letzten drei Jahren begleitet hat. Das ist die Musik, die sie als ihre Berufung bezeichnet. Die Sängerin lebt seit 2005 in Berlin und tritt live im Jazz Club Le Piano auf.

Wie lange beschäftigst du dich schon mit Musik?

Seitdem ich sechs bin. Eigentlich beschäftige ich mich schon mein ganzes Leben lang mit Musik. Anfangs habe ich Klavier gespielt, danach habe ich die Musikschule als Kontrabassistin abgeschlossen, und im Anschluss daran noch die Studiengänge Kontrabass und Gesang als zweites Fach an der Musikakademie absolviert. Während dieser Zeit war das Klavier natürlich mein Begleitinstrument. Es war Pflicht für alle Schüler der Musikschule. Also würde ich sagen, Musik beschäftigt mich mein ganzes bewusstes Leben lang.

Was hat dich zur Jazzmusik gebracht?

Offensichtlich war sie in mir drin. Ich äußerte großes Interesse, als ich aufs Konservatorium ging und viele meiner Kollegen Jazzstücke für die Prüfungen vorbereiteten. Meine ersten Versuche waren reine Neugier, doch schließlich inspirierte mich diese Musik und ich fing an, sie immer öfter anzuhören, zu singen, mir Wissen anzueignen…, denn der Jazz ist eine sehr schwierige Angelegenheit – ich würde sagen eine der kompliziertesten Strömungen in der Musik.

Und so passierte es auf eine sehr natürliche Weise. Ich kann mich an kein Erlebnis erinnern, das das Feuer entfacht hat. Aber auch als Kind habe ich Songs mit Jazzelementen gelauscht. Ich liebte Earth, Wind and Fire – noch heute meine Lieblingsband, deren Musik ebenfalls irgendwie mit dem Jazz verbunden ist.

Gibt es einen bestimmten Song, der immer Teil deines Repertoires sein sollte?

Über ein konkretes Lied habe ich noch nicht nachgedacht, aber auf alle Fälle müsste es mit der Jazzmusik verbunden sein. Das muss immer ein Teil meines Repertoires sein. Ich könnte kein Lied singen, das mir nicht gefällt. Ich habe keinen Lieblingssong. Alle, die ich vortrage, liebe ich.

Mit welchem Musiker würdest du gern auf der Bühne stehen und warum?

Ich würde den Ex-Sänger der Little River Band, John Farnham, nennen, obwohl er kein Jazzinterpret ist. Er hat eine wahnsinnige Stimme. Ich habe die Aufnahme eines Konzerts der Philharmonie in Sidney samt diesem riesigen Orchester aus vielleicht 100 Menschen gesehen und dachte, dass ich sogar bereit wäre, Backgroundsängerin zu sein, wenn ich dafür auf dieser Bühne stehen könnte. Was den Jazz angeht – mit sehr guten Musikern aufzutreten würde mich glücklich machen.

Ich kann nicht einen oder zwei nennen, weil mir viele gefallen, und es wäre überflüssig, sie alle aufzuzählen. Selbst wenn einer nicht berühmt ist – wichtiger ist, dass er Talent hat und dieses Wohlbehagen vor dem Publikum entstehen lässt, mit dem man sich vollkommen fühlt. Eine Symbiose mit den Menschen einzugehen, mit denen man auf der Bühne steht – nur das ist wichtig, damit schöne Kunst entsteht.

Interpretierst du eher eigene oder gecoverte Songs?

Selbstgeschriebene Songs habe ich viele, allerdings entsprechen sie anderen Stilen. Ich covere auch Jazzsongs – in unterschiedlichen Versionen, die nicht den typischen Jazzstandards entsprechen. Aus den Originalen mache ich verschiedene Varianten, um ihnen etwas Eigenes zu verleihen.

Mit welchem Instrument würdest du die menschliche Seele vergleichen?

Jedes einzelne Instrument könnte eine menschliche Seele abbilden. Die menschlichen Seelen sind so mannigfaltig wie die Instrumente selbst. Es gibt keine schlechten Seelen, auch keine schlechten Instrumente. Alle sind schön, bloß unterschiedlich.

Womit ist dir dein erster Bühnenauftritt in Erinnerung geblieben?

Ich hatte riesige Angst. Es war mein erster Auftritt im Bereich der klassischen Musik (damit hatte ich mich ursprünglich beschäftigt), und mein erster Auftritt als Sängerin überhaupt. Ich war noch sehr jung, ging in die erste Klasse, als ich in der Musikschule anfing, klassische Musikproduktionen zu spielen. Im Alter von 14 Jahren kam ich dann zum Gesang – durch eine Band in meiner Heimatstadt Burgas. Bei meiner ersten Bühnenshow damals war mir angst und bange, sogar meine Stimme zitterte. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich daran, die Erfahrung ist da sehr wichtig.

Jeden Tag gewinne ich an Sicherheit und Mut, meinen Emotionen vor dem Publikum freien Lauf zu lassen. Vor Menschen fühle ich mich völlig frei, und wenn ich längere Zeit von der Bühne fernbleibe, fehlt sie mir sehr.

Welchen Moment aus deiner bisherigen Karriere wirst du nicht vergessen?

Es gab viele emotionale Momente… Wie den ersten Wettbewerb, den ich gewonnen habe – ich war Studentin im zweiten Semester und bekam den ersten Platz junger Popinterpreten; mein Auftritt beim Festival Goldener Orpheus war ebenfalls sehr aufregend für mich; das Erscheinen meines ersten Albums; das erste Deutschlandkonzert – die Leute waren sogar überrascht, weil ihre Einstellung zu Jazzmusik zunächst skeptisch war: „Sie ist sehr kompliziert, wir verstehen sie nicht…“. Doch nach dem Konzert gestanden sie mir, dass ich sie dafür hatte gewinnen können. Ein sehr emotionaler Moment.

Womit würdest du die Musik vergleichen?

Musik ist mein Leben. Ich würde sie mit der Luft zum Atmen gleichsetzen.

Wovon träumst du?

Persönlich träume ich davon zu reisen. Beruflich… es gibt eine Sache, deren Verwirklichung mich sehr glücklich machen würde. Die Menschen begreifen nicht immer, wie viel Mühe in unserem Beruf steckt – er bedeutet pure Selbstlosigkeit. Möglicherweise muss keine andere Kunst so lange erlernt werden wie die unsere. Ich sehne mich nach dem Moment, in dem die Arbeit der Musiker (besonders der Sänger) eine größere Achtung erfährt – sowohl moralisch, als auch finanziell.

Was überrascht dich?

Offen gesagt überraschen mich nur noch wenige Dinge. Was mich in letzter Zeit überrascht, ist die Güte. Man begegnet ihr nicht mehr so oft. Und wenn jemand etwas Gutes tut, dann überrascht mich das. Ich habe mich schon so sehr an die unfairen und ungerechten Dinge gewöhnt, dass mich die Guten mittlerweile überraschen.

Welche Jazzmusiker sind dein Vorbild?

Ella Fitzgerald und Natalie Cole. Ich mag auch andere Interpreten und Bands wie Incognito, die eine Mischung aus Jazz, Pop und Funk spielen; Frank Sinatra – eine Koryphäe in diesem Bereich; der interessante Michael Bublé sowie auch die unglaubliche Jane Monheit, die ebenfalls Instrumentalistin war, bevor sie Sängerin wurde.

Gibt es eine Persönlichkeit, die du bewunderst?

Meine Mutter. Ich würde ihr sehr gern ähnlich sein. Noch habe ich ihre Stärke nicht erlangt; sie ist ein sehr ausdrucksvoller und großartiger Mensch, der mir viele Dinge beigebracht hat, und vielleicht muss ich selbst noch ein wenig dazulernen, um so zu sein wie sie. Sie ist ein sehr beherzter, sehr starker, aber auch ein sehr bodenständiger Mensch.

Gegen welches andere Talent würdest du das Gespür für Musik eintauschen?

Gegen das Schreiben. Oder gegen Ballett.

Wie auch gegen das Kino. Mein Traum ist es, mal in einem Kinofilm mitzuspielen, vielleicht in einer tragischen Rolle. Als ich früher in dem Stadtviertel der Studenten mit anderen Künstlern zusammenlebte, nannte man mich das Mädchen mit den traurigen Augen. Nicht, weil ich ein trauriger Mensch bin, sondern weil meine Augen offensichtlich eine Art Traurigkeit ausstrahlen. Ich denke, dass mir eine tragische Rolle liegen würde.

Mein Vater ist Maler. Ich habe versucht, seine Bewegungen auf der Leinwand nachzuahmen, aber ich kann es nicht. Diese Kunst ist mir sehr fern.

Und in diesem Zusammenhang – dein Lieblingsfilm? Den du dir immer und immer wieder ansehen könntest.

„Sprich mit ihr” von Pedro Almodóvar. Sowie auch „Carmen“.

Lieblingszitat?

„Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir begreifen, dass das, was erträglich ist, sich gänzlich von dem unterscheidet, was schön ist.“ von Paulo Coelho.

Kategorien: Frontpage · Szene

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