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“Mitten aus Bukarest” von Jan Koneffke

6 August, 2009 von · Keine Kommentare


Foto: Mihai Bojin

Im Frühjahr 2006 protestierte eine Reihe bekannter Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft, vom Verleger des bedeutenden Verlags Humanitas, Gabriel Liiceanu, bis zum Schriftsteller Mircea Cartarescu, gegen die drohende Entlassung der parteilosen – und erfolgreichen – Justizministerin. Diese Erklärung wurde in der Presse als „Appell der rumänischen Intellektuellen“ verbreitet, was wiederum den Medienmogul und Vorsitzenden der Konservativen Partei Dan Voiculescu in Rage brachte.

Der auch unter seinem Securitate-Decknamen „Felix“ bekannte Geschäftsmann ereiferte sich, er lasse sich nicht von anderen vorschreiben, wer ein Intellektueller sei. Auch in seiner Partei gebe es Intellektuelle. Er selber sei einer.

Dan Voiculescu, der in den 90er Jahren auf reichlich undurchsichtigen Wegen zu seinem Vermögen kam, verkörpert nicht nur die noch immer funktionierenden Strukturen der alten Partei- und Geheimdienstseilschaften, er steht auch für die Mentalität der kommunistischen Gesellschaft, in der der Intellektuelle per se unter Verdacht stand. 44 Jahre, schreibt der Publizist Traian Ungureanu, habe in Rumänien das Gesetz der „negativen Auswahl“ geherrscht. „Opportunismus, Gehorsam und reine Dummheit sicherten persönlichen Erfolg und garantierten den sozialen Aufstieg.“

Gegen das bis heute herrschende Establishment „aus Betrügern, skrupellosen Individuen und Aufsteigern“ erweisen sich Rumäniens Intellektuelle als machtlos. Die Entlassung der Justizministerin konnten sie nicht verhindern, ebenso wenig die zeitweilige Suspendierung des unbequemen Staatspräsidenten durch das Parlament.

Und ein Buch wie „Über die Securitate“ von Traian Ungureanu, das eine Reihe von häßlichen Wahrheiten auf den Punkt bringt, erweist sich noch immer als Provokation für eine Gesellschaft, die sich weigert, ihre Vergangenheit unter die Lupe zu nehmen und sich lieber an Mythen hält, als an rationale Erklärungen.

Angesichts des verbreiteten Nationalismus ist Ungureanus Feststellung, gerade Rumänien sei besonders schlecht auf die Usurpation der Macht durch die Kommunisten vorbereitet gewesen, die reinste Häresie, vor allem wenn der Autor Vergleiche mit den widerspenstigen Polen und Ungarn anführt. Besonders ketzerisch ist es, wenn er nicht nur die Kollaborationsbereitschaft der Kirche, sondern ihren Verzicht auf eine soziale Rolle und den orthodoxen Rückzug auf die jenseitigen Dinge für die Wehrlosigkeit der Gesellschaft in der kommunistischen Zeit verantwortlich macht.

Ungureanus viel diskutierter Essay spart auch nicht mit Kritik am Westen, der aus Ignoranz davon ausgehe, daß Osteuropa strukturell, kulturell und moralisch mit Westeuropa kompatibel, wenn nicht sogar identisch sei. Die falsche Annahme, der Osten sei der Westen nur ohne Wohlstand, führe immer wieder zu Mißverständnissen und Frustrationen, die sich schließlich in bekannten abendländischen Klischees Luft verschaffen würden: „Polnische Arroganz“, „slawischer Geist“, „rumänische Faulheit.“

In der Tat kam und kommt man in Brüssel weder mit dem Chamäleonverhalten rumänischer Politiker zurecht, noch mit einer Gesellschaft, die nach dem Als-Ob-Prinzip funktioniert. So hat sich Rumänien zwar moderne Institutionen und die von der EU verlangten Gesetze zugelegt. Trotzdem herrschen im Land ganz andere Mechanismen, die von außen nur schwer zu erkennen sind.

Daß die angeblich Sozialdemokratische Partei eine Interessensvereinigung ist, in der sich insbesondere die Gewinner der Nachwendezeit versammelt haben, daß die Demokratische Partei über Nacht aus der Sozialistischen Internationale ausgeschieden ist, um der Europäischen Volkspartei beizutreten, wirft ein Schlaglicht auf die fröhliche Unbefangenheit, mit der angeblich ideologische Verwandtschaften zitiert werden, die nichts als reine Fassade sind.

Das westliche Links-Rechts-Schema paßt sowenig auf die Parteienlandschaft des Karpatenlandes, wie der westliche Pragmatismus zur östlichen Mentalität. Der Journalist Christian Tudor Popescu fand bei einer Fernsehdiskussion ein treffendes Bild für diese kulturelle Differenz. Während man sich im Westen an die Gebrausanweisungen halte, verlasse sich der Rumäne lieber auf seine Erfahrung. Während man im Westen beschreibe, was man tue oder herstelle, gebe der Rumäne sein Wissen in der Praxis weiter.

Das westliche Verfahren sei in sich demokratisch, weil es prinzipiell jedem Verständnis und Techniken vermittele, während das östliche Verfahren den persönlichen Kontakt voraussetze. „Wenn wir in der Europäischen Union ankommen wollen“, sagte Popescu, „müssen wir lernen, die Gebrauchsanweisungen zu lesen.“

Auch in der Fernsehsendung Altfel (Anders), die die beiden Philosophen, Gabriel Liiceanu und Andrei Plesu, regelmäßig, am Sonntagabend, zur besten Sendezeit bestreiten, ging es um die Besonderheit der rumänischen Institutionen, ihre „Vermenschlichung.“ Darunter begreifen Liiceanu und Plesu nicht etwa den humanen Umgang der öffentlichen Einrichtungen mit den Menschen, die sich an sie wenden.

Sondern die Tatsache, daß ihr Personal sich einbildet, die Institution zu sein. „Was ist das für ein Land“, spottete Plesu, „in dem der vom Staatspräsidenten als inkompetent bezeichnete Finanzminister beleidigt verkündet, unter diesen Umständen werde er für ein neues Präsidentenflugzeug kein Geld im Haushalt finden, als ob es sich beim Budget um seine Privatschatulle handeln würde?“

Auch im Westen sollte man sich dringlicher als bisher fragen, mit dem welchen Gesellschaften man es im Osten zu tun hat.

Veröffentlicht in:
Literaturen. Das Journal für Bücher und Themen, Ausgabe 2006

Kategorien: Frontpage · Um die Welt

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