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Modifikationen des aufklärerischen Arbeitsbegriffs in der Epoche der deutschen Romantik

14 September, 2012 von · Keine Kommentare

Maria Endreva

Ulrich Bräker
Foto: wikimedia

Ich versuche mit diesem Beitrag die Umrisse des Arbeitsbegriffs anhand von exemplarischen Texten der deutschen Aufklärung und Romantik zu skizzieren.

Die Textauswahl erfolgte nach gründlicher Recherche im Bibliotheksbestand der Universitätsbibliothek Wien sowie bei der Verwendung einer Konkordanzfilterung in der öffentlichen Textdatenbank des Projekts Gutenberg.

Die von Asholt und Fähnders herausgebrachte thematische Textsammlung Arbeit und Müßiggang. 1789 bis 1914 war mir ebenfalls besonders hilfreich bei der Erkundung der Textstellen, die von dem Arbeitsethos verschiedener Epochen zeugen.

Aus Zeitgründen werde ich vorwiegend auf zwei kurze Textstellen eingehen, die zwei entgegengesetzte Auffassungen über Thema Arbeit und Müßiggang exemplifizieren. Die Rede ist vom Kapitel „Lob der nützlichen Arbeit“ in Ulrich Bräkers 1789 herausgegebenen Schriften und dem fünften Kapitel in Friedrich Schlegels Lucinde, das „Idylle über den Müßiggang“ betitelt ist.

Die Texte von anderen Autoren, die angeführt werden, werden nicht gründlich behandelt. Ihre Erwähnung soll die zwei eigentlichen Untersuchungstexte bekräftigen und sie als typisch für ihre Epochen erkennen lassen.

Moralisierung der Arbeit. Ulrich Bräker: Lob der nützlichen Arbeit 1789

In Bräkers Text sind punktartig acht Sätze aufgezählt, die – wie schon der Titel besagt – die nützliche Arbeit preisen sollen. Hinter Bräkers moralisch begründeten Arbeitskodex schimmert die wohlbekannte Vorlage der zehn biblischen Gebote.

Sie besitzen einen obligatorischen Charakter, wodurch das menschliche Zusammenleben erst ermöglicht und geregelt wird. Die Gebote unterliegen keinem Zweifel oder weiterer Überlegung. Aus diesem Grund bedarf das Gebot keiner ausführlichen Begründung. Bräkers Argumentation ist nach dieser Logik knapp, er verlässt sich mehr auf die Wirkung der Beispiele, die er wählt.

Die rhetorische Herangehensweise im Text ist rational durchdacht. Jede weitere These in der Aufsatzstruktur bekräftigt die vorige und die Argumentation der letzten Punkte bezieht sich genauso gut auf die ersten. Die Verweise auf ein allerseits anerkanntes gerechtes Leben sollten den letzten Punkt in der Überzeugungskunst des Autors in seiner Aufgabe setzen.

Ein Beispiel für die angesprochene Argumentationsführung findet man im ersten Teil des Textes. Nach der Anfangserklärung, dass die Tugend Arbeit heißt, wird das durch das Beispiel der heiligen Männer und Frauen, die „vom Anfang der Welt her gearbeitet haben“ (1) bekräftigt. Bräker verknüpft seine aufklärerischen Ideen mit der Autorität der biblischen Geschichte und führt auf diese Weise jeden Angriff auf seine Thesen ins Unanständige.

Bräkers Text begreift sich als Subtext der Heiligen Schrift. Völlig im Einklang mit den aufklärerischen Erziehungsaufgaben der Literatur ergänzt, erörtert und begründet dieser Text Gottes Gebot zur Arbeit: „Ohne das Gebot Gottes, dass der Mensch arbeiten solle und daß der Müßiggang des Teufels Hauptküste ist, ohne diese großen Beweggründe zur Arbeit sind noch viele Beweggründe, die uns treiben sollen gern und willig zu arbeiten.“ (2) Die Teilung göttlich – teuflisch entspricht bei Bräker eindeutig der Opposition Arbeit – Müßiggang.

Die von der Bibel abgeleiteten Gründe zum Arbeiten hängen mit Gottes Gebot zusammen, das der Mensch bedingungslos erfüllen soll, weil die Alternative dazu das Teufelswerk Müßiggang ist. Das heißt, Bräker beginnt mit einer einfachen Erwägung, die sich um den Bereich der Moral und Ethik dreht und ihn weiter mit Begriffen wie Tugend oder Laster arbeiten lässt. Er fügt sich somit völlig in das Paradigma des rationalisierten Arbeitsverständnisses der Aufklärung.

Die Moralisierung der Arbeit schlägt tiefe Wurzel in der Ideologie der Aufklärung und spielt eine wichtige Rolle beim Kampf des Bürgertums um seine Emanzipation. Die Arbeit wird als göttliche Aufgabe zur materiellen Absicherung und moralischen Erziehung des Menschen aufgefasst.

Beide Aspekte sind wichtig, das Fundament, auf dem der Begriff der Arbeit fußt, ist aber eher moralisch, als wirtschaftlich. Ausgehend von dem Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft „Gleiche Rechte, gleiche Pflichten“, wird das allgemeine Recht auf Arbeit anerkannt, zugleich wird die Arbeit zu Pflicht erhoben. Die Moralisierung des Arbeitsbegriffs wird somit zum Instrument für die Prägung der bürgerlichen Gerechtigkeit. Gerecht ist, dass jeder, ohne Ausnahmen, arbeitet.

Die Arbeit erweist sich außerdem als kollektivbildend. Das schon angesprochene Verständnis von Gerechtigkeit lässt den Beitrag zur Entwicklung der Gemeinschaft zu einem zentralen Wert aufsteigen. Diesen Beitrag kann der Mensch nur durch sein Werk leisten. Der Wirkende objektiviert sich selbst in der Arbeit und somit kann man sich den anderen mitteilen.

Das ist die eine Seite der gemeinschaftsbildenden Rolle der Arbeit. Die andere Seite offenbart sich als Folge des wirtschaftlichen und technologischen Fortschritts: Im geteilten Arbeitsprozess geht der Bezug auf das Ganze verloren, somit wird die Arbeit jedes einzelnen auf die Arbeit der anderen im Kollektiv angewiesen, um das Verhältnis zum ganzen Produkt zu gewinnen.

Die Absicherung der Lebensbedürfnisse stellt auch in diesem Aspekt des Arbeitsbegriffes nicht das wichtigste Ziel der Arbeit dar, sondern die Positionierung des Individuums innerhalb der Gesellschaft. Nicht zu arbeiten ist in diesem Fall Verletzung des Gesellschaftspakts und diese Situation soll möglichst schnell korrigiert werden.

Der Müßiggang bekommt daher automatisch Konnotationen der Unsittlichkeit, weil er keine Gemeinschaftsbildung fördert. Der Müßiggang bekommt daher automatisch Konnotationen der Unsittlichkeit, weil die eigenen Lebensbedürfnisse von der Mühe anderer gedeckt werden. Müßiggang und Arbeit bekommen im 18. Jahrhundert folglich auch ständische Färbung.

Der Stand des zu bekämpfenden Müßiggangs ist der Adel und die Verteufelung des Müßiggangs lässt sich völlig im sozialen Ständekampf einspannen. Derartige moralisierte Besetzung von Arbeit und Müßiggang wird Friedrich Schlegel zehn Jahre später von Grund auf verwerfen, indem er den Bereich des Ethischen verlässt und das Problem im Streben nach der unendlichen Poesie verortet.

Der erste Grundsatz in Bräkers Text lautet: „Ohne eine nützliche Arbeit zu treiben, kann schwerlich ein Mensch tugendhaft leben in dieser Welt.“ (3) Die Arbeit stellt somit die erste Bedingung für ein frommes und gottgefälliges Leben dar.

Wie wird der Antrieb zum aktiven, dem praktischen Nutzen zugewandten Leben unbedingt mit der Tugend in Verbindung gebracht? Die Arbeit war im Mittelalter eine Mühsal, stellte aber gleichzeitig ein notwendiges Mittel gegen die sieben Todsünden dar. Trotzdem bildete sie keine zentrale Kategorie im Gesellschafts- und Wirtschaftsleben.

Eine solche wurde die Arbeit erst im Zeitalter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Dort besitzt die freie Arbeit außer wirtschaftlichem Nutzen auch die Funktion von persönlicher Selbstverwirklichung und verleiht Sinn im Leben des Arbeitenden. Max Weber konstatiert den Zusammenhang zwischen der calvinistischen Lehre der Vorsehung und der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsformen in seiner berühmten Studie über die Entstehung des kapitalistischen Geistes aus der protestantischen Ethik.

Nach Calvins Prädestinationslehre ist das aktive, auf Nutzen gerichtete Leben, sowie der es begleitende wirtschaftliche Erfolg ein Zeichen für die Auserwähltheit des Menschen durch die Providenz. Die Arbeit ist also die erste Bedingung für Erfolg, Erfolg ist Zeichen der späteren Erlösung. Auf die Arbeit wird aus diesem Grund immer mehr Wert gelegt.

Die übermäßige Aufwertung der Arbeit, von der Bräkers Aufsatz auch zeugt, modelliert das aufklärerische ideale Menschenbild. Der gute, tugendhafte Mensch ist dementsprechend einer, der an erster Stelle nichts von Faulheit weiß. „Alle diejenigen, welche nichts Nützliches arbeiten, leben unnütz auf dieser Welt und mißbrauchen die edle Zeit und ihre gesunden Glieder.“

An zweite Stelle kommt die asketische Haltung zum Erworbenen, welche dem von Bräker entworfenen Menschen eigen ist. So postuliert Bräker im Punkt 4 die Enthaltsamkeit des Arbeitenden den erarbeiteten Produkten gegenüber, was für die Müßiggänger natürlich nicht gilt. „Viertens lebt ein arbeitsamer Mensch viel vergnügter in dieser Welt, als ein Müßiggänger, der immer nach allerhand Sachen lüsteret.“ (4)

Der Arbeitende ist nicht konsumbesessen, er genießt das Produkt seiner Arbeit eher indirekt, als Gefühl von Zufriedenheit und erfüllter Lebensaufgabe denn als reale Steigerung der Lebensqualität. Die These Bräkers setzt den Akzent auf die Arbeit selbst, nicht auf ihr Ergebnis, das zu gebrauchen wäre. Der Arbeitende selbst macht keinen Gebrauch vom Produkt seiner Arbeit, seine Seligkeit besteht eben in dieser Enthaltsamkeit, die von der calvinistischen Doktrin als „innerweltliche Askese“ bezeichnet wird.

Max Weber leitet die Entstehung des kapitalistischen Geistes von eben diesem Nicht-Gebrauch-Machen und Neuinvestition vom erworbenen Kapital im Ausbau des Geschäftes her. Die Sparsamkeit des Bürgers, sowie seine Bescheidenheit im Lebensstil, unabhängig davon wieviel Geld er besitzt, ist eine der wichtigsten bürgerlichen Tugenden, die von der protestantischen Lehre der innerweltlichen Askese abgeleitet worden ist.

Die Arbeit ist in einem kapitalistisch gestalteten System ein Zwang. Das gibt der Autor offen zu: „Allein um des leiblichen und geistlichen Nutzens wegen tu ich meinem faulen Fleisch Gewalt an und zwänge es zur Arbeit. Dann der Nutzen einer nützlichen, mäßigen Arbeit leuchtet mir allzusehr in die Augen, als daß ich dieselbe aus der Acht lassen sollte.“ (5) Die Rechtfertigung des Zwangs wird in der Nützlichkeit gefunden. Dieser Gedanke unterscheidet das aufklärerische Konzept der Arbeit völlig vom romantischen.

Ein wichtiges Element in der Ideologisierung der Arbeit ist der Umgang mit der Freizeit. Der Begriff „Freizeit“ entsteht in dem Moment, wo die Arbeitszeit der Menschen durch andere kontrolliert wurde und nicht mehr dem natürlichen Lebensrhythmus des Individuums folgte. Die freie Zeit, die nur einem Arbeitenden eigen ist, ist bei Bräker als Belohnung für die Schwere der Arbeit aufgefasst.

Das Wertvolle der Freizeit, die als Allgemeingut geschätzt wird, ist nicht die Möglichkeit für Müßiggang, sondern die Widerspiegelung der Nützlichkeit der getanen Arbeit. Erst in der Ruhezeit spürt man die Genugtuung von dem Getanen:

5. genießt ein Arbeiter mehr Freude. Es freut ihn auf die Ruh; es freut ihn der Nutzen seiner Arbeit; er genießt mit Lust und mit Freuden die Frucht seiner Hände, davon ein Müßiggänger nichts weiß. Und ob er schon auch unerlaubte Freude genießt, kann ers doch nicht mit gutem Gewissen genießen. (6)

In der Arbeit also wurzeln der gerechte moralische Genuss und die Freude. Der so geartete Genuss stellt eigentlich den Antrieb auf neue Arbeit dar. Es ist eine Verherrlichung der ununterbrochenen Arbeit, die nutzorientiert und gesellschaftsfördernd ist. Sie ist die Eintrittskarte für das Reich der Seligen im Jenseits, weil sie das Gewissen rein hält.

Die ganze Zeit soll lückenlos durch nützliches Tun ausgefüllt sein. Die Freizeit ist in dem Sinne inkompatibel mit dieser Ideologie, wo die Arbeit den größten materiellen und geistigen Reichtum darstellt. Sie soll möglichst gründlich vertilgt oder wenigstens nützlichen Zwecken wie Weiterbildung oder Kampf um mehr Rechte zugewendet werden.

Außer Lebenssinn und Freude bringt die Arbeit Gesundheit und langes Leben mit sich. Sie sind göttliche Gaben für das arbeitsame Leben. Punkt 6 lautet: „Lebt ein Arbeiter viel gesunder und wird viel älter als ein Müßiggänger, der durch sein unordentliches Leben ihm oft selber sein Leben verkürzt.“ (7)

Bräker ist bei diesem Grundsatz nicht allein. Unbeabsichtigte prinzipielle Unterstützung bekommt seine These von der Arbeit als Gesundheit von keinem geringeren als Herder.

Daher verkaufen wie die Griechen sagen, die Götter den Sterblichen alles um Arbeit; nicht aus Neid, sondern aus Güte, weil eben in diesem Kampf, in diesem Streben nach der erquickenden Ruhe der größeste Genuß des Wohlseins, das Gefühl wirksamer, strebender Kräfte lieget.

Nur in denen Klimaten oder Ständen siechet die Menschheit, wo ein entkräftender Müßiggang, eine üppige Trägheit die Körper lebendig begräbt und sie zu blassen Leichen oder zu Lasten, die sich selbst beschweren, umbildet; (8)

Anders als Bräker, der sich auf biblischen Beispielen stützt, begründet Herder die gesundheitsstiftende Funktion der Arbeit mit empirischen „Beobachtungen“, indem er mit dem klimatischen Faktor argumentiert. In der Zeit der Aufklärung finden sich bereits die Ansätze des Positivismus.

Das Geistige funktioniert nach den wissenschaftlich bewährten Mechanismen der Naturwissenschaften. Dem zufolge führt die müßige Untätigkeit zum körperlichen und zugleich auch zum geistigen und moralischen Verfall. Da die Arbeit als göttliche Gabe und Aufforderung ihn verhindert, wird sie unerlässlich für die Gesundheit und für alle progressiven Neigungen des Menschen.

Die letzten zwei Punkte von Bräkers Geboten betonen den Zusammenhang zwischen Arbeitsamkeit, Frömmigkeit und reinem Gewissen.

7. kann ein arbeitsamer Mann, wann er fromm ist, ein ruhiges Gewüssen mit sich tragen und auch mit sich auf das Totbett nehmen und sich des Himmels getrösten. Wohingegen einen faulen Müßiggänger allezeit ein böses Gewüssen naget und ihn noch im Tode quälet.“ (9)

Der Müßiggänger darf in der aufklärerischen Ideologie der Arbeitsgesellschaft nicht in Ruhe leben. Sein Müßiggang soll ihm zur Qual werden und ihn zu produktiver nutzbringenden Tätigkeit bewegen. Die Verurteilung des Müßiggangs ist die Krönung der Moralisierung der Arbeit. Damit ist sie abgeschlossen. Die nächsten Generationen werden sich mit wenigen Ausnahmen von diesen Prinzipien und moralischen Vorstellungen leiten lassen.

Bräkers Text befindet sich in einem Diskurs, der sich im deutschsprachigen Raum immer größere Bedeutung erkämpft. Seine Ideen können auch bei weiteren Autoren wie Joachim Heinrich Campe, Luise Gottsched, Georg Forster, Herder und Lessing beobachtet werden. Die ideologische Aufwertung der Arbeit und die typische moralische Beladung der kreativen Tätigkeit schimmern in ihren Texten klar hindurch.

Joachim Heinrich Campe, der eine Robinson Crusoe-Bearbeitung schreibt, gilt als Ideologe des bürgerlichen Arbeitsbegriffs im 19. Jh. Er formuliert die wichtigsten erzieherischen Gebote für die bürgerliche Schicht folgendermaßen: „Hütet euch – o hütet euch – vor Müßiggang, aus welchem nichts als Böses kommt!“ (10) Die Arbeit wird bei Campe genau wie bei Bräker als ethische Kategorie behandelt, indem er sich ebenfalls biblischer Wortwahl bedient.

Bei Herder ist der Müßiggang ebenfalls das Böse schlechthin:

Willst du dem Feinde fluchen, wünsch ihm Muße;
Auf Muße folgt viel Böses und des Kummers
Gar viel.
Arbeitsam wirkt die Seele froh;
Langweil’ger Müßiggang beschäftigt sie
Zur Reue, zum Verderben. Torheit leitet
Den Müßigen; Mutwill und Vorwitz führen
Ins Dunkel ihn, wo Gott nicht ist.
Arbeitet,
Ihr Weisen in dem Volk, befördert euer
Und vieler Glück. (11)

Herders Gedicht ist in jeder Hinsicht mit der Arbeitskonzeption von Bräker identisch. Die Arbeitsauffassung verrät eine sozial orientierte Haltung. Wieder wird zwischen Müßiggang und Arbeit bzw. Verderben und Glück polarisiert. Die Arbeit als Alpha und Omega des gesellschaftlichen Wohlergehens wird bestätigt, sie ist das aufbauende Prinzip, das von oben nach unten in der sozialen Hierarchie fließt und die Gesellschaft zum Fortschritt bringt.

Friedrich Schlegels Lucinde

Die gelungene soziale Emanzipation des Bürgertums ist vom entsprechenden wirtschaftlichen Kapital begleitet. Das angehäufte Kapital hält vor allem das Großbürgertum frei von jedem Zwang zur Arbeit. Diese Schicht beginnt mehr oder weniger erfolgreich den Lebensstil und die Beschäftigungen des Adels nachzuahmen.

Bräker registriert diese Tendenz seiner Zeit: „Wann jetzt schon in vielen großen Städten viele große Müßiggänger sind, die des arbeitsamen Lebens spotten, so werden die frommen, fleißigen Arbeiter ihrer auch spotten an jenem Tag. Dann sie haben das Gute schon empfangen und diese noch zu gewärtigen.“

Das Zitat zeugt, dass ein Teil des Bürgertums sich „der Arbeit zu schämen“ beginnt. Die Faulheit und die Ausrottung jeder nutzorientierten Arbeit werden von nun an propagiert. Die öffentliche Aufwertung des Müßiggangs in der Zeit nach der Großen Französischen Revolution setzt mit den Romantikern an.

Obwohl die meisten Romantiker nahezu arbeitsbesessen waren und ein ungewöhnlich großes Arbeitspensum hatten (Novalis und Friedrich Schlegel), wollten sie den Müßiggang öffentlich verherrlichen. Die Romantiker sind selbst mit der rationalisierten Arbeitsideologie der Aufklärung aufgewachsen. Sie leben größtenteils nach den von Bräker und den anderen Aufklärern formulierten Grundsätzen.

Aus diesem Grund kann von einem völlig neuen Arbeitsbegriff bei den Romantikern nur schwerlich die Rede sein, zumal sie ihn nicht ausgelebt haben. Es handelt sich eher um ein philosophisch-gedankliches Konstrukt, das mit der romantischen Poesieauffassung korrespondiert. Zweifellos haben die Romantiker mit großem Vergnügen und ohne jegliche Gewissensbisse vom Müßiggang und Faulheit geredet. Uns interessiert am meisten die Frage, was hinter dieser Demonstration von Müßiggang steckt.

In Lucinde wird der Faulheit einen würdigen Platz zugesprochen. Das fünfte Kapitel ist eine Lobeshymne der „gottähnlichen Kunst der Faulheit“ (12) . Im Vergleich zu den Texten der Aufklärung, die die gesellschaftsstiftende Funktion der Arbeit betonen, feiert Schlegels Text das nichtstuende Alleinsein.

In diesem seligen Zustand der gesellschaftlichen Passivität kommt es durch die Einwirkung des „hohen Genius“ zur Verkündung des „hohe(n) Evangelium(s) der echten Lust und Liebe“ (13) . Der Text des Evangeliums ist kurz:

»O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.« (14)

Man sieht, dass Schlegel sich genau wie die Autoren der Aufklärung auf die biblische Geschichte beruft. Während die Aufklärer aber die Arbeit als eine von Gott auferlegte Aufgabe zur Verbesserung des Menschen betrachten, behandelt sie Schlegel als Fluch und Strafe, wie sie eigentlich in der biblischen Erzählung vom Sündenfall gemeint ist.

Die Muße war der Urzustand des Menschen im Paradies. Die biblische Erzählung vom Sündenfall bestimmt die Arbeit als Zwang, Strafe und Mühsal, sprich als eine Tätigkeit, welche die Ungehorsamkeit der ersten Menschen büßen musste.

17 Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. (Genesis 17)

Erst mit der Vertreibung aus dem Paradies beginnen das irdische Leben und zugleich auch das Arbeitsleben. Arbeit und Leben sind auf diese Weise untrennbar verbunden, stehen aber unter dem Zeichen der Verdammnis. Im Laufe der Zeit nimmt die Arbeit immer rationalisiertere Züge an und stimmt mit dem Lebensbegriff fast völlig überein.

Die Zerstörung der ursprünglichen Harmonie verurteilt den Menschen zu seinem Getrenntsein (15) von der anderen Schöpfung, bedingt von nun an seine Entfremdung von der Außenwelt und gleichzeitig seine Sehnsucht nach Aufhebung dieses Zustandes. So sieht Schlegel den Ausweg von dem Getrenntsein im Verzicht auf die leitende Rolle der Vernunft:

Ich sann auf Mittel, das Beisammensein zu verlängern, und künftig lieber alle kindlich rührenden Elegien über plötzliche Trennung zu verhüten, als uns wie bisher an dem Komischen einer solchen Fügung des Schicksals zu ergötzen, weil es nun doch einmal geschehen und unabänderlich sei. (16)

Erst nachdem die Kraft der angespannten Vernunft an der Unerreichbarkeit des Ideals brach und erschlaffte, überließ ich mich dem Strome der Gedanken, und hörte willig alle die bunten Märchen an […]. Es fiel mir nicht das verführerische Gaukelspiel unedel zu kritisieren, ungeachtet, ich wohl wußte, daß das meiste nur schöne Lüge sei. Die zarte Musik der Phantasie schien die Lücken der Sehnsucht auszufüllen.

Die logische Reihe ist also Müßiggang – Lust und Liebe – Verzicht auf Vernunft – Märchen – Anflug der Phantasie – Erfüllung der Sehnsucht. Dazwischen herrscht eine kausale Beziehung. Die Muße gewährt der Phantasie einen freien Lauf, was wenigstens eine scheinbare Erfüllung der Lücken hervorruft.

Nachdem Schlegel diese Beziehung dem Leser nahegelegt hat, entfernt er sich förmlich von dem Müßiggang als Hauptgegenstand seiner Überlegungen. Er konzentriert sich für eine Weile lieber auf seine Begleiterscheinungen, um auf Umwege zur Sache zurückzukommen.

Anzumerken ist, dass Schlegel das breite Spektrum des aufklärerischen Arbeitsbegriffs anspricht und zu widerlegen versucht. Die gutbürgerliche Sparsamkeit und rationale Ordnungsliebe, die in einem unmittelbaren Verhältnis zum Arbeitsbegriff stehen, werden ins Visier genommen:

So erzeugte sich der erste Keim zu dem wundersamen Gewächs von Willkür und Liebe. Und frei wie es entsprossen ist, dacht’ ich, soll es auch üppig wachsen und verwildern, und nie will ich aus niedriger Ordnungsliebe und Sparsamkeit die lebendige Fülle von überflüssigen Blättern und Ranken beschneiden. (17)

Das meditative Potenzial des Müßiggangs macht ihn zum idealen Zustand des echten Künstlers, was Schlegel mit dem poetischen Bild von Umarmung, Versinken und ruhigem „Anschauen von ewigen Substanzen“ veranschaulicht. Diese mystische Metaphorik lässt Beziehungen zu irrationalen Kulten herstellen.

Er sympathisiert mit der katholischen Sinnlichkeit als mit der nördlichen Rationalität: „Nichts ist es, dieses leere unruhige Treiben, als eine nordische Unart und wirkt auch nichts als Langeweile, fremde und eigne.“ (18) Obwohl der Dichter eine Teilung Norden – Süden macht, ist sie der Herderschen klimaorientierten Argumentationsweise völlig entgegengesetzt.

Schlegel macht in Lucinde eine Geographie des wertvollen Müßiggangs, die bei den Autoren der Aufklärung auch nicht fremd ist. Bei günstigen klimatischen Bedingungen wird der Mensch geneigter zur Faulheit. Italien und der Orient werden für Topoi des Gehens und Liegens, der Beschaulichkeit und Poesie gehalten.

Ausgedehnt wird dieses geographische Areal auf alle Weltteile durch die Erklärung der Muße zum eigentlichen Wesen des Adels. „Und unter allen Himmelsstrichen ist es das Recht des Müßiggangs was Vornehme und Gemeine unterscheidet, und das eigentliche Prinzip des Adels.“ (19)

Der ständische Kampf der Aufklärung, in dem die Muße als Eigenschaft des Adels versengt wurde, wird von Schlegel völlig außer Acht gelassen. Im Gegenteil, die Faszination vom Adel als dem wahren Gehalt des Künstlertums ist offensichtlich.

Wichtig bei Friedrich Schlegel ist die Beziehung zur Freizeit. Der Müßiggang ist bei ihm ein Seinsmodus, und nicht die Restzeit nach der getanen Arbeit. Die Muße des Dichters sollte ein von allen anerkanntes Privileg sein.

Nur er lebt in der Integrität der Zeit. Er hat keine Freizeit, weil die Trennung von schöpferischer und nichtschöpferischer Tätigkeit bei ihm nicht möglich ist. Arbeit und Nichtstun sind bei ihm organisch untrennbar. Nur wer in dieser organischen Ganzheit der Zeit lebt und sich nicht von rationalen effizienzorientierten Einteilungen der Arbeit leitet, ist für die unendliche Poesie offen.

Der Fleiß und das strenge Arbeitsethos der Autoren des bürgerlichen Realismus sind für den Romantiker mit der Idee der Kunst unvereinbar: „Und doch ist das Sprechen und Bilden nur Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften, das Wesentliche ist das Denken und Dichten, und das ist nur durch Passivität möglich.“ (20)

Dass die Muße einen zum Gefühl der wiederhergestellten Einheit, zur Liebe und Lust näherrückt, zeigt sich auch in einem Brief von Bettina von Arnim an Goethe:

Du zogst so meinen Kopf an Deine Brust, an der ich von Ewigkeit zu Ewigkeit ruhen sollte und des Denkens und des Treibens mich überheben, das wär schön, das wär wahr, das wär so die rechte süße Faulheit meines Daseins, das ist die Paradiesesfrucht, nach der ich schmachte, ruhen und schlafen in dem Bewußtsein, daß ich dem Herrlichsten nahe bin. (21)

Die sinngemäße Ähnlichkeit mit Schlegels Muße-Konzept ist offensichtlich. Das Konzept vom Müßiggang als Seinsmodus, der das Dasein des Dichters in das organische Ganze der Natur hineinversetzt und alle Einteilungen von nützlichem und nichtnützlichem, schöpferischem und nichtschöpferischem Tun überflüssig macht, ist bei vielen Romantikern zu beobachten.

Müßiggang setzt Getrenntsein von den anderen Mitgliedern des Soziums, Passivität und nicht materielle Produktivität voraus. Somit begrüßt die Romantik eher die zentripetalen Kräfte im Sozium, was den Einzelnen zum Außenseiter, Sonderling, Taugenichts macht.

Die Begleiterscheinungen der gottähnlichen Faulheit wie Genius, Lust und Liebe oder die Komplexität der wiederhergestellten Ganzheit werden im komplizierten Geschäftsleben eher als störend empfunden und unterliegen im tätigen Leben einer moralischen Verurteilung. Die Bezeichnung der deutschen Romantik als regressive, restaurative und destruktive Ideologie ist aus einem soziologischen Standpunkt heraus völlig gerechtfertigt.

Die Aufklärung und die Romantik haben zwei fast diametral entgegengesetzte Auffassungen von Arbeit und Muße. In der Gegenüberstellung der beiden Begriffe wird der ideologische Kontrast der beiden Epochen sichtbar. Während die Aufklärung die Arbeit für die wichtigste Komponente bei der Konstituierung einer moralisch und körperlich gesunden und gerechten Gesellschaft hält, wird die Romantik vom Müßiggang angezogen, der die wichtigste Voraussetzung für die poetische Inspiration darstellt.

Diese zwei Konzepte bilden grundlegende Muster in der Kulturgeschichte der Neuzeit, die weiter in den nächsten Jahrhunderten je nach den Umständen variieren, aber im Großen und Ganzen ihre festen Konturen behalten.

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(1) Bräker 1991: S. 53
(2) Bräker 1991: S. 53
(3) Bräker 1991: S. 53
(4) Bräker 1991: S. 53
(5) Bräker 1991: S. 53
(6) Bräker 1991: S. 53
(7) Bräker 1991: S. 53
(8) Herder 1965: Bd. 1, S. 325
(9) Bräker 1991: S. 53
(10) Asholt, Fähnders 1991: S. 10
(11) Herder 1971: Bd. 2, S. 307
(12) Schlegel 1958. S. 25
(13) Schlegel 1958: S. 25
(14) Schlegel 1958: S. 25
(15) Das Wort gebrauche ich im Sinne E. Fromms in seiner Schrift Haben oder Sein
(16) Schlegel 1958: S. 26
(17) Schlegel 1958: S. 27
(18) Schlegel 1958: S. 27
(19) Schlegel 1958: S. 27
(20) Schlegel 1958: S. 27
(21) Arnim 1959: Bd. 2, S. 390

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Literaturverzeichnis:

Primärliteratur:
1. Arnim, Bettina (1959): Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Werke und Briefe. Herausgegeben von Gustav Konrad, Bde. 1–5, Frechen: Bartmann
2. Bräker, U. (1991): Lob der nützlichen Arbeit. In: Arbeit und Müßiggang. 1789 bis 1914; Dokumente und Analysen. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 53-55
3. Herder, J.G. (1971): Briefe zur Beförderung der Humanität. Herausgegeben von Heinz Stolpe in Zusammenarbeit mit Hans-Joachim Kruse und Dietrich Simon, Band 1–2, Berlin und Weimar: Aufbau
4. Herder, J.G. (1965): Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, Band 1 und 2. Herausgegeben von Heinz Stolpe, Berlin und Weimar: Aufbau
5. Schlegel, F. (1958): Lucinde. Kritische Friedrich Schlegel Ausgabe. München Schöningh

Sekundärliteratur:
6. Jung, Jochen (Hg.) (1986): Lob der Faulheit. Residenz Verlag Salzburg
7. Asholt/Fähnders (Hg.) (1991): Arbeit und Müßiggang: 1789 bis 1914; Dokumente und Analysen. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
8. Klopfleisch, Reinhard (1991): Die Pflicht zur Faulheit. Freizeit zwischen Streß und Muße. Econ-Verlag, Düsseldorf
9. Vahrson, Viola (Hg.) (2008): Faulheit. König Verlag, Köln

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