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Montag, den 30. Januar 2012

31 Januar, 2012 von · Keine Kommentare

AnnMarie Rudin

Tagebücher

Lille, 30-janvier. 12

Ich war wieder in Lille. Alles hatte ich wieder erkannt und ich hatte ein angenehmes Gefühl dabei. In Vergleich zu der Dystopie, wo ich das Wochenende verbracht habe, kann man hier Ruhe und Ordnung geniessen.

Ich erkenne mein inneres Ich nicht mehr. Am Wochenende gab es einige Sachen, die ich mir erlaubt habe und insofern konnte ich nicht ruhig schlafen gehen, als ich mich überlegt habe, das was ich getan habe.

Einen wahnsinnigen Abend kann man verzeihen. Noch beunruhigender war die Erkenntnis, dass ich an solchen unsagbaren, sündigen Interessen teilnehmen würde (oder noch schlimmer: habe!). Wieder daheim, wollte ich ausschauen, als ob nichts am vergangenen Wochenende passiert wäre.

Inzwischen habe ich meine Rhetorikveranstaltung besucht. Mein Ehrgeiz war stark, und ich wollte etwas lernen. Den Dozent würde ich als begeistert und freundschaftlich beschreiben.

Wir haben mit sehr konzeptionellen Ideen im Bezug auf Rhetorik angefangen zu diskutieren und ich habe mich daran erinnert, warum ich mich einmal in Rhetorik verliebt habe. Wenn diese Veranstaltung doch in der englischen Sprache wäre! Ich würde die Besserwisserin sein.

Allerdings saß ich in Ruhe. Ich war teilweise zu scheu und teilweise zu unsicher meiner eigenen Fähigkeiten, um mich zu beteiligen. Ich habe aber eine Flut von Fragen von meinen Kommilitonen und beziehungsweise Antworten von meinem Dozenten gehört.

Ich wurde sofort an eine Veranstaltung erinnert, die ich als 16jährige in der HS besucht habe. Der Kurs handelte von Sprachwissenschaften und ich hatte bisher nie einen Kurs besucht, der meine Liebe für die Sprache in solchem Ausmaß angesprochen hat.

Endlich hatte ich die Vokabeln gelernt, die die Grammatik meiner Muttersprache beschreiben konnten. Tropen, Metonymien, Litotes, Tautologien, Pathos, Zeugmata –es gibt ohne Übertreibung hunderte dieser Begriffe, die ich zwischenzeitlich vernachlässigt habe.

Alles ist seither durcheinander geraten und ich fühlte diese ungeheuere Lust, meine Hefte ausfindig zu machen (ich gestehe, ich habe sie noch irgendwo) um sie hier in diesem Kontext anzuwenden. Ich war also entmutigt, weil sie verschollen waren. Deshalb habe ich versucht, mich an mein bestes Können zu erinnern.

Der Dozent hat ein Blatt Papier ausgegeben. Es war ein Auszug von einem Roman von Zola. Ich kannte es nicht. Er hat die zwei Seite so schnell vorgelesen, dass ich alles in der Umgebung unbeachtet lassen musste.

« Gervaise avait repris son panier. Elle ne se levait pourtant pas, le tenait sur ses genoux, les regards perdues, rêvant, comme si les paroles du jeune ouvrier éveillaient en elle des pensées lointaines d’existence. Et elle dit encore, lentement, sans transition apparente : …»

So habe ich seine Vorlesung verstanden: Sans transition apparent. Dabei gab es auch eine Aufgabe: Wir wurden gefragt, die verschiedene Arten von discours zu erkennen. Ich weiss nicht, wie man das übersetzen könnte. Ich vermute, dass man das auch Diskurs nennt.

Innerhalb der Stunde habe ich ständig Verbindungen mit vorigen Sitzungen gemacht. Wir haben von Zeiträumen und Dimensionen gesprochen. Ich dachte an einen Kurs, den ich als 13 jährige besucht habe.

Die Lehrerin hat uns erklärt, dass man nur weiß, was in dem derzeitigen Augenblick passiert. Die Vergangenheit ist bloß eine Erinnerung. Die Zukunft ist ein Traum. Die Gegenwart ist die Wahrheit. Aber nach dieser Erkenntnis ist der Moment weg und nur eine weitere Erinnerung.

Ich habe mir eine andere Diskussion in Erinnerung gerufen. Ich war mit einem Freund spazieren und wir haben von vier Dimensionen gesprochen. Er ist älter als ich und damals hat er alle Arten von Physik an der Uni studiert. Er hat mir erklärt, dass es vier verschiedene Dimensionen gibt. Als Mensch kann man nur dreieinhalb von diesen erleben.

Das heißt, geographische Breite, geographische Länge und Höhe. Wo steht man? Aber man muss auch nach der vierten Dimension fragen: Wann steht man? Man kann Zeit nur vorwärts erleben. Alles ist sehr theoretisch!

Eine Frau in der Veranstaltung war davon nicht überzeugt und sie hat als Beweis geboten, dass man doch Zeit betrachten und beziehungsweise messen könnte. Der Dozent hat erklärt, dass man tatsächlich nur die Wirkungen von Zeit sehen kann.

Nehmen wir an, zum Beispiel, Jahreszeiten und Alterung. Das Wetter verändert sich und man feiert einen weiteren Geburtstag, aber trotzdem kann man Zeit nicht sehen.

Noch ein Gedanke, bevor ich dieses Thema zu Tode reite : Wir als Klasse haben auch über signifikant und signifié diskutiert. Ich wiederhole, ich wünsche mir, dass ich mein Heft – voller Notizen von unschätzbarem Wert – dabei hätte!

Ich erinnere mich an die Prinzipien, aber in einem englischen Kontext. Trotzdem war ich da. Noch interessanter hat der Dozent dasselbe Beispiel benutzt, das mein ehemaliger Lehrer auch einmal verwendet hat. Der Begriff signifikant bezieht sich auf die Reihefolge von Buchstaben, die zu einem Alphabet gehören.

Ein Wort, beispielsweise. Ein Wort ist ein Symbol. Man liest ein Wort. Man versteht die Bedeutung. Der Begriff signifié bezieht sich entweder auf die Emotionen, die man erlebt oder auf das Bild, das man sich vorstellt.

Dieses Thema interessiert mich so sehr. Das Beispiel war ein Schreibtisch. Man sieht (oder liest, oder hört, beziehungsweise) das Wort und man denkt an den materiellen Gegenstand, für das dieses Symbol (das heißt, die Kombination von Buchstaben, die das Wort „Schreibtisch“ zeigt) steht.

Es gibt natürlich Schwierigkeiten, da Bedeutungen nie fest sind. Ein Schreibtisch kann einfach vieles bedeuten und viele unterschiedliche Bilder könnte man sich vorstellen.

Ich versuche, mich gut auszudrücken, aber ich bin schon erschöpft. Hoffentlich habe ich Sie, lieber Leser, nicht gelangweilt.
Am Nachmittag habe ich eine Freundin beziehungsweise eine Kollegin von mir getroffen. Als Französischlehrerin hat JoAnn eine Studentengruppe vorbeigebracht.

Es ist ein Austauschprogramm. Wir haben uns getroffen und wir sind zu einem Café in der Innenstadt gelaufen, um einen Kaffee zu holen und ein Croissant zu naschen. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, warum wir hier zusammen in einem Café in der viergrößten Stadt in Frankreich saßen.

Ich habe erkannt, dass meine eigene Entscheidungen mich hier geführt haben. Wenn ich die französische Sprache nicht lernen hätte können, wäre ich nie in die Sprache verliebt gewesen. Wenn ich die Universität, die ich heute meine Heimatsuniversität nenne, nicht ausgewählt hätte, hätte ich nie meine Arbeitsstelle in derselben Stadt gehabt.

Auf dem Campus wäre ich nie meiner Freundin Brooke begegnet. Zusammen hätten wir nie erkannt, dass JoAnn ihre ehemalige Lehrerin ist, die ich wegen meines Berufs kenne. Und zwar war ich dort in einem Café in Frankreich. Wir sind zwei Frauen aus verschiedenen Generationen, aber aus derselben Heimatstadt.

Wir sind zwei lachende und sprechende Frauen, die Neuigkeiten und Erfahrungen erzählt haben, die unsere Kaffees in kleinen Schlückchen getrunken haben, und die aufrichtig glücklich waren, unsere Zeit hier zu verbringen.

Später chez moi war ich Abendessen und ich habe heimlich in meinem Zimmer getanzt. Ich hatte in der letzten Woche einen Ohrwurm, nämlich das Lied „Only Girl (In the World)“ von Rihanna.

Letztendlich bin ich mit meinem Buch unter die Bettdecke gekrochen. Ich lese momentan „Gespenster“ von Ibsen. Ich lese aber eine französische Übersetzung. Ich habe stundenlang gelesen. Ich habe gelesen. Ich habe Randstriche gemacht. Ich habe übersetzt. Ich habe bedeutende Zitate unterstrichen, die ich später mit meinen Freunden teilen könnte.

Ich habe mich gefühlt, als ob ich eine Figur in dem Theaterstück wäre. Madame Alving, die liest und liest. Der Pfarrer ist mit ihrer Auswahl nicht zufrieden. Ihre Erwiderung gefällt mir:

« Il me semble que j’y trouve une explication et une confirmation à bien des pensées que je n’ai cessé de retourner dans ma tête. C’est cela qui est étrange, pasteur Manders, — au fond, il n’y a rien de nouveau dans ces livres ; on n’y trouve que ce que la plupart des gens pensent et croient. Seulement, la plupart des gens n’en ont pas pris conscience, ou ne veulent pas l’admettre. «

Ich habe Zeit vergessen. Plötzlich war es gegen 3 Uhr morgens. Il faut que je dorme.

Kategorien: Frontpage · Graffiti · Lifestyle · Modern Times

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