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Morten: Kartographie der Flucht

9 Dezember, 2009 von · Keine Kommentare

Emanuil A. Vidinski

morten
Снимка: Desmond Kavanagh

Seinen ersten Stadtplan erhielt Morten an einem Sonntagmorgen. Die Nachbarin von der Wohnung links brachte ihn. Der Briefträger habe ihn bei ihr abgegeben.

„Sie müssen ein Schild anbringen. Sonst kann einmal etwas verloren gehen.“

Morten dankte ihr und nahm den Umschlag entgegen. Insgesamt hatte er neun verschiedene Stadtpläne bestellt. Ungeduldig riss er das Papier auf. Der erste war der von Buonaventura. Noch ganz neu. Er roch noch druckfrisch. Morten ging zum Bett und faltete ihn auseinander. Zunächst nahm er ihn aus der Ferne in Augenschein, um ein Gefühl für die Gesamtansicht zu bekommen. Die roten Linien der Boulevards, die gedrängten geometrischen Figuren der einzelnen Stadtviertel. Er genoss jede Ecke, ohne etwas lesen zu können. So verstrichen ein-zwei Minuten. Danach ging er näher heran und studierte den Plan Zentimeter für Zentimeter. Er durchforstete ihn von oben nach unten und hatte nach zwei oder drei Stunden das Haus, die Restaurants und überhaupt alle Orte in Gedanken markiert, die sein Held durchstreifen würde.

Gegen zwei Uhr am Nachmittag schüttete Morten den kalt gewordenen Kaffee weg und kochte neuen. Er lümmelte sich faul in den Sessel am Fenster, das zum Innenhof des Mehrfamilienhauses ging. Früher einmal hatte es in der Mitte des Platzes einen Springbrunnen gegeben, doch den hatte jemand abgebaut und eine Steinplatte daraufgelegt.

Die Wohnung hatte er vor einer Woche gemietet. Sie war klein, hatte aber ringsum Fenster. Und Morten brauchte viel Licht. In der Nähe gab es einen Buchladen und ein Lebensmittelgeschäft. Die Straßenbahnhaltestelle war etwa drei Gehminuten entfernt, so dass keine allzu großen Menschenmassen am Haus vorbeiströmten. Das genügte ihm.

Am Abend schrieb Morten seinen Namen auf ein Blatt aus seinem Notizbuch und ging hinunter, um es an den Briefkasten zu kleben. Er war sich unschlüssig, ob er seinen richtigen Namen verwenden sollte, doch dann entschied er, dass solche Spielchen nur Probleme mit sich bringen würden, und von seinen Bekannten würde ihn wohl kaum jemand gerade in diesem Viertel suchen. Das war so gut wie unmöglich. Deshalb schrieb er in aller Ruhe „Morten Brian Nilsen“, setze mit einem Lächeln „Schriftsteller“ hinzu und klebte den Zettel an den Kasten. Ihm wäre es viel lieber gewesen, wenn er das nicht hätte tun müssen, aber da die Post nun einmal seine einzige Verbindung mit der Welt sein würde, ließ es sich nicht vermeiden.

Die beiden Zimmer, die Morten bewohnte, waren äußerst spartanisch eingerichtet. Im Schlafzimmer gab es ein großes Bett, einen Kleiderschrank und grüne Vorhänge. Im Wohnzimmer, das er zum Schreiben nutzte, standen ein brauner Schreibtisch mit vielen Fächern, in der einen Ecke ein Computer, eine zwanziger Packung leerer Speicherdisketten, ein Aschenbecher und eine Nachttischlampe.

Außerdem: ein Sessel vor dem Fenster zum Innenhof, ebenfalls grüne Vorhänge und ein Bücherregal. In allen Zimmern waren die Wände nackt, bis auf das Bad, in dem ein Spiegel hing. In der Küche gab es keinen Tisch, nur eine Spüle und einen großen Kühlschrank, auf den Morten seine zwei Teller, eine Kaffeetasse, Trinkgläser und Besteck abstellte. Das war alles.
Bevor er zu Bett ging, nahm er den Stadtplan und klebte ihn an die Wand über dem Schreibtisch. Er betrachtete ihn einige Minuten und schlief danach mit einer leichten Ungeduld in den Augen ein.

Am Morgen trank Morten Kaffee und ging ein wenig spazieren. Er kehrte erst dann zurück, als er sicher war, dass der Briefträger schon durch war. Im Briefkasten lagen tatsächlich zwei an ihn adressierte Umschläge. Den ersten riss er schon auf der Treppe auf. Es war ein Stadtplan von Valparaíso. Mit dem zweiten ließ er sich Zeit. Er wollte ihn für später aufheben. Er begann die Stadt zu erforschen. Erst besah er sich aus einigem Abstand das Geflecht der Straßen, Häuser und Grünflächen, danach untersuchte er alles aus der Nähe, wobei er vor Anspannung mit seinen Fingern auf den Lippen herumdrückte.

Am Abend klebte er den Plan neben den anderen und öffnete den zweiten Umschlag. Diesmal war es Comodoro Rivadavia. Das waren die drei Städte in Lateinamerika, von denen sich Morten Stadtpläne bestellt hatte. Der Betrachtungsvorgang wiederholte sich haargenau auf die gleiche Weise. Dies alles kostete ihn viel Zeit, und die Nervenenden seiner Schläfe entspannten sich in dieser Nacht erst gegen vier Uhr morgens.

Der Dienstag begann beschwerlich. Morten erwachte gegen Mittag mit Ringen unter den Augen und einer gewissen Lichtempfindlichkeit. Er blieb noch einige Minuten liegen, bevor er blinzelnd die grünen Vorhänge aufzog. Die Sonne stach ihm in die Pupillen, aber er schloss die Lider, öffnete sie dann allmählich und gewöhnte sich daran. Diesmal musste er nicht erst spazieren gehen, der Briefträger war auf jeden Fall schon da gewesen.

Im Treppenhaus tauchte plötzlich die Nachbarin aus der Wohnung links auf und lobte ihn dafür, dass er sein Namensschild angebracht hatte, worauf er lächelnd nickte, sich entschuldigte, sie am Sonntag so in Anspruch genommen zu haben, und die Treppe hinabstieg. Doch der Briefkasten war leer. Sobald er wieder in seiner Wohnung war, schaltete Morten den Computer an und fing wutentbrannt an, einen Brief an die Firma zu schreiben, über die er die Stadtpläne bestellt hatte, dann überlegte er es sich jedoch anders und löschte die Nachricht.

Schließlich war gar nichts passiert. Um sich zu beruhigen, nahm er sein Notizbuch heraus und stellte einen Arbeitsplan auf. Er schrieb die Namen Buonaventura, Valparaíso und Comodoro Rivadavia untereinander und notierte zu jedem verschiedene Straßen, Restaurants, Hotels, Cafés und andere Details. Mit diesen Aufzeichnungen war er bis gegen fünf Uhr nachmittags beschäftigt, dann ging er in die Küche und goss sich ein großes Glas Kognak ein. Er setzte sich in den Sessel und blieb dort bis zum späten Abend sitzen.

Am nächsten Tag traf die große Weltkarte ein. Morten klebte sie sofort an die Wand und betrachtete sie, während er seinen Kaffee im Stehen trank. Aus einem Schreibtischfach holte er drei Stecknadeln mit dicken roten Köpfen und streckte sie in die Namen der drei Städte. Nun war er etwas ruhiger geworden und nahm sich wieder des Arbeitsplanes an, mit dem er mehrere Stunden zubrachte. Dann zog er sein Sakko über und ging hinaus, um sich die Beine zu vertreten.

Den roten Faden hatte er bereits im Kopf. Er hatte ihn sich schon vor langer Zeit ausgedacht, als er noch drüben, auf der anderen Kanalseite wohnte. Eines morgens, während sie den Frühstückstisch deckte und er Kaffee machte, erzählte ihm Monika von einem befreundeten Ehepaar, das in den Urlaub nach Kuba fahre.
„Ich würde auch gern irgendwohin verreisen, Morten. Was meinst du?“

Er wusste nicht genau, wie er seine Antwort formulieren sollte, aber es war ihm peinlich. Sie kümmerte sich nicht um die häuslichen Finanzen, hatte keine Ahnung von ihrer Situation. Und er hatte Angst, es ihr zu sagen. Seit Monaten schob er es vor sich her und fand nie den Mut.

„Dann fahren wir eben, wenn du willst… Wohin möchtest du denn?“

Sie sagte ebenfalls Kuba. Und sie könnten doch mit den anderen fahren. Morten wollte nicht lügen, tat es aber dennoch. Er wolle nicht so weit fort, die Reise dahin dauere so lange und er könne nicht soviel Urlaub nehmen. Ob er denn Probleme auf der Arbeit hätte. Nein, natürlich nicht, aber er habe viel zu tun. Noch eine Lüge. Er hatte Probleme, und zwar beträchtliche. Aber der Grund war ein anderer. Seit ein, zwei Jahren geschah etwas mit ihm. Viele Monate mussten vergehen, bis er sich dessen bewusst wurde. Und als er es begriff, erschrak er. Denn er verspürte nicht anderes als Kälte, grenzenlosen Egoismus.

Nichts hielt ihn mehr, nichts war ihm mehr wichtig. Seit sie ihr Kind verloren hatten, war das Verhältnis zwischen Monika und ihm aller Illusionen beraubt. Es führte schließlich soweit, dass sie zu spät nach Hause kam, nicht Bescheid sagte, wo sie war, und kurze Zeit darauf erfuhr Morten auch den Grund. Er hieß B. und war ihr privater Fitnesstrainer. Er spürte nichts. Gar nichts. Das ganze Hollywoodhafte der Geschichte fand er eher lächerlich.

Er erinnerte sich nicht mehr, wann in ihm der Entschluss reifte zu verschwinden. Aber von dem Augenblick an, da er ihn gefasst hatte, änderte sich alles. Er wollte eine günstige Gelegenheit abpassen, und die ließ nicht lange auf sich warten. Sie fand sich in der Möglichkeit, durch die Übernahme eines großen Projektes die Firma aus der maroden Situation herauszuholen.

Morten brachte seine ganze Erfahrung und Beharrlichkeit ein, und nachdem er ein riesiges Honorar bekommen hatte, schrieb er zwei Briefe. Einen an seinen Teilhaber, den anderen an Monika. Er eröffnete ein neues Konto, überließ den Großteil des Geldes seiner Frau und mietete seine jetzige Wohnung. Nachdem er sie fertig eingerichtet hatte, packte er seine Habseligkeiten in eine Reisetasche, brachte die Briefe zur Post und verschwand.

An all das dachte er, während er in den stillen Straßen in der Nähe seiner Wohnung spazieren ging. In einer kleinen Bar trank er einen Kognak und rief sich die Studentenzeit in Erinnerung. Damals schrieb er Erzählungen, bemühte sich um deren Veröffentlichung und baute an seiner Karriere. Er setzte einen anderen Namen darunter, um niemandem etwas erklären zu müssen. Monika hatte er auf einer Studentenparty kennen gelernt.

Zwei Jahre später heirateten sie, da hatte Morten bereits die Firma gegründet und arbeitete nächtelang. Der Literatur hatte er nicht deshalb den Rücken gekehrt, weil es dabei nicht zu verdienen gäbe, oder weil er dachte, er habe kein Talent, nein, die Zeit ging einfach so dahin bis zu jenem sonnigen Tag, als er die Briefe aufgab und in seine neue Wohnung zog.

Er wusste, dass er Monika mit seiner Flucht das Herz brechen würde. Er wusste, dass ihr Verhältnis mit dem Trainer nichts Ernstes war und dass sie ihn, Morten, liebte. Er wusste, dass sie ihm nur aus Aggression gegen sich selbst untreu geworden war; um sich selbst zu verletzten, es sollte ihr selbst weh tun. Und er wusste auch, dass sie sich auf die Suche nach ihm machen würde.

Und während er das leere Glas auf dem Tresen abstellte, kam ihm in den Sinn, dass ihre einzige Chance darin bestand, in den Hauseingang zu kommen und seinen Namen zu lesen. Und diese Chance war so gering, dass Morten die plötzliche Idee, den Zettel sofort abzureißen, sobald alle Sendungen auf seinen Namen eingetroffen wären, und danach unter einem anderen Namen zu bestellen, gleich wieder verwarf.

Bevor er zu Bett ging, schaute er sich lange die Karten und Pläne an der Wand an, die nur von der schwachen Straßenbeleuchtung beschienen wurden. Er dachte an Monika und an Comodoro Rivadavia.

Morten war nicht übertrieben sentimental, doch er hatte Bedürfnisse, die ihm so unentbehrlich waren, dass er vor ihnen nicht davonlaufen konnte. An einigen Tagen der darauffolgenden langen Wochen des Kartenstudiums und Schreibens hätte er seine Frau gern angerufen, um zu hören, wie sie etwas über ihren Hund erzählte, und dass sie ihm keine Vorwürfe macht und so tut, als wäre nichts geschehen. Selbstverständlich rief er nicht an, aber er dachte darüber nach, was wäre, wenn er es täte.

In der Zwischenzeit trafen die anderen sechs Stadtpläne ein, und er begann mit dem eigentlichen Schreiben des Textes. Es handelte sich um den Reisebericht eines alleinstehenden Mannes, der Moko hieß und nacheinander neun Städte auf drei Kontinenten bereiste. An allen neun Orten sollten ihm seltsame Dinge passieren, und zum Schluss sollte er in einer Gasse in einem ostsibirischen Städtchen sterben. Dies war der letzte Stadtplan, der eintraf.

Der Name des Städtchens war Bilibino, und diesen Plan aufzutreiben, kostete ihn unsägliche Mühe und beinahe zwanzigmal soviel Geld. Schließlich, nach etwa einem Monat Wartezeit, kam er dann doch und wurde nach gründlicher Betrachtung an die Wand geklebt, von der mittlerweile nur noch die Ecken zu sehen waren.

Morten war so ins Schreiben vertieft, dass er darüber nicht nur das Essen vergaß, sondern auch das Aufstehen und Zubettgehen. Er schlief auf der Tastatur ein, wachte mitten in der Nacht wieder auf, korrigierte, löschte, ergänzte und wurde erneut vom Schlaf übermannt.

Eines Tages waren seine Körperfunktionen soweit stillgelegt, dass die Anstrengung, die ihm das Aufstehen bereitete, nichts war im Vergleich zu dem Drang, seine seit Tagen überfüllte Blase zu leeren. Als er nach einem Ohnmachtsanfall im Badezimmer wieder zu sich kam, merkte Morten, wie gefährlich es werden könnte, sich so gehen zu lassen, und er beschloss, Maßnahmen zu ergreifen. Ihn hatte das Entsetzen gepackt, den Reisebericht vielleicht nicht zuende schreiben zu können. Langsam bäuchlings kriechend gelangte er an den Computer, und da er kein Telefon besaß, bestellte er einen ganzen Berg Nahrungsmittel über das Internet. Während er auf die Lieferung wartete, verspürte er Schmerzen in seinem leeren Magen und ihm schwindelte.

Tief atmend und seine Kräfte einteilend schleppte er sich wieder ins Bad, wo er sich auszog und duschte. Dann nahm er den Spiegel von der Wand, um sich auf der Toilette sitzend zu rasieren, denn um aufrecht zu stehen, fehlte ihm die Kraft. Schließlich brauchte er ungefähr zehn Minuten, um die Entfernung vom Bad zur Wohnungstür zu überwinden, wo er sich auf den Boden setzte und auf die Lieferung wartete. Er hatte keine Vorstellung, wie lange er so saß. Die Klingel holte ihn aus dem Zustand des schwerelosen Dahingleitens. Er erhob sich, öffnete die Tür, bekam ein Paket mit Online-Zahlschein und fiel auf den Boden zurück. Er aß langsam, obwohl sein Wunsch, sich auf alles auf einmal zu stürzen, stärker war als jedes sexuelle Verlangen, das er jemals verspürt hatte.

So erlangte Morten innerhalb von drei Tagen die normale Funktionsfähigkeit seines Körpers wieder und schwor sich, es nie wieder so weit kommen zu lassen. In diesen drei Tagen schrieb er keine einzige Zeile. Er hatte beschlossen, sich wenigstens eine Woche Ruhe zu gönnen, um die Gedanken im Kopf zu ordnen. Das Schreiben hatte ihn zu sehr mitgenommen, er befürchtete, die Umrisse der Wirklichkeit nicht mehr zu erkennen. Die brauchte er aber insofern, als er Abstand wahren und sich die Möglichkeit erhalten musste zu wissen, dass er dort saß und einen Reisebericht schrieb. Und diesen Abstand hatte Morten schon einmal verloren, ein zweites Mal sollte das nicht passieren. Dies würde den erfolgreichen Abschluss des Textes gefährden, und davor hatte er am meisten Angst.

Es gab noch eine weitere Bedrohung, die ihm zu schaffen machte: die Versuchung, seine elektronische Post abzurufen. Wenn er nicht schrieb, spürte er ständig diese Verlockung in seinen Fingern. Er wusste, dass weder Monika, noch diejenigen, die sie eventuell gebeten hatte, ihr bei der Suche zu helfen, und nicht einmal der Privatdetektiv, den sie vielleicht engagiert hatte, seinen Zufluchtsort aufspüren würden. Deswegen war er sicher, dass bei ihm Dutzende Nachrichten eingegangen sind, die ihn zur Vernunft bringen wollten – dies war das Wort, das er am meisten hasste.

Alles musste vernünftig sein, sich in die Ordnung und das System einfügen. Jede kleine Abweichung, selbst die, seiner Frau nach der Liebe zu sagen, dass man in solchen Augenblicken das Gefühl habe, den Nebel mit den Händen einfangen und wegtragen zu können, traf auf verständnislose Blicke. Das Schlimmste war jedoch, wenn in diesen Blicken auch noch ein wenig Beklemmung, etwas Besorgnis, ja sogar Mitleid lag. Morten erinnerte sich schmerzvoll an diesen Moment. Es war vor vielen Jahren, sie hatten sich gerade kennen gelernt, und es war ihre erste gemeinsame Nacht.

Alles war so wahnsinnig – die Hingabe, die Aggression, die Zärtlichkeit –, dass er in den seltsamen Zustand verfiel, nur noch seine Augen zu spüren. Ihm schien, die Bewegung sei einzig und allein auf Blicke reduziert, das Reale sei eine Erfindung der Pupillen, die Bilder ordneten sich durch das abgehackte Schlagen der Lider. Damals sagte er das mit dem Nebel. Er spürte, wie Monika stutzte, sie sah ihn verständnislos an, dann streichelte sie ihn und tat, als sei sie begeistert. Morten hörte sich unter diesem Blick innerlich stöhnen, schwebte aber weiter auf der Iris seiner Schwerelosigkeit und konnte sich nicht vorstellen, dass die Liebe außerhalb dieses Moments ihre Fortsetzung finden könne.

In seine Post schaute er also nicht. Sein Verlangen, sie anzurufen, war jedoch bisweilen so stark, dass er den Pulsschlag in der Kehle spüren konnte. Wenn das geschah, zog er sich nackt aus und setzte sich mit einem Glas Whisky oder Kognak in den Sessel, denn er wusste, selbst wenn er sich der Verlockung hingab, müsste er, um sie anzurufen, aus dem Haus gehen und ein Telefon suchen. Und während er sich anzog, würde er genug Zeit haben sich zu besinnen.

Die Woche, in der er sich eine Auszeit nahm, verbrachte er fast ausschließlich ohne Kleidung. Er musste nicht nur der Versuchung widerstehen, Monika anzurufen, sondern auch der, das Schreiben fortzusetzen. Deshalb schaltete er den Computer aus, nahm ihn sogar auseinander und verteilte seine Einzelteile in der Wohnung. Auf seinem Schreibtisch lagen nur noch die Kabel und die Tastatur. Er verbrachte die Zeit damit, die Karten an der Wand zu betrachten und die Namen der Städte und Straßen laut auszusprechen.

Er ließ seinen Körper nicht mehr an die Grenze des Zustandes von damals heran, vergaß aber zu duschen, regelmäßig zu essen und an die Luft zu gehen. Das Haus verließ er nur, um sich in dem nahegelegenen Geschäft das Nötigste zu besorgen. In der übrigen Zeit trank er vor dem Fenster Kognak und versank im Geflecht der Landkarten und Stadtpläne.

Den Briefkasten öffnete sie mechanisch und ohne sich ihres Handelns bewusst zu sein. Schon lange erwartete sie nichts mehr außer den Werbeflyern, die sie einmal wöchentlich entsorgte, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. Dennoch steckte sie jeden Tag den Schlüssel in das Schlüsselloch. Das Schloss drehte sich und sie spähte mit leerem Blick in den Kasten. An jenem windigen Maitag fuhr Monika jedoch zusammen. Nachdem sie die Briefkastentür geschlossen hatte und ins Haus zurückgekehrt war, ereilte sie das Gefühl, zwischen all dem schreiend Bunten die Ecke eines weißen Briefumschlags gesehen zu haben. Sie ging nicht sofort zurück. Sie setzte sich in die Küche, stützte das Kinn auf die Hand und starrte, an den Küchentisch gelehnt, mit einem undeutlichen Gefühl aus dem Fenster.

Erst nachdem sie sich umgezogen und die Einkäufe im Kühlschrank verstaut hatte, öffnete sie die Eingangstür und ging langsam zum Briefkasten. Genauso langsam schloss sie ihn auf, im Unterbewusstein hoffend, die Gelassenheit der Bewegungen könnte ihren Atem beruhigen. Im Kasten war in der Tat ein Eckchen eines normalen Briefumschlags zu sehen. Monika schaute es einige Sekunden lang an, bevor sie es ergriff und den Umschlag herauszog. Ihr stockte der Atem: scharf und pfeifend presste sich die Luft durch ihre Lippen. Niemals könnte sie diese Handschrift verwechseln. Sie ging ins Haus, legte den Brief auf den Küchentisch und legte sich hin. Sie starrte an die Decke und dachte an gar nichts.

Zehn Minuten vergingen, bevor sie aufstand. Sie kochte sich Kaffee, setzte sich hin und öffnete den Umschlag mit noch immer derselben Ruhe. Er enthielt eine Ansichtskarte. Monika war jedoch wie gelähmt vor Überraschung, als die den Namen der Stadt las: Comodoro Rivadavia. Sie hatte keine Ahnung, wo sie lag, aber es klang ihr so fremd und weit entfernt. Auf der Rückseite stand in zierlicher Schrift: „Gib mir keine Schuld. Ich denke Tag und Nacht an Dich.“ Monika stand auf, holte aus einem Schrank eine Schachtel Zigaretten und steckte sich eine an. Seit dem Verschwinden ihres Mannes versuchte sie, mit dem Rauchen aufzuhören, und hatte es beinahe geschafft. Genüsslich sog sie den Rauch ein und atmete ihn stoßweise aus. Das hatte Morten immer besonders gemocht. Er sah ihr gern beim Rauchen zu, beobachtete die dichten Rauchwölkchen, die nacheinander zwischen ihren Lippen hervortraten.

Mit einer Handbewegung die Erinnerung wegwischend, ging Monika ins Arbeitszimmer und schaltete den Computer ein. Sie gab „Comodoro Rivadavia“ in die Suchmaschine ein und klickte ein Ergebnis nach dem anderen an. Schließlich stieß sie auf Informationen über die Stadt und eine kleine Landkarte. Sie lag in Argentinien: eine nicht besonders große Küstenstadt.
Sie drückte die Zigarette in einem Blumentopf aus, lehnte sich jäh nach hinten und begann, immer wieder vor sich hin zu sagen:

„Argentinien…“

In den darauffolgenden Monaten erhielt Monika drei weitere Ansichtskarten aus verschiedenen Städten. Manchmal waren es aus dem Internet heruntergeladene Fotos. Und nicht immer stand auf der Rückseite etwas. Das verstand sie, ohne eine Erklärung dafür zu haben. Sie hatte sich eine detailgenaue Weltkarte und einen schweren Atlas zugelegt.

Stundenlang blätterte sie darin, sah sich die Seiten aufmerksam an, kreiste mit Bleistift die Städte ein, in denen sich Morten befand, recherchierte die geographischen Details, las Informationen zur Geschichte und zur Politik der Länder. Im Internet suchte sie nach weiteren Fotos der Stadt und druckte auch das kleinste Bild aus. Sie klebte alles an die Wand im Arbeitszimmer und vermerkte sorgfältig den Namen der Stadt und was auf dem Bild zu sehen war. Dafür hatte sie extra einen dicken schwarzen Textmarker gekauft.

Wenn Gäste kamen oder aber der Detektiv zu seinem monatlichen Besuch aufkreuzte, hielt Monika die Tür zum Arbeitszimmer nicht nur geschlossen, sondern schloss sie sogar ab. Ihre Freunde dachten, dass sie das Arbeitszimmer ihres Mannes als teure Erinnerung so erhalten wolle und es deshalb nie öffnete. Den Detektiv empfing sie immer lustloser, sie kochte ihm Kaffee, forderte ihn auf weiterzumachen, und wenn er gegangen war, schloss sie sich im Zimmer ein.

Mehrmals am Tag rief sie ihre E-Mails ab in der Hoffnung, Morten habe ihr geschrieben, doch nie kam eine Nachricht von ihm. Dafür sandte sie ihm ausführliche Beschreibungen ihres Alltags, kleine Rückblicke und Gedanken. Sie erzählte ihm von ihren Träumen und hängte Fotos ihres Hundes und der Welpen an. Sie hatte längst aufgehört, ihm Fragen zu stellen. Die E-Mails waren für sie ein Instrumentarium der Bekenntnis. So vergingen viele Monate, und Monika vergaß allmählich, wie sehnsüchtig sie einmal darauf gewartet hatte, ihn wiederzusehen.

Eines Abends gegen elf klingelte es nachdrücklich an der Eingangstür. Monika war im Arbeitszimmer über dem Atlas eingeschlafen und sprang erschrocken auf. Draußen stand – vom Novemberregen durchnässt – der Detektiv. Er schob die Frau beiseite und trat eilig in den Korridor. Er sprach schnell, erregt, ohne Pause zwischen den Worten. Monika zog sich sofort an. Später erinnerte sie sich an keine einzige Sekunde dieser Szene. Wenn sie versuchte, sich irgendein Bild von damals vorzustellen, erschienen vor ihrem geistigen Auge lediglich Kreise und Kartenzeichnungen. Nicht das, was sie gesehen hatte, ließ sie im Krankenhaus zusammenbrechen.

Der Ablauf und die Geschwindigkeit der Ereignisse hatten in ihrem Kopf ein Durcheinander erzeugt. Sie hatte keine Zeit gehabt, tief durchzuatmen und sich zu beruhigen. Der Detektiv zog sie in schlafwandlerischem Zustand mit sich, zerrte sie durch die Gänge und versuchte, sie an einem Krankenbett aufzurichten. Doch Monika war schon an der Tür zusammengesackt, noch bevor sie irgend etwas sehen konnte. Sie war sehr abgemagert in den letzten Wochen, hatte vergessen zu essen und an die Luft zu gehen. All das führte zu dieser Ohnmacht, aus der sie einige Minuten später wieder erwachte. Die Ärzte gaben ihr jedoch ein Schlafmittel, und die Kreise schlossen sich bis zum Mittag des nächsten Tages.

Da erwachte sie und holte tief Luft, als ob sie in einem Flussbett geschlafen hätte. Um sie herum waren lauter bekannte Gesichter, sie brachten Blumen und lächelten angestrengt. Auch ihre Mutter und der Detektiv waren da. Nachdem auf dessen Bitte alle das Zimmer verlassen hatten, setzte er sich an ihr Bett und begann langsam zu erzählen, wobei er sorgfältig seine Worte wählte. Diese Vorsicht wäre jedoch gar nicht nötig gewesen, Monika fühlte keine Schwäche. Sie atmete normal, ihr Blick war klar und ruhig.

„Bevor ich Ihnen über alles berichte, möchte ich Sie beruhigen, dass er am Leben ist. Ich bin mir nicht sicher, was Sie noch wissen von dem, was gestern geschehen ist, aber er ist hier, in eben diesem Krankenhaus.“
„Geht es ihm gut?“

Der Detektiv räusperte sich, bevor er antwortete:

„Ihr Mann liegt im Koma.“
„Im Koma?“
„Ja… als Folge einer Erstickung. Als wir ihn gestern fanden, hatte er seine Zunge verschluckt.“

Die beiden versanken in Schweigen, und Monika dreht sich zum Fenster. Dann bat sie den Mann, ihr alles haarklein zu erzählen.

„Gestern Abend rief mich ein ehemaliger Kollege von der Polizei an. In einem Mietshaus hatte man sich über den Gestank in einer der Wohnungen beschwert. Mein Freund sah den Namen Ihres Mannes am Briefkasten. Ich hatte ihn gebeten, mir Bescheid zu geben, falls er etwas höre.

Wir fanden ihn am Schreibtisch sitzend, die Stirn auf der Tastatur. Er hatte noch die Finger darauf, aber ein Computer war nicht zu sehen. Alles lag in der Wohnung verstreut. Vor sich hatte er nur die Tastatur und ein paar Kabel. Anscheinend hatte er trotzdem geschrieben… das heißt, er dachte, dass er schrieb. Er war bewusstlos, weil er seine Zunge verschluckt hatte. Man brachte ihn sofort hierher und stellt fest, dass er ins Koma gefallen war. Er hatte großes Glück. Die Beschwerde der Nachbarn kam offenbar kurz bevor ihm das passierte. Andernfalls…“

„Wo ist er jetzt?“
„Im Stockwerk über uns. Sie können zu ihm.“
„Ja…“

Monika bat den Detektiv, ihr die Wohnung zu beschreiben, und erneut musste sie nach Luft schnappen, als er ihr von den mit Landkarten und Stadtplänen beklebten Wänden erzählte, von den herumliegenden Briefmarken aus der ganzen Welt.

Etwas später am selben Tag fühlte sich Monika bereit, ihn zu sehen. Sie ging allein hin. Morten lag auf dem Rücken und strahlte vollkommene Ruhe aus. Sein Bart reichte ihm bis auf die Brust, und anscheinend war auch sein Haar sehr lang geworden. Seine Gesichtshaut hatte beinahe jede Pigmentation verloren. Monika musste unweigerlich an die Statue in einer indischen Stadt denken, die auf einer der Karten zu sehen war, die er ihr geschickt hatte. Sie brauchte einige Minuten, um die Wärme des Wiedererkennens zu spüren.

Mehr als ein Jahr war seit seinem Verschwinden vergangen, und in dieser Zeit hatte sie sich ein anderes Bild von ihm gemacht, er war ihr vertrauter als zuvor geworden. Und dieser vor ihr liegende Mann erinnerte in der Tat an jenen einsamen Landstreicher aus ihrer Vorstellung, der die Welt bereist hatte. Die Worte des Detektivs ließ sie nicht in ihr Bewusstsein dringen – dass Morten nie aus dem Stadtteil, in dem er die Wohnung gemietet hatte, herausgekommen war; dass er die Marken in einem Sammlergeschäft gekauft und die Stadtpläne per Internet bestellt hatte; dass er die ganze Zeit über so nah bei ihr gewesen war; dass er seine Reisebeschreibungen nur mit der Tastatur geschrieben hatte und kein Computer angeschlossen war. Sie fragte sich, was er ihr wohl sagen würde, wenn er könnte. Ob er sie gern sehen würde? Ob er sich freuen würde? Hartnäckig verdrängte sie die Frage nach seinem Verschwinden und alles, was damit verbunden war.

Anfangs hatte sie gedacht, dass es wegen ihres Trainers war, wegen ihrer Flucht vor ihm, Morten. Doch dann begriff sie, dass dies womöglich der geringste Grund gewesen war. Sie hatte sich daran gewöhnt, aus der Ferne mit ihm zusammen zu sein, von ihm anhand der Stadtpläne zu träumen, anhand der kleinen Postsendungen und der Gespräche, die sie mit ihm führte. Und nun war sie nicht vorbereitet auf diesen Moment, auf diesen blass gewordenen Körper unter dem schwarzen Haar.

Nach 43 Tagen erwachte Morten aus dem Koma und Monika nahm ihn mit nach Hause. Er sprach nie mehr. Manchmal ging er ins Arbeitszimmer und schrieb dort auf seinem Computer, den Monika anstelle von ihrem dort installiert hatte. Von Zeit zu Zeit kamen mit der Post Ansichtskarten. Aus Araouane in Mali, aus Ambikapur in Indien… Auf der Rückseite stand nicht immer etwas geschrieben, bisweilen fand sich jedoch ein kurzer Bericht über die Stadt, über das Café auf der Karte oder das Museum. Monika klebte sie weiterhin an die Wand und wartete auf den nächsten Brief im Kasten. Sie hatte ein weiteres Zimmer bezogen, im oberen Stockwerk.

Dorthin hatte sie alles, was Morten geschickt hatte, gebracht, und unten das Arbeitzimmer so eingerichtet wie in seiner Wohnung jenseits des Kanals. Einen Tag, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war sie dort gewesen, um die Sachen ihres Mannes zu holen. Sie hatte Stunden dort zugebracht, die ganze Wohnung saubergemacht, aus dem Fenster geschaut und den Kognakrest ausgetrunken.

Sie hatte sich jedes Stückchen Papier gemerkt, wie es an der Wand angebracht war, und hatte alles ins Arbeitszimmer geschafft. Auch den kleinen Notizbuchzettel mit dem Namen „Morten Brian Nilsen“ und dem lächelnd hinzugefügten „Schriftsteller“. Sie klebte ihn auf ihren Briefkasten unter das Schild „Morten und Monika Nilsen“.

Später, nach einer sehr langen Pause, traf eines Tages auch eine Karte aus Bilibino ein. Auf der Rückseite las Monika: „Dies ist meine letzte Station. Die Reise ist zu Ende. Ich muss nur noch den Reisebericht fertig schreiben. Dafür muss ich einen Menschen töten. Es war sein Wille, hier seinen Tod zu finden.“

Kategorien: Art Café · Frontpage

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