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Mut zum Brückenbauen

27 Mai, 2009 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Georgieva mit dem Verleger Volker Dittrich

Volker Dittrich

Volker Dittrich wurde 1951 in Fleestedt bei Hamburg geboren. Nach seinen Tätigkeiten als Speditionskaufmann und praktischer Betriebswirt arbeitete er zunächst als Lehrer, später dann als Journalist und Autor.
 
1990 gründete er den Dittrich Verlag, mit dem er nun seit sechs Jahren in Berlin zu Hause ist. Seinem Debüt „Operation Texel“, erschienen 1990/1996, folgte im Jahr 1999 der zweite Roman „Ferne Berührung“.
 
Die Hörfunkfeatures „Wem gehört das Elternhaus in Chemnitz? – Ein jüdisch-völkisch-sozialistischer Häuserkampf“, „Der Aufstand der Georgier – Erinnerungen an das Blutbad von Texel (1945)“, „Wir leben nicht, wir existieren – Impressionen aus Georgien (1998)“ und die Portraits von den Holocaust-Überlebenden Gerhard Durlacher und Ladislaus Szücs repräsentieren nur eine kleine Auswahl seiner Arbeit für Hörfunkanstalten wie Deutschlandfunk, DeutschlandRadio, WDR, NDR, MDR oder Hessischer Rundfunk.
 
Mit dem Dokumentarfilm „Die Nacht der Georgier – Erinnerung an ein vergessenes Massaker“ sowie dem Filmportrait „Es ist nichts weiter wie mein Leben – Der Maler Lutz Voigtmann“ (Chemnitz 1997) hat Volker Dittrich auch in der Filmbranche Spuren hinterlassen.

Ist die Wirtschaftskrise auch in der Buchbranche angekommen? Oder „retten“ sich die Menschen gerade in solchen Zeiten in wunderschön erzählte Parallelwelten?

Ob es die Wirtschaftskrise ist, die die Umsätze in den letzten zwei Monaten drastisch und für uns erschreckend gesenkt hat oder das schöne Wetter seit dem 1. April dieses Jahres, kann ich nicht beurteilen.

An unseren Büchern liegt es aber bestimmt nicht, denn befreundete unabhängige Verlage machen im Moment ähnliche Erfahrungen. Woran es aber sicherlich auch mit liegt, ist die Politik der Branchenberater, die den Buchhändlern empfehlen mit höchstens 25 Verlagen in ihrem Sortiment auszukommen.

Die Qualität eines Buches hat also für den Einkauf fast keine Bedeutung mehr, sondern ausschließlich die Umschlagsgeschwindigkeit des Produktes. Wenn unsere Bücher erst drei Monate oder noch später nach Erscheinen besprochen werden, was normal ist, sortieren die Barsortimente und auch die Buchhändler die Bücher schon vorher aus, weil ihre Computerprogramme diese Titel als “unverkäuflich“ ausspucken.

Das kann dann dazu führen, dass man 30 Bücher am Freitag zurück bekommt und am Montag eine neue Bestellung des gleichen Buches erhält. Eine besonders für kleine Verlage ruinöse Einkaufspolitik.

Was macht für Sie ein gutes Manuskript aus?

Es muss ein interessantes Thema haben, sich möglichst mit der gesellschaftlichen Realität auseinandersetzen und natürlich sollte es sprachlich überzeugen.

Die besten Bücher sind für mich die, durch die ich auch persönlich etwas Neues erfahre. Und von denen ich davon ausgehen kann, dass sie nicht nur mich interessieren, sondern auch ein breite Leserschaft erreichen könnten.

Hat sich Ihre Leserschaft im Laufe der Jahre verändert?

Die Leserschaft verändert sich mit den Inhalten der Bücher. Ein Buch über Bulimie erreicht eher junge Frauen. Musik- und theaterhistorische Sachbücher finden mehr ein älteres Publikum. Die zeitlosen Romane von Edgar Hilsenrath sprechen zunehmend auch junge Leserinnen und Leser an.

Auf Buchmärkten und auf Messen hat man direkten Kontakt zu den Kunden. Der größte Teil der Leserinnen und Leser sind eher älter. Und die überwiegende Mehrzahl unserer Kunden sind sicherlich Frauen.

Wie und wann haben Sie die bulgarische Literatur für sich und den Dittrich Verlag entdeckt?

Mit dem Roman „Die Immigrantin“ von Roumen M. Evert wurde ich das erste Mal mit der gesellschaftlichen Realität in Bulgarien vor und nach der Wende konfrontiert. Ein Roman, aus dem ich viel Neues erfahren habe. Geschrieben aus der Perspektive einer bulgarischen Frau, die als Armutsflüchtling illegal in Wien lebt.

Dieses Buch hat auch mein Interesse für die bulgarische Kultur geweckt. Und es ist seit dem ein Wunsch von mir, dieses Land wirklich zu bereisen und nicht nur auf dem Weg in die Türkei Bulgarien zu durchqueren, wie ich es früher einmal gemacht habe.

Gibt es aus Ihrer Sicht etwas Besonderes / Andersartiges an der Literatur Bulgariens?

Das werde ich feststellen, wenn ich die nächsten Bücher aus Bulgarien lesen werde.

Werden noch weitere Autoren aus Südosteuropa den Weg in Ihren Verlag am Prenzlauer Berg finden?

Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Aber als kleiner unabhängiger Verlag, der von einem Titel in einem halben Jahr mindestens 3.000 Bücher im Buchhandel verkaufen muss, damit das Buch sich selbst trägt, ist es auch eine Frage der Finanzierung.

Dazu kommen die Übersetzungskosten, die zusätzlich aufgebracht werden müssen. Das Interesse an bulgarischer Literatur muss erst geweckt werden, so dass wir nicht davon ausgehen können, dass wir so hohe Umsätze erzielen, wie wir benötigen, um keinen Verlust zu machen.

Wieso haben Sie sich gegen Köln und für Berlin als Verlagsstandort entschieden?

Es waren rein private Gründe. Andere würde der Kölner auch nicht akzeptieren, wenn man den Standort Köln, gegen den Berlins eintauscht. Da darf es eigentlich nur so etwas schwerwiegendes wie die Liebe sein, dass die Kölnerin und der Kölner zustimmend nicken.

Was war rückblickend gesehen Ihr absoluter Höhepunkt als Verleger?

Als mich Edgar Hilsenrath fragte, ob ich eine Werkausgabe von ihm machen möchte. Ein Autor, den ich, bevor ich ihn kennenlernte, schon sehr verehrte und alle seine Romane kannte.

Es war für mich fast unglaublich, als ich hörte, dass der Piper Verlag einen Autor von Weltrang vor die Tür setzt, weil seine Bücher nicht mehr die Umsätze erzielen, die von einem Konzernverlag vorgegeben werden.

Gleichwertig war die Herausgabe des Buches „Sonderstab Musik – Organisierte Plünderungen in Westeuropa“ von dem niederländischen Musikwissenschaftler Willem de Vries, das in Deutschland wie eine Bombe einschlug, weil viele angesehene deutsche Musikprofessoren darin als aktive Plünderer in Paris, Amsterdam und Brüssel entlarvt wurden.

Das Buch wurde über hundert Mal besprochen und galt innerhalb kürzester Zeit als Standardwerk. Und nicht zu vergessen, das Buch mit dem der Dittrich Verlag 1994 bekannt wurde. „Nacht über Bayreuth“ von Friedelind Wagner, eine Enkelin von Richard Wagner. Sie beschreibt in dem Buch wie Adolf Hitler nach Bayreuth kam.

Alles aus einer Schlüssellochperspektive. Das Buch war 50 Jahre zuvor in New York erschienen und wurde zu hohen Preisen im Antiquariat gehandelt.

Damit war ich über Nacht zum Musikverleger gekürt worden und habe innerhalb kürzester Zeit fast 10.000 Bücher verkauft.

Könnten Sie sich vorstellen, einen anderen Beruf auszuüben? Welche Berufung wäre Ihre „zweite Wahl“?

Ich war bereits Speditionskaufmann, Lehrer und Journalist. Ich habe Radiosendungen gemacht und einen Dokumentarfilm gedreht. Und zwei Romane geschrieben. Die Kombination aus Verleger, Journalist und Autor, das ist mein großer Wunsch seit langem.

Haben Sie ein Lieblingsbuch? Welches Buch sollte man in Ihren Augen unbedingt gelesen haben?

„Der Mensch in der Revolte“ von Albert Camus

Worüber würden Sie Ihren dritten eigenen Roman schreiben?

Über einen selbstständigen Unternehmer, der in wirtschaftliche Schwierigkeiten und in eine existentielle Krise gerät. Die psychischen und wirtschaftlichen Auswirkungen des sozialen Abstiegs auf ihn, seine Frau, seine Kinder und die Beziehung zu seinen Freunden.

Nächstes Jahr feiern Sie Ihr zwanzigjähriges Verlagsjubiläum. Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Was sind Ihre Träume, Visionen?

Ich wünsche mir, dass der Verlag mit einigen Büchern solch einen Erfolg haben wird, dass wir für mindestens fünf Jahre ein solches finanzielles Polster haben, um in Ruhe und ohne wirtschaftlichen Druck gute Bücher zu machen, und es auch wagen können, zum Beispiel eine Edition Bulgarien zu beginnen, in der wir neue bulgarische Autorinnen und Autoren vorstellen, um mit dieser Edition eine Brücke zu bauen zwischen Deutschen und Bulgaren.

Kategorien: Frontpage · Szene

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