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Muttersprache, Vaterland – Hörspiel von Ute-Christine Krupp (Auszug)

20 September, 2009 von · Keine Kommentare

Das Hörspiel “Muttersprache, Vaterland” ist in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Sofia entstanden. Das Stück wird im Januar 2010 von Deutschlandradio Kultur produziert und im Sommer 2010 gesendet.

Koffer
Foto: Jan Michellardi

Aber die Freiheit, das ist ein so schwieriges Wort!

Ivelina: Wie soll ich in zwei Welten ein einziges Leben hinkriegen?

Milena: Wir sind dazwischen!

Ivelina: Wie kann man in so unterschiedlichen Welten glücklich werden?

Mutter: Wer sich zwischen zwei Stühle setzt, fällt auf den Boden, sagt ein bulgarisches Sprichwort.

Milena: Bei uns hat es nicht mit den Zaren funktioniert, nicht mit den Kommunisten – und mit den Kapitalisten wird es auch nicht gehen.

Ivelina: Wir leben zwischen einer Epoche, die zu Ende ist und einer neuen Zeit – irgendwo zwischen Ost- und Westeuropa.

Milena: Es ist so, als würde man auf einem Kamel sitzen. Vor mir ein Höcker, hinter mir einer.

Ivelina: Aber so entwickelt man vielleicht eine ganze neue Sicht auf die Welt!

2 Flughafen Sofia

Mutter: Du wolltest ja unbedingt die deutsche Sprache lernen!

Ivelina: Nein, Opa wollte, dass ich die deutsche Sprache lerne. Er hat mir die ersten Wörter beigebracht.

Mutter: Dann war es eben so. Aber in Bulgarien kann man sein Studium auch zu Ende machen, Ivelina.

Ivelina: Ich will in Deutschland studieren.

Ivelina (Monolog): Ich reise in ein neues Leben. Wenn ich Deutsch rede, dann fehlen mir noch immer einige Wörter. Was mache ich, wenn mich keiner abholt? Nachher. Am Flughafen in Berlin.

Mutter: Wir waren damals einverstanden. Dein Vater und ich. Aber ich konnte nicht ahnen, dass du nach Deutschland ziehen wirst. Deine Hände zittern. Pass auf, dass dein Ausweis nicht auf den Boden fällt!

Ivelina: Ich halte ihn fest in der Hand!

Ivelina (Monolog): Dieses Herzklopfen! Ich hatte mir vorgenommen, nicht nervös zu werden. Überall die leicht flackernden Bildschirme. Mein Pass. Ich sehe ihn mir gerne an. Geboren in Sofia. Größe: 160 cm. Augenfarbe: Braun. Egal, ob ich in Deutschland oder Bulgarien lebe, ein Teil meiner Identität ist unveränderlich. Und das ist gut so.

Mutter: Der letzte Aufruf für die Passagiere von Sofia nach Berlin! Lass uns jeden Tag telefonieren. Hast du an alles gedacht beim Packen? Wir müssen uns beeilen!

Ivelina: Schneller kann ich nicht. Mit dem ganzen Gepäck!

Ivelina (Monolog): Wir laufen nebeneinander her, als wäre es ein Abschied für immer! Sie wird in solchen Momenten oft etwas dramatisch. Das macht es nicht leichter für mich. Ich verstecke meinen Abschiedsschmerz lieber. Gleich wird sie mich umarmen, auf beide Wangen küssen. Hoffentlich fängt sie nicht an zu heulen.

3 Im Flugzeug

Ivelina (Tagebuch): Ein einziger Satz kann manchmal viel verändern, fällt mir auf. Ich will in Deutschland studieren. Das war so ein Satz. Meine Eltern waren anfangs nicht dafür, dass ich ans Deutsche Gymnasium gehe, sie waren eigentlich dagegen. Warum die deutsche Sprache? Die englische ist mir zu kommerziell, habe ich gesagt. Ich erinnere mich genau. Der Weg zum Deutschen Gymnasium sei zu weit. Aber mir hat es nichts ausgemacht.

Eigentlich wusste ich nicht so genau, warum mir die deutsche Sprache gefällt. Aber wieso muss man immer alles begründen? Ich suchte verzweifelt nach einer Antwort. Ich will die Sprache von Goethe lernen, habe ich irgendwann trotzig gesagt. Ich wusste kein besseres Argument. Sie waren dann einverstanden, zumindest nicht mehr dagegen. Dieser Satz. Es war eine Erlösung.

4 In der WG

Mike: Willkommen in Berlin!
Hier, deine Nudeln. Wir wohnen erst mal zu zweit da. Die andere Mitbewohnerin ist für ein Semester nach Athen.

Ivelina: Meine Nudeln?

Mike: Pasta geht am schnellsten. Du bist bestimmt stundenlang geflogen.

Ivelina: Nein, nur etwas über zwei Stunden. Bulgarien ist gar nicht so weit weg.

Mike: Aber heute morgen warst du noch in Sevilla.

Ivelina: Sevilla? So heißt unsere Hauptstadt nicht. Sofia.

Mike: Wie auch immer. Jetzt iss erst mal was.
Dann zeige ich dir dein Zimmer. Es ist das kleinste. Aber die Aussicht ist perfekt.

5 Tagebuch

Ivelina: Ich komme aus einer Ecke der Welt, die scheinbar unbekannt ist. Das ärgert mich ein bisschen. Wie oft stand ich mit Milena in der Schule vor der Europakarte, wir wissen die Hauptstädte, können die Berge, die Flüsse benennen. Unser Land war für die Leute im Westen ein weißer Fleck auf der Landkarte, werde ich ihr gleich heute noch mailen. Verschwunden waren wir lange von der Karte der Möglichkeiten.

Milena hat es gut, wacht jeden Morgen in ihrem Zimmer auf. In Sofia. Wohnt bei ihren Eltern. Alles ist organisiert. Sie wählte ein einfaches Leben. Sie steht auf unsere Hauptstadt und ihren lila Lack, den sie jeden Tag über die Nägel streicht. Weil viele Straßen sonst so traurig aussehen. Damit alles ein bisschen mehr Farbe bekommt. Ich entscheide mich in meinem Leben oft für das Schwerste.

6

Milena (Mail): Liebe Ivelina, ich vermisse dich schon jetzt. Seit du weg bist, denke ich an unsere gemeinsame Kindheit. An diesen einen Winter, in dem wir kaum was zu essen hatten. Kartoffeln, Zwiebeln, Bohnen, was in den Bergen so wuchs. Wir haben viel Zeit zusammen verbracht! Und jetzt verläuft unser Leben in so unterschiedliche Richtungen. Du hast dir nie so viele Sorgen gemacht. Ich glaube, wenn mich jemand aus dem Westen bitten würde, Sofia zu beschreiben, ich würde sagen, das ist eine Stadt, in der dauernd ein Quietschen zu hören ist: Die Bremsen der Straßenbahnen, die Autotüren, Zimmertüren.

Ich stelle mir vor, dass es in Westeuropa ruhiger und sauberer ist. Ich weiß, dass viele aus dem Westen denken, unser Plattenbau sei hässlich. Sie finden immer Wörter, mit denen man Menschen beschreibt, wenn sie über die Häuser aus der sozialistischen Zeit reden. Ich habe mich daran gewöhnt. Ein bisschen ist es so, als würde man in einem Karton leben.

Ich finde es weder schön noch hässlich. Und dass man seine Nachbarn hier ziemlich genau kennt, weiß, wann sie duschen, wann sie ihre Wohnung verlassen oder sich lieben – mich hat das nie gestört. Auch dass ich kein ganzes Zimmer für mich habe, sondern nur die Ecke eines Zimmers, was ist daran schlimm?

7 Telefonat

Mutter: Hast du genug zu essen?

Ivelina: Ja, mach dir keine Sorgen. Mike hat mich abgeholt am Flughafen. Mich. Und meine kleine Ikone. Ich nenne sie Margarita. Damit ich nicht ganz alleine fliegen musste. Er hat mich mitgenommen in die WG.

Mutter: Hast du ein eigenes Zimmer?

Ivelina: Ja. Ein kleines. Der Blick ist schön.

Ivelina (Monolog): Und ich taste mich hier durch mein neues Leben. Mit unsicheren Bewegungen.

Mutter: Wie sind die anderen in der WG? Ich denke, die Leute in Deutschland sind eher zurückhaltend?

Ivelina: Das weiß ich noch nicht.

Mutter: Es ist ungewohnt, dass du so weit weg bist!

Ivelina: Aber du hast doch deine Mitarbeiter. Sie brauchen dich. Wenn du sie nicht kontrollierst, arbeiten sie nicht gut. Ich komme auch alleine irgendwie zurecht.

Mutter: Und die Wochenenden?

Ivelina: Du fährst ohne mich in die Berge. Ich bin in letzter Zeit sowieso nicht mehr so oft mitgekommen.

Mutter: Hauptsache, du bleibst nicht zu lange weg. Ein, zwei Semester. Das geht.

8

Ivelina (Monolog): Meine Mutter. Sonst immer so taff – plötzlich verunsichert. Vielleicht macht sie zu viele Überstunden. Wer sich zwischen zwei Stühle setzt, fällt auf den Boden. Dieses Sprichwort. Kenne ich von ihr. Geht mir nicht aus dem Kopf. Jeden Tag laufe ich hier in ein Netz aus Sätzen, Bewegungen. Hoffentlich spricht mich keiner an. Denke ich oft. Hoffentlich fragt mich keiner nach der Uhrzeit. Bin nur zu Gast hier. Nur für ein oder zwei Semester: Amsterdamer Straße, Turiner Straße, Brüsseler Straße. Frauen mit Sonnenbrillen im Selbstgespräch. Mülltrennung. Currywurst, Doppeldecker. Jeden Tag neue Wörter.

Im Wedding wird nicht so viel Wert auf gehobenes Deutsch gelegt, sagt mein Mitbewohner. Ich höre in Gespräche. Sehe Tätowierungen. Sitze auf Plastikstühlen an der Straße. Ständig Aufschriften. Auf Pullis: Video ergo sum – oder: Black is beautiful. Vielleicht sind das Leute, die gerne mit anderen ins Gespräch kommen würden. Vielleicht täusche ich mich auch. Ist jedenfalls alles irgendwie ungewohnt.

9 In der WG

Mike: Wessling. Hamade. Tiwari. Souleimann. Telsch. Geister. Das sind die Namen auf unserem Klingelschild, wir wohnen in einem internationalen Haus, einer internationalen Gegend. Du wirst dich hier gut einleben können. Alle haben es irgendwie hingekriegt!

Ivelina: Kochst du Nudeln?

Mike: Aber war es nicht schrecklich in so einem Land wie Bulgarien groß zu werden?

Ivelina: Aber wieso? Den Eisernen Vorhang kenne ich nur aus Erzählungen. Ich war ein Kind, als die Wende kam. Es gab Wörter wie Gefängnis oder Kommunismus. Sie schwirrten durch die Luft. Aber welches Kind weiß schon, was sie bedeuten? Für mich waren es Wörter wie Haus oder Oma. Ich hatte eine sonnige Kindheit.

Mike: Was war eigentlich dein erstes deutsches Wort?

Ivelina: Glück. Hat mir mein Opa beigebracht.

Mike: In der Weltgeschichte, hat Hegel gesagt, sind die Momente des Glücks leere Blätter. – Und wie lautet dein Lieblingswort?

Ivelina: Sehnsucht!

Mike: Das sind so aufgetakelte Wörter, blöd, kitschig. Braucht hier keiner mehr. Schmeiß sie weg.

Ivelina: Für mich haben diese Wörter einen schönen Klang. Ich möchte sie in meinem Sprachschatz behalten.

Mike: Und was findest du gut bis jetzt in Berlin?

Ivelina: Die vielen Menschen von aller Art. Asiaten, Nordeuropäer. Alles mischt sich. Eigentlich ist es nett hier, nur das Wetter ist scheiße.

10

Ivelina (Tagebuch): Mein Zimmer im Wedding ist gut. Vom Fenster aus kann ich die Wolken sehen. Und wenn ich die Wolken sehe, denke ich oft ans Gebirge. Und ich fange an, hier vieles zu vermissen. Bin ein bisschen launig geworden. Bei uns gibt es etwas mehr Sonne. Man kann leichter mit den Leuten ins Gespräch kommen. Vielleicht hängt vieles damit zusammen, dass fünfzig Jahre lang in der Geschichte unsere Ecke der Welt in den Westköpfen nicht existiert hat.

Ich freue mich trotzdem, dass ich alles auf diese Karte gesetzt habe – und manchmal gönne ich mir hier ein kleines heimatliches Gefühl, gehe auf den türkischen Markt, schaue mir jede Frucht genau an, bevor ich mich entscheide, ob ich sie kaufe oder nicht – so wie ich das zu Hause gelernt habe.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

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