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Nikola Manev: ”Die Kunst ist eine komplette Sklaverei, die man ganz freiwillig wählt.“

7 April, 2009 von · Keine Kommentare

Ein Interview von Natalia Nikolaeva mit dem Maler Nikola Manev

Übersetzung: Silvia Vasileva

Nikola Manev

„Ich bin glücklich, wenn man meine Bilder mag.“
Nikola Manev

Nikola Manev lebt in seinem bunten Raum – er ist grenzenlos, genau wie seine Fantasiekraft.
Er lebt weit weg von seiner Heimat, doch seine Präsenz in der bulgarischen bildenden Kunst ist sehr stark zu spüren.

Die Werke des Malers fügen sich ihrer Umwelt sehr leicht und natürlich hinzu, als wollten sie sie ergänzen und in ihrer Vollkommenheit ständig unterstützen.

Nikola Manev legt einfach seine Farbschicht über die Farbschichten der bildenden Kunst.
Seine Gemälde sind besonders offen, mit unerwarteten Nuancenübergängen; sie können aufregende Märchen über die Liebe und Schönheit erzählen. Seine Bilder sind vom Licht geboren, welches laut dem Maler Nikola Manev „die Nabelschur des Menschen zur Ewigkeit ist.“

Die Kunst des Malers bewegt und schafft ein Gefühl der Vollständigkeit des Seins, Mehrdimensionalität des Realen und des Geheimnisvollen. Für mich ist das eine Kunst, die das Leben mitgestaltet; sie ist so stark wie das Leben selbst.

Nur Nikola Manev kann einen solch großartigen Spruch formulieren wie: „……ein Bild zu schaffen, in dem die Farben, die Linien und die Formen Licht ausstrahlen und sich lieben.“

Nikola Manev

Welche Mission hat ein Künstler Ihrer Meinung nach?

Ich bin kein Missionär, der eine Mission hat. Das Leben ist eine Zusammensetzung von Formen, Linien und Lichtern. Es ist wie eine Quelle, aus der Leben strömt.

Was ist die Berufung eines Künstlers, der an der Grenze zwischen zwei Kulturen lebt und arbeitet?

Ich weiß nichts von der Berufung, ich weiß nur, dass ich eine Brücke zwischen diesen Kulturen sein will, keine Mauer.

Kartina na Nikola Manev

Was denken Sie über das Emigrantenleben?

Ich habe mich noch nie wie ein Emigrant gefühlt. Noch bevor ich Paris gesehen hatte, fühlte ich mich wie in meiner zweiten Heimatstadt.

Was ist für Sie die größte Herausforderung auf dem Gebiet der bildenden Künste?

Ein Bild zu schaffen, in dem die Farben, Formen und die Linien Licht ausstrahlen und sich lieb haben.

Kartina na Nikola Manev

Welche sind die Lieblingsthemen Ihrer Gemälde?

Ich mag die Wüste … den großen Cañon in Arizona … die Pariser Schornsteine … die Erde … die Wolken … die Ruinen aller verschollenen Zivilisationen …!

Ist die Kunst für Sie Flucht oder Freiheit?

Weder Freiheit, noch Flucht … sie ist eine komplette Sklaverei, die man ganz freiwillig wählt.

Was bedeutet für Sie die Auszeichnung „Mitglied der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und der Künste“- Anerkennung, Verantwortung oder etwas anderes?

Das ist der größte Scherz, den man je mit mir angestellt hat; Als ich in der Garderobe angezogen wurde, hatte ich das Gefühl, dass man mich jetzt rasieren oder mir die Haare schneiden würde.
Ich bin glücklich, wenn man meine Bilder mag.

Welche weitere Begabung hätten Sie gerne?

Ich möchte die Sprache der Vögel beherrschen, um erzählen zu können, wie die Welt von oben aussieht und was sie auf der Welt gesehen haben.

Kartina na Nikola Manev

Wenn ich Sie bitten würde, Bulgarien in einem Bild auszudrücken – wie würde das aussehen?

Zu seiner Zeit hat Eugen Delacroix gesagt: “Geben Sie mir eine riesige Leinwand und ich male ganz Paris“. Viel früher hat Archimedes gesagt: „Geben Sie mir einen Hebel und ich hebe die Erdkugel“. Dann sage ich: „Geben Sie mir alle Regenbogenfarben und ich male Bulgarien“.

Wie bringen Sie ein Bild zur Welt?

Wie man vor der Geburt eines Kindes den Kontakt einer männlichen Keimzelle mit einer Eizelle braucht, so braucht man auch den Kontakt der Hand mit dem Pinsel und der Leinwand und so wird dieses heilige Dreieck gestaltet. So wird ein Bild zur Welt gebracht.

Was inspiriert Sie zum Malen?

Der Gedanke, dass eine Frau an mich denkt.

Welche einmalige Emotion gibt Ihnen als Künstler Frankreich? Und Bulgarien?

Zu seiner Zeit hat Jefferson gesagt: „Jeder hat zwei Heimatländer – sein eigenes und Frankreich.“ Das kann ich unterschreiben.

Was empfehlen Sie Künstlern, damit sie sich in ihren Werken nicht wiederholen.

Um Gottes willen – ich gebe keine Ratschläge! Ich würde ihnen nur sagen, dass sie mit Liebe arbeiten müssen und in 30-40-jähriger Arbeit wird es ein Resultat geben.

Kartina na Nikola Manev

In einem Interview sagten Sie: „Wir können ein gutes Selbstwertgefühl haben, aber das einzige Barometer ist das Publikum.“ Inwieweit ist der Rezipient der Kunst für den Künstler wichtig?

Jede These hat ihre Antithese, wie die Medaille ihre Kehrseite hat! Hätte Van Gogh sein Publikum gehabt, das ihn unterstützt hätte, hätte er sein Ohr vielleicht nicht abgeschnitten! Hätte er aber dann seine unglaublichen Gemälde geschaffen?

Es ist auf alle Fälle angenehmer, Blumen zu bekommen, als mit Eiern beworfen zu werden.

Welche ist Ihre Lieblingskunst?

Die wichtigste Kunst für mich ist die Kommunikation unter den Menschen.

Kartina Nikola Manev

Was würden Sie den in Bulgarien arbeitenden Künstlern empfehlen, um ihr Talent entwickeln zu können und sich selbst zu realisieren?

Sie müssen an ihr Werk glauben und keinen schnellen Erfolg erwarten, nach dem sie eine unstillbare Sehnsucht haben.

Kartina na Nikola Manev

Würden Sie unserer Zeitschrift Public Republic einen Ihrer Lieblingssprüche zum Andenken schenken?

“Primum vivere dende filosofare”, was Lateinisch ist und bedeutet „Erst leben, dann philosophieren”.

Kartina na Nikola Manev

Nikola Manev wird am 28.8.1940 in Bulgarien, im Herzen der Thrakischen Tiefebene, in dem Städtchen Tschirpan geboren. Das ist ebenfalls der Geburtsort des Dichters P.K. Yavorov, den er hoch schätzt.

Dort verbringt er einen großen Teil seiner Kindheit und bleibt für immer mit diesem schönen, rauen Boden verbunden.

Nachdem er das Kunstgymnasium abschließt und an der bulgarischen Akademie bei Professor Vassil Stoilov studiert, wird er in die nationale Kunstakademie in Paris aufgenommen, in die Klasse von Maurice Brianchon. Er schließt sie ab und erhält den ersten Preis von Channevar.

Nach einem langen Aufenthalt in der Kunststadt Paris unternimmt er lange Reisen um Naturerscheinungen zu suchen, auch in Städte voll mit Stein und Geschichte: von Venedig bis New York, über Siena und Senlis bis Varna und Veliko Tarnovo.

In seinem Atelier in Ill Saint Louis und am Platz Edith Piaf unternimmt er als Künstler weitere Experimente, die immer intimer werden. Seine Zuflucht bleibt aber Paris, wo er nach jeder Reise Expositionen organisiert.

Am liebsten schöpft er Energie an der Schwarzmeerküste, weil seine Kindheitserinnerungen ihn nach Varna ziehen.

Stark geprägt von den Landschaften, Kultur- und Kunsttraditionen in seinem Land ist sein Werk ein Zeugnis seiner Liebe zu den unübersehbaren Räumen, die er während seiner zahlreichen Rundreisen entdeckt, auf der Suche nach geheimnisvollen Naturformen und -strukturen. Diese Suche führt ihn zu den Dünen der Nordsee über die große Wildnis der Sahara, bis zur unüberschaubaren Weite von Colorado. Nach jeder Reise entstehen Bilder, Gemälde und Aquarelle, die seine Gefühle versiegelt haben und die gleichzeitig ein Zeugnis der verschiedenen Perioden seines Werks sind.

Im Laufe der Jahre schafft er seine eigene Kunstsprache; durch sie gibt er eine neue Definition des Abstrakten und Figurativen. Seine Doppelangehörigkeit der bulgarischen und französischen Kultur gibt seinem bildenden Verfahren einen außerordentlich spezifischen Akzent.
Nikola Manev hat über 3000 Bilder gemalt, die in Besitz von Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen in über 25 Ländern sind.

Seit 1989 arbeitet er regelmäßig für die Galerie Leoal, als Vorsitzender der Gruppe der bulgarischen Maler in Paris im Rahmen der Kunstströmung „Identität 2000“, deren Hauptvertreter er ist.

Nach seiner ersten Ausstellung 1961 in Smoljan nimmt er auch an vielen allgemeinen Ausstellungen teil. In verschiedenen Galerien hat er seine Bilder mehr als 70 Mal selbstständig ausgestellt.

1994 wurde er im Namen der Stiftung „Yavorov“ zu einem internationalen Plenum für Maler aus Frankreich, Portugal, Kanada, China, Japan und aus Nordafrika eingeladen.

Am 1. 6. 2008 wurde er mit dem Preis „Mitglied der bulgarischen Akademie der Wissenschaften und Künste” ausgezeichnet.

Er hat bereits 47 Jahre künstlerische Tätigkeit hinter sich, aber er macht immer weiter und behauptet voller Energie, dass ihm jedes neue Gemälde so wichtig ist, wie seine erste Liebe.

Kategorien: Frontpage · Szene · Visual Arts

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