Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Oleg Jurjew: “Wenn „übersetzt“, dann aus der Sprache des Orts und Moments ins Russische und ins Deutsche”

17 September, 2010 von · Keine Kommentare

Ein Interview von Maria Lipiskova mit Oleg Jurjew

Oleg_Jurew

Sie schreiben Ihre Texte in Russisch und Deutsch zugleich. Welche Sprache erweist sich als ausschlaggebender für Sie?

Ich schreibe Gedichte, Prosa und auch viel Essayistik auf Russisch. Auf Deutsch schreibe ich meistens, wenn ich um einen Artikel, um einen Essay, seltener um eine Kurzprosa gebeten werde. Weil ich in den letzten Jahren vergleichsweise viel für deutsche Zeitungen bzw. Zeitschriften schreibe, gehört das mit zum Beruf. Ich mag die deutsche Sprache und schreibe gerne auf Deutsch, aber ich verstehe mich in erster Linie als einen russischen Autor, der auch Deutsch schreiben kann. Zumindest verstand ich mich bis zur letzten Zeit so …

Erzählen Sie uns mehr über diesen Vorgang des Schreibens in zwei Sprachen zugleich. Erzählen Sie uns über Ihr inneres Gefühl für Russisch und Deutsch, für die lateinische und kyrillische Schrift, für Vokale und Konsonanten.
Sie haben einen solchen Text als Teil Ihres Poems „Von Orten“.
Wie klingen diese “Orte“ in Ihnen als Schriftsteller?

„Von Orten“ ist von meinen Büchern das erste und bisher einzige Buch, das in einem solchen Verfahren entstanden ist, deshalb kann ich nicht viel darüber erzählen. Es ist auch für mich neu und teilweise unerklärlich. Technisch gesehen war dieses „Parallel-Verfahren“ nicht kompliziert, aber sehr zeit- und arbeitsintensiv: Ab und zu schrieb ich einen Text zunächst auf Russisch, dann, manchmal viele Monate später, auf Deutsch.

Ein anderer Text konnte zunächst auf Deutsch entstanden sein, dann auf Russisch wiederholt werden. Das ist wichtig: nicht übersetzt aus dem Russischen ins Deutsche oder umgekehrt, sondern wiederholt, neu geschrieben, derselben Quelle entnommen. Wenn „übersetzt“, dann aus der Sprache des Orts und Moments ins Russische und ins Deutsche. Das war eine lange Geschichte, das Schreiben dieses kleinen Buchs. Insgesamt habe ich für diese 38 Texte in der russischen und 36 Texte in der deutschen Fassung vier Jahre gebraucht.

Auf die Frage, wie all die Orte in mir klingen, die in diesem Buch vorkommen, kann nur das Buch selbst antworten. Es wurde auch mit dem Zweck geschrieben, diese Frage (auch für mich selbst) zu beantworten.

Wie oben bereits erwähnt: Ich habe versucht, die Sprache, in der mich ein Ort ansprach, ins Deutsche und ins Russische, also ins Menschliche, zu übersetzen. Alles, was ich hörte, kann auch der Leser hören. Besser als in „Von Orten“ kann ich es nicht wiedergeben.

Herr Jurjew, Sie sind ein Teil der neuen Literaturkarte von Russland.
Wie sehen Sie zurzeit diese Literaturkartografie, die „neue Literaturkarte“?

Die „Neue Literaturkarte“ (www.litkarta.ru) ist eine sehr gute und sehr nützliche Internetseite, eine wertvolle Informationsquelle in Sachen aktueller russischer Literatur. Besonders wichtig, weil die russische Literatur heute in vielen Ländern existiert. Das Internet stellt eine natürliche gemeinsame Fläche dar und hat dadurch eine große verbindende Funktion.

Diese Seite versucht (und das gelingt ihr) so viel wie möglich zu sammeln, zusammenzufassen und zu katalogisieren von dem, was heute jenseits der Trivialliteratur in russischer Sprache geschrieben wird. Auch ich bin vorhanden. Das ist eine Art Online-Enzyklopädie, als solche muss sie auch benutzt werden.

Fühlen Sie sich als Teil einer bestimmten Schriftsteller-gemeinschaft?

Ich muss wohl. Das steht beinahe überall geschrieben, wo etwas über mich zu lesen ist: Vor 25 Jahren in Leningrad war ich einer von vier jungen Lyrikern, die „Kamera chranenija“ gründeten, damals eine Lyrikergruppe innerhalb der inoffiziellen Literaturszene Leningrads, später, in den 90ern, ein kleiner Verlag, in den letzten Jahren eine Internetseite (www.newkamera.de), die, hoffe ich, für die russische Dichtung von heute nicht ohne Bedeutung ist.

Würden Sie sich zu den russischen Emigranten-Schriftstellern zuordnen?

Im technischen Sinne bestimmt. Ich lebe doch in Deutschland, nicht in Russland. Im literarischen, inhaltlichen – kaum, weil die Trennungslinien in der russischen Gegenwartsliteratur nicht an den Landesgrenzen verlaufen, sondern durch literarische und weltanschauliche Momente bestimmt sind.

Erzählen Sie uns mehr über Ihre Würdigung in Deutschland mit dem diesjährigen Hilde-Domin-Preis für die Literatur im Exil?

Die Preisverleihung findet am 26. Oktober statt, also kann ich noch nicht viel erzählen. Das ist ein wunderbarer Preis, der Schriftsteller auszeichnet, die außerhalb ihres Heimatlandes leben und schreiben. Die Stadt Heidelberg verleiht diesen Preis zur Erinnerung an Hilde Domin, die im Exil in der Dominikanischen Republik (daher auch der Künstlername) zu einer großen Lyrikerin geworden war. Nach dem 2. Weltkrieg kam sie nach Deutschland, nach Heidelberg, zurück, lebte lange, schrieb wunderbare Gedichte und war die erste Trägerin dieses Preises. Es freut und ehrt mich, dass ich von einer Jury, die aus sehr angesehenen Kollegen besteht, als Preisträger ausgewählt wurde. Im Moment schreibe ich an meiner kleinen Preisrede, die der Geometrie und Arithmetik des Exils gewidmet sein wird. Sie verstehen bestimmt, dass es verfrüht wäre, den Inhalt dieser Rede bereits jetzt zu verraten.

Wie sehen Sie die Sprachen in Europa – die intellektuellen und die in der Literatur? Meinen Sie, diese sind mehr als lokal oder der Globalisierung unterworfen?

Sie wollen eine Sprache sein, die Europäische, aber sie sind es nicht und werden es nie werden. Seit dem Zerfall des Römischen Reiches will Europa eins sein und eine gemeinsame Sprache sprechen, macht immer wieder große Fortschritte in diese Richtung – und kann es am Ende nicht.

In Ihrem Roman „Der neue Golem oder der Krieg der Kinder und Greise“ (dt. Suhrkamp Verlag, 2003) schreiben Sie:
„Der Mensch der neuen Epoche wird ein roter grüner rosa schwarzer Jude-Christ-Moslem sein oder er wird nicht sein!“
Was meinen Sie als Mensch und Schriftsteller über die Begriffe „Identität“, „Nationalität“ oder „Geschlecht“ – Begriffe, die Sie in Ihrem Roman, so die Literaturkritik, in Frage stellen?

Na ja, „Der Neue Golem“ ist (unter anderem) ein satirisches Buch und gerade dieses Zitat wird einer der Personen des Buches zugeschrieben, und dazu nicht der angenehmsten. In meinen Büchern treffen alle möglichen Positionen in sehr zugespitzter Form aufeinander; der Leser muss selbst entscheiden, was er davon hält. Ich als Autor stelle nichts in Frage und ich behaupte auch nichts – ich schaffe aus Fragen und Antworten, aus den Zeitgeistern und Ortsgeistern Bilder, poetische wie satirische, darin sehe ich meine eigentliche dichterische Aufgabe.

Sie schreiben im Epilog von „Von Orten“, in „Geometrie der Stoffe und Wesen“: “Die Luft ist wie ein Speer, der gerade zu dir fliegt. Zum Punkt.“ Wo ist dieser Punkt jetzt gerade für Sie?

Der Punkt ist ich. Oder Sie, wenn Sie das lesen. Der Punkt ist der Mensch. Der Mensch hat keine Dimensionen (darum geht es im Epilog), er saugt sie auf aus der Außenwelt. Aus dem Raum und aus der Zeit.

Ich danke Ihnen, Oleg, für dieses Interview.

Ganz meinerseits.

Oleg Jurjew

Oleg Jurjew wurde 1959 in Leningrad als Sohn einer Hochschullehrerin für englische Sprache und eines Violinisten und Konservatoriumsdozenten geboren. 1982 absolvierte er die Leningrader Hochschule für Volkswirtschaft und Finanzen in der Fachrichtung Wirtschaftsmathematik und Systemtheorie.

Sein erstes Gedicht schrieb er 1970, elfjährig. In den siebziger und achtziger Jahren war die Lyrik seine Hauptbeschäftigung. Seit 1984 schrieb er Bühnenstücke, Ende der achtziger Jahre auch Essays und Buchbesprechungen, seit 1992 verfasst er zudem Prosa. In der Endphase der Sowjetunion verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Übertragungen vor allem aus dem Englischen sowie mit dem Schreiben von Kindererzählungen und Gedichten. 1988 gewann Jurjew mit seinem Stück Komische Geschichten für Schattentheater den Wettbewerb des russischen Theaterverbandes. Es folgen Inszenierungen und Veröffentlichungen seiner Theaterstücke in Russland. 1989 erschien der erste Lyrikband Gedichte über den himmlischen Satz, 1990 ein Buch mit zwei Theaterstücken unter dem Titel Zwei kurze Stücke (Leningrad 1990).

1991 übersiedelte Oleg Jurjew mit seiner Familie nach Deutschland. Ein Jahr später wurden drei Theaterstücke, Kleiner Pogrom im Bahnhoffsbuffet, Miriam und Sulamith oder Die Kinder Jerusalems ins Deutsche übersetzt und von deutschen Theaterhäusern inszeniert. Es folgen Inszenierungen seiner Stücke in Tschechien, Polen, Frankreich, der Schweiz und der Ukraine sowie Veröffentlichungen seiner Werke in den Landessprachen. Ein erster Prosaband mit dem Titel Spaziergänge unter dem Hohlmond erschien 1993 in Russland und wurde für den russischen Booker-Preis nominiert. Eine Auswahl erschien ein Jahr später in deutscher Übersetzung unter dem Titel Leningrader Geschichten. 1996 veröffentlichte er auf Russisch den Prosaband Der Frankfurter Stier, der im selben Jahr in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde. 1999 erschien in Deutschland der Roman Halbinsel Judatin. Die russische Ausgabe wurde 2000 für den russischen Booker-Preis und den Nationalen Bestseller-Preis nominiert. Im gleichen Jahr erhielt Jurjew das Stipendium des Baltischen Zentrums für Autoren und Übersetzer im schwedischen Visby.

Anfang der neunziger Jahre übersetzte Jurjew einige Theaterstücke und Hörspiele aus dem Deutschen ins Russische und begann, journalistische und literarische Beiträge für Radiosender und Zeitungen in den USA, Israel, Frankreich und Deutschland zu verfassen. Seine Texte in deutscher Sprache sind sowohl Übertragungen aus dem Russischen, als auch vom Autor in deutscher Sprache abgefaßt. Jurjew hat eine eigene Kolumne „Jurjews Klassiker“ im Berliner Tagesspiegel. 2002 erschien der Roman Spaziergänge unter dem Hohlmond in der edition suhrkamp, ein Jahr später, ebenfalls bei Suhrkamp, der Roman Der neue Golem oder Der Krieg der Kinder und Greise.

2004 folgten die Lyrikbände Ausgewählte Gedichte und Chöre (2004) und Der Abendschuß zu Frankfurt (2007), beide liegen 2010 noch nicht in deutscher Übertragung vor. Überhaupt sind Jurjews Gedichte, abgesehen von einigen Veröffentlichungen in den Zeitschriften manuskripte und Die Horen, dem deutschen Publikum wenig bekannt, obwohl sie ein tragendes Element seines Werks bilden. In jüngster Zeit sind von ihm im Insel Verlag der Band Zwanzig Facetten der russischen Natur mit Bildern von Kusma Petrow-Wodkin erschienen (2008) und bei Suhrkamp der Roman Die Russische Fracht (2009).

2010 erhält Jurjew den mit 15.000 Euro dotierten Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil der Stadt Heidelberg.

Oleg Jurjew lebt als freier Autor in Frankfurt am Main. Er ist verheiratet mit der Lyrikerin und Romanistin Olga Martynova.
Werke [Bearbeiten]

Bücher (auf Russisch)

* Стихи о небесном наборе (Moskau, Prometheus Verlag, 1989, Gedichte)
* Две короткие пьесы (Leningrad, Leningrader Literatenkommittee, 1990, Theaterstücke)
* Прогулки при полой луне (Sankt Petersburg, Kamera Chranenija, 1993, Prosa, Nominierung für den russischen Booker-Prize)
* Франкфуртский бык (Moskau, Gebr. Zachariadi Verlag, 1996, Prosa)
* Полуостров Жидятин (Moskau und Jerusalem, Mosty kultury / Gesharim, 2000, Roman, Nominierung für den russischen Booker-Prize), ISBN 5-932-73041-2
* Избранные стихи и хоры (Moskau, Neue Literarische Rundschau, 2004, Gedichte, Shortlist des Andrei-Bely-Preises, 2004), ISBN 5-867-93317-2
* Новый Голем, или Война стариков и детей (Moskau und Jerusalem, Mosty kultury / Gesharim, 2004, Roman), ISBN 5-932-73167-2
* Франкфуртский выстрел вечерний (М.: Новое издательство, 2007, Gedichte), ISBN 978-5-98379-081-0

Bücher (auf Deutsch)

* Leningrader Geschichten (edition solitude, Stuttgart 1994), ISBN 3-929-08512-7
* Frankfurter Stier (Edition Pixis, München — Berlin 1996), ISBN 3-928942-28-X; 2. Aufl. (Christian Pixis, München 2001), ISBN 3-927-91528-9.
* Halbinsel Judatin (Volk und Welt, Berlin 1999), ISBN 3-353-01128-5.
* Spaziergänge unter dem Hohlmond (Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002), ISBN 3-518-12240-1.
* Der neue Golem oder Der Krieg der Kinder und Greise (Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003), ISBN 3-518-41479-8.
* Zwanzig Facetten der russischen Natur (Insel, Frankfurt am Main — Leipzig 2008), ISBN 3-458-19307-3.
* Die russische Fracht (Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009), ISBN 3-518-42076-3.
* Das Buch Nero: Festschrift für einen Dienstkater (Verlag “Das Wunderhorn”, Heidelberg 2009), ISBN 3-884-23328-9 (Herausgeber).
* Von Orten. Ein Poem (Gutleut Verlag, Frankfurt am Main & Weimar 2010), ISBN 978-3-936-82669-2.

Theaterstücke

* Miriam, 1984. Uraufführiung — 1988 (Leningrad, Studiobühne des Schauspielerhauses), dt. Erstaufführung – 1993, Hans-Otto-Theater Potsdam. Übersetzt ins Deutsche, Englische, Französische, Polnische und Ukrainische.
* Kleiner Pogrom im Bahnhofsbuffet, 1984. Uraufführung — 1992 (Moskau, Theater Album), dt. Erstaufführung – 1992, Hans-Otto-Theater Potsdam. Übersetzt ins Deutsche, Englische, Französische, Polnische und Tschechische.
* Komische Geschichten fürs Schattentheater, 1987, das Stück besteht aus drei Einaktern: Alkov-Komödie, Geistergeschichte und Bombardierungsfeerie, die auch einzeln inszeniert werden, am häufigsten Alkov-Komödie (Dt. Erstaufführung 2007, Russisches Theater Berlin).
* Das Hoheliedchen, 1989, überarbeitet und wesentlich erweitert 2001. Übersetzt ins Deutsche unter dem Titel Meine Schwester Sulamith oder Kinder Jerusalems. Dt. Erstaufführung 1994, Hans-Otto-Theater Potsdam.
* Der Weltuntergang nach Moskauer Zeit (Das Funkspiel), 1993, 2001. Übersetzt ins Deutsche.

Auszeichnungen

* 1992 und 1993 Stipendien der Akademie Schloss Solitude
* 1998 Stipendium der Stadt München an der Villa Waldberta
* 2000 Stipendium des Baltischen Zentrums für Autoren und Übersetzer im schwedischen Visby
* 2003 Peter-Suhrkamp-Stipendium
* 2004 Shortlist des russischen Andrei-Bely-Preises
* 2005 Stipendium des Künstlerhaus Edenkoben
* 2007 Shortlist des russischen Andrei-Bely-Preises
* 2010 Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil der Stadt Heidelberg

Kategorien: Art Café · Frontpage · Modern Times · Szene · Um die Welt

Tags: ,

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben