Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Osterbräuche

13 Februar, 2018 von · Keine Kommentare

von Thomas Frahm
Ausschnitt aus dem Buch “Oh Bulgarien”

oh-bulgarien-umschlag-vorn

160 S., Hardcover mit Schutzumschlag,
22,00 €, Fotos und Abb., teils farbig,
ISBN 978-3-929634-77-8, https://choraverlag.de/

Bulgarien wird oft als eine Mischung aus billigem Urlaubsziel und europäischem Sozialfall betrachtet. Dies einseitige Klischee zu kritisieren, kann nur ein erster Schritt sein. Das vorliegende Buch versucht, zu beschreiben, warum es nur ein Klischee ist, indem es Antworten auf die Frage gibt: Was hat Bulgarien denn zu bieten, was uns interessieren, faszinieren, positiv beeindrucken könnte?

Osterbräuche

Neben diesem offiziellen, politisch bedeutsamen Ostern gibt es auch noch das naturreligiöse, auf das es aufgepfropft ist. Wie in allen anderen Ländern auch, lassen sich in Bulgarien ja nicht alle Menschen unter einen Hut bringen, und so gibt es viele, die den deutschen Weihnachtsstimmungsfans sehr ähnlich sind. Für die ist Religion, vom ängstlichen Neigen des Hauptes vor der grausamen Obrigkeit einmal abgesehen, immer noch mehr das, was aus dem Boden sprießt. Die Einordnung in den Kirchenkalender ist nur Organisationshilfe.

P1170275
Foto: desenze

Die Tatsache, dass in Bulgarien Ostern später stattfindet als in Westeuropa, beruht darauf, dass die Bulgarisch-orthodoxe Kirche noch immer mit dem julianischen Kalender arbeitet, obwohl der bulgarische Staat 1916 zum gregorianischen Kalender übergewechselt ist und auf den 30. März gleich den 14. April folgen ließ – übrigens eines jener kaum bemerkten, geschweige denn hervorgehobenen Indizien, die zeigen, dass Bulgarien sich wieder als Teil der politischen Geschichte Europas fühlte.

20170416_112705

20170416_142242
Fotos: desenze

Die Osterzeit beginnt in Bulgarien – wie bei den Katholiken – etwa vierzig Tage* vor dem eigentlichen Fest mit einem carne vale, einem Abschied vom Fleisch. Der Karneval als großes Volksbacchanal fehlt allerdings.

*Vierzig ist die Zahl der Prüfung, Bewährung, Initiation bzw. für den Tod. Als die verzehnfachte Vier repräsentierte sie Vollkommenheit. Im Neuen Testament lehrte der auferstandene Christus seine Jünger vierzig Tage lang über das Reich Gottes und wurde dann im Himmel auf den Platz »zur Rechten Gottes« erhoben (Christi Himmelfahrt). Im Christentum währt daher die Freudenzeit von Ostern bis Himmelfahrt vierzig Tage. Das vierzigtägige Fasten Jesu hat außerdem Bedeutung für die Spanne der Fastenzeit vor Ostern bzw. Weihnachten (Advent).

Vielleicht hängt ja der Abschied vom Fleisch auch damit zusammen, dass die eingemachten Bestände aus der Weihnachtsschlachtung um diese Zeit immer aufgebraucht waren und man warten musste, bis die Osterlämmer schlachtreif waren? Jedenfalls gehen die Bulgaren sanft vor und vollziehen den Abschied vom tierischen Essen in zwei Etappen.

P1060855

P1060885
Fotos: desenze

Die erste Etappe heißt Mesni Zagovesni und findet eine Woche vor Fastenbeginn statt. Da wird zum letzten Mal Fleisch gegessen. Der Sonntag, der das Fasten einläutet, heißt Sirni Zagovesni. Sirene heißt wörtlich übersetzt das Geronnene und meint den Käse. Da werden dann zum letzten Mal Milchprodukte und Eier gegessen, aber auch tierische Fette insgesamt. Die Ernährung in der Fastenperiode bis Ostern soll also vegan sein.

Am Karfreitag, dem Tag der Kreuzigung Christi, ist aus Respekt vor dem Kreuzestod gar nur Wasser erlaubt. Da die Fastenzeit auch verstanden wird als innere Reinigung, gibt es an Sirni Zagovesni am gemeinsamen Abendtisch einen schönen Brauch – Proška: Alle bitten einander um Verzeihung, zum Zeichen, dass sie wirklich bereuen und bereit sind, zu Ehren des Erlösers sich von Sünde zu reinigen.

Ein Spaß für Kinder ist der Brauch, einen Klumpen Halva, weißen türkischen Honig mit Walnüssen, an einen Faden zu binden, diesen schaukeln zu lassen, und die Kinder müssen den Klumpen hüpfend mit dem Mund fangen, Hände brav hinter dem Rücken.

P1060473
Foto: desenze

Nächste wichtige Station ist der Palmsonntag. Das ist der letzte Sonntag vor der Kreuzigung, der Tag, an dem Jesus unter dem Jubel der Menschen in Jerusalem eingezogen sein soll. Zum Zeichen, dass sie den Mann auf dem Esel als König anerkannten, sollen sie Palmzweige über ihn gehalten haben, die die Königswürde symbolisierten.

In Bulgarien heißt der Palmsonntag mangels Palmen Tsvetnitsa, etwa mit Aufblühfest zu übersetzen, vielleicht wegen seiner Nähe zum Frühlingsanfang. Da die Menschen an diesem Tag frisch ergrünte Weidenzweige, manchmal zum Kranz gewunden, an ihre Türen heften, damit über die Schwelle des Heims nur blühendes Leben, Frucht und Fülle kommen, wird oft auch die Bezeichnung Vrăbnitsa – Weidenfest verwendet.

P1170738
Foto: desenze

Eine ähnliche Vermischung gibt es am Palmsamstag, der, da Christus an diesem Tag Lazarus vom Tode auferweckt haben soll, in Bulgarien Lazarustag heißt. Da gehen junge Frauen, Lázarki genannt, in ihren Festtrachten hinaus, pflücken Blumen und winden sie zu Kränzen. Dann klappern sie die Häuser ihres Dorfes ab, singen Lieder und sprechen Segenswünsche für Gesundheit, Glück und reiche Ernte aus. Der Wirt des Hauses gibt ihnen, was er hat: mal Geld, mal Eier, Früchte oder kleine Geschenke.

20170416_112357
Foto: desenze

Natürlich ist dieses Umgehen der Mädchen auch ein großes Schaulaufen der Unverheirateten. Ganz im Sinne des Rades der Fruchtbarkeit, das sich im Frühjahr wieder zu drehen beginnt, nutzen die Junggesellen diesen Tag, um um die Hand ihrer Auserkorenen anzuhalten. Daher entspricht es wohl eher einer praktischen Erfahrung als einem Aberglauben, wenn man sagt: Ein Mädchen, das keine Lazarka gewesen ist, das findet auch keinen Mann. Eines der Lieder singt ganz offen:

Wir haben gehört, dass es hier, Lazarus,
ledige Burschen und Maiden gibt, Lazarus!
Na, den Burschen verheiratet mal, Lazarus,
und die Maid lasst sich verloben, Lazarus!

Dies alles sind Bräuche, die eine ungebrochene Traditionslinie zurück zur Antike zeigen. So wie die Idee der Auferstehung entstand aus dem Glauben an eine unsterbliche Seele, die das Sein verkörpert im Gegensatz zum Werden und Vergehen, bevor das Christentum seine Auferstehungsgeschichte schrieb, war auch das, was die christlichen Gründerväter zum Osterfest machten, vorgebildet im vorklassischen Griechenland mit den nahe dem Olymp gefeierten Adonis-Frühjahrsmysterien, die ihrerseits sich anlehnen an den nahöstlichen Ishtarkult.

Bei den Adonis-Mysterien wird das Verschwinden des Adonis, der als Symbol des blühenden Lebens galt, in die Unterwelt beklagt, Tage später wird seine Wiederkehr aus dem Hades, seine Auferstehung, gefeiert. Leiden, Tod und Auferstehung, diese drei sind das Vorbild der Heiligen Dreifaltigkeit.

20170416_081055
Foto: desenze

Und die Ostereier?

Zwar gibt es in Bulgarien nicht den Brauch, die Kinder am Ostersonntag bunte Eier suchen zu lassen, es gibt aber in Bulgarien ein regelrechtes Ostereier-Kunstgewerbe. Eine der stillen Attraktionen Bulgariens sind die Ausstellungen handbemalter Eier vor Ostern, meist gar nicht in Museen, sondern in Festzelten, die zu diesem Anlass auf Plätzen zeitweilig aufgestellt werden. Würde man sich über ein spezifisch bulgarisches Kunstverständnis Gedanken machen, so müsste man angesichts der Bedeutung der Volkskunst hier nicht nur Ikonen und Näherei, sondern auch diese kleinen Meisterwerke der schönen, ornamentalen Linienführung ins gehobene Kunsthandwerk einschließen müssen.

In jedem Osterkörbchen aber muss mindestens ein rein rotes Ei liegen, als Respektsbezeugung vor dem Blut, das Christus für die Menschen vergossen hat. Wie der Hase das Ostersymbol der katholischen, so ist das rot bemalte Ei das Ostersymbol der orthodoxen Kirche.

https://choraverlag.de/

Thomas Frahm wurde 1961 in Homberg, Niederrhein geboren.
Er studierte Geografie, Städtebau, Bodenkunde und Philosophie an der Universität Bonn.

Seit seiner Kindheit schreibt er Gedichte. Seine ersten Gedichtsammlungen veröffentlichte er 1987 und 1991 im Wissenschafts- und Kulturverlag „Irene Kuron“. 1992 gründete er den Avlos-Verlag, in dem vor allem Interkulturelle Literatur (Migrantenliteratur) erschien, ab 1995 auch literarische Werke von Schriftstellern und Lyrikern aus Bulgarien, sowie „Regionalliteratur“ aus seiner eigenen Heimatregion, der Niederrhein-Region.

Seit 2000 ist Frahm als freier Schriftsteller und Publizist tätig. Außerdem übersetzt Frahm belletristische Texte aus dem Bulgarischen ins Deutsche. Darüber hinaus schrieb er bis 2010 journalistische Beiträge, vorwiegend zum Themenkreis Bulgarien, für diverse deutschsprachige Zeitungen (u. a. FAZ, SZ, WeLT und Tagesspiegel), Zeitschriften (u. a. wespennest, Merkur, Sinn und Form) und Rundfunkanstalten in Deutschland (WDR, SR, DLF, DRadio). Der Bulgarische Journalistenverband würdigte seine faire Darstellung der bulgarischen Verhältnisse in seinem Essayband „Die beiden Hälften der Walnuss“ im Herbst 2016 mit seinem Spezialpreis.

Frahm gilt laut dem Heinrich-Heine-Institut als „bedeutender Übersetzer aus dem Bulgarischen“. Dafür wurde er 2009 mit einem Arbeitsstipendium des Deutschen Übersetzerfonds ausgezeichnet. 2010 nahm er an der Übersetzerwerkstatt des Literarischen Colloquiums in Berlin tei. Mit seiner Übersetzung des zweiten Teils der Bulgarien-Romantrilogie Zarevs „Feuerköpfe“ gelangte Frahm auf die Short-List zum Preis der Leipziger Buchmesse 2012.

Das Land NRW förderte seine Arbeit 2016 mit Aufenthaltsstipendien für das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen am Niederrhein. Als sich trotz so viel positiver Resonanz kein deutscher Verlag mehr bereitfand, bulgarische Autoren zu verlegen, gründete er dafür den CHORA Verlag.

Thomas Frahm lebt und arbeitet heute als Autor, Übersetzer und Verleger in Sofia und Duisburg.

Kategorien: Frontpage · Lebensfragen · Um die Welt

Tags: , , ,

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben