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Peter Schulz: Wir müssen das Verbindende unsers Menschseins in den Mittelpunkt stellen

1 April, 2009 von · Keine Kommentare

Interview von Rossitza Yotkovska mit Peter Schulz

Visitenkarte: Gründer des ökumenischen Filmkreises Luzern, Gründer der Internationalen Gesellschaft für historische Alpenforschung, Gründer der Stiftung „Musikforschung Zentralschweiz“, Gründer und Direktor der Stiftung Akademie 91, Ombudsmann der „Neuen Luzerner Zeitung“, Gründer des Verlages „Pro Libro Luzern GmbH“ – das sind nur einige der zahlreichen Tätigkeiten des schweizerischen Kulturträgers Peter Schulz.

Wir frohen uns, ihn unseren Lesern vorzustellen.

Sie sind ein Pionier im Bereich der Medienausbildung. Sie waren 1984 – 1996 Gründungsdirektor des Medienausbildungszentrums (MAZ), der Schweizerischen Journalistenschule. Sie haben mehrmals die Entwicklung der Printmedien und der elektronischen Medien wie Fernsehen und Radio analysiert. Wie schätzen Sie die Verbreitung und die Vor-und Nachteile der Internet-Medien ein?

Das Aufkommen neuer Medien hat die Welt der Medien immer beeinflusst und verändert. Das Internet ist jedoch so revolutionär, wie es die Erfindung Gutenbergs für seine Zeit und die Jahrhunderte danach gewesen ist. Das Internet ermöglicht Informationen in Wort und Bild jeglicher Art für jedermann und jederzeit. Das ist eine unumkehrbare Wende von epochaler Bedeutung und ein wesentlicher Bestandteil unserer globalisierten Welt.

Jedoch: Bestehen hinter den Printmedien, Radio und Fernsehen noch verantwortliche Verleger, Redaktionen, die identifizierbar sind, besteht heute die Gefahr der nicht zu kontrollierenden Desinformation und damit verbunden eine absolute Beliebigkeit. Mit anderen Worten: Diese neue Situation zwingt uns alle zur eigenen Verantwortung, welchen Informationen aus dem Internet zu trauen ist und wofür wir sie nutzen wollen.

Sie haben 2006 in Luzern den Verlag „Pro Libro“ gegründet. Wie entstand Ihre Idee, einen Verlag zu gründen, der Auftrittsmöglichkeiten der regionalen Talente gibt?

Die Zentralschweiz ist mit ihren sechs Kantonen und rund 750 000 Einwohner eine Region ohne Landesgrenzen mit einer langen Geschichte und Tradition. Hier entstand im 13. Jahrhundert die Eidgenossenschaft. Wir finden hier eine reiche Kultur dank der Klöster und ihrer Bibliotheken und Schulen. Die Natur ist reich an Bergen, Seen und zauberhaften Landschaften, was den Tourismus gefördert hat.

Die größte Stadt: Luzern ist zur Weltmusikstadt geworden mit ihren Festwochen. Darum entstand auf meine Initiative 1997 die Buchreihe „Kultur in der Zentralschweiz“, die seit 2006 in meinen eigenen Verlag „Pro Libro Luzern“ übergegangen ist. Die Sachbücher wollen diese Region nach innen und außen dokumentieren (bisher 18 Bände). Neu wird das literarische Erbe mit den wichtigsten im 20.Jahrhundert erschienenen Werken neu zugänglich gemacht und bekommen Autorinnen und Autoren der Gegenwart eine Plattform. Das Verlagsprogramm findet sich unter www.prolibro.ch.

Was für Prinzipien halten Sie bei der Auswahl der Bücher ein?

Im Rahmen der beschriebenen Thematik suche ich die besten Kenner der jeweiligen Materie. Die Bücher müssen gut recherchiert und für ein interessiertes Publikum verständlich geschrieben sein. Es geht mir also nicht um wissenschaftliche Werke.

Die Schwerpunkte Ihrer Verlagstätigkeit sind das Sachwissen und Literatur. Planen Sie weitere Entfaltung dieser Verlagstätigkeit, eine Erweiterung der Thematik der Bücher?

Da mein Kulturverständnis sehr breit ist – es geht mir nicht um das elitäre Kulturverständnis – haben sehr viele Themen Platz. So habe ich zum Beispiel 2008 ein Buch über die 300jährige Geschichte des Stahlunternehmens „von Moos“ schreiben lassen und hat ein erfahrener Sozialpädagoge in einer Autobiografie sein spannendes Leben beschrieben mit einem Schwerpunkt auf der Jugendarbeit. Aber Kinderbücher, Kochbücher und Unterhaltungsliteratur werde ich nicht publizieren!

Womit kann eine Regionalliteratur die nationale bereichern?

Ich halte nicht viel von einer Unterscheidung zwischen regionaler, überregionaler oder internationaler Literatur. Es gibt nur gute oder weniger gute Literatur. Natürlich geht es hier um die deutschsprachige Literatur. Der deutsche Sprachraum hat gewiss einen eigenen Charakter. Entscheidend ist, dass die Geschichte verortet ist. Auch in der Weltliteratur haben die Menschen ihren Ort!

Haben Sie einen Blick über die bulgarische Kultur, würden Sie den bulgarischen Lesern etwas Besonderes empfehlen?

Einen Einblick in die heutige bulgarische Kultur habe ich durch die Freundschaft mit der bulgarischstämmigen Autorin Evelina Jecker Lambreva gewonnen. Sie und ihr Mann haben meine Frau und mich auch zu einer Reise in ihre Heimat eingeladen, die mir sehr eindrücklich gewesen ist. Gewiss trennen Bulgarien und die Schweiz vor allem die verschiedenen historischen Erfahrungen in der Vergangenheit.

Ich halte es aber für entscheidend, dass wir die Verschiedenheit erkennen, verstehen und achten. Wir müssen das Verbindende unsers Menschseins in den Mittelpunkt stellen.

Mitten im Drang der heutigen Gesellschaft nach dem Spektakulären und dem leicht Verdaulichen haben Sie in Ihrer Tätigkeit immer erfolgreich die unvergänglichen Werte verteidigt und gefördert: Sie haben eine Stiftung für internationale historische Alpenforschung gegründet, die Stiftung „Musikforschung Zentralschweiz“ und den „Ökumenische Filmkreis“ in Luzern. Sie waren neun Jahre an der Gründung der Universität Luzern beteiligt. Was gibt Ihnen Kraft und Inspiration? Haben Sie eine Überlebensformel?

Ich habe in meiner Kindheit in der Stadt Basel den zweiten Weltkrieg von 1939 – 1945 erlebt. Wir hatten Angst, dass die deutsche Armee auch in die Schweiz einmarschieren werde. Amerikanische Bomber überflogen in den letzten Kriegsjahren die Schweiz und luden ihre tödliche Last in Deutschland ab. Als der Waffenstillstand ausgerufen wurde, wusste ich: Nie mehr Krieg! Ich wollte mein Leben für die kulturellen Werte und die Verständigung unter den Menschen einsetzen. Dazu half mir ein angeborenes Urvertrauen!

Sie sind ein Theologe von Ausbildung und Berufung, sie waren 15 Jahre als Pfarrer tätig. Wie vereinen sich für Sie der Glaube und die schöpferische Tätigkeit? Meinen Sie, dass der schöpferische Gedanke den Glauben überholen oder präzisieren kann? Bestehen Bereiche, in denen der schöpferische Gedanke in den religiösen nicht eingreifen darf?

Vermutlich verbinden Sie den schöpferischen Gedanken, die schöpferische Tätigkeit, mit der Philosophie und dem kulturell eigenständigen Schaffen. Ich komme aus einer religiös liberalen Tradition des Protestantismus, die sich in der Aufklärung begründet.

Es gibt für mich keinen grundsätzlichen Dissens zwischen Philosophie und Theologie. Ich habe meine Predigt- und Unterrichtstätigkeit immer als einen Beitrag zum gemeinsamen Nachdenken erlebt. Dies ist denn auch immer ein schöpferischer Akt im Gespräch mit der Tradition. Voraussetzung ist die nötige Offenheit, das Hören aufeinander im Wissen, dass niemand die volle Wahrheit gepachtet hat. Wir nähern uns ihr nur immer an!.

Sie sind Schriftsteller und Publizist, Verleger und Manager, geistiger Führer und Kulturträger. Was von Ihren Tätigkeiten bzw. Tätigkeitsergebnissen bringt Ihnen die größte Genugtuung?

In allem was ich getan habe und noch tue finde ich die grösste Genugtuung im Gespräch und der dadurch immer wieder gelingenden Kommunikation, wodurch ich erkennen kann, was dem Leben Sinn gibt. Ich erlebe so immer wieder das Wunder der Liebe.

Haben Sie Lehrer in Ihrem Leben und Ihrer Arbeit, denen Sie besonders dankbar sind?

Ich hatte das große Glück am Gymnasium und dann an der Universität auf Lehrer zu stoßen, die mein Denken angeregt haben und mich angeleitet haben, nicht vorschnell zu Lösungen zu kommen. Herausragend war mein Philosophielehrer Professor Karl Jaspers (1883-1969), der mit seinem „Philosophischen Glauben“ mich nachhaltig geprägt hat.

Dazu kam das Werk des Theologen, Philosophen und Arztes Prof. Albert Schweitzer (1875 – 1965), der mir das Prinzip der „Ehrfurcht vor dem Leben“ vermittelt hat.

Was ist das Wichtigste, dass Sie den jungen Journalisten und Schriftstellern sagen würden?

In diesem Beruf sind drei Dinge fundamental: Der kompetente Umgang mit der anvertrauten Sprache in Schrift und Wort, die gründliche Recherche sowie Fairness und Bescheidenheit im Umgang mit den Menschen.

Woran träumen Sie?

Vom liebenden Umgang der Menschen untereinander und mit der Natur! Wir sind dazu aufgerufen, diese wundervolle Erde lebenswert zu machen und zu erhalten.

Peter Schulz, Lebenslauf

1929 in Basel geboren
Studium der Theologie in Basel und Marburg
Vikariate und Pfarramt (1954-1968)
Programm-Mitarbeiter bei Radio und Fernsehen DRS (1969 – 1972)
Leiter der Ausbildung Radio und Fernsehen DRS (1973 – 1983)
Gründungsdirektor der Schweizerischen Journalistenschule MAZ in Luzern (1984 – 1996)
Seit 1996 im Ruhestand
Verheiratet, drei erwachsene Kinder, lebt in Luzern

Lehraufträge an den Universitäten Basel und Zürich für „Medienpraxis“(1976 – 1992)
Gründung des ökumenischen Filmkreises Luzern (1960)
Gründung der Internationalen Gesellschaft für historische Alpenforschung (1995)
Gründung der Stiftung „Musikforschung Zentralschweiz“ (2001)
Gründer und Direktor der Stiftung Akademie 91 zu Gunsten einer Universität Luzern für die Zentralschweiz (1991 – 2000)
Ombudsmann der „Neuen Luzerner Zeitung“ (1996 – 2008)
Herausgeber der Reihe „Schriften zur Medienpraxis“, 1986ff (zehn Bände) im Verlag Sauerländer, Aarau
Mit Prof. Dr. Kurt Imhof, Zürich, Begründer des „Mediensymposiums Luzern“ (seit 1994 bis heute), Mitherausgeber der ersten vier Symposiumsbände im Westdeutschen Verlag
Herausgeber der Buchreihe „Kultur in der Zentralschweiz“ im Maihofverlag, dann Comenius Verlag Luzern, jetzt bei Pro Libro (18 Bände), 1997ff
2006 Gründung des Verlages „Pro Libro Luzern GmbH“ mit einer Erweiterung durch literarische Werke (neun Bände), 2006ff
Zahlreiche eigene Publikationen zu Medien- und Kulturthemen

Interviewerin: Rossitza Yotkovska

Kategorien: Art Café · Frontpage · Modern Times

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