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Pfingstrosen und Vergißmeinnicht

20 September, 2008 von · Keine Kommentare

Georgi Gospodinov

Gesicht
Photo: Toni Blay

Sie kannten sich gerade einmal ein paar Stunden. Er – knapp über dreißig, sie – knapp darunter. Er sollte ihr ein Paket für einen Bekannten jenseits des Ozeans mitgeben. Sie war nur die Überbringerin. Eine Sache von fünf Minuten, aber schon seit zwei der insgesamt drei Stunden, die ihr bis zum Abflug verblieben, konnten sie einfach keinen triftigen Grund finden, sich zu trennen. Jetzt, genau sechzig Minuten vor Abflug, standen sie in der Ecke des Cafés in der Abfertigungshalle, tranken ihren dritten Kaffee und schwiegen.

Sie hatten alle Themen erschöpft, die ein Gespräch zwischen zwei Unbekannten aufrechterhalten können. Und das Schweigen begann schon unanständig zu werden. Der kleine Tisch zwischen ihnen war überhäuft mit leeren Plastikbechern, die ganz unerwartete Formen angenommen hatten, weil sie sie so lange in ihren Händen herumgedreht hatten. Die Kaffeelöffel waren schon längst in kleinstmögliche Stückchen zerbrochen, die leeren Zuckertütchen meisterhaft in Trichter und kleine Schiffchen verwandelt worden.

Es kam ihm in den Sinn, daß dieser Tisch ein gutes readymade-Objekt abgeben würde, oder sagen wir einmal eine Installation, die er „Apologie der Aufregung“ (Plastikbecher, Kaffeelöffel, leere Zuckertütchen, ein weißes Tischchen) nennen würde. Später kam es ihm dumm vor, und er verschwieg es. „Das, was verschwiegen wird, verwandelt sich in zerbrochene Kaffeelöffel und zerknüllte Plastikbecher“, sagte sie auf einmal. Er dachte sich, daß er nie wieder so eine Frau treffen würde, die seine Gedanken lesen könnte und mit der er bis ans Ende seines Lebens in diesem Café würde bleiben wollen. Er erschrak, weil er, wenn auch nur in Gedanken, die Phrase „bis ans Ende seines Lebens“ verwendet hatte.

– Komm, laß uns plaudern, sagte sie, obwohl sie zwei Stunden lang nicht verstummt waren.
Die verbliebene Stunde war viel zu kurz, um sie mit Umschweifen und dem Bau von Papierschiffchen zu vertun. Aber als er nicht begann, sagte sie einfach:
– Wir müssen akzeptieren, daß die Leute manchmal im wahrsten Sinne des Wortes aneinander vorbeigehen.
– Das Ironische daran ist, daß sie es genau dann bemerken, wenn sie sich treffen, sagte er.
– Sicher wäre es möglich gewesen, sich auch schon früher über den Weg zu laufen. So lange Zeit haben wir in der selben Stadt gewohnt. Es kann nicht sein, daß wir nicht schon einmal an irgendeiner Ampel aneinander vorbeigegangen sind.
– Ich hätte dich bemerkt, sagte er.
– Liebst du sie?, fragte sie.
– Liebst du ihn?, fragte er.

Sie einigten sich schnell darauf, daß es keinerlei Bedeutung hatte und niemanden eine Schuld traf.
Später würde er sich nicht daran erinnern können, wem der (wie er damals dachte) rettende Einfall zuerst gekommen war, sich gemeinsame Erinnerungen auszudenken, sich ihr ganzes Leben, bevor sie sich getroffen hatten und auch danach, zusammenzureimen. Ein schüchterner Versuch, sich am Schicksal zu rächen, das sie nur für ganz kurze Zeit zusammengebracht hatte, um sie dann wieder auseinandergehen zu lassen. Ihnen blieben fünfzig Minuten.

– Erinnerst du dich, begann er, als Schüler lebten wir in der selben Straße. Jede Woche warf ich dir heimlich einen Stanniolring von „Lakta“-Bonbons in den Briefkasten.
– Aha, sagte sie, du warst das also. Mein Vater fand sie immer als erster und hatte den Verdacht, daß irgendein verrückter Verehrer aus dem Viertel meiner Mutter Verlobungsringe schickt. Und jetzt kommt heraus, daß sie für mich bestimmt waren.
– Für dich waren sie, sagte er.
– Und erinnerst du dich daran, nahm sie den Faden auf, als wir im letzten Studienjahr an der Universität nur zu zweit zu diesem Kloster reisten? Zum ersten Mal fuhren wir allein irgendwohin. Im Hotel gab es keine freien Zimmer, und sie ließen uns in einer der Mönchszellen schlafen. Es war sehr kalt, und das Bett war steinhart. Ich hatte ein bißchen Angst. Nach jedem Mal bekreuzigte ich mich heimlich vor dir. Fünf Mal habe ich mich in jener Nacht bekreuzigt.
– Sechs Mal, sagte er, auch ich hatte Angst. Und erinnerst du dich, wie du später bei mir eingezogen bist. Deine Mutter sagte, sie würde sich öffentlich im „Amtsblatt“ von dir lossagen, weil sie keine unehelichen Enkelkinder haben wolle.
– Ich erinnere mich, sagte sie. Aber ich konnte ja sowieso keine Kinder bekommen.
An dieser Stelle verstummte sie. Er berührte ihre Hand zum ersten Mal, seit sie sich kannten. Ganz leicht, tröstlich.
– Macht nichts, sagte er. Und erinnerst du dich, wie ich mir das Bein gebrochen hatte? Ich war schon 48, arbeitete wie ein Verrückter, und dieser Monat zu Hause kam mir wie das Paradies vor. Du hattest dir auch Urlaub genommen, hattest ihnen sogar gedroht, du würdest dir die Hand brechen, wenn sie dich nicht gehen ließen. Und einen ganzen Monat lang ließen wir uns draußen nicht blicken.
– Und als sie im Jahr darauf bei mir diesen Tumor entdeckten… Du hattest irgendwo gelesen, die Lachtherapie könne Krebs heilen, und zwei Wochen lang hast du mir pausenlos Witze erzählt, um mich zum Lachen zu bringen. Du warst so erschrocken und so lieb. Damals ist dein Haar, glaube ich, vollends weiß geworden. Und jeden Tag brachtest du mir Pfingstrosen und Vergißmeinnicht.
– Gott sei Dank, daß du wieder gesund geworden bist. Was hätte ich nur ohne dich tun sollen.
In diesem Augenblick wurden alle Reisenden nach New York aufgerufen, sich zum Abflugterminal zu begeben. Sie schwiegen nicht länger als eine Minute. Dann stand sie auf und sagte, daß sie gehen müsse. Er nahm ihren Koffer, und beide brachen auf. Bevor sie durch die Paßkontrolle ging, drehte sie sich noch einmal um und küßte ihn sehr lang. Wie zum letzten Mal, dachte er, obwohl es davor nie ein erstes Mal gegeben hatte.

Eine halbe Stunde später wandte er sich um und brach auf. Er fühlte sich schrecklich gealtert, nur mit Mühe bewegte er seine Beine. Er schloß bewußt die Augen, als er an der Ausgangstür mit Spiegelglas vorbeiging, um im Spiegelbild nicht sein weiß gewordenes Haar und die eingefallen Schultern eines alten Mannes zu sehen. Mit jedem Schritt wurde ihm immer klarer, daß er nicht nach Hause würde gehen können zu seiner unerreichbar jungen Frau. Und niemals würde er ihr erzählen können, was er während dieser fünfzig Jahre getan hatte, die er weg gewesen war.

“Gaustín oder Der Mensch mit den vielen Namen”, Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann, Wieser Verlag, Wien, 2004

Kategorien: Art Café · Frontpage

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