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Premium pack B O N I T A Premium bananas

28 März, 2012 von · Keine Kommentare

Alexander Shpatov

Lighting up the nightPhoto: nasacommons

Class: I
Variety: Cavendish
Minimum length 20 cm
Net weight 40 lb – 18,14 kg
Product of Ecuador

Die Ereignisse auf der Grafenstraße folgen ihrem täglichen Rhythmus: Morgens gegen 7:30 halten in den nahegelegenen Seitenstraßen die ersten kleinen Wagen vor den Kellern. Dann kommt das Aufladen der Ware und wird von dem üblichen Geschufte, Gestöhne und Geknirsche der noch steifen Extremitäten begleitet.

Man legt sich mächtig ins Zeug, um die größtmögliche Anzahl Bananenkartons zu verstauen. Als das schließlich gelungen ist, spannen sich die Muskeln entschlossen an, das Wägelchen ruckelt und beginnt langsam über den leeren Asphalt zu quietschen.

Mit fast gleichem Geschufte und Gestöhne, aber mit inzwischen schon etwas aufgetauten Extremitäten werden alle Kisten auf dem Bürgersteig vor den Verkaufsständen wieder abgeladen und auf ein paar beachtliche Haufen gestapelt.

Nun heißt es nur mehr noch, die Stände ordentlich herzurichten, damit dann gegen neun all die griechischen Feldsalatköpfe, die türkischen Tomaten, die argentinischen Kirschen, die libanesischen Feigen, die makedonischen Äpfel und was Ihnen sonst noch einfällt, endlich in ihrem ganzen Glanz erstrahlen können.

(An dieser Stelle blitzt die Erinnerung an jenen außergewöhnlich überraschenden Moment auf, als einem der zweihundert Kartons mit der Aufschrift Dole – Premium Bananas, Bonita, Excelban, Chiquita – premium pack bananas wahrhaftig jene goldgelben Stiele entnommen wurden, geerntet irgendwo auf den fernen Plantagen des von all dem nichts ahnenden ecuadorianischen Dschungels.)

Etwa 150 Meter weiter nördlich quietschen absolut die gleichen Wagen mit absolut den gleichen Bananenkartons die Straße entlang, nur dass die Händler sich noch etwas mehr Schlaf gegönnt haben.

Auf den Bürgersteigen vor den Verkaufsbuden und Ständen entstehen die absolut gleichen Haufen, nur gibt es einen einzigen klitzekleinen Unterschied – anstelle des Atlanten für Obst- und Gemüsearten leuchten aus den besagten Kartons “Der Da Vinci Code” und seine gesamte emsige Apologetik; die kompromisslos unerschöpfliche Reihe des Paulo Coelho; die philosophischen Übungen von vier buddhistischen Mönchen und die gesammelten Aufklärungen von mindestens sieben weiteren fernöstlichen Weisen; die in einer leicht zugänglichen Sprache wiedergegebenen Grundlagen des tibetischen Traumdeutungs-Yoga; die endlose Reihe von Handbüchern zum Erfolg in der Liebe, zum ewigen Leben, zur Haltung von Hunden, zum professionellen Design von Druckmaterialien, zu Tantrasex und der Heilung durch Wein; Antiquariatsausgaben zu verblüffenden Preisen und zerknautschte Comics zu je einem Lev; die neuesten Titel der Krimi-Bestseller, Action-Thriller und Fantasy; luxuriös illustrierte Ausgaben des Kamasutra, die Anderson-Märchen und das Album “Hundert Prozent Stoitschkov”; die Biografien von Madonna, Todor Shivkov und David Beckham; alle sensationellen Erkenntnisse über die Urbulgaren, der Zweite Weltkrieg, die Ernährung nach dem Mondkalender, das geheime Evangelium und das Leben nach dem Tod – sowie am Ende, natürlich, einige völlig angemessene und kulturvolle Titel, denen in jeder Bibliothek der entsprechende Platz gebührt.

Stand Nr. 2: Also dann – herzlich willkommen auf dem Platz ≈Slavejkov« und bitte beunruhigen Sie sich nicht wegen des schrecklichen Wetters.

Was machen schon minus sieben Grad, was ist schon dabei, dass dieser Schneesturm nicht so bald aufhören wird, seien Sie gewiss, in fünf Minuten werden Sie das Buch gefunden haben, das Sie benötigen.

Und wenn Sie es nicht ausliegen sehen, fragen Sie besser nach, denn es wäre nicht verwunderlich, wenn es urplötzlich aus einem der Kartons spränge, und wenn nicht an diesem Stand, dann sicher bei einem der Kollegen. Nicht wahr, deshalb bibbern wir hier den ganzen Tag vor uns hin.

Stand Nr. 17 kann nicht anders, als sich einzumischen: Und sagen Sie ruhig, was genau Sie interessiert. Und dass Sie mir nicht nur schauen und schauen, und wenn Sie was gefragt werden, dass Sie dann erschrecken und in Sekundenschnelle verschwinden. Am meisten liebe ich es, wenn man mir sagt, man habe “nur so geschaut” – ja, findet hier denn etwa irgendein Schuhausverkauf statt, oder was?

Ich werde Ihnen nur das eine sagen: Sie haben ja keine Vorstellung, was hier jeden Tag für Volk an einem vorüberzieht, aber unterm Strich sind am Abend dann gerade mal zehn Stück verkauft und das war’s. Wissen Sie, wie schrecklich das ist? Was man da vor Kälte geklappert hat, das würdigt niemand. Heute wird es sicher genauso werden – was kann man bei so verrücktem Wetter auch anderes erwarten.

Man kann alles Mögliche erwarten – besonders in einer Fußnotengeschichte. Und wirklich: Die Hälfte der Kartons sind noch nicht einmal abgeladen, als ganze Horden von Schülern beginnen zwischen den Ständen auszuschwärmen und innerhalb weniger Minuten haben sie auch noch die letzten Spuren von Harry Potter, Terry Pratchett und welcher Fantasyheld Ihnen sonst einfällt, getilgt.

Dann überqueren zwei gepanzerte Mercedes mit der ihnen eigenen Direktheit die Straßenbahnschienen, aus einer dieser schwarzen Höhlen springt ein beeindruckender Leibwächter, geht zu den Ständen hinüber und ordnet in null Komma nichts das Einsammeln sämtlicher Paulo Coelhos aus dem Bestand an – und dass Sie mir das ja nicht ausposaunen, schließlich weiß ich, wo Sie arbeiten.

Beamtinnen von nah und fern drängen sich in ihren Pausen auf dem “Slavejkov” und jede von ihnen nimmt etwas anderes mit – entweder “Das gesamte Horoskop – Sternzeichen Fische” oder ein Handbuch über Fengshui oder über unkonventionelle Medizin oder einen Krimi, Liebesroman usw.

Noch beeindruckender ist, dass gegen Mittag auch die mittelmäßigsten Titel der bulgarischen Gegenwartsliteratur ausverkauft sind. Den verwirrten Händlern gelingt es sogar, einige der Autoren anzurufen und sie verzweifelt um Nachlieferungen zu bitten, doch auch diese Exemplare sind bald wieder ver¬griffen.

Fleißige Studenten mit einer Liste für empfohlene Literatur in der Hand geben im Zuge ihrer akademischen Recherchen Unmengen ihres Stipendiums aus. Sogar die verfrorensten Vorübergehenden lenken ihren kühnen Blick auf die ausgebreiteten Bücher und gehen erst weiter, nachdem sie einen Titel aus der Reihe der beeindruckendsten Gegenwartsromane gewählt haben.

Es ist kaum zu glauben, noch als der Abend naht, winden sich vor allen Ständen Menschenschlangen, als gehe es darum, das Neujahr 1986 mit einer Banane in der Hand zu begrüßen. Obwohl der Schneesturm erneut aufkommt, überschwemmen wie von einer geheimnisvollen Kraft getriebene Menschenmassen den “Slavejkov”. Die Händler glauben buchstäblich an ein Wunder.

Mit einer unfassbaren Geschwindigkeit werfen die sonst äußerst seriös Auftretenden eine Schicht ihrer Oberbekleidung ab und verteilen die noch vorhandene Literatur an die völlig aus dem Häuschen geratenen Kunden. Sogar ein paar der hiesigen Clochards haben sich artig vor den Büchern für einen Lev eingereiht und warten geduldig, um an der allgemeinen Anwandlung unerwarteter Bücherverehrung teilzuhaben.

Gegen sieben beruhigt sich die Lage jedoch wieder, wahrscheinlich weil die Stände und Bananenkartons fast leer sind. Aus Mangel an Alternativen kauft ein älterer Herr zwei ziegelsteinförmige Ausgaben der “Zolltarife der Europäischen Union” und ist’s damit zufrieden.

Und was ist zu den Händlern selbst zu sagen? Sie klopfen sich immer wieder zweifelnd auf ihre vollen Taschen, betrachten misstrauisch die leeren Stände und Kartons und kneifen sich gegenseitig bis zur Bläue um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumen.

Am nächsten Tag folgen die Ereignisse auf der “Grafenstraße” jedoch wieder ihrem gewohnten Rhythmus:
Gegen halb zehn halten wieder die ersten kleinen Wagen vor den Kellern der nahen Seitenstraßen. Dann ist das Aufladen der Ware an der Reihe, erneut begleitet vom üblichen Geschufte, Gestöhne und Geknirsche der noch steifen Extremitäten.

Man legt sich mächtig ins Zeug, um die größtmögliche Anzahl von Bananenkartons zu verstauen, und als das letztendlich gelungen ist, spannen sich die Muskeln entschlossen an, das Wägelchen ruckelt und beginnt langsam durch die leere kleine Straße zu quietschen.

Mit fast dem gleichen Geschufte, Gestöhne und inzwischen schon etwas aufgetauten Extremitäten wird dann alles wieder abgeladen und auf ein paar beachtliche Haufen auf dem Bürgersteig vor den Verkaufsständen des “Slavejkov-Platzes” gestapelt. Nun heißt es nur noch, die Stände ordentlich herzurichten.

Doch das erweist sich plötzlich als ein außerordentlich schwieriges, wenn nicht gar unlösbares Problem, da völlig unerwartet aus all den Kartons mit der Aufschrift Dole – Premium Bananas, Bonita, Excelban, Chiquita – premium pack bananas anstelle der üblichen Bücher goldgelbe Stiele hervorlugen, gepflückt irgendwo auf den entlegenen Plantagen des nichts ahnenden ecuadorianischen Dschungels …

Kategorien: Art Café · Frontpage

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