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Prof. Diana Mishkova: „Wir möchten eine Brücke zwischen Forschung, Wissenschaft und Kunst schlagen“

12 Januar, 2011 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Berndt mit Prof. Diana Mischkova, Direktorin von Centre for Advanced Study (CAS) in Sofia
Übersetzung aus dem Bulgarischen: Dessislava Berndt

Das Centre for Advanced Study in Sofia (CAS) wird von der Historikerin Diana Mishkova geleitet, die dabei von einem kleinen Team unterstützt wird. Seit der Gründung im Jahr 2000 hat das Institut mehr als 180 Wissenschaftler aus 20 Ländern gefördert.

Die Ziele des CAS sind, die Forschung und die wissenschaftliche Kooperation in den Geistes- und Sozialwissenschaften in Bulgarien und der Region voranzutreiben. Stipendien und Gelegenheit zu gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeit im Rahmen von mehrjährigen Forschungsprojekten werden vor allem jüngeren Wissenschaftlern angeboten.

Mit regelmäßigen Veranstaltungsserien, Diskussionsforen und verschiedenen Online-Portalen ist das CAS eine Plattform für die geistes- und die sozialwissenschaftliche Forschung in Bulgarien und Südosteuropa und vermittelt vielfältige Kontakte für Forscher in der Region.

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Prof. Mishkova, wie ist die Idee für die Gründung eines solchen Instituts entstanden und welche sind seine Ziele?

Die Gründung des Instituts hat ein gewisses autobiografisches Element, aber auch eine Gesetzmäßigkeit. Das erste solche Institut wurde mit der Unterstützung von staatlichen und privaten Stiftungen in Budapest Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gegründet. Später entstand das New Europe College (NEC) in Bukarest, Rumänien. Eine große Rolle für seinen Aufbau und seine Entwicklung spielte der jetzige Leiter des Instituts und ehemaliger Kulturminister Rumäniens Prof. Plesu.

Zwischen den Prototypen dieser Institutionen – den sogenannten Institutes for Advanced Study – und den regionalen Strukturen wie NEC und CAS gibt es Unterschiede, die auf die Anforderungen des regionalen akademischen und sozialen Umfelds zurückzuführen sind. Prof. Plesu und ich wurden als Stipendiaten des Wissenschaftskollegs zu Berlin von der Idee, eine ähnliche Organisation in unseren Ländern zu gründen, angesteckt. Wir hatten großes Glück, dass die Unterstützung dafür von dem Wissenschaftskolleg selbst kam.

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Foto: CAS

Das Wertvollste für mich war, dass das Wissenschaftskolleg zu Berlin und das Institut in Wien, wo ich später Stipendiat war, die Wissenschaft und die Forschung als intellektuelle Tätigkeit rehabilitieren wollten.

In den Osteuropäischen Ländern und besonders ausgeprägt in Bulgarien erlebten der soziale Status des Wissenschaftlers und die gesellschaftliche Bedeutung der Wissenschaftsforschung ihren Niedergang nach 1989. Diese Probleme wurden von einem anderen nichtbulgarischen Aspekt verstärkt – die Projektkultur. Das Modell des Wissenschaftsprojektes der letzten Jahrzehnte in Europa setzt nämlich ein Ergebnis vor der eigentlichen Untersuchung voraus. Dabei sind die Neugier und das Nachdenken – die Generatoren jedes neuen Wissens – das Letzte was diese Projektkultur voraussetzt.

Somit war und ist der Raum für freies, kritisches und profitfreies Denken, den ähnliche Institutionen in einer interdisziplinären und internationalen Umgebung zur Verfügung stellen, für die bulgarische und regionale Wissenschaft dringend notwendig.

Eine andere Motivation für die Gründung des Zentrums war, dass in den 90er Jahren die osteuropäischen Länder als Zentrum der Unsicherheit, des Risikos für die europäische Sicherheit und der ethnischen Konflikte angesehen wurden, diese Vergangenheit aber hinter sich lassen wollten.

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Foto: CAS

CAS und seine ersten Projekte entstanden als Antwort auf diese negative, oft arrogante und mentormäßige Meinung über den Charakter der Region und seine Menschen. Wir brachten Wissenschaftler der humanitären und sozialen Wissenschaften aus Ost- und Südosteuropa zusammen, wobei man einen Raum für freie und unabhängige Forschung und Diskussionen schaffte und versuchte eine andere Erfahrung im historischen und kulturellen Miteinander und Austausch sowie in den geteilten Herausforderungen und Problemen aufzuzeigen; nicht als politisches Programm, sondern als das Suchen nach dem Gemeinsamen und Unterschiedlichen, dem Verbindenden und Trennenden im historisch-kulturellen Aspekt der Balkanländer und deren Bewohner.

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Foto: Yana Blasheva

Es ist daher nicht zufällig, dass wir nicht als Institution, sondern mit einem Projekt starteten, nämlich das Projekt Nexus für die Kultur und Identität auf dem Balkan (Sofia Academic NEXUS Project: „How to think about the Balkans: Culture, Region, Identities“).

Im Jahr 2000 wurden wir als juristische Person eingetragen und arbeiteten von unterschiedlichen Adressen im Zentrum von Sofia aus. Zum ersten Mal und dank der Unterstützung einer privaten deutschen Stiftung und der Schweizer Kulturstiftung Landis & Gyr in der Nähe von Zürich können wir eine feste Adresse beziehen, die auch unser Eigentum ist.

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Foto: Yana Blasheva

In Mai 2011 werden wir unser zehnjähriges Jubiläum im Rahmen eines öffentlichen, akademisch kulturellen Ereignisses feiern. Es gibt zahlreiche Unterstützer denen wir Dankeschön sagen möchten. Wir sind eine kleine Institution mit acht Personen, aber während der zehn Jahre unseres Bestehens konnten wir zwei Millionen Euro für Wissenschaft und Projekte verbunden mit regionalen Untersuchungen nach Bulgarien holen. Nach meiner Kenntnis gibt es keine andere Organisation, die einen solchen Beitrag auf diesem Gebiet geleistet hat.

Welche sind die thematischen Prioritäten des CAS und an wen richtet sich seine Unterstützung?

Die Prioritäten wechseln mit der Zeit und wahrscheinlich werden wir keine langfristigen thematischen Prioritäten setzen, sondern mehr flexibel und individuell auf die Themen und Lebensumstände unserer Umgebung reagieren. Alle unsere Themen für wissenschaftliche Untersuchungen und Stipendienausschreibungen bis jetzt wurden absichtlich weit gefasst, damit sie verschiedene Aspekte, Gesichtspunkte und Traditionen erfassen können. Alle unsere Programme sind multidisziplinär und international.

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Foto: CAS

Wenn früher unsere thematischen Schwerpunkte auf das Untersuchen der Kulturen, Erbe und Identität des Balkans sowie Zentral- und Osteuropa lagen, so öffnen sich unsere Projekte in den letzten Jahren für allgemeine europäische Themen. Momentan bereiten wir Programme vor, die den Nahen Osten und den Kaukasus umfassen.

Somit ändert sich auch der Kreis der Wissenschaftler an denen diese gerichtet sind. In den letzten Jahren hatten wir Stipendiaten nicht nur aus Osteuropa, sondern auch aus Großbritannien, Schweden, Finnland und den USA. In 2011 starten wir mit einem internationalen und unabhängigen Stipendienprogramm, das die Teilnahme aus diesen Ländern noch verstärken wird. Es ist nicht thematisch festgelegt obwohl es sich nach wie vor auf dem Gebiet der humanitären und sozialen Wissenschaften erstreckt. Die wichtigsten Auswahlkriterien sind das eigene Wissenschaftsprofil des Kandidaten und die Qualität des von ihm ausgewählten Projektes. Mit diesem Programm wird CAS ein ebenbürtiges Mitglied im Netz ähnlicher Institutionen in Europa und in der Welt.

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Foto: Yana Blasheva

Gibt es Kooperationen mit anderen Institutionen?

Wir pflegen Arbeitsbeziehungen mit zahlreichen Institutionen in Bulgarien und im Ausland. Einige haben Bezug zu konkreten Forschungsprojekten – Universitäten, Institute, private Organisationen – andere zeichnen sich durch eine langfristige „systematische“ Kooperation aus. Zu den zweiten zählen die Beziehungen zu den bereits genannten Universitäten in Rumänien, Ungarn und Wien und dem Wissenschaftskolleg zu Berlin. Viele der Mitglieder unseres Verwaltungsrats sind aus Deutschland. Außerdem sind unsere Beziehungen zu deutschen Universitäten und Instituten sehr aktiv. Das gilt auch für die Schweizer Institutionen. Das Netz unserer akademischen Partner wächst ständig und in letzter Zeit auch in Richtung Nord Amerika.

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Foto: CAS

Wie kann CAS finanzielle und institutionelle Unterstützung für die Post-Doctoral-Fellowships -Programme auf dem Gebiet der humanitären und sozialen Wissenschaften gewährleisten?

Der Anfang war sehr schwer. Wir sollen nicht vergessen, dass CAS in einer Zeit gegründet wurde, in der das Interesse an Osteuropa nicht so ausgeprägt war wie Anfang der 90er Jahre. Auch nach dem 11.09.2001 stieg das politische und wissenschaftliche Interesse in Richtung Zentralasien und das kulturelle Interesse widmete sich dem Islam. Somit waren das Auftreiben von finanziellen Mittel und die Motivation von Sponsoren ziemlich schwierig in den letzten Jahren.

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Foto: CAS

Aber wie auch am Anfang bekommen wir unsere Finanzierung der Projekten und Stipendienprogrammen hauptsächlich über private Stiftungen aus dem Ausland. Unsere finanzielle Entwicklung als Institution verdanken wir dem großen Interesse einiger staatlichen Institutionen; vor allem der Schweizer Regierung. Dieses Jahr z.B. kommen 2/3 der Finanzmittel aus dem Schweizer Ministerium für Bildung und Kultur und ein kleinerer aber auch sehr wichtiger Teil der Finanzierung kommt aus dem entsprechenden Ministerium in Österreich.

Woran ist dieses Interesse begründet?

Ich kann das Interesse eines Staates und dessen Kulturpolitik nicht beurteilen. Es ist aber Fakt, dass die Schweiz – die kein Mitglied der EU ist – eines der wenigen Länder im heutigen Europa ist, das sich für die Probleme der Region und nicht nur Bulgarien engagiert.

Ich denke, dass dieses Engagement sehr klug ist, insbesondere weil im Vergleich zu anderen europäischen Staaten die Schweiz keine schnellen Dividenden aus einer solchen Unterstützung sucht.
Im Fall unseres Zentrums war es wichtig, dass eine so kleine Institution so viel umsetzen kann und ich erlaube es mir zu sagen, dass die Schweizer dies zu schätzen wussten. Die Unterstützung der Schweiz erleichtert unsere schwierigste Aufgabe – unsere Existenzabsicherung. Leider können wir nicht dasselbe vom bulgarischen Staat erwarten, obwohl ein großer Teil unserer Einnahmen für bulgarische Wissenschaftler und bulgarische Wissenschaft ausgegeben werden sowie dem bulgarischen Staat direkt fließen.

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Foto: Yana Blasheva

Möglicherweise gibt es noch ein Motiv für dieses Interesse: Ich habe bis jetzt von keiner anderen Organisation gehört, bei der das Verhältnis der administrativen zu den Projektausgaben 1 zu 3 ist. Dieses und nächstes Jahr verfügen wir über ein Budget von 450 000 EUR. Davon sind nur 108 000 EUR unsere internen Ausgaben, alle anderen Mittel gehen an Wissenschaftler oder für Seminare und Publikationen.

An wen richten sich die Stipendien und die Projekte des CAS?

Alle unsere Projekte enthalten Module für junge Wissenschaftler (junior scholars). Dort liegt die Altersgrenze bei 40 und manchmal bei 45 Jahren. Andere Module bieten wir auch namhaften Wissenschaftlern (senior scholars) an. Unsere Stipendien umfassen beide Kategorien.

Das persönliche Portfolio eines Kandidaten auf der einen Seite und seine Originalität, Innovation, überraschende Themen oder Projekte auf der anderen Seite sind entscheidend bei der Auswahl. Gleichzeitig versuchen wir Projekten Platz zu geben, die in einem konventionellen akademischen Umfeld wegen deren ungewöhnlichen Problematik oder interdisziplinären Charakter schwer zu realisieren wären.

Das Wichtigste für uns ist, dass wir für die Autorität unserer Institution als Szene für das freie Besprechen – nicht nur von wissenschaftlichen Problemen, sondern auch von dem was uns umgibt -kämpfen. Wir organisieren Diskussionen und Clubs, die aktuellen und fundamentalen Problemen der jetzigen bulgarischen Gesellschaft und Wissenschaft gewidmet sind.

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Foto: CAS

Existieren Beispiele für eine Zusammenarbeit von CAS auf dem Gebiet der Kultur und Kunst?

Ja, wir haben gewisse Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt. Ich wünschte, wir hätten aber mehr vorzuweisen. Ich freue mich sehr, dass einer unserer Mitwirkenden – Prof. Georgi Kapriev – nicht nur einen Abschluss in Philosophie hat, sondern auch eine große Zuneigung zur Kunstszene und speziell zum Theater hat und ich hoffe zusammen mit ihm in Zukunft mehr auf diesem Gebiet anstoßen zu können.

Bis jetzt hatten wir ein sehr bedeutendes Projekt in diese Richtung. Es hieß das „Visuelle Seminar“ und fand mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes statt und wurde zusammen mit dem Institut für moderne Kunst in Sofia realisiert. Das Projekt dauerte drei Jahre und beschäftigte sich mit der Ästhetik und Antiästhetik der neuen Stadtlandschaft in der Zeit des Übergangs. Teilgenommen hatten nicht nur Maler, sondern auch Kulturschaffende und Kunsthistoriker. Es gab Live-Installationen, die die Veränderung der Stadtlandschaft darstellten.

Das oben Gesagte schöpft unsere Ziele nicht aus. Wir möchten gern nicht nur den akademischen Untersuchungen, sondern auch der Kulturforschung dienen. Wir möchten den Dialog zwischen Künstlern und Wissenschaftlern initiieren sowie die Verbindung zwischen der angewandten Kunst und seine Reflektion herstellen. Das wird nicht einfach sein, aber es lohnt sich meiner Meinung nach, diese anzustreben.

Einer unserer Stipendiaten in 2011 wird Prof. Tzocho Boyadjiev, ein bekannter Philosoph, Dichter und Übersetzer der Werke von Thomas von Aquin sein. Sein Projekt heißt „Philosophie der Fotografie“ und damit vereint er sowohl den akademischen als auch den kulturellen Aspekt. Seine Fotografien werden in dem wunderbaren Raum, in dem wir das Interview führen, präsentiert und wir freuen uns auf zahlreiches Erscheinen von Gästen nicht nur aus den akademischen Kreisen.

Das Wichtigste ist, dass wir Unterstützung unter den Wissenschaftlern und Künstlern finden, wodurch wir eine Brücke zwischen der wissenschaftlichen Untersuchung, des Nachdenkens und der Kunst (Gebiete der intellektuellen Beschäftigung, die selten Berührungspunkte haben und fast nie als eine Einheit wahrgenommen werden) schlagen können.

Wo kann man sich über Neuigkeiten und Stipendien des CAS informieren?

Das CAS stellt Informationen über seine Tätigkeit und Untersuchungsergebnisse hauptsächlich über Publikationen im Internet in englischer Sprache zur Verfügung. Teil der Unterlagen, die Bulgarien betreffen, wird auch auf Bulgarisch übersetzt und veröffentlicht.

Die Webseite www.cas.bg und Unterseiten CAS Academic Portal (http://gate.cas.bg/) oder PhDGate (http://phdgate.net/) sind sehr beliebt.

Das Institut hat auch eine kleine, Wissenschaftlern und Doktoranden frei zugängliche, Bibliothek mit Zugang zu elektronischen Datenbanken mit wissenschaftlicher Literatur.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft von CAS?

Zunächst wünsche ich mir, dass wir als Institution überleben, da es in dieser Zeit nicht selbstverständlich ist. Ich bin aber optimistisch, weil unsere Institution sehr geschätzt wird und somit finden wir leichter Unterstützung.

Wir wünschen uns den Kontakt nicht nur zu Leuten der humanitären Wissenschaften, sondern auch zu Künstlern und Kulturschaffenden. Somit werden wir zusammen einen stärkeren Druck ausüben können und zwar nicht nur als eine Bürgergemeinschaft, die sich momentan in Bulgarien den Weg freimacht. Ich möchte, dass wir auf der einen Seite einen konstruktiven Druck zur Legitimierung des vom Pragmatismus freien wissenschaftlichen und intellektuellen Suchens und auf der anderen Seite zur Legitimierung der Institutionen an sich ausüben können. Wenn das CAS auch nach uns bestehen bleibt, wird dies das Beste sein.

Prof. Mischkova, vielen Dank für die Einladung und die Zeit, die Sie sich für unsere Leser genommen haben!

Kategorien: Frontpage · Modern Times · Nachrichten · Szene

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