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Prof. Dr. Frank Pobell – “Bulgarien hat ganz andere Facetten“

25 März, 2010 von · 2 Kommentare

Ein Interview von Dessislava Berndt mit Prof. Dr. Frank Pobell über sein Buch “Begegnungen im Pirin Gebirge” und seine Erlebnisse in Bulgarien

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Frank Pobell

Herr Prof. Dr. Pobell, Sie sind Physiker und haben mehr als 230 Publikationen in internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften. Was führte Sie dazu, ein Buch über Begegnungen im Pirin Gebirge zu schreiben?

Ich habe Bekannten und Freunden immer wieder Erlebnisse erzählt, die meine bulgarische Frau und ich in Bulgarien hatten. Dabei habe ich großes Interesse an diesen Geschichten und an diesem Land festgestellt. Schließlich wurden es so viele erzählenswerte Geschichten, dass man ein Buch daraus machen konnte.

Der zweite Grund für das Schreiben des Buches war die Erkenntnis, dass sich die Bergdörfer in Bulgarien in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert haben, z.B. durch das Sterben der sie prägenden älteren „Charakterköpfe“ und die vielen Einflüsse von außen, wie z.B. das Fernsehen und die Kommerzialisierung. Einiges von der früheren Charakteristik der bulgarischen Dörfer und ihrer früheren Bewohner wollte ich durch die Schilderung charakteristischer Episoden festhalten.

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Der Autor mit seiner Hündin Assi

Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Wohl etwa ein Jahr, aber natürlich mit vielen, auch längeren Unterbrechungen.

Kennen Sie auch andere Gegenden Bulgariens gut und welche Beziehung haben Sie zu dem Land?

Vergleichbar gut kenne ich nur die Geburtsstadt meiner Frau, Bulgariens Hauptstadt Sofia. Wanderungen aber haben wir nicht nur im Pirin, sondern auch im Vitoscha Gebirge und in den Rhodopen durchgeführt. Meine engste Beziehung zu dem Land habe ich natürlich über meine bulgarische Frau und ihre Familie.

Welche Erkenntnisse beim Entdecken der Natur und der Menschen in Bulgarien waren für Sie überraschend oder besonders interessant?

Mein erster tiefer Eindruck war die Schönheit der Gebirge und die große Ruhe dort, die sofort auffällt, wenn man z.B. mit den überlaufenen Alpen vergleicht. Aber auch vieles andere wie z.B. die Schildkröten und die heißen Quellen im Südwesten Bulgariens oder die vielen kleinen und großen Klöster, die in der bulgarischen Geschichte eine bedeutende Rolle gespielt haben, fand ich eindrucksvoll. Auch die bulgarische Küche und der dunkle Rotwein des Landes haben bald zu meinen Favoriten gehört. Das Wichtigste aber waren die Begegnungen und Gespräche mit bemerkenswerten Menschen, vor allem mit den oftmals liebenswerten, freundlichen Menschen in den Dörfern, aber auch mit manchem Gauner.

Wen möchten Sie mit dem Buch ansprechen? Warum sollte man das Buch lesen?

Wenn Deutsche an Bulgarien denken, denken sie an das Schwarze Meer, an die Zeit des rigiden Kommunismus sowie an die Probleme danach, die sie aus der Zeitung kennen. In meinem Buch möchte ich mit den geschilderten Episoden zeigen, dass das Land ganz andere Facetten hat. Das Buch wendet sich an jeden, der an diesem noch wenig bekannten europäischen Land interessiert ist. Es soll dazu anregen, nicht nur das Schwarze Meer, sondern vor allem die Gebirge und die Sehenswürdigkeiten, wie z.B. die vielen Klöster zu besuchen; und vor allem, die Menschen des Landes kennen zu lernen.

Wie finden Sie Bulgarien heute? Wie hat sich das Land aus Ihrer Sicht verändert?

Ich empfinde Bulgarien heute als ein sich schnell zum Positiven veränderndes Land, das versucht, seine Probleme, z.B. beim Wiederaufbau der Städte und der Infrastruktur, bei der wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch im Rechtswesen und durch die weit verbreitete Korruption zu überwinden, um den Anschluß innerhalb der Europäischen Union zu erreichen.

Welche Tipps können Sie Reisenden geben, die in Bulgarien wandern möchten?

Zunächst möchte ich ihnen sagen, dass Bulgarien mit seinen vielen, im Vergleich zu den Alpen wenig besuchten Gebirgen ein wunderbares Wanderland mit einer vielfältigen Natur ist. Oftmals sind die Wanderwege gut markiert, eine Wanderkarte sollte man aber dabei haben. Wenn man eine der herrlichen mehrtägigen Wanderungen von Hütte zu Hütte plant, sollte man sich vorher erkundigen, ob das Essen mitgebracht werden muss oder in den Hütten Speisen angeboten werden. In Sofia kann man gut organisierte, geführte Wanderungen buchen.

Das Buch erschien in 2009 und wurde von Ihnen bei Lesungen vorgestellt. Wie haben die Zuhörer bei diesen Lesungen das Buch angenommen?

Bei allen Lesungen waren die Zuhörer begeistert. Diejenigen, die Bulgarien nicht kennen, waren angenehm überrascht. Die wenigen deutschen Zuhörer, die schon in den bulgarischen Dörfern und Bergen waren, haben gesagt „Ja, so haben wir es auch erlebt“. Und die bulgarischen Zuhörer haben gesagt „In diesem Buch werden die Schönheiten aber auch die Probleme des Landes geschildert; dabei spürt man das Verständnis und die Liebe des Autors für unser Land“.

Planen Sie weitere Lesungen in Deutschland oder Bulgarien in 2010?

Ja, eine weitere Lesung mit Bildern werde ich demnächst in Leipzig halten. An eine Lesung in Bulgarien habe ich noch nicht gedacht; das ist eine gute Idee, falls ich ein deutschsprachiges Auditorium finde.

Wo kann man das Buch „Begegnungen im Pirin Gebirge“ erwerben?

Das Buch kann man elektronisch bei jedem Online Shop, z.B. bei Amazon oder bei den großen Buchhandlungen wie Thalia oder Hugendubel bestellen. Buchhandlungen haben das Buch leider noch nicht ausliegen, aber natürlich können Sie es in jeder Buchhandlung bestellen.

Sie können es auch direkt beim Verlag (www.projekte-verlag.de) oder bei mir bestellen (f.pobell@fzd.de).

Übrigens: zurzeit arbeitet meine Frau an einer bulgarischen Übersetzung des Buches. Ihre bulgarischen Leser werden es dann Anfang 2011 auch in ihrer Muttersprache erwerben können.

“Begegnungen im Pirin Gebirge” von Frank Pobell

Ihre gemeinsame Liebe zur Natur inspirierte den Autor und seine bulgarische Frau 1994 zu einer mehrtägigen Wanderung durch das bulgarische Pirin Gebirge. In seinen südlichen Ausläufern erreichen sie das Dorf Roshen. Sie verlieben sich in das bezaubernde Dorf mit seinen freundlichen, meist älteren Bewohnern und beschließen inmitten der beeindruckenden Berge Südwest Bulgariens ein Ferienhaus zu bauen.

Die auftretenden Komplikationen, viele beglückende, skurrile oder ernüchternde Erlebnisse im Nachwende-Bulgarien, zusammen mit den Schilderungen von „Land und Leuten“ sowie von „Fauna und Flora“ Südwest Bulgariens sind Gegenstand der mit viel Lokalkolorit ausgeschmückten Episoden.

Im Mittelpunkt aber stehen die Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen. Zum Beispiel die Diskussionen mit dem über 80jährigen Onkel Boris, der sich vor 30 Jahren in eine Hütte in den Bergen zurückgezogen hat, um Problemen mit den kommunistischen Machthabern aus dem Weg zu gehen; die bühnenreife Verhandlung zwischen drei Roma beim Verkauf eines Pferdes oder die Verhandlungen mit einem Dorfbewohner, der „1 Million egal in welcher Währung“ für den Verkauf einer kleinen Wiese verlangt und erhalten hat; oder schließlich die 10 Jahre anhaltende Inbesitznahme des berühmten Roshen Klosters – das nur etwa 1 km vom Haus des Autors entfernt liegt – durch einen als Popen „verkleideten“ Fremden.

Der Physiker Frank Pobell hat seine wissenschaftliche Laufbahn bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der Technischen Universität München sowie an der Cornell University in den USA begonnen. Es folgten Professuren an den Universitäten Köln (1975-1983), Bayreuth (1983-1997) und Dresden (1997-2003).

Von 1975 bis 1983 war er Direktor am Forschungszentrum Jülich und von 1996 bis 2003 Wissenschaftlicher Direktor des Forschungszentrums Rossendorf bei Dresden. Er war u.a. Vizepräsident der International Union for Pure and Applied Physics (1990-1996) und Präsident der Leibniz Gemeinschaft (1998-2001) sowie Gastprofessor an renommierten Universitäten wie der amerikanischen Cornell Universität oder der Tokio Universität.

Prof. Pobells wissenschaftliches Arbeitsgebiet ist die Festkörperphysik bei extrem tiefen Temperaturen. Er hält seit Jahren den „Weltrekord“ für tiefe Gleichgewichtstemperaturen in Festkörpern. Zudem hat Frank Pobell über 230 Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften und ist Autor der Buches: “Matter and Methods at Low Temperatures”.

Frank Pobell wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit der Goldenen Medaille der Stadt Bayreuth, dem Ehrenzeichen der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ehrte damit Prof. Pobell als erfolgreichen Forscher, Hochschullehrer, Forschungsmanager und Forschungspolitiker, der „in dieser seltenen Kombination viel für Deutschland geleistet“ hat.

Weitere besondere Auszeichnungen sind der Award of the Japan Society for the Promotion of Science, der Emil-Warburg-Preis der Emil-Warburg-Stiftung und der Lise-Meitner/Alexander von Humboldt-Preis des Israelischen Ministeriums für Wissenschaft und Technik.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene · Um die Welt

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2 Kommentare bis jetzt ↓

  • Michael Tag // 29 Jul, 2010 //

    Das PIRIN Gebirge ist wirklich sehr unberührt und wunderschön, danke für Ihr Buch.

    Mit freundlichen Grüssen

    Michael Tag

  • Franz J. Culetto // 6 Aug, 2012 //

    Verehrter Herr Prof. Pobell,

    erinnere mich noch gut an die Reaktion der Runde in Jülich auf meinen Sager, dass ich lieber Bergbauer in Kärnten als Forscher in Jülich sein wollte (von denen es dort großartige gab, Sie ganz besonders). Es war nicht Undankbarkeit, es war eine Art Essenz langjährigen Fühlens. Da ist viel Weisheit im Dorf. Und die Welt genau so, wie sich’s der kleine Maxi vorstellt. Schön, dass ein ganz Großer auch kleine Dinge schätzt . Noch liebe Grüße, gute Gesundheit und auch sonst (literarisch) weiterhin alles Gute …

    Herzlichst Ihr F.J. Culetto, vulgo Südbahn-Franzi

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