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Hitze

14 Juli, 2010 von · Keine Kommentare

Vladimir Zarev

Auszug aus dem Roman „Feuerköpfe“
Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm

erschienen in der Zeitschrift AM ERKER, Heft 59, Daedalus-Verlag, Münster 2010

town_fencePhoto: Delano, Jack

Mit den Schlüsseln in der Hand und einem provozierenden Grinsen im Gesicht überquerte Krum den Hof des Bezirkskomitees. Er umrundete den längst ausgetrockneten Springbrunnen, der nun in der Hitze flimmerte wie ein gemauerter Backofen – und da sah er ihn auch schon, den Holzschuppen, der sich an die Brandmauer des Nachbargebäudes lehnte. Es war erst neun Uhr früh und schon so heiß, dass dem ausgedünnt wirkenden Himmel schon alle Vögel und Wolken verbrannt waren. Die Maulbeerbäume raschelten nicht mehr, sie knisterten. Und in den Vorgärten ringsum senkten die Blumen kraftlos ihre Köpfe.

Krum drehte einen seiner Schlüssel im Vorhängeschloss herum und betrat die Baracke, in der die Luft stand. Es stank nach Teer, Terpentin und Büroabfällen. Der Raum war vollgestopft mit Gerümpel, Spitzhacken mit abgebrochenen Stielen, rostigen Ofenrohren, kaputten Kanistern und aus dem Leim gegangenen Schreibtischen. Irgendwo dazwischen lugte der Frontscheinwerfer des DKW-Motorrades hervor, das dem Bezirkskomitee zugeteilt worden war, ohne dass irgendwer geprüft hätte, ob es überhaupt fuhr. Als Krum den einen wackligen Schreibtisch umrundet hatte, sah er auch den gewaltigen Auspuff und den riesigen Beiwagen der Maschine, dessen dunkle Farbe unter der dicken Staubschicht kaum zu erkennen war.

Die Reifen waren platt, die Speichen sahen aus wie die Rippen eines abgemagerten Köters. Auf dem abmontierten Seitenwagen lag eine Motorradbrille mit Kautschukrahmen und breitem Gummiband. Krum zerrte das Zweirad aus dem Gerümpel heraus, dann säuberte er die Brille mit einem Stück Zeitung und streifte sie sich über. Er sah aus wie ein Taucher.
Jetzt nur noch rauskriegen, wie man das verflixte Ding hier fährt, dachte er. Er schob es ins Freie, strich sanft über seine Blechteile, als wolle er ein Wildpferd vor der Zähmung beruhigen, dann sprang er als Erstes in die Fahrradwerkstatt „Khan Asparuch“ nebenan, um von dort eine Luftpumpe zu besorgen.

Das Auftauchen dieses Mannes im leeren, aufgeheizten Hof der ehemaligen Bezirksverwaltung weckte Neugier. Die Damen an den Schreibmaschinen lugten aus ihren Kanzleien hinaus, doch dort waren nur Krum, der mehr Spucke im Mund hatte als der ganze aus Beton gemauerte Springbrunnen Wasser, und das Motorrad, das zu starten niemandem je gelungen war. Auch Zeichenlehrer Koitschev, der neuerdings für die optische Gestaltung der öffentlichen Agitation zuständig war, sah ihn. Ihm kam der Fremdling mit der riesigen Gummibrille auf der Nase wie ein pensionierter Kavallerist vor, der seinen verdienten alten Gaul zum Gnadenbrot führte. Trotz der unerträglichen, stehenden Hitze, fiel ihm auf, zog der Mann da unten weder seine Lederjacke aus noch setzte er seine Motorradbrille ab. Dabei wäre es ein Wunder, wenn er durch deren zerkratztes Glas überhaupt etwas sähe… Koitschev und die Maschinotypistinnen schlossen schnell ihre Fenster, um die Hitze auszusperren und zogen sich in den Schatten ihrer Räume zurück.

Krum setzte die Luftpumpe ans Ventil, merkte aber schon an den ersten pfeifenden Pumpgeräuschen, dass der Schlauch im Vorderreifens ein Loch hatte. Aber das ärgerte ihn nicht, und das freute ihn nicht. Es bestärkte ihn nur in dem Gefühl, dass es nur so und nicht anders sein konnte. Er ging erneut zur Fahrradwerkstatt, wirbelte hinter sich eine feine Staubwolke auf und kehrte zurück mit einem ölverschmierten Beutel voller Werkzeug. Eine halbe Stunde machte er sich an der Gabel zu schaffen, bis er das Vorderrad ausgebaut hatte, klemmte es unter den Arm, schaute, ob der Rest des Motorrads sicher stand und verschwand erneut.

Koitschev unterbrach erst um elf Uhr wieder die Arbeit an seiner Zeichnung, die eine gewaltige Fabrik der Zukunft mit rauchenden Schloten zeigte, und riskierte wieder einen Blick in den Hof. Da sah er das Motorrad schon blitzend und mit aufgepumpten Reifen dastehen. Daneben stand noch immer dieser seltsam unwirkliche Kerl mit Lederjacke am Leib und Brille auf der Nase und rauchte eine Zigarette. Fünf-sechs abgerissene Straßenkinder waren aufgetaucht, denen die Sonnenglut nichts ausmachte. Krum schenkte ihnen keine Beachtung. Er hatte nur Augen für das Motorrad, befasste sich methodisch mit einem Hebel, einem Griff nach dem anderen und drückte wie ein Idiot auf jeden Knopf. Schließlich setzte er sich rittlings auf das Sitzpolster und Koitschev sah sofort, dass er unmöglich das Gleichgewicht würde halten können. Krum schob sich mit den Beinen an, aber kaum hatte er seine Stiefelsohlen von der Erde gelöst, geriet er ins Schwanken wie ein ungeübter Seiltänzer. Er schlug links hin. Beim nächsten Versuch rechts. Einen konnte das Mitleid packen bei diesem Anblick. Mein Gott, in dieser Hitze, in der jede kleinste Bewegung wirkte, als renne man vor eine Wand.

Koitschev guckte sich fest an dieser aberwitzigen Anstrengung des Fremden, immer und immer wieder aufzusitzen, anzuschieben und hinzufallen, während die Kinder eins nach dem andern Richtung Donau verschwanden. Ihm begann sich alles vor Augen zu drehen. Schließlich hielt er es nicht mehr aus, riss das Fenster auf und rief in helfender Absicht hinaus:
„Hallo, Genosse… Nun bauen Sie doch den Seitenwagen an, dann fällt ihr Motorrad auch nicht mehr um!“

Krum erwiderte nichts, sondern drehte nur den Kopf zu dem Lehrer am Fenster um. Unter der trüben, zerkratzten „Taucherbrille“ war keinerlei Zustimmung oder Dankbarkeit zu erkennen. „Zum Teufel“, fluchte Koitschev und zog sich wieder in den Schatten zurück. Dann ging er ins „Hasenblut“, aß eine fleischlose Bohnensuppe, trank eine labberige Limonade und sah die Donau flimmernd zwischen ihren Ufern dahinfließen wie geschmolzenes Metall. Vom Offizierscasino hörte er das näselnde Kieksen einer einsamen Posaune. Als er wieder in sein Atelier im Bezirkskomitee zurückkehrte, war es schon zwei Uhr nachmittags.

Ein Blick in den Hof – der Mann und das Motorrad waren immer noch da. Der Seitenwagen war jetzt bereits anmontiert, und der Mann saß, ohne zu schwanken, auf dem Polstersitz. Nur dass er nicht wusste, was er nun machen sollte. Doch mit unfassbarer Hartnäckigkeit trat er ein ums andere Mal den Fußhebel, um den Motor zu starten. Auf einmal war ein röchelndes Husten zu hören. Krum trat das Pedal erneut, als gäbe er einem Reittier die Sporen, und wieder ließ der Motor sein bedenkliches Husten hören.
„Warum gehen Sie nicht in den Schatten, unter den Maulbeerbaum?“, fragte Koitschev, der aus unerfindlichen Gründen beim Betrachten des Mannes Schuldgefühle bekam.
„Es wird schon noch, es wird… Wo soll’s denn auch hin?“, antwortete der Mann da draußen ohne Zusammenhang. „Jetzt muss ich nur noch rauskriegen, wie man es fährt!“
„Haben Sie schon geprüft, ob Benzin im Tank ist“, fuhr Koitschev fort, dem höchst unbehaglich zu Mute war.
„Benzin ist da“, erwiderte Krum beflissen. „Hab selbst Benzin aus dem Vorratskanister des Bezirkskomitees nachgegossen, und fürs Öl bin ich extra ins Wehramt gegangen.“ Er nickte in Richtung einer alten Korbflasche, die unter der Maulbeere auf der Seite lag.

Koitschev fragte sich, wie sie diesen Mann bei den Militärs mit seiner unmöglichen Taucherbrille vorgelassen hatten, und wie er es geschafft hatte, dass sie ihm Motoröl in  diese bauchige Flasche abgefüllt hatten. Er schluckte seine Fragen herunter. Der Mann hätte sie auch gar nicht gehört, denn in diesem Augenblick schoss die DKW-Maschine knatternd und pfeifend auf das Becken des trockenen Springbrunnens zu. Kurz nach dem Aufprall sah Koitschev, wie der Mann in einer weichen Bewegung abhob und erst übers Lenkrad, dann über den Brunnen hinweg flog. Ein Plumps! Dann Stille. Koitschev entfuhr ein unwillkürlicher Laut, sein Brusthaar stellte sich auf. Er sah, wie eine dichte Staubwolke aufwirbelte und von der Sonne vergoldet wurde.
Da hörte er auf einmal von hinter dem Brunnen die bereits vertraute Stimme ruhig sagen: „Sehen Sie, dass es wird… Wo soll’s denn auch hin?“
Als Erstes tauchte die Brille des Menschen auf, dezent verschoben und blutverschmiert, dann dessen ganze Physiognomie. Ein verhaltener, aber mächtiger Jubel steckte in dieser Physiognomie, wie in einer gereckten Faust. Koitschev schluckte und verschwand wieder im Schatten seines Ateliers.

Den ganzen Nachmittag hörte er das Knattern und Bubbern des Motors. Er stellte sich vor, wie die Maschine um den Brunnen eierte, und der Mann in der Lederjacke mit stolz gereckter Brust oben auf dem Sitz und Augen, die immer auf die nächste Kurve gerichtet waren, unablässig zu wiederholen schienen: „Sehen Sie, dass es wird… Wo soll’s denn auch hin?“ Von Zeit zu Zeit war ein Krachen zu hören, wenn das Motorrad vor die Wand donnerte oder gegen den Holzschuppen. Dann riskierten auch die Maschinotypistinnen mal einen Blick und sahen, wie sich im Rückwärtsgang ein Mann und eine DKW mit Beiwagen wieder ihren Weg ins Freie bahnten.

Gegen halb acht bekamen die Schatten einen milderen Braunton. Die Zweige des Maulbeerbaums atmeten erleichtert aus. Von der Donau kam leise ein zwar sumpfig riechendes, aber kühlendes Lüftchen. Koitschev beendete sein Agitprop-Plakat zur Feier der bulgarisch-sowjetischen Freundschaft, räkelte sich vor der noch nassen Leinwand, verstaute die Temperafarben im Schrank, steckte sich eine Zigarette an und ging.

Der Mann im Hof fuhr bereits kokette Achterschleifen über den Hof und steuerte zum Zeichen seiner erworbenen Geschicklichkeit das DKW-Ungetüm mit nur einer Hand. Koitschev wurde das beklemmende Gefühl nicht los, dass dieser Mann, einmal gestartet, nie wieder anhalten würde. Das Benzin, so schätzte Koitschev, reichte für die ganze Nacht. Es sei denn, die nächste Kollision mit dem Schuppen setzte dem ganzen Knatterspektakel ein vorzeitiges Ende. Wie auch immer: Der Hausmeister kriegte morgen garantiert einen Schlag, auch wenn es nicht so mörderisch heiß war wie heute!

Während er die Zickzackfahrt des Motoristen verfolgte, wuchs in ihm das Verlangen, den Mann einmal ohne dieses Trumm von Taucherbrille zu sehen, seine Stimme aus der Nähe zu hören. War das schon die Anziehungskraft, die von Siegern ausgeht, das Verlangen, sich in den Strahlenkranz dessen zu stellen, der den Widerstand der Elemente gebrochen hat und nun triumphierend obenauf sitzt auf den Polstern des Erfolges? Immerhin hatte er ja den Kampf des Mannes mit dem störrischen Gefährt von Anfang an begleitet, und noch am Ende hatte er sich gefragt, ob es ihm wohl gelingen werde, die Scheinwerfer einzuschalten, wenn er wirklich die Nacht durch weiterfuhr, bis das Benzin alle war.

Vielleicht war es auch der Widerspruch aus kindlicher Hilflosigkeit und an Arroganz grenzender Selbstsicherheit, die der Ausstrahlung des Mannes in Kavalleristenstiefeln etwas zugleich Diabolisches und Charismatisches verlieh. Ja, Koitschev wurde sich bewusst, dass er nur an diesen Mann gedacht hatte, an die Unermüdlichkeit, mit der er jeden erdenklichen Widerstand überwand und kleinkriegte. Dieser Mann hatte sich nicht nur den Kopf beim Flug über den Brunnen gestoßen, hatte nicht nur das rostige Vorhängeschloss des Schuppens aufbekommen, sondern auch an den Schlaf der Stadt gerührt, und nicht nur das Motorrad, sondern ein Stück weit auch die stehende Luft der Sumpflandschaft von Widin in Bewegung versetzt.

Wenn dieser Kauz nur wollte, dachte Koitschev voller Ingrimm, würde er in einer Woche das Zeichnen lernen und das Plakat, über dem ich einen Monat gesessen habe, mir-nichts, dir-nichts im Nu herunterpinseln! Er stellte sich Krum mit zwei Pinseln zwischen den Zähnen vor und – wurde traurig, aber nicht des Mannes wegen, sondern seiner selbst wegen. Bevor ihn die Melancholie vollends packte, rief er:
„He, Genosse, wie heißen Sie eigentlich?“
Der Angesprochene drehte ihm erneut das Gesicht zu, so weit das beim Fahren ging, denn er wollte das eben Errungene um keinen Preis gefährden. Als er alles unter Kontrolle hatte, hielt er plötzlich vor Koitschev an, klopfte sich den Staub von der Jacke und sagte in einem Ton, als sei er der Auspuff seines Motorrads:
„Krum Marijkin… Bin vorgestern geradewegs aus Kula gekommen. Ich könnte Sie fahren!“

Die Gefahr hat immer etwas fatal Anziehendes; vermutlich erklärte sich Koitschev deshalb todesmutig bereit, sich nach Hause fahren zu lassen. Mit dezentem Ekel hob er die schmuddelige Abdeckplane vom Sitzloch des Beiwagens und ließ sich hineinrutschen ins Abenteuer einer Fahrt durch Widins enge Straßen und Gassen, die bedauerlicherweise immer in einer Kurve endeten. Koitschev torkelte wie ein Betrunkener nach links, dann nach rechts. Seine Finger schmerzten schon, so heftig umklammerten sie den Haltegriff. In seine Augen geriet Staub. Das alte Motorrad aber zerfiel zu seiner Verwunderung nicht in seine Bestandteile, sondern wurde im Laufe der Fahrt immer flinker und wendiger, so als wollte es Widins verschlafenen Sträßchen mal zeigen, was Fortbewegung heißt. Wenn er Menschen vor sich auftauchen sah, die beängstigend schnell näher kamen, beugte sich Koitschev so gut es ging vor und rief aus voller Kehle: „Aufgepaaasst…“ Dann schaute er ängstlich zu Krum Marijkin hoch, um zu prüfen, ob er dessen Fahrkünste mit seinen häufigen Warnungen nicht beleidigte.

Schließlich kam der Moment der Erlösung: Krum betätigte die Bremse, und das alte Motorrad kam zwischen aufgescheuchten Hühnern zum Stehen.
„Sie sind sehr sicher gefahren“, kommentierte der zu Tode erschöpfte Lehrer. „Ich lade sie gern auf ein Glas Wein zu mir ein.“
„Alkohol trinken, das ist nicht gut“, erwiderte Krum tadelnd; dennoch zog er den Zündschlüssel ab und sprang geschickt auf die Erde.
In der durchscheinenden Bläue des Abendhimmels sah das Haus von Gina Jotzova riesig aus, fast unwirklich. Durch den verlassenen Garten stahl sich eine Katze, und bei einem leichten Windstoß bewegte sich knarrend das Tor zum verfallenen Pferdeschuppen. Der rote Ball der Sonne schien erschöpft auf dem Kamin des Hauses Rast zu halten, bevor er versank. Aus dem einzigen Fenster, dessen mottenzerfressene Vorhänge zurückgezogen waren, drang ein Hauch von Altersheim und Einsamkeit.
„Hier habe ich ein Zimmer in der oberen Etage gemietet“, wies ihm Koitschev den Weg. „Bitte einzutreten…“

Kategorien: Art Café · Frontpage

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