Eine Reportage von Dessislava Berndt
Am 9. Januar 2010 begann die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 mit einem dreitägigen Kulturfest. Bewohner und Besucher dürfen sich das ganze Jahr auf rund 300 Projekte mit über 2 500 Veranstaltungen freuen. Eines dieser Projekte war die spektakuläre Sperrung des Ruhrschnellwegs zwischen Dortmund und Duisburg am 18. Juli 2010. Ich war auch dabei und hier sind meine Eindrücke.
Endlich ist der 18. Juli 2010 da. Nach letzten Vorbereitungen am Vortag – einschließlich Besuch beim Baumarkt (glücklicherweise hatte er noch bis 20 Uhr geöffnet) und Bau unserer Fotopräsentationskonstruktion (durch meinen Maschinenbau studierten Mann unter Verwendung einer Schutzbrille beim Bohren und Schneiden) – frühstücken wir früh morgens. Gegen 8 Uhr sind wir soweit fertig und beladen das Auto mit der von mir gebackenen bulgarischen Baniza (gefüllter Blätterteig: einmal mit Porree und Schafskäse und einmal mit Äpfeln), den Fotos meines Bruders, einen kleinen roten Koffer mit anderen Utensilien und mit der wohl einzigartigen Konstruktion aus Besenstielen und Holzresten.

Die selbstgebackene bulgarische Baniza, Foto: D. Berndt
Die Fahrt nach Essen verläuft ruhig und plötzlich sind wir genau an „unserer“ Ausfahrt Essen Frohnhausen angekommen und bekommen sogar einen Parkplatz in einer Wohngegend, den wir unter der Beobachtung einer älteren Dame am Fenster eines Hauses mit dem von meinem Schwiegervater geliehenen Wagen besetzen.
Es folgt eine Runde zu Fuß zur Autobahn und zum naheliegenden Pressezentrum, wo ein Höhenkran mit Gondel für Fotoaufnahmen aus der Luft direkt auf der Straße aufgebaut ist. An Volontäre mit blauen Jacken und Rucksäcken vorbeikommend zucken unsere Fotoapparate. Schließlich muss ein solcher Tag ausgiebig dokumentiert werden, denn keiner weiß zu diesem Zeitpunkt, ob dieses Ereignis jemals wieder stattfinden wird (spät nachmittags wird klar: ja, dieses Ereignis wird wieder stattfinden).
Der Höhenkran mit Gondel, Foto: D. Berndt
Volunteers, Foto: Nelly Dimitrova
Die Autobahn ist ruhig, keine Autos, nur eine Reihe Tische wartet, als längste Tafel der Welt mit Einheimischen und Besuchern besetzt zu werden. Die Organisation ist wie erwartet einwandfrei.
Nach der bejahenden Antwort der am Ausgang stehenden Verantwortlichen, dass ich meinen Tisch besetzen darf, folgt eine weitere Runde zum Auto. Beladen mit dem Gepäck dürfen wir die leere Autobahn betreten und schreiten in bester Laune zu unserem Tisch.
Die A40 um 9 Uhr am 18.07.2010, Foto: D. Berndt
Eigentlich hatte ich ursprünglich vor, mit meinen aus Bulgarien kommenden Besuchern nur entlang der Autobahn zu flanieren und anderen zuzuschauen. Nachdem ich aber einen Tisch gewonnen hatte, verwandelte ich mich plötzlich in einen unmittelbaren Teilnehmer des Festes. Dies führte zu der freiwilligen und unfreiwilligen Verpflichtung meiner Gäste und meines Mannes mitzumachen.

Unsere Fotoausstellung, Foto: Nelly Dimitrova
Und so standen wir da, am 18. Juli 2010, um 10 Uhr, mitten auf der A40 zwischen Dortmund und Duisburg, am Kilometer 56,4, Tisch 40 des Blocks 36 und bauten die Fotopräsentationsvorrichtung auf. Leichter Windstoß weckte erste Zweifel (natürlich nicht an die Stabilität der Vorrichtung meines Mannes), ob die auf Styroporplatten geklebten Fotos dem Wind standhalten können. Zusätzlich mit Klebeband gesichert stand endlich unsere Fotopräsentation in voller Pracht der Aufmerksamkeit der vorbeigehenden Besucher zur Verfügung.

Bulgarische Spezialitäten, Foto: D. Berndt
Nach kurzer Zeit gab es auch die ersten Zuschauer. Nach einer weiteren Stunde führte das Auspacken der bulgarischen Baniza zu einem verstärkten Interesse an der Fotoausstellung. Aber auch andere Anliegen kamen zur Sprache. Die Unterhaltung mit einem die Bilder mit Interesse betrachtenden älteren Mann führte zu einem Eintrag in unserem Meinungsbuch, der jedoch weniger mit den gesehenen Bildern zu tun hatte, sondern sich mit dem an die Stadt gerichteten Wunsch nach der Verschönerung eines Parkplatzes an der Autobahn beschäftigte. Nun ja, jeder hat Recht auf seine Meinung.
Der Eintrag des Herrn Hirschmann, Foto: D. Berndt
Bei meiner kurzen Abwesenheit verpasste ich den sympathischen Herrn Hirschmann aus Brüssel, der eine witzige Zeichnung und nette Worte in das Meinungsbuch eingetragen hatte. Man berichtete mir auch über das dem Herrn Hirschmann gegebene Interview über unsere Fotopräsentation. Er habe in einem der ausgestellten Fotos das berühmte Atomium erkannt, das mein Bruder bei einem Besuch in Brüssel festhielt und das sich hier nach erfolgreicher Computerbearbeitung in schwarzweiß präsentierte.

Atomium, Foto: D. Berndt
Die Leute flanierten an uns vorbei, ab und an gab es eine Frage oder Bemerkung. Das Wetter war sonnig und warm, schöne Schäfchenwolken wanderten am Himmel über uns her. Die Atmosphäre war entspannend und angenehm, die Leute – fröhlich und interessant. Später erfuhren wir, dass statt der erwarteten 1 Mio. Besucher mehr als 3 Mio. Menschen dabei waren und man fühlte sich noch mehr als Teil eines wichtigen historischen Ereignisses.

Die A40 gegen 12 Uhr, Foto: D. Berndt
Auf dem Weg zu unserem Tisch sahen und hörten wir die AWO „Glückauf“ singen, viele blaue Schirme über und kleine Blumentöpfe auf den Tischen waren auf der „Fußgängerspur“ zu sehen. Die so genannte Mobilitätsspur war nicht weniger interessant – klein und groß, jung und alt, mit eigenem Fahrrad oder auf Tandem oder mit Gleichgesinnten den Biertisch auf Rädern bewegend, fuhr man langsam oder zügiger entlang, winkte, lachte und sprach mit- und untereinander. Wir machten Fotos und freuten uns mit.
Die AWO singt “Glückauf”, Foto: D. Berndt
Neben uns baute ein Wanderverein sein Zelt auf und begrüßte mit Klatschen und Rufen jeden dazukommenden Freund.

Bierbike, Foto: Nelly Dimitrova
Auf der anderen Seite setzte sich eine Familie hinzu und spielte Karten. Irgendwann verschwanden sie in der Menge und wir breiteten unsere bei vergangenen Urlauben gemachten Bulgarien-Bilder aus. Und siehe da, kurz darauf wurden sie in den Händen junger Menschen bewundert.

Unsere Besucher, Foto: D. Berndt
Dass die Tafel mit internationaler Teilnahme war, bewies Claudia vom niederländischen „Handelsblad“. Sie kam zu uns und erkundigte sich nett nach dem Fotografen und nach der Geschichte unserer Teilnahme. Auch Natascha aus Serbien kam schon zum dritten Mal, um sich die Bilder anzuschauen; und später brachte sie ihren Freund mit, der auch begeistert war.

Unsere Besucher, Foto: Nelly Dimitrova
Die dritte ausgepackte Baniza erfreute sich erneut eines hohen Interesses. Der Mann eines offensichtlich zweisprachigen Paares probierte so gern davon und von den mit bulgarischen Gewürzen selbstgemachten Frikadellen, dass seine Frau ihn mit Lachen wegzerrte.

Unsere Besucher, Foto: Nelly Dimitrova
Nachdem Baniza und Frikadellen aufgegessen waren, mit Leuten gelacht und gesprochen wurde, bauten wir die Fotopräsentationskonstruktion unter den beeindruckten Augen des Wandervereins ab, machten die Fotos ab, packten den kleinen roten Koffer und rollten damit glücklich und zufrieden zum Auto.
Danke Ruhr 2010, danke Essen! Wir waren gern dabei!
















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