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Rilkes Kunstding im Vergleich zur Dingtheorie Martin Heideggers Teil I

15 Juli, 2009 von · Keine Kommentare

Maria Endreva, Universität Sofia


Foto: ‘Playingwithbrushes’

Das Ding

Heidegger stellt die Frage nach dem Ding in seiner Vorlesung, die er im Wintersemester 1935/36 unter dem Titel „Grundfragen der Metaphysik“ an der Universität Freiburg i. Br. gehalten hat. Nach ihm hat das Ding eine engere und eine weitere Bedeutung. „Ding“ im engeren Sinne meint das Greifbare, das Vorhandene, das Sichtbare. „Ding“ im weiteren Sinne meint eine Angelegenheit, auch Begebenheiten und Ereignisse z.B. die Bedeutung im Satz „Es sind merkwürdige Dinge im Spiel“, „er ist guter Dinge“, „vor allen Dingen“. Es gibt noch eine andere weite Bedeutung, die im 18. Jahrhundert ihren Gehalt durch Kants Philosophie bekam – „das Ding an sich“, das als ein Pendant zum „Ding für uns“ anzusehen ist. Heidegger erläutert den Unterschied zwischen den beiden Begriffen folgendermaßen:

Ein Ding an sich ist jenes, was uns Menschen nicht so wie Steine, Pflanzen und Tiere durch die Erfahrung zugänglich ist. Jedes Ding für uns ist als Ding auch Ding an sich, d.h. es wird in der absoluten Erkenntnis Gottes absolut erkannt; aber nicht jedes Ding an sich ist ein Ding für uns.

Ein solches Ding an sich, das kein Ding für uns ist, ist z.B. Gott. Gott ist ein Ding, sofern er überhaupt etwas ist, ein Ding, weil er nicht Nichts ist. So ist auch die Zahl ein Ding, der Glaube, die Treue usw.

Damit man die Frage nach dem Ding, abgesehen von der jeweiligen wissenschaftlichen Beschreibung der Eigenschaften jedes Dinges, beantworten kann, muss man sich bewusst werden, dass die Philosophie jenes sucht, was das Ding als Ding, nicht als Stein und als Apfel oder als Hund, zu einem solchen macht. Die Philosophie sucht, was „das Ding be-dingt“.
Wir fragen nicht nach einem Ding irgendwelcher Art, sondern nach der Dingheit des Dinges. Sie, die das Ding zum Ding be-dingt, kann selbst nicht wieder ein Ding sein, d.h. ein Bedingtes. Die Dingheit muss etwas Unbedingtes sein.

Die Dingheit der Dinge also ist im Sein zu suchen, was wiederum mit der Wahrheit identisch ist. Die Frage nach der Erkennbarkeit dieser Dingheit aber ist sehr schwer zu beantworten, vor allem wegen der menschlichen Art der Wahrnehmung. Wenn man die Rilkeschen Aussagen über das Kunstding in Betracht zieht, entdeckt man viele Überschneidungen mit Heidegger. Die neue das sehende Subjekt ignorierende Sichtweise auf die Dinge, die Rilke bei Rodin und Cézanne entdeckt und für das eigene Schaffen sehr geschätzt hat, wird auch bei Heidegger problematisiert. Die subjektive Sichtweise des Menschen ist das eigentliche Hindernis für die Entdeckung der „Dingheit“ der Dinge.

Eigentlich sind wir als einzelne Menschen einzelne Subjekte und Iche, und das, was wir vorstellen und meinen, sind nur subjektive Bilder, die wir in uns herumtragen; zu den Dingen selbst kommen wir nie hinaus.

Was für Heidegger und Rilke bei ihren Kunstbetrachtungen gemeinsam ist, ist, dass beide die Frage nach der Kunst nicht vom Künstler, sondern vom Kunstwerk herleiten. Heidegger sucht den Ursprung des Kunstwerkes in der Kunst als ein „Ins-Werk-Setzen der Wahrheit“. Die Beziehung der Wahrheit zum Ding wurde oben schon kurz angedeutet. Das Kunstwerk ist demnach ein Ding, was in engster Beziehung zur Wahrheit steht. Nicht die Empfindungen des Subjekts sind es, die auf das Eigentliche Sein des Dinges zurückweisen, sondern das Ding in sich selbst verbirgt einen Verweis auf das Sein. Es kann das Sein offenbaren.

Ding, Oberfläche, Handwerk

Als Ausgangspunkt für Rilkes Ansichten über das Ding wird hier seine Kunstmonographie Auguste Rodin genommen. Dabei handelt es sich auf den ersten Blick um die Kunstansichten Rodins, die Rilke dank einer Analyse seiner plastischen Werke systematisiert hat, aber wenn man das Gesamtwerk Rilkes kennt, dann kann man sagen, dass in diesem kunstkritischen Werk vielmehr Rilkes eigene ästhetische Anschauungen einen Ausdruck gefunden haben. Rein inhaltlich kann man die Monographie in verschiedene thematische Kreise zerlegen. Das inhaltliche Zentrum bildet dabei das Kunstding, das alle damit zusammenhängenden Themenkomplexe wie das Sehenlernen, Arbeiten, das Wesen des Handwerklichen, die Frage nach Raum-Zeit- und Form-Inhalt-Verhältnis oder die Einsamkeit des Künstlers auf sich bezieht.
Das Ding für sich allein sah Rilke zuerst ausschließlich in der Bildhauerei verwirklichbar.
Das Bildwerk war allein, wie das Bild allein war, das Staffelei-Bild, aber es bedurfte ja auch keiner Wand wie dieses. Es brauchte nicht einmal ein Dach. Es war ein Ding, das für sich allein bestehen konnte, und es war gut, ihm ganz das Wesen eines Dinges zu geben, um das man herumgehen und das man von allen Seiten betrachten konnte.

Die Dingwerdung hat in diesem Bereich der Kunst eine nicht nur konzeptionell ausgeformte, sondern auch eine konkret gegenständlich-dingliche Provenienz. Wenn man das Kunstding als Verwirklichung einer Sehnsucht, die aus der Natur ausgeht, dann ist die Plastik Verwirklichung eines Naturdings. Rilke versucht die Rodinsche Plastik mit dem Dinggedicht gleichzusetzen. Dieser Umstand ist von der Forschung weitgehend erforscht und nachgewiesen. Nach Hartmut Engelhardt, der in seiner Studie über Rilkes Neue Gedichte und Malte Laurids Brigge die Frage nach der dichterischen „Verwirklichung“ der Dinge erwähnt, sei diese Verwirklichung „das Gedicht selbst, nicht das bedichtete Ding“ . Das Gedicht nimmt somit Prädikate des Dings auf.

Was für die Dinge, die darzustellen sind, gilt, egal ob in der Dichtung oder in der plastischen Kunst, ist ihre geheimnisvolle Verschlossenheit für den Menschen. Laut Heidegger stehen die Dinge in verschiedenen Wahrheiten. Wenn man die Sonne untergehen sieht, ist es eine Wahrheit, aber auch ein Schein, denn das, was wir dabei sehen, ist eigentlich nur der Schein der Sonne, die schon vor ein paar Minuten untergegangen ist. Was wir auch als Sonnenuntergang bezeichnen, entspricht unserer Wahrnehmung aber nicht den physischen Gesetzen, denn die Sonne bewegt sich nicht über die Erde, sondern die Erde um die Sonne. Man kann noch unzählig viele Beispiele anführen, die belegen, dass jedes Ding aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann, die möglicherweise alle eine Wahrheit in sich enthalten. Und daraus resultiert die Frage, von wo aus man das Dingsein der Dinge entscheiden soll? Heidegger formuliert das Problem als eine Fragestellung: „Wie sollen wir etwas von der eigentlichen Wahrheit über das Ding wissen, wenn wir nicht das Ding selbst kennen, um zu entscheiden, welche Wahrheit ihm zukommen kann und muß?“ Die verschiedenen Wirklichkeiten, in denen ein und dasselbe Ding existiert, hindern den Menschen am Erkennen. Er muss einen Abstand, eine Lebensferne erlangen, damit man einen klaren Blick auf das Ding selbst erhalten kann.


1. Heidegger, Martin: Die Frage nach dem Ding. Zu Kants Lehre von den transzendentalen Grundsätzen. Niemeyer Tübingen 1962, S. 4
2. Ebd. S. 7
3. Heidegger, M.: Die Frage nach dem Ding. S. 9
4. Rilke: Auguste Rodin. Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, (vgl. Rilke-SW Bd. 5, S. 148)
5. Engelhardt, Hartmut: Der Versuch wirklich zu sein. Zu Rilkes sachlichem Sagen. S. 34
6. Heidegger, M.: Die Frage nach dem Ding. S. 20

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