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Rilkes Kunstding im Vergleich zur Dingtheorie Martin Heideggers Teil III

24 Juli, 2009 von · Keine Kommentare

Maria Endreva, Universität Sofia


Foto: Zevotron

Lauter Oberflächen zu formen aber wird von Rilke als Handwerk bezeichnet. Das Handwerkliche gründet somit in einer tieferen Sphäre des Verständnisses der Bedingungen für das Schaffen eines Kunstwerkes, sprich für Veranlassung einer Dingwerdung.

Bedenken Sie, wie der arbeiten mußte, der aller Oberfläche mächtig werden wollte; da doch kein Ding dem anderen gleich ist. Einer, dem es nicht darum zu tun war, den Leib im Allgemeinen kennen zu lernen, das Gesicht, die Hand (das alles giebt es nicht); sondern alle Leiber, alle Gesichter, alle Hände. […] Ein Handwerk entsteht, aber es scheint ein Handwerk für einen Unsterblichen zu sein, so weit ist es, so ohne Absehen und Ende und so sehr auf Immer-noch Lernen angelegt.

Diese Führung der Kunst zum Alltäglichen, Handwerklichen und die so große Wertlegung auf die Arbeit als einen mechanischen Prozess dient der Nährung zum Ding, zu seiner Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit.

Indem die Kunst von der Aufgabe befreit wird, Sphäre des Geistigen zu sein, und auf die Dinge gerichtet wird, gewinnt sie die Möglichkeit zur Wahrheit, zum Sein der Dinge und folglich zum eigenen Sein zu gelangen. Das Greifbare dient der Orientierung des Künstlers in seiner schöpferischen Tätigkeit. Er lässt sich von greifbaren und sinnlich wahrnehmbaren Formen leiten, auch wenn er das Geistige zu schaffen vorhat.

„Und wer alle Formen zu sehen und zu geben vermöchte, würde er uns nicht (fast ohne es zu wissen) alles Geistige geben?“ Die ganze Welt in einer Gebärde darzustellen, wie van Gogh eine ganze Welt in ein Paar Bauernschuhen gezeigt hat, hängt nicht von großen Ideen ab, sondern davon, „ob man aus ihnen ein Handwerk schafft, ein Tägliches, Etwas, was bei einem aushält bis ans Ende.“ Das Alltägliche ist die Voraussetzung alles Erkennens, Grund und Boden aller künstlerischen Bemühungen. Die Werke von Rodin verleiten nach Rilke den Betrachter zu einem Weg, der zu den Dingen führt.

Am Anfang des Weges stehen die dargestellten Menschen mit ihren Schicksalen, Geschichten und Namen, dann verschwinden sie allmählich und man nähert sich dem Grund, man sieht schon nur Männer und Frauen, und je länger man hinsieht, desto mehr versetzt man sich in diese Werke und man sieht am Ende auch nicht mehr Männer und Frauen, sondern nur Dinge.

Der Inhalt des Werkes vereinfacht sich vielmals in diesem Prozess der intensiven Wahrnehmung und man sieht letztendlich nur Dinge. Das Handwerkliche sorgt für die Qualität der Wahrnehmung, es garantiert, dass das Werk genau wie eine Uhr oder eine Waage nicht durch sein Aussehen, sondern durch sein Gut-gemacht-Sein wirkt.

Die gute Arbeit, die gewissenhaft jeden Tag verrichtet wird, trägt zur Qualität der angefertigten Werke bei. Und die Arbeit äußert sich in dem Sich-nach-dem-Ding-richten. Das heißt, nach der Wahrheit. Das Ding von allen Seiten, mit allen Einzelheiten zu kennen, das ist die Aufgabe und die praktische Arbeit des Künstlers, das macht ihn zum Handwerker und Arbeiter. Die Voraussetzung für die Entstehung des Dings, für die Dingwerdung ist die genaue Betrachtung der Dinge. Erst dann gelangen sie zu ihrer Inselhaftigkeit, die sie vom Ungewissen und Unwahren abhebt.

Ein Ding nachformen, das hieß: über jede Stelle gegangen sein, nichts verschwiegen, nichts übersehen, nirgends betrogen haben; alle die hundert Profile kennen, alle die Aufsichten und Untersichten, jede Überschneidung. Erst dann war ein Ding da, erst dann war es Insel, überall abgelöst von dem Kontinent des Ungewissen.

Die Arbeit an jedem Modell ist die gleiche, sie muss gewissenhaft, demütig und hingebend ausgeführt werden. Das Wählen in der Arbeit soll beseitigt werden. Man darf als Künstler nicht wählen, denn man muss unbefangen sein. Der Schaffende hat nur die Aufgabe, der Stimme der Dinge zu gehorchen. In Rodins Kunst sieht Rilke die Arbeit auf diese vorbildliche Weise verwirklicht. Rodins Werke seien wie unberührt, wie Mitteilungen von etwas Anvertrautem, was von den Dingen zum Künstler kam.

Das Größte in Rodins Entwicklung als Bildhauer sah Rilke in zwei Momenten: Die Erwerbung des Lichtes für die gestalteten Oberflächen und die Erwerbung des Raumes, was mit dem ersten eng verbunden ist.

Die Kunstdinge bei Rodin wiederholen jedes Mal eine Gesetzmäßigkeit, von der sie erfüllt sind, und die dem Künstler vertraut geworden ist. Rilke beschreibt diese mit einem fast fachmännischen Stil, was für seine Ausdrucksweise nicht so typisch ist. Die Dinge gewähren dem Menschen einen Blick, wo er diese besondere Gesetzmäßigkeit entdeckt.

… eine geheimnisvolle Geometrie des Raumes, die ihn einsehen ließ, daß die Konturen eines Dinges in der Richtung einiger gegeneinander geneigter Ebenen sich ordnen müssen, damit dieses Ding vom Raume wirklich aufgenommen, gleichsam von ihm anerkannt sei in seiner kosmischen Selbständigkeit.

Das Schauen in die Arbeit einzuführen, als Gegenstand der Arbeit sogar. Rilke ahnt die Schwierigkeiten solcher Arbeit und ihre Unzugänglichkeit für die meisten. Es ist wie schon erwähnt, eine absichtslose, über das Handwerk gehende Arbeit. Die Konzentration, der Fleiß und die Beständigkeit sind die wichtigsten Komponenten der Arbeit, nicht die Inspiration.

Was über das Schaffen des Bildhauers besonders prägnant von Rilke als Markenzeichen formuliert worden ist, ist die Umwandlung des Stofflichen oder sogar der Verzicht darauf.

Der Kunstkritiker Rilke, der in seiner Monographie lange Ekphrasen schafft, mit der er sein Publikum einerseits mit Rodins Schaffen vertraut machen soll, andererseits aber sie als Belege für die Erläuterung des Kunst-Dings bei Rodin verwendet, betont das Leben-Durchdrungensein der von ihm beschriebenen Skulptur und beteuert die Getrenntheit des Kunst-Dings vom Stofflichen. Immer wenn Rodin eine stoffliche Anregung von außen bekam, hat er sie sofort innerlich verarbeitet und sie nicht ins Werk hineingesetzt.

Das Stoffliche wird bei dem Künstler ins Namenlose, ins Sachliche übersetzt, ohne Spuren von einer antiken Sage oder woher auch die Anregung kam, merken zu lassen. Das Vergessen und Verwandeln des Motivs ist das Schlüsselwort in diesem Prozess.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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