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Rilkes Kunstding im Vergleich zur Dingtheorie Martin Heideggers Teil IV

26 Juli, 2009 von · Keine Kommentare

Maria Endreva, Universität Sofia


Foto: guldfisken

Das 13. Sonett

Rilke spürte mit seiner dichterischen Intuition die Wahrheit, die sich den einzelnen Dingen anmessen soll. In seinen Sonetten an Orpheus und in den Duineser Elegien setzt er den Dingen ein unvergleichliches dichterisches Denkmal, wo er eine Art Philosophie mittels der Dichtung zum Ausdruck bringt. Ein kleines Beispiel aus den Sonetten, die ein treffendes Beispiel sind, welche Tragweite das Ding für Rilke besitzt.

Voller Apfel, Birne und Banane,
Stachelbeere… Alles dieses spricht
Tod und Leben in den Mund… Ich ahne…
Lest es einem Kind vom Angesicht,

wenn es sie erschmeckt. Dies kommt von weit.
Wird euch langsam namenlos im Munde?
Wo sonst Worte waren, fließen Funde,
aus dem Fruchtfleisch überrascht befreit.

Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt.
Diese Süße, die sich erst verdichtet,
um, im Schmecken leise aufgerichtet,

klar zu werden, wach und transparent,
doppeldeutig, sonnig, erdig, hiesig –:
O Erfahrung, Fühlung, Freude –, riesig!

Es ist das XIII. Sonett im Zyklus. Was hier am meisten auffällt, ist, dass die Dinge selbst für sich sprechen. Man ist aber nicht mit der Gewissheit des Wissenden und Weisen ausgestattet. Man ahnt nur von ihnen, kann nur vermuten, wie es um die Dinge selbst bestellt ist, nicht aus der eigenen Sicht, nicht unter den Bestimmungen von Zeit, Raum und der Einmaligkeit.

Die Dinge sind, wie sie sind, ohne dass man von ihnen mehr sagen kann, als dass man ihre Eigenschaften aufzählte. Die Dingheit der Dinge ist ein Kern, um den viele Eigenschaften liegen, die die verschiedenen Dinge als voneinander verschieden ausmachen. Das Ding ist das einzig Wichtige.

Aber vor seiner Wahrheit zieht man sich stumm zurück. Man gleitet ins Unaussprechliche. Die ersten zwei Zeilen im zweiten Quartett: „Dies kommt von weit. Wird euch namenlos im Munde?“ bezeichnen genau das Wesen des Dinges, das weit von dem Gegenständlichen ins Ontologische gerückt wird.

Diese Unantastbarkeit der Dinge in diesem Bereich, ihre Unerkennbarkeit gerade dort kann nur auf ihr verborgenes Sein verweisen, darauf, was die Dinge für sich und nicht für uns sind. Dies führt zu dieser Namenlosigkeit, die im Gedicht auch ein zweites Mal betont wird: „Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt.“ Der Apfel hier lässt sich auf eine typisch Rilkesche Weise, aber auch heideggerianisch als das Sein des Dinges ausdeuten.

In seinem Aufsatz über Rilke schreibt Heidegger in diesem Sinne von dem Wagnis in einem späten Gedicht Rilkes: „Das Sein ist das Wagnis schlechthin. Es wagt uns, die Menschen. Es wagt die Lebewesen. Das Seiende ist, insofern es das je und je Gewagte bleibt.“ Die Namenlosigkeit der Dinge ist andererseits sehr wichtig für die Erkenntnis, denn die Erkenntnis erweist sich dann als eine Namengebung. Niemand ist unbefangen einem Ding gegenüber, das schon einen Namen hat. So schreibt Rilke in der Rodin-Monographie folgendes zu diesem Gedankengang:

Denn wer ist noch unbefangen Formen gegenüber, die einen Namen haben? Wer wählt nicht schon aus, wenn er etwas Gesicht nennt? Der Schaffende aber hat nicht das Recht, zu wählen. Seine Arbeit muß von gleichmäßigem Gehorsam durchzogen sein. Uneröffnet gleichsam, wie Anvertrautes, müssen die Formen durch seine Finger gehen, um rein und heil in seinem Werke zu sein.

Das Vorwissen und das Wählen, der Stoff des Kunstwerkes also ist ausgeklammert. Der Künstler soll im Unterschied zu den anderen Menschen unbefangen bleiben. Ihm wird die Möglichkeit der Reflexion über seine Darstellungen aberkannt. Es ist eine Art Demut des Künstlers, die ihm hilft, zur Sachlichkeit zu kommen.

Das subjektlose Modellieren Rodins macht aus allen seinen Plastiken immer erfüllte Dinge, da der Künstler immer mit einer selbstlosen Hingabe an das Vorhandene handelt. Das selbstlose, intentionslose Produzieren eines Kunstwerks darf nichts Anderes als sein Gegenstand sein. Er geht so in den Bereich der Natur, denn sein Schaffensvorgang gewinnt Züge eines Naturvorgangs, eines organischen Wachstums. So sind „wachsen“ und „machen“, so entgegengesetzt sie auch zuerst scheinen, hier mit einer ähnlichen Bedeutung belegt. Dieses Streben nach Sachlichkeit und Unbefangenheit findet sich auch in Rilkes Briefen über Cézanne.

Da in der Geschichte der Philosophie das Sein ohne Ausnahmen mit der Wahrheit verbunden wurde, würde dies für Rilke bedeuten, dass er die Wahrheit in den reinen Dingen sieht. Nur das ist wahr, was mit den Tatsachen übereinstimmt.

„Es stimmt überein, wenn es sich nach den Tatsachen richtet, d.h. wenn es sich dem anmißt, wie die Dinge selbst sind. Wahrheit ist demnach Anmessung an die Dinge.“ Deswegen richtet sich alles auch bei Rilke nach den Dingen. Alles ist um ihre Eigenschaften zentriert. Die Süße, der Saft des Apfels, der sich verdichtet, um ganz transparent und klar zu werden, aber gleichzeitig auch „doppeldeutig, sonnig, erdig“ und „hiesig“ als Gegensatz zum Weitsein des dinglichen Wesens, das am Anfang des Gedichtes festgestellt wurde.

Durch das Eindringen in die Eigenschaften des Dings selbst können wir Aussagen machen, die das unaussprechliche Wesen des Dings nicht vollständig erfassen können, aber als wahre Aussagen aufgefasst werden können, indem sie den Eigenschaften des Dinges entsprechen. Die Aussage ist auf diese Weise der Ort der Wahrheit, denn die kann falsch oder richtig sein. Das Ding in seiner Unverzwecktheit zu sagen, das ist das Ziel des Dichters, der sich der Schwierigkeit dieses Unterfangens völlig im Klaren ist.

Der Weg, den Rilke wählt, ist das Ding als etwas „Natürliches“ aufzuzeigen, mit seinen Eigenschaften, die aus dem alltäglichen Leben erkannt werden können, obgleich das Ding auch eine andere nichtalltägliche Seite hat. Wo sonst Worte waren, fließen jetzt „Funde, aus dem Fruchtfleisch überrascht befreit“.

Diese Funde, die selbst überrascht befreit sind und nicht zum Beispiel überraschend befreit, kommen aus dem Ding selbst. Unmittelbar auf das Subjekt, das sie wahrnimmt. Heideggers Herangehensweise liegt der Rilkeschen sehr nah. Er formuliert die Bestimmung des Dings als des Trägers von Eigenschaften als ganz natürliches Ergebnis aus der alltäglichen Erfahrung . „Natürlich“ ist in dem Sinne von Selbstverständlichkeit gemeint.

Das Mädchenhafte und das Kindliche sind für Rilke die Topoi des Natürlichen, die nicht von dem Geschichtlichen belastet worden sind. Sie erscheinen regelmäßig in seinem lyrischen Werk als Quelle des Reinen und der Freiheit der Sicht. Im zitierten Gedicht ist das Kindliche auch die Marke für die Natürlichkeit, die zur Erkenntnis fähig ist.

Die Natürlichkeit oder das Natürliche ist aber immer epochenabhängig. In einer Zeit oder einem Raum wird etwas als von sich verständlich erachtet, während es in anderem Zeitraum als nicht natürlich wahrgenommen wird. Das heißt auch, dass das Natürliche nicht mehr natürlich ist, sich als Schein erweist. Diese Geschichtlichkeit des Natürlichen wird durch die Anwendung des Kindlichen und des Mädchenhaften bei Rilke überbrückt.

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