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Rundbrot, Stroh und Weihnachtssänger – Teil 1

19 Dezember, 2017 von · Keine Kommentare

“Rundbrot, Stroh und Weihnachtssänger. Das Weltbild der alten Bräuche.” von Thomas Frahm
Ausschnitt aus dem Buch “Oh Bulgarien”

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160 S., Hardcover mit Schutzumschlag,
22,00 €, Fotos und Abb., teils farbig,
ISBN 978-3-929634-77-8, https://choraverlag.de/

Bulgarien wird oft als eine Mischung aus billigem Urlaubsziel und europäischem Sozialfall betrachtet. Dies einseitige Klischee zu kritisieren, kann nur ein erster Schritt sein. Das vorliegende Buch versucht, zu beschreiben, warum es nur ein Klischee ist, indem es Antworten auf die Frage gibt: Was hat Bulgarien denn zu bieten, was uns interessieren, faszinieren, positiv beeindrucken könnte?

Auf der Suche nach bulgarischer Weihnacht wurde ich an eine Frau verwiesen, die sich viel mit Traditionen beschäftigte und an der Universität unterrichtete. Wie so oft in Bulgarien erlebte ich auch diesmal, dass selbst zu Familienfesten ein Gast immer zugelassen war, und so hörte ich erfreut, dass ich am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages zu ihr kommen, den Heiligabendtisch in Augenschein nehmen und alles fragen durfte, was für mich von Interesse war. Sie sagte mir am Telefon, sie würde den Tisch ohnehin nach altem Brauch über Nacht so stehen lassen, Erklärungen dann mündlich. Ich schnappte mir also mein Diktafon und machte mich auf den Weg.

»Dieser bescheidene Heiligabend-Tisch«, sagte meine Gastgeberin, als wir ihr Wohn-Esszimmer betreten hatten, »gehört zu den wenigen Dingen, die von den bulgarischen Weihnachtstraditionen noch erhalten geblieben sind.«

»Und was ist an diesem Tisch so bulgarisch?«, fragte ich.

Sie zeigte auf die einzelnen Speisen.

Bulgarische Weihnachten
Bulgarischer Weihnachtstisch, Photo: desenze

»Alles sind, wie man sieht, fleischlose Speisen: Heiligabend ist der letzte Tag des Adventsfastens. Fleisch darf erst nach der Weihnachtsschlachtung zum eigentlichen Fest, also am 25. Dezember, auf den Tisch kommen.«

»Heißt Weihnachten deshalb in Bulgarien koleda?«, fragte ich.

Meine Gastgeberin lächelte überrascht und amüsiert. »Wie kommst du denn darauf?«

»Nun ja«, begann ich, »ich habe es von Natur aus mehr mit dem assoziativen als dem logischen Denken, und da das Verbum kolja schlachten, abstechen heißt und Weihnachten traditionell ein Schwein geschlachtet wird, könnte doch bei einem Bauernvolk wie den alten Bulgaren koleda das Fest der Schlachtung sein?

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Bulgarischer Weihnachtstisch, Photo: desenze

Immerhin hängt von dieser Schlachtung ein Großteil der Ernährung für den ganzen folgenden Winter ab.«

In die überraschten Gesichtszüge meiner Gastgeberin mischte sich der Ausdruck eines Menschen, der fieberhaft in seinen Unterlagen nach einem bestimmten Dokument kramt.

»Ich glaube, darauf wäre nicht ein einziger Bulgare gekommen, so nahe liegt das!«

»Ist ja auch nicht der einzige Fall«, fuhr ich fort. »Beim Verbum zapóčvam ist es ähnlich. Es heißt ja anfangen. Der Stamm des Verbs, póčva, heißt aber als Substantiv Ackerboden, und da dachte ich mir: Ist doch klar, für einen Bauern ist der Boden dasjenige, worin alles anfängt …«

Pitka
Rundbrot mit Münze (Pitka), Photo: desenze

»Ich bin absolut überfragt«, sagte meine Gastgeberin verblüfft, »das habe ich noch nicht mal beim Studium der Bulgaristik so gehört oder gelesen, aber es klingt nicht nur assoziativ, sondern sogar logisch, denn im Zentrum des Weltbildes der alten Bulgaren stand ja wirklich die Fruchtbarkeit. Unser Weihnachtstisch belegt es.«

»Entschuldigung«, unterbrach ich sie, »ich hatte dich nicht unterbrechen wollen, musste das nur endlich einmal loswerden. Da es vermutlich nur Blödsinn ist, was ich da denke: Woher kommt denn die Bezeichnung koleda für Weihnachten nun offiziell?«

»Offiziell kommt sie aus dem Lateinischen«, antwortete meine Gastgeberin, die sich von ihrer Überraschung gut erholt hatte. »Bulgarien war ja, als Christus geboren wurde, gerade Teil des Römischen Reiches geworden, und so gab es, als sich das Christentum im Imperium auszubreiten begann, natürlich auch auf heutigem bulgarischen Boden schon Christen, wie die Ruinen der ältesten Kirchen aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. bezeugen. Die Römer nannten den ersten Tag des Monats kalendae (ein plurale tantum), und es wird vermutet, dass die Bezeichnung koleda, der erste Tag des wiederkehrenden Lichts, eine verstümmelte Form von kalendae ist.«

Weihnachten
Weihnachtslichter, Photo: desenze

»Tja«, scherzte ich, »das klingt kulturgeschichtlich natürlich viel bedeutender als meine kleine Bauernschlauheit! Ich gebe mich geschlagen.«

»Gib dich auf bulgarische Weise geschlagen«, zwinkerte mir meine Gastgeberin zu, »also tu nur so!«

Nun musste ich lachen.

»Warum soll ich nur so tun?«

»Weil alles, was Weihnachten in Bulgarien traditionell ausmacht, viel mehr zu deiner bauernschlauen Assoziation passt als zum ehrwürdigen römischen Kalender. Das mit dem póčva und zapóčvam natürlich auch. Hier, unser bescheidener Tisch zum Beispiel, was steht denn darauf? Es steht von allem darauf, was die bulgarische Erde hergibt: Früchte – im Winter natürlich als Trockenobst, dazu Getreide, Gemüse und Lauch, Gewürze, Nüsse und Beeren.«

»Und was ist daran so Besonderes?«

»Die Zahl der vorhandenen Speisen muss laut Tradition immer ungerade sein, aber mindestens sieben betragen. Ungerade steht für unvollkommen und unvollständig, so wie eben der Mensch ohne göttlichen Beistand unvollkommen ist. Der Mensch hat auch ein Herkommen, und so wird immer ein Platz für die toten Vorfahren mitgedeckt, die laut Volksglauben zu Weihnachten, dem Tag, an dem ja auch das Licht wiederkehrt, gleichsam ›auferstehen‹, zu Besuch aus der Unterwelt kommen.

Eines der Rituale ist, dass ihnen, wenn die ganze Familie um den Tisch versammelt ist, etwas auf den Teller getan und etwas zum Trinken aus ihrem Glas auf den Boden gegossen wird. Heute kann das nur Wasser sein, wegen der Teppiche; früher aber war es Wein, denn da waren ja die Böden im Haus aus gestampftem Lehm. Damit die Toten in Ruhe ihr Festmahl einnehmen konnten, wurde der Tisch über Nacht stehengelassen. Auch das Feuer im Herd oder im Kamin durfte nicht ausgehen. Darum brachte der Hausherr früher einen dicken Scheit aus Buchen- oder Birnbaumholz mit, der Bădnik hieß, schwer zu übersetzen, vielleicht mit Adventsholz.

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Weihnachtsbaum, Photo: desenze

Das Wort hat die Bedeutung von Sein-Werder, Werden-das-wird, eintritt, sich erfüllt – eben Ankunft. Die Asche wurde aufbewahrt, denn sie galt, vielleicht wegen der Erfahrung der Düngung durch Abbrennen der Stoppelfelder, als fruchtbringend, bei Menschen im übertragenen Sinne auch als heilkräftig.«

»Á propos Stoppeln: Ich habe mal gelesen, zu Weihnachten wurde der Boden mit Stroh bedeckt, und die Leute setzten sich auf den Boden. Stimmt das?«

»Das Stroh bildet das Ende der Fruchtbarkeitskette, und durch das Ausbreiten auf dem Boden wurde es symbolisch zum Anfang umgewidmet. Die Poesie der alten Zeiten bestand ja in einem zyklischen Zeitverständnis und einer schönen Durchlässigkeit zwischen den Lebensformen. Wir heute sehen eine logisch aufsteigende Evolutionslinie von der unbelebten Natur über die Pflanzen zu den Tieren und von da zum Menschen, aber das war früher noch nicht so.

Damals konnte sich alles in alles vor- und zurückverwandeln. Menschen mit Vogelköpfen symbolisierten das Auffliegenkönnen des Geistes zum Himmel, zu den Göttern; Menschen mit Tiermasken, die Kúkeri, waren der Versuch, böse Geister an Schrecklichkeit zu überbieten und sie zu vertreiben, bevor die Vegetationsperiode begann und sie Schaden anrichten konnten…«

Rundbrot, Stroh und Weihnachtssänger – Teil 2

Kategorien: Art Café · Frontpage · Lebensfragen · Szene

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