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Rundbrot, Stroh und Weihnachtssänger – Teil 2

20 Dezember, 2017 von · Keine Kommentare

Rundbrot, Stroh und Weihnachtssänger – Teil 1

“Rundbrot, Stroh und Weihnachtssänger. Das Weltbild der alten Bräuche.” von Thomas Frahm
Ausschnitt aus dem Buch “Oh Bulgarien”

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160 S., Hardcover mit Schutzumschlag,
22,00 €, Fotos und Abb., teils farbig,
ISBN 978-3-929634-77-8, https://choraverlag.de/

Bulgarien wird oft als eine Mischung aus billigem Urlaubsziel und europäischem Sozialfall betrachtet. Dies einseitige Klischee zu kritisieren, kann nur ein erster Schritt sein. Das vorliegende Buch versucht, zu beschreiben, warum es nur ein Klischee ist, indem es Antworten auf die Frage gibt: Was hat Bulgarien denn zu bieten, was uns interessieren, faszinieren, positiv beeindrucken könnte?

»Aber was hat das mit dem Sitzen auf dem Boden zu tun?«

»Moment, ich komme gleich darauf! Die Menschen breiteten die Tafel früher ja nicht einfach nur so auf dem Boden aus, weil sie keinen Tisch hatten, sondern weil sie an diesem Abend zu Pflanzen wurden.«

»Wie bitte? Ist ja irre.«

»Ja, sie verkörperten symbolisch die Verbindung zwischen dem Stroh, also dem geernteten Getreide, und dem Getreide vom nächsten Jahr. Das Brechen des Brotes durch den Ältesten, mit dem das Mahl begann, stand daher einerseits für das Abendmahl, andererseits für das Weiter-geben. Dabei musste an alle gedacht werden: Erst bekamen die Toten einen Bissen, dann reihum jeder, der um den Strohtisch saß, und ein Rest wurde abgeteilt für das Vieh. Während des Mahls durfte niemand aufstehen, denn das Essen symbolisierte die Zeitspanne, in der sich der Keim in der Erde nährt. Erst wenn das Essen beendet war, fassten sich alle an den Händen und standen gemeinsam auf. Sie waren in diesem Moment Getreidehalme, und ihr gemeinsames Aufstehen versinnbildlichte das Wachstum und die Fülle des Getreides, das sie sich im neuen Jahr auf dem Kornfeld erhofften.«

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Bulgarischer Weihnachtstisch, Photo: desenze

»Das alles ist ja für einen Menschen von heute wirklich sehr weit weg«, warf ich ein.

»Ja, irgendwie schade«, sagte meine Gastgeberin.

»Die ganze Magie, die ganze Poesie ist weg«, stimmte ich zu.

»Man darf das aber auch nicht verklären«, bremste meine Gastgeberin den bekannten Drang des protestantischen Romantikers, katholisch, wenn möglich gar archaisch zu werden. »Tradition heißt ja im Grunde zweierlei: Sie ist eine seltsame Verbindung aus Abhängigkeit von dem, was die Erde hergibt, und der Angst, dass die Erde genau dies in schlechten Jahren eben nicht tut – wegen Dürre, Überschwemmung, Heuschreckenplagen, Mehltau und anderen Schädlingen wie Nagetieren, Insekten, Wildschweinen usw. Daher werden in traditionellen Festen in Form von Beschwörungen, die starke Züge dankbarer Erleichterung tragen, alle Früchte, die das Jahr gegeben hat, auf der Festtafel vereint vorgezeigt, und die Angst vor der schrecklichen Ungewissheit findet Ausdruck im Aberglauben.

Die einzige Form, mit der Angst fertigzuwerden, sind Rituale. Schaut man sich die bulgarischen Volksbräuche an, nicht nur die weihnachtlichen, so wird man finden, dass sie alle auf ein und dasselbe abzielen: Sie beschwören Fruchtbarkeit, und um die Götter, von denen diese abhängt, nicht zu verstimmen, wird Dankbarkeit für das bezeugt, was sie gegeben haben. Das ist sicher in allen traditionellen Kulturen, nicht nur in der Bulgarischen so, aber hier findet man es in besonders rein ausgeprägter Form. Die Verbindung von Angst, Hoffnung und Dankbarkeit ist letztlich bis heute der Kern unserer Religiosität. Man kann sagen: für Bulgaren ist Glauben Hoffen, und das Brot von morgen die eigentliche Religion.

Darum ist es auch so wichtig, dass das erste, was die Hausherrin am Morgen des Bădni večer, des Werde-Abends, wie der 24. Dezember in Bulgarien heißt, tun muss, eben Brotteig kneten ist. Daraus macht sie dann – wieder ein Symbol für den Kreislauf der Natur – die kolátsi oder kravái, also Teigringe. Für die Koledári …«

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»Wer oder was sind die denn nun schon wieder?«

»Das sind die Weihnachtsburschen – ausgleichende Gerechtigkeit sozusagen. Am Lazarustag vor Ostern gingen die jungen Mädchen von Haus zu Haus, um gute Wünsche zu singen, und am Heiligabend waren die jungen, möglichst unverheirateten Männer an der Reihe. Die kamen um Mitternacht, also genau an der Schwelle zu Weihnachten, zu zehnt, kúda genannt. Der älteste von ihnen sagte die Sinnsprüche auf, zwei andere sangen zum Dudelsack, und am Ende bekam jeder von ihnen einen Teigring und was sonst noch so im Haus war. Natürlich achteten auch hier die Burschen darauf, dass sie im Haus, in dem das Mäd-chen wohnte, das sie heiraten wollten, den Teigring von ihr überreicht bekamen …«

»Ja, so etwas lässt sich in heutigen Städten gar nicht mehr praktizieren«, seufzte ich.

»Darum ist ja auch nur so wenig von diesen Traditionen übrig«, erwiderte meine Gastgeberin achselzuckend.

»Außerdem haben Städte im Grunde die Tendenz, die ganze Nachtseite des Lebens zum Verschwinden zu bringen, nicht nur wegen der Straßenbeleuchtung, nein, auch die Latenzphasen und Schattenperioden stören nur noch die rationalisierten Abläufe.«

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»Was für Schattenperioden?«

»Zum Beispiel die mrăsni dni, die zwölf ›unreinen Tage‹ vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Das ist so eine Zeit der Schatten. Alles ist unsicher, es sind die dunkelsten Tage des Jahres, und es ist die Zeit zwischen Jesu Geburt und seiner Taufe im Jordan. Gleichzeitig ist es genau der Abstand zwischen gregorianischem und julianischem Kalender, so dass es ein gewisses Durcheinander gibt, wann eigentlich das neue Jahr beginnt. Das Volk glaubte früher, an diesen Tagen seien die Dämonen besonders aktiv, und es sei daher besser, nach Einbruch der Dunkelheit nicht hinauszugehen.

Es durfte auch nicht gewaschen werden, vielleicht, weil das ja auch draußen geschah, und man da-bei Wasser schmutzig machte. An Epiphanias, bei uns eben Jordanstag, endete dann der ganze Spuk, und die Taufe Jesu im Jordan wurde bei uns nachgestellt durch einen Wettkampf junger Männer. Der Pfarrer wirft am Morgen ein Kreuz in den nächsten Fluss, und die Burschen springen ins eiskalte Wasser und tauchen danach. Wer es findet, ist der Sieger.«

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»Ich finde, auch wenn das einer vergangenen Welt angehört, lohnt es sich doch, das alles heutigen Menschen zu erzählen, weil es eine Dimension unseres Gemüts zeigt, die sonst brach liegt. Aber was mir doch auffiel, während du erzählt hast: Gibt es wirklich keine Gemeinsamkeiten mit dem Weihnachten, wie ich es kenne, so mit Adventskranz, Tannenbaum, Weihnachtsmann, Bescherung und Christkind?«

»Wie sollte es? Eure Weihnacht, so wie ihr sie feiert, ist doch auch erst im 19. Jahrhundert entstanden, also im bürgerlichen Zeitalter, und ein solches hatten wir nicht. Wo sollten in einer bäuerlichen Welt die Geschenke für die Kinder herkommen? Sicher gab es Geschenke, aber eben für die Koledari – und das waren dann vielleicht außer den Teigringen noch Socken oder Handschuhe! Und der Weihnachtsmann? Der ist doch ein falsch verstandener St. Nikolaus, und der hat seinen Tag nicht Weihnachten, sondern am 6. Dezember. Weil der Bischof der Hafenstadt Myra aus dem 4. Jahrhundert ein Schiff gerettet haben und mildtätig gewesen sein soll, ist er bei uns der Schutzherr der Seeleute und Fischer, und so essen wir Fisch am Nikolaustag.

Die Coca-Cola-Company fand aber 1931, dass der spendable Alte mit seinem Mantel in den Firmenfarben Rot und Weiß ganz gut passte, um den Absatz zu steigern, und so wurde ein Zeichner beauftragt, ihn so zu malen. Diese ganze Legende mit Lappland, dem Schlitten und den Rentieren, die durch die Luft sausen und den Leuten durch die Kamine Geschenke bringen, ist nur eine Werbekampagne.«

»Und was ist mit Djado Mraz, dem Väterchen Frost? Ist der nicht das Pendant zum Weihnachtsmann?«

»Ja, da ist was dran. So beliebte Volksfeste wie Weihnachten sind eine harte Nuss für Atheisten. Die kommunistischen Funktionäre, die laut Ideologie alles Religiöse als ›Opium fürs Volk‹ verdammen mussten, haben sich deshalb die platte Tatsache zunutze gemacht, dass der Weihnachtsmann einen roten Mantel trägt. Er trägt natürlich rot, weil er Kommunist ist! Sie tauften ihn in Djado Mraz – Väterchen Frost um und verlegten Weihnachten auf Neujahr. Bis heute herrscht eine gewisse Verwirrung, wann man nun die Glücksbringer in die Festtagsbanitsa tun soll, zu Weihnachten oder zu Neujahr.«

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»Aber wie ich sehe, schreitet die Angleichung an den Westen rasant voran. Als ich nach Bulgarien kam, sah ich im Advent die ersten Weihnachtsbäumchen, klein und mit mageren Zweigen, als wollten sie die Wirtschaftslage veranschaulichen, und mangels Geld war selbst in den Innenstädten alles düster, keinerlei Weihnachtsgirlanden, nichts. Heute machen die Deutschen im Park vor dem Nationaltheater einen Weihnachtsmarkt, der Weihnachtsmann ist allgegenwärtig, die Geschenke sind das Wichtigste – es ist inzwischen nichts Bulgarisches mehr übrig außer diesem Tisch, an dem wir sitzen.«

»Nun ja«, besänftigte meine Gastgeberin meinen überraschend wiederaufgeflammten bulgarischen Patriotismus, »wer etwas über bulgarische Weihnachten wissen will, der kann ja bald den Text lesen, den du nach unserem Gespräch verfassen willst.«

»Eine letzte Frage noch«, hob ich die Hand.

»Ja?«

»Welches ist das beliebteste Weihnachtslied der Bulgaren?«

»Stille Nacht, heilige Nacht natürlich.«

Ich hatte es mir denken können, aber meine Assoziationskraft war nach all diesen Details einer reichen Tradition vollkommen überfordert.

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»Na denn: Frohe Weihnachten«, sagte ich und stand mit gemischten Gefühlen auf.

Auf einmal leuchtete das Gesicht meiner Gastgeberin so komisch. Ich musste an das Adventsholz denken, das auch am Ersten Weihnachtsfeiertag noch glühte.

»Wenn Sie es mir einmal auf Deutsch vorsingen würden …«

Ungläubig starrte ich sie an. Ihr Gesicht hatte einen seligen Ausdruck angenommen. Doch statt in einen Getreidehalm, wie erwartet, hatte sich die kundige Dozentin zu meiner Überraschung in eine Schülerin verwandelt. Daher wohl auch das plötzliche Sie! Nun faltete sie gar bittend die Hände.

» …Sie dürfen Sie sich dann auch einen Teigring nehmen.«

Was sollte ich machen? Diese Frau sah in mir den ersten deutschen Weihnachtsburschen-Botschafter in bulgarischer Mission. Also nahm ich Haltung an – und sang!

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