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Saschka Zhurkov im Gespräch mit Dimitré Dinev

16 Dezember, 2008 von · Keine Kommentare

Dimitre Dinev

Herr Dinev, die österreichischen und deutschen LeserInnen freuen sich über einen neuen Meister der Erzählung, den es hier seit langem nicht mehr gegeben hat. Sie werden als österreichischer Schriftsteller bezeichnet. Ihr Roman „Engelszungen“ gilt als eine Sensation der modernen deutschsprachigen Literatur. Der Roman ist in dem Studienplan für moderne deutschsprachige Literatur in den österreichischen Gymnasien inkludiert. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie gerne fragen, warum Sie sich entschieden haben auf Deutsch zu schreiben?

Ich wurde hundertmal gefragt „warum“ und ich habe immer das gleiche geantwortet. Deswegen fällt es mir auch jetzt schwer, eine neue Antwort zu erfinden. Für mich ist es ganz natürlich und richtig, dass man in der Sprache schreibt, in der man geliebt wird, in der einem die Liebe verweigert wurde oder in der man leidet.

Für mich war das früher die bulgarische Sprache und jetzt ist es die deutsche Sprache. Das ist die Sprache mit der ich lebe, mit der ich Arbeit suche, mit der ich mir Brot kaufe, mit der ich liebe. Ich denke, dass das Entscheidende die Liebe ist. Ich war schon immer neugierig, ich liebe die Herausforderungen, die Überschreitung von Grenzen. Das Heimatland und die Heimatstadt sind im Endeffekt nur eine geographische Definition des Geburtsortes.

Die Gefühle werden aber durch Menschen erweckt und durch das Zusammenleben mit Menschen, manchmal auch mit solchen, die nicht unbedingt die eigene Muttersprache sprechen. Überall wo wir Menschen treffen, die uns nahe stehen, besteht die Möglichkeit eine neue Heimat zu finden.

Als Ausländer befürchtet man immer, dass man die Sprache nicht beherrscht. Wann kann man sagen, dass man eine Sprache gut genug beherrscht?

Man kann die Sprache nie beherrschen. Es ist die Sprache, die einen beherrscht. Meine wichtige Erkenntnis durch meinen so genannten sprachlichen Ausflug ist, dass es mir bewusst wurde, wie wenig Wörter nötig sind, um irgendetwas auszudrucken. Ein Beispiel dafür ist die Bibel. Wie wenig Wörter werden darin benutzt und was für einen Einfluss sie auf die Europäische Geschichte hat! Das schöne, wenn man in einer fremden Sprache schreibt ist, dass man bescheidener bleibt und immer neugierig ist, weil einem die Sprache nicht geschenkt wurde.

Woher kommt der Name Dimitré Dinev mit einem Accent auf der letzten Silber?

Das war meine Idee. Das erste was man hört und an was man sich gewöhnt ist der eigene Name und es ist sehr verwirrend wenn, der Name geändert werden muss oder er anders ausgesprochen wird als gewöhnlich. Deshalb habe ich beschlossen einerseits es den Menschen hier leichter zu machen, andererseits sicherzustellen, dass ich meinen Namen so höre, wie ich es gewohnt bin, nämlich im Imperativ. Und warum mit Accent (lacht)? Das bulgarische Wort „udarenie“ (Accent) kommt von dem Wort Schlag und weil ich vom Leben sehr oft geschlagen wurde, habe ich beschlossen, zumindest einen dieser Schläge auf meinem Namen sichtbar zu tragen, damit er mich erinnert, dass der Schicksaal jeden Moment seinen Hammer auf mich fallen lassen könnte.

In Ihrem Roman erzählen Sie unglaubliche Geschichten, die den Anschein erwecken, als handele es sich um Ihre eigene Erlebnisse. Gibt es autobiographische Elemente?

Normalerweise wenn man mich fragt, ob es biographische Elemente gibt, betrachte ich das als ein Kompliment. Anscheinend war die Geschichte so lebendig, als hätte ich sie selber erlebt. Aber ich denke, dass es nichts Langweiligeres gibt, als eine Autobiographie zu schreiben. Ich kenne mein Leben und es wäre für mich eine Strafe über den Autor zu schreiben. Die Literatur ist nicht wie die Chemie – man verursacht eine Reaktion und trennt dann die einzelnen Elemente auseinander.

Wenn es irgendetwas von mir in den Personagen gibt, dann in allen und ich bin in jedem von ihnen. Es stimmt, dass ich manche der Geschichten erlebt habe oder ihr Zeuge war, aber ein großer Teil davon sind erfunden. Es gibt manche echte Geschichten, die so absurd sind, dass ich gezwungen war, noch absurdere zu erfinden, damit man den echten Geschichten glauben kann. Ich habe viele unterschiedliche Menschen zusammengebracht und mein Wissen über eine ganze Epoche im Roman eingeflochten.

Engelszungen

Herr Dinev, in Ihrem Roman sprechen Sie durch die verschiedenen Romanfiguren auch über die Haltung zu Religion, Aberglaube und Mythologie. Glauben Sie, dass nach der Demokratischen Wende von 1989 ein Konflikt zwischen Religion und Laizismus gibt. Wie religiös sind, Ihrer Meinung nach, die Bulgaren und wie atheistisch?

Unser Atheismus wurde mit einem anderen Glauben verbunden. Die Symbole wurden durch historische schöpferische Persönlichkeiten ausgetauscht. Der Atheismus war das Glaube in dem Materiellen, in der Wissenschaft, in einer Art Unsterblichkeit. Der Mensch wird immer das spirituelle Bedürfnis verspüren, zu glauben. Die Haltung der Bulgaren zu Religion und Kirche hat Prof. Peter Mutafchiev in seinem Artikel „Pop Bogomil und Heiliger Ivan Rilski.

Der Geist der Verneinung in unsere Geschichte“, in dem er den negativen Geist, den die Bulgaren vielleicht in sich tragen, beschreibt, wahrscheinlich sehr gut zusammengefasst. Etwas wurde noch nicht etabliert und wird schon abgelehnt. Die Bogomilenbewegung im IX- XIV Jahrhundert hat den Staat von innen heraus zerstört, durch das von dieser Bewegung propagierte Mistrauen in den staatlichen Institutionen und durch die Zerspaltung der Bevölkerung.

Der Realsozialismus hat alles was eine normale Entwicklung der Persönlichkeit fördert zerstört: das Eigentum, die Möglichkeit für wirtschaftliche und intellektuelle Initiative, die Freiheit zu Reisen, den Zugang zu Informationen und die Moral. Aber auch die Religion. Der Kommunismus hat die christlichen Ritualen durch seine eigenen ersetzt. Es gab auch da Glaube- in dem Materiellen, in den kommunistischen Anführern, in die wolkenlose Zukunft.

Unsere Kirche hatte noch nie ähnliche Macht oder sogar einen eigenen Staat, wie die Katholische Kirche. Sie war auch nicht so mächtig wie die russische oder die griechische, zum Beispiel. Unser Volk war immer kritisch gegenüber die Kirche. Heuzutage ist aber das Problem der zukünftigen Rolle der Religion nicht nur unser Problem, sondern auch ein Problem des westlichen Katholizismus.

Was würden Sie über die traditionelle Verbindung des Emigrantentums mit der unüberwindbaren Nostalgie nach der Heimat sagen? Gibt es sie noch?

Ja, die Nostalgie wird es immer geben. Meiner Meinung nach, ist sie in den folgenden zwei Orten begründet: im Ort der Kindheit und im Ort, wo man begraben werden möchte, im Ort der ewigen Ruhe. Das Heimweh kann noch verstärkt werden, wenn man sich an dem neuen Ort verlassen und isoliert fühlt. Dann ist die Anziehung des Ortes wo du Freunde und Wärme gehabt hast, natürlich sehr stark. Aber je mehr man hier bekommt, im Ausland, desto schwächer wird dieses Gefühl. Besonders wenn man gute Freunde und die Liebe findet, und alles.

Dann wird man in zwei gerissen, aber das ist nicht unangenehm. Dann versucht man, allen zu erklären, dass man sich sowohl in dem einen Land, als auch im anderen zu Hause fühlt, was eigentlich positiv ist. Warum muss man immer zwischen der Mutter und der Geliebte wählen? Na gut, das eine Land ist meine Mutter und das land wo ich jetzt lebe ist meine Geliebte. Man kann beide gleichviel lieben. Gott bewahre, dass man wählen muss. Aber das sind Extremsituationen. Während einem Krieg würde das schwer fallen. Und dann wäre es besser, wenn man keine Seite nimmt.

Sie haben die Kindheit erwähnt, nach der man sich sehnt. Dostoevski hat gesagt: „Es gibt nichts so wertvolles und heiliges wie eine gute Erinnerung, die man in seiner frühen Kindheit aus dem Vaterhaus mitgenommen hat. Wenn jemand viele solche Erinnerungen gesammelt hat, ist sein zukünftiges Leben gerettet“. Wie empfinden Sie die Kindheit?

Die Kindheit ist dieser Teil des Lebens, in dem Leben ewig erscheint. Sie ist wie eine Art Trauer über die Ewigkeit. Man bereut, dass man nie wieder so unsterblich sein wird, wie damals.

Übersetzung: Irina Hantschl

Zeitschrift „Bulgaren in Österreich“

Über die aus Bulgarien stammende Autoren können die LeserInnen in der Zeitung “Wien Heute – Vienna Dnes” mehr erfahren:
www.viennadnes.com

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

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