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Sonja Daieva-Schneider: “Ich möchte alle, die sich für Bulgarien interessieren, in das Haus der bulgarischen Sprache einladen”

7 März, 2010 von · 2 Kommentare

Ein Interview von Dessislava Berndt mit Sonja Daieva-Schneider

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Sonja Daieva-Schneider: “Treten Sie in das Haus der bulgarischen Sprache ein!”

Was führte Sie dazu, ein Buch über die bulgarische Sprache und Mentalität zu schreiben? Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Seit 2001 arbeite ich in Berlin als Sprachtrainerin für Bulgarisch und interkulturelle Trainerin mit Schwerpunkt Bulgarien. Dass Bulgarisch in Deutschland keine wichtige Fremdsprache ist, war mir von Anfang an klar, wie sich jedoch diese Tatsache auf die Motivation der Lernenden auswirkte, merkte ich erst nach und nach. Was tun also, um die Attraktivität des Bulgarischen zumindest für Deutschsprachige, die einen Bezug zu Bulgarien haben, zu erhöhen?

Ein herkömmliches Lehrbuch zu schreiben, kam nicht in Frage. Es sollte eine etwas andere Einführung in den Wortschatz und die Grammatik des Bulgarischen werden, eine Einführung, die neugierig macht und die ungewöhnliche Anregungen rund um, aber auch über die Sprache hinaus bietet.

Dabei gab es einiges zu berücksichtigen. Da das Buch für Deutschsprachige gedacht war, sollte es kontrastiv, d.h. im Vergleich zur deutschen Sprache angelegt werden. Und da alle Erwachsenen, die Bulgarisch lernen, privat oder beruflich mit Bulgarien verbunden sind, sollte die Einführung in die bulgarische Sprache möglichst nahtlos in eine Einführung in die bulgarische Mentalität münden. Die Formel lautete: „Bulgarisch lernen und Bulgarien verstehen“ oder „Bulgarisch lernen, um Bulgarien zu verstehen“.

Die erste Idee für das Buch hatte ich 2004/5. Geschrieben wurde es zwischen 2006 und 2008 und erschienen in der endgültigen Fassung 2009.

Welche Erkenntnisse beim Erforschen der Sprachen waren für Sie überraschend bzw. besonders interessant?

Nachdem für mich feststand, dass das Buch, das mir vorschwebte, die bulgarische Sprache und Mentalität miteinander verbinden sollte, fing ich an, den Wortschatz und die Grammatik des Bulgarischen zu hinterfragen: Warum haben die Bulgaren so viele Begriffe für verwandtschaftliche Beziehungen? Wieso verfügt das Bulgarische über zahlreiche Formen für die Possessivpronomen?

Woran liegt die beeindruckende Formenvielfalt des bulgarischen Verbs? Fragen über Fragen…Ich war selbst überrascht, wie ergiebig die bulgarische Sprache ist. Dabei waren für mich die Erkenntnisse der interkulturellen Kommunikationsforschung, auf die ich mich im Buch beziehe und die sich größtenteils mit meinen Beobachtungen decken, besonders hilfreich.

Doch sind alle im Buch aufgezeigten Zusammenhänge zwischen Sprache und Mentalität tatsächlich zwingend? Vermutlich nicht hundertprozentig, dennoch: Die Verbindungen sind sehr wahrscheinlich und beeindruckend genug, um, hoffe ich, ihre Funktion als Lernkatalysator zu erfüllen.

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Was möchten Sie mit dem Buch erreichen?

In zwei Bildern formuliert: Ich möchte alle, die sich für Bulgarien interessieren, in das Haus der bulgarischen Sprache einladen, um ihnen zu zeigen, welche spannende Geschichten sich dahinter verbergen. Und wenn dann die Besucher zu ihrer eigenen Entdeckungsreise durch die bulgarische Sprache aufbrechen, dann hätte ich eigentlich mein Ziel erreicht.

Und jetzt etwas ausführlicher: Mit diesem Buch möchte ich die Deutschsprachigen neugierig machen und zum Bulgarischenlernen motivieren. Ferner würde ich mich freuen, wenn es mir gelungen ist, zu vermitteln, dass Fremdsprachenlernen im Erwachsenenalter nicht ausschließlich auf die Sprachbeherrschung fokussiert bleiben darf, sondern die fremde Kultur mitberücksichtigen sollte.

Die doppelte Ausrichtung kann die Lust am Lernen steigern und damit auch den Lernerfolg. Und schließlich besteht mein Anliegen darin, am Beispiel des Bulgarischen zu demonstrieren, dass der Wortschatz und insbesondere die Grammatik einer Fremdsprache weder zufällig noch trocken sind. Vielmehr stellen sie eine wunderbare Quelle für interessante Geschichten rund um Land und Leute dar.

Wen möchten Sie mit dem Buch ansprechen?

Das Buch wendet sich praktisch an alle, die aus beruflichen oder privaten Gründen Bulgarisch lernen und zugleich Bulgarien verstehen möchten. Diese Einführung ist kein klassisches Lehrbuch und ist so konzipiert, dass sie sich für alle Lernphasen eignet.

„Bulgarisch lernen, Bulgarien verstehen“ kann genauso als ein Motivationsbuch für Anfänger wie auch als ein Begleitbuch für Fortgeschrittene dienen, oder aber wahlweise als Erinnerungsbuch verwendet werden für all diejenigen, die ihre Bulgarien-Erfahrung bereits abgeschlossen haben.

Warum ist es für Deutschsprachige besonders interessant Bulgarisch zu lernen?

Ich würde nicht soweit gehen und behaupten, dass Bulgarischlernen generell für alle Deutschsprachige interessant wäre, aber sicherlich für alle, die einen Bezug zu Bulgarien haben. Bulgarischkenntnisse erleichtern nicht nur den Kontakt zu den Bulgaren, sondern sie ermöglichen ein besseres Verständnis der bulgarischen Kultur. Und wer nebenbei Spaß bei der Suche nach deutschen Lehnwörtern in Fremdsprachen hat, kann im Bulgarischen auch auf seine Kosten kommen.

Sind bestimmte Vorkenntnisse zum Erlernen der bulgarischen Sprache hilfreich?

Vor allem Kenntnisse anderer slawischer Sprachen sowie des kyrillischen Alphabets erleichtern den Einstieg in die bulgarische Sprache. Schließlich stimmen etwa zwei Drittel des slawischen Wortschatzes in den einzelnen Sprachen überein.

Aber auch das Potenzial weiterer Fremdsprachen könnte beim Bulgarischlernen genutzt werden. Grundsätzlich gilt: Je mehr Sprachen man beherrscht, desto stärker ausgeprägt ist die Fähigkeit, mit fremdsprachlichen Strukturen und Denkweisen umzugehen; entsprechend leichter fällt einem der Einstieg in eine weitere Sprache.

Welche Tipps können Sie deutsch-bulgarischen Familien für die bilinguale Spracherziehung der Kinder geben?

Anders als Erwachsene erwerben Kinder Sprachen quasi von selbst, auf natürlichem Wege. Die Umgebungssprache (Deutsch) lernen sie von alleine, die andere Sprache wird in der Regel hauptsächlich nur vom einen Elternteil vermittelt. Daher liebe bulgarische Mütter und bulgarische Väter, unterstützen Sie den Spracherwerb Ihres Kindes von Geburt an!

Sprechen Sie regelmäßig mit ihm Bulgarisch! Und bleiben Sie konsequent, auch wenn Ihr Kind zunächst auf Deutsch antwortet! Fördern Sie Kontakte zu Personen, die Ihre Muttersprache ebenfalls sprechen! Die Zweisprachigkeit ist ein Teil der Identität Ihres Kindes und fördert ganz nebenbei auch seine Kreativität.

Ist es möglich als Kind einer solchen Familie beide Sprachen gleichermaßen gut zu beherrschen?

Natürlich. Und das gilt nicht nur für die Kombination „Deutsch-Bulgarisch“ und nicht nur für begabte Kinder. Man sollte sich als Elternteil konsequent an das Prinzip „eine Person – eine Sprache“ halten.

Wie sehen Ihre Pläne für 2010 aus? Gibt es besondere Ereignisse?

Seit 2007 nehme ich zusammen mit der Bulgarischen Botschaft regelmäßig an der Internationalen Messe für Sprachen und Kulturen Expolingua teil, die jedes Jahr im November in Berlin stattfindet. Auch für dieses Jahr ist geplant, die bulgarische Sprache im Rahmen eines Vortrags bzw. Minisprachkurses auf der Messe zu präsentieren.

Ansonsten befinde ich mich in der Planungsphase für ein weiteres Buchprojekt, das voraussichtlich in den nächsten Jahren realisiert wird und über das ich nur soviel verraten kann: Es ist interkulturell angelegt.

Wo kann man das Buch „Bulgarisch lernen, Bulgarien verstehen“ erwerben?

Das Buch ist über den Buchhandel, über amazon.de sowie direkt beim Logos-Verlag Berlin bestellbar.

Sonja Daieva-Schneider ist promovierte Bulgaristin und Germanistin. Sie arbeitet freiberuflich als Sprachtrainerin für Bulgarisch und interkulturelle Trainerin mit Schwerpunkt Bulgarien. Weitere Infos: www.bulgarisch-in-berlin.gmxhome.de

Dieses Buch ist über den Buchhandel, über amazon.de sowie direkt beim Verlag bestellbar.

Kategorien: Frontpage · Modern Times · Um die Welt

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