Viara Jekova
DIE TÜR Trailer
Wer hat nicht schon mal von einer Reise in die eigene Vergangenheit geträumt – dorthin, wo die Dinge reparierbar sein könnten? Wer hat sich nicht schon mal nach einer zweiten Chance gesehnt – an einem Punkt, als er wusste, dass die erste längst verspielt wurde? Nur wenige aber haben sich jemals die Frage gestellt, um welchen Preis jede weitere Chance zu erlangen wäre.
Mit seinem Buch „Die Damalstür“ hat der umjubelte Schriftsteller Akif Pirinçcis versucht einige dieser Fragen zu beantworten. Nun greifen die Filmemacher das Thema auf und erschaffen diesmal visuell eine mysteriöse, erträumte und zugleich gefährliche Welt, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch eine Tür zusammentreffen.
Alle Türen haben eine gewisse Symbolik – man redet von Türen, die einem den Weg öffnen oder versperren, von solchen, die nur einen Spalt Ausblick in die Welt da draußen zulassen und von denjenigen, die gefunden werden möchten. Türen können überwindbare Hindernisse darstellen oder Rätsel, die einen Schlüssel benötigen. Aber vor allem steht hinter jeder Tür etwas Neues, eine Veränderung oder eine unbekannte Welt.
Diese symbolische Kraft wird zum Leitfaden in Anno Sauls neuem Film „Die Tür“. Der Regisseur wagte mit dem Thriller einen weiten Sprung, denn nach den letzten zwei Komödien („Kebab Connenction“ und „Wo ist Fred?“) hätte man ihm kaum so einen Gattungswechsel zugetraut. Doch den Film kann man, bis auf wenige Ausrutscher, als wirklich gelungen bezeichnen. Das besondere an dieser Produktion ist, dass endlich richtiges Genre-Kino präsentiert wird.
In seinem düsteren Aufbau und in der Thematik assoziiert man „Die Tür“ leicht mit Cronenbergs „A history of violence“ (2005, mit Viggo Mortensen). Beide Filme haben als Hauptdarsteller Männer, die mit ihrem Vorwesen kämpfen müssen und stets einem anderen Ich begegnen. Cronenbergs Geschichte entwickelt sich zeitlich linear, und seine Figur agiert chronologisch.
Dies erlaubt einen Figurenkonflikt am Ende der Geschichte. Anno Saul und Drehbuchautor Jan Berger haben aber die Vielfältigkeit der Parallelwelten ausgewählt, was zu einer sehr dynamischen Dramaturgie geführt hat. Vergangenheit und Gegenwart werden nicht nur voneinander getrennt, sondern zugleich miteinander vermischt. Das Gleiche geschieht auch einen Schritt weiter – beim Aufbau der Charakter- und Identitätsebenen. David (Mads Mikkelsen) erfährt eine Wandlung vom „Bösen“ zum „Guten“.
Das heißt aber, dass seine Figur ihren emotionalen Höhepunkt zu Beginn der Handlung schon hatte – bis er durch die geheimnisvolle Tür geht. Von da an gibt es keinen quälenden inneren Konflikt mehr. Aber es gibt einen Preis zu zahlen, denn der Durchgang in die Vergangenheit ist nicht umsonst. Somit werden die Veränderungen, die durch die symbolische Tür entstehen, mit der Existenz der Tür selbst legitimiert.
Der Film und seine Bilder bewegen sich in der tiefen Psychologie. Anno Saul hat den richtigen Ton mit seinen Darstellungselementen getroffen. Die gesamte Atmosphäre, sowohl in den Farben als auch in der Handlungsintensität, entspricht Gefühlen und Stimmungen. Andererseits ergeben sich auch dramaturgisch-technische Schwächen: Der Film beginnt so emotional, so einprägend und so erschütternd - wodurch die Meßlatte gleich ganz hoch gelegt wird… und es bleibt dabei – eine weitere Erhöhung findet nicht statt.
Die Spannung besteht durch die ganze Handlung, weil die Geschichte irreale Konflikte anbietet, jedoch bleibt diese Spannung auch konstant und erlebt keine Entwicklung. Davids Figur ist so stark und hervorstechend, dass sie unbemerkt zu einzigem Handlungsträger wird und die Nebencharaktere in den Hintergrund drängt. Als Charakterdarsteller bekannt, liefert Mads Mikkelsen eine tiefgründige und sehr emotionale Präsenz, umso sichtbarer werden dadurch gewisse Unterschiede in den schauspielerischen Qualitäten seiner Umgebung.
Nichtsdestotrotz erreicht der Film seitens der Thematik und der Inszenierung ganz neue Dimensionen und zeigt, dass spannendes Genre-Kino nur gewagt werden muss, um zu funktionieren. Der Thriller ist eine der schwierigsten Leinwandgattungen, dafür aber auch die beliebteste. „Die Tür“ überspringt eine Hemmschwelle der jüngsten deutschen Thriller-Geschichte und diese Tatsache verdient ein Lob.








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