Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Tannöd: die wahre Fiktion und die fiktionale Wahrheit

17 November, 2009 von · 1 Kommentar

Viara Jekova


Tannöd Trailer

Literaturvorlagen scheinen immer wieder eine große Inspirationsquelle für Filmemacher zu sein. Viele dieser Literaturvorlagen basieren auf historisch belegten Ereignissen, also auf wahren Geschichten. Die Grenze zwischen Historie und Fiktion ist alleine bei der Literarisierung solcher Stoffe schon sehr labil – denn die Autoren greifen eine wahre Begebenheit auf, die aber, meistens aufgrund von mysteriösen bzw. ungeklärten Umständen, keine geschlossene Handlung bietet.

Daher findet in der Buchfassung eine erste Fiktionalisierung statt. Eine zweite erfolgt dann unausweichlich bei der Verfilmung, denn jeder Regisseur und Drehbuchautor gibt mindestens einen Hauch seiner eigenen Kreativität hinzu – häufig aus rein dramaturgischen Gründen. Nun ist ein Spielfilm letztendlich keine Dokumentation, deswegen ist jede weitere Fiktionalisierung legitim. Aber wohin soll das führen?

Bei der Verfilmung des Kriminalromans „Tannöd“ hat Regisseurin Bettina Oberli mit einer sehr realen Geschichte zu tun. Zusammen mit der Drehbuchautorin Petra Lüschow entwickelt sie eine eigene Form, um die Ereignisse von damals darzustellen.

Auch wenn diese vor etwa 90 Jahren vorgefallen sind, tragen sie aktuelles Leid – es geht dabei nicht nur um den ungeklärten, bestialischen Mord an einer ganzen Familie, sondern vielmehr um die Bereitschaft der Mitmenschen die Augen vor der Wahrheit zu schließen. Verlogene Intrigen, böse Zungen, Mord und sogar Inzest sind eben keine Themen über die man gerne reden würde und die Dorfbewohner arrangieren sich lautlos mit den Tatsachen.

Im Unterschied zum Buch, kreieren Oberli und Lüschow eine lineare Handlung, die wie eine chronologische Erzählung verläuft. Somit wird dem sehr sprunghaften und etwas unklaren Charakter des Buches ausgewichen.

Indem die Drehbuchautorinnen eine neue Figur erschaffen – Kathrin (Julia Jentsch) – ermöglichen sie eine Reise zurück zu den Geschehnissen, die in der und um die Mordnacht passiert sind. Kathrins Figur dient sowohl als Zeit-Reiseführerin als auch als Gegenpol zu allen Dorfbewohnern und zu ihrem Lebensstil selbst.

Durch sie werden viel stärkere Kontraste in der Handlung gesetzt und zugleich wird eine eigene (filmische) Aussage getroffen.

Oberli hat die perfekte Atmosphäre für die dramatische Wirkung des Films geschaffen. Offiziell als Drama oder Kriminalfilm eingestuft, verdient er eher die Bezeichnung Psycho-Horror, obwohl es in der Tat zu keinen blutigen Szenen kommt. Umso besser sind die eingebauten Psycho-Effekte: quietschende Türen, vorbeihuschende Schatten, graue Töne, grausame Düsterheit – alle nötigen Elemente für das Genre sind präsent.

Als Zuschauer vermisst man nur noch eine Lösung, ein logisches Ende der Geschichte. Im Realen ist ein Mörder nie überführt worden. Das Buch erzählt die Geschichte, gibt aber weiterhin keine konkreten Antworten. Man hat sich letztendlich vom Film eine Aufklärung gewünscht.

Wenn eine neue Figur die Handlung dramaturgisch unterstützt, sollte sie auch eine neue Auflösung des Geschehens anbieten. Denn wozu dient dann die ganze Fiktionalisierung?

Man hätte einen „Mörder“ finden können, man hätte einen künstlerisch logischen Schluss erfinden können. Denn darstellerisch ist die Verfilmung sehr gelungen – nicht nur durch die sehr realitätsnah wirkende Atmosphäre, sondern auch durch die sehr kontroverse und konfliktreiche Zeichnung des Ganzen.

Aber es fehlt ein logisches Ende. Denn eine Antwort auf die Frage – warum und wer der Mörder sein könnte, ist für die Gesamtwirkung einer „fiktionalisierten Dokumentation“ von sehr hohem Wert. (Beispiel: „From Hell“ – der Film behandelt teilweise historisch die Geschichte vom Jack the Ripper, der nie gefunden wurde, aber im Film wird eine mögliche „filmische“ Lösung des Falls gezeigt)

Kategorien: Frontpage · Modern Times · Szene · Um die Welt · Visual Arts

Tags: , ,

1 Kommentar bis jetzt ↓

  • Herby // 22 Nov, 2009 //

    Hallo Viara,

    das ist eine wirklich sehr schöne Kritik – genau meine Meinung!!!

    Grüße Herby

Kommentar schreiben