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Tulpan: Emotionalität auf Distanz

3 Dezember, 2009 von Viara · Keine Kommentare

Viara Jekova


Tulpan - Trailer

Tulpan ist das einzige unverheiratete Mädchen weit und breit in der kasachischen Steppe. Asa, der ehemalige Matrose, kehrt zu seiner Familie und zu dem Nomadenleben zurück und muss verheiratet werden. So beginnt diese Geschichte… Asas Familie nimmt die Verhandlungen für den bevorstehenden Heirat auf, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Tulpan aber ist mit einer Kleinigkeit nicht einverstanden – die abstehenden Ohren Asas kann sie nicht leiden – deswegen sagt sie die Zeremonie ab.

Asa ist richtig enttäuscht. Ohne Frau bekommt er keine Herde, und ohne Herde wird sich sein Lebenstraum von einer Jurte mit Strom und eigenem Wassertank nie erfüllen. Er gibt aber nicht auf und nimmt den Kampf auf: mit seinen Ohren, mit dem Unmut seines Schwagers und mit den Schafen, die plötzlich alle ihre Lämmer zur Welt bringen…

Die kasachische Steppe als Schauplatz eines Filmgeschehens verspricht von Anfang an keine außergewöhnliche Spannung, keine Action und keine rasante Geschwindigkeit. Das einzige was eine Steppe versprechen kann ist Ruhe, Weite und Nachdenklichkeit.

Doch die Augen des modernen europäischen Kinozuschauers sind mittlerweile vom sonstigen Leinwandgeschehen in solchen Ausmaßen übersättigt und verwöhnt, dass man für die einfachsten Stories kein Verständnis und vielmehr keine Geduld übrig hat.

Eine langatmige Erzählweise und eine eher schildernde als handelnde Wirkung verleiten viele im Kinosaal dazu gelangweilt in tiefen Schlaf zu versinken. Diejenigen aber, die den Film bis zum Ende verfolgen, sind dann um eine Erfahrung reicher geworden.

Der kasachische Regisseur Sergej Dvortsevoy sucht sich als Schauplatz seines neuen Filmes „Tulpan“ ausgerechnet diese unendliche Weite aus. Eine sehr herzliche und zugleich von Distanz geprägte Reise durch die Steppe verzaubert den wachen Zuschauer. Denn Dvortsevoy dokumentiert unausgeschmückt und unverzerrt den Alltag der Schafzüchter. Somit nimmt er die Rolle eines stillen Beobachters ein. Distanziert ist die Reise auch aus dem Grund, weil sie für das europäische Publikum eine Welt des Unvorstellbaren zeichnet: Man spürt, dass zwischen Europa und Zentralasien nicht überschreitbare Grenzen, sondern unbegreifliche Entfernungen liegen. Denn die Lebensweise der Steppe erinnert bloß an einer längst vergangenen Zeit.

Eine Grundlage zur Identifizierung mit der Story und ihren Helden kann hier nicht stattfinden – zumindest nicht in Europa - aber sie öffnet die verwöhnten Augen und zeigt eine andere, fast ausgestorbene Kinowelt – die des romanischen Realismus. Romantisch und realistisch – so kann man „Tulpan“ am besten beschreiben.

Die alltägliche Problematik, worauf sich die Geschichte richtet, liefert ein fast dokumentarisches Bild des kasachischen Steppenlebens. Andererseits ist die fiktive Handlung mit so einer einfühlsamen Erzählweise verbunden, dass dadurch eine gewisse Romantik entsteht. Tulpan, das umworbene Mädchen, das während der ganzen Handlung keine körperliche Gestalt annimmt, tritt einzig als symbolische Trägerin aller Träume des nach Glück strebenden Jungen auf.

Dvortsevoy bietet dem Publikum eine märchenhaft erzählte Geschichte, die sowohl Humor als auch Traurigkeit, sowohl Lebenslust als auch Alltagsmüdigkeit in sich trägt. Das Außergewöhnliche daran ist die unendliche Langeweile, die sie vermittelt - aber mitten in dieser Stille rebelliert das Leben der Steppe.

Kategorien: Frontpage · Modern Times · Um die Welt · Visual Arts

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